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Staatstrauer-Gesülze

Ich kann dieses “De mortuis nihil nisi bene” und vor allem diese Beweihräucherung von allen Seiten nicht mehr hören.

Zu Lebzeiten Jörg Haiders habe ich mit meiner Meinung schon nicht hinterm Berg gehalten, dass mich ärgerte, dass alles was Haider sagte, automatisch negativ sein soll. Haider thematisierte als Erster viele grundlegende Probleme in Österreich, vor allem die systematische Aufteilung der Republik unter den beiden Großparteien. Haider nannte das Privilegien-Stadl und Freunderlwirtschaft, ich nenne es Korruption. Und ich habe Haider nie für einen Nazi gehalten, wie sonst so viele (siehe Profil-Cover). Vieles in diesem Land, auch viel Positives, ist durch Haiders Druck in Bewegung gekommen.

Andererseits sehe ich nicht ein, warum ich Haider jetzt, wo er tot ist, verklären soll. Er war und bleibt jemand, der ohne Rückgrat Stimmungen bediente, wo es opportun erschien. Er hetzte gegen Ausländer. Er hat zu Wahlzeiten Flüchtlinge (darunter Kinder), die er für straffällig hielt (was sie nicht waren), mitten in der Nacht aus Kärnten abgeschoben. Er hat die Stimmung im Land vergiftet. Er wollte über verfassungsmäßige Minderheitenrechte Volksabstimmungen abhalten und hat die Verfassungsrichter verhöhnt. Die Liste ließe sich sehr lange fortsetzen. Jörg Haider war ein Hetzer und Spalter, das ändert sich auch durch seinen Tod nicht.

Der Kärntner Landeshauptmann, der sich gerne als Saubermann und Vertreter der “Anständigen” aufspielte, hat sturzbesoffen mit 142km/h ein 50er-Schild umgemäht. Niemand wünschte ihm deshalb den Tod, das war ein tragischer Unfall. Können wir das heldenepische Staatstrauer-Gesülze jetzt trotzdem wieder sein lassen und zu Wichtigerem übergehen?

Ps. Robert Misik, “Das Ende einer Dienstfahrt”:

8 replies on “Staatstrauer-Gesülze”

“Können wir jetzt das heldenepische Staatstrauer-Gesülze wieder sein lassen und zu Wichtigerem übergehen?”

mmmh. irgendwie warte ich noch auf das posthume outing, vielleicht durch den “Lebensmenschen” Petzner. und die psychopharmaka im blut.

(ja, ich weiß, das ist genau die aussage, die man von jemandem erwartet, der beim privatfernsehen arbeitet.)

Dass Haider der Erste gewesen wäre, der den Parteien-Proporz angeprangert hat, ist genauso eine Verklärung wie vieles andere. Er hat es lediglich wie keiner sonst verstanden, dieses System der Republik-Aufteilung als (auch medial transportierbaren) Hebel verwendet. Er hat anderseits auch nicht gezögert, genau dasselbe Proporz-System – nur anders eingefärbt und aufgeteilt – anzuwenden. Es ging also anscheinend nicht um das System selbst, sondern um den Zugang zu den Futtertrögen.
Und was hat er sonst Positives in Bewegung gebracht? Mir fällt auf die Schnelle nichts ein. Den wirtschaftlichen Aufschwung Kärntens, den kulturellen Fortschritt???

@Markus: Da fehlt ein “wirksam” – “als Erster wirksam angeprangert”.

Zu “Was sonst?”: Die – durch Haider erstarkte – FPÖ hat ab Mitte der Achziger eine Kontrollfunktion wahrgenommen, die davor nicht existierte, bzw. nur während der ÖVP- und SPÖ-Alleinregierungen, und da durch das Proporzsystem nur eingeschränkt. Diese Rolle halte ich für sehr wichtig, auch wenn mir lieber gewesen wäre, jemand anderer hätte sie ausgeübt. Und klar, hehre Motive unterstelle ich der FPÖ dabei sicher nicht.

tragisch ist es natürlich, vor allem für die familie. aber ich finde die jetzige verklärung allerorten wirklich grauslich und letztklassig. mir geht die staatstrauer auch schon ordentlich auf die nerven. jetzt haben sie ja sogar ein fußballspiel abgesagt, also echt… auch wenn manche das anders sehen mögen, aber hier ist ja kein held verstorben. für mich jedenfalls nicht.

dann noch als alko-raser, das ist total zu verurteilen, “selber schuld” muss man da sagen, egal welches amt das unfallopfer inne hatte.

ich hab mich mindestens seit ich wahlberechtigt bin, also seit 10 jahren, sehr oft sehr energisch über taten und aussagen haiders aufgeregt. man hatte sich an ihn gewöhnt, das hinterlässt eine leerstelle, keine frage. er war zweifelsohne sehr charismatisch und talentiert, aber wofür er das genuzt hat, fand ich fast immer höchst fragwürdig. daher: “traurig” bin ich nicht. es ist eher eine mischung aus überraschung und erleichterung. die karten werden neu gemischt für das land.

zumindest outen sich jetzt seine fans, so im alltäglichen gespräch ist mir das aufgefallen. erschreckend, wie viele das sind.

nicht unwahnsinnig sind auch die gedenkgötzendienste die nun quer durchs land abgehalten werden…hätte nicht wenig lust da mal vor den altar zu treten und zu fragen wann’s eigentlich gedenkmessen für haiders opfer gibt…

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