Google this site (~ 2000 pages):

Home
RSS Feed RSS Feed

Johannes Bauer hat in seinem Blog seine schlechten Erfahrungen mit seinem Netzbetreiber A1 dokumentiert. Nachdem das Ganze eine kurze Runde in Twitter machte, antwortete wenige Stunden später der Pressesprecher der Mobilkom per Kommentar: “Bitte melden Sie sich bei mir und wir finden eine Lösung!”

Offenbar kein leeres Versprechen, denn Johannes gab noch am selben Tag Entwarnung:

mobilkom-reagiert

Umgekehrt ist diese Horrorgeschichte mit T-Mobile in meinem Blog nun bald 4 Jahre gänzlich ohne Reaktion. Stattdessen sammelten sich in den Kommentaren einige weitere Horrorgeschichten.

Und da die Story seit Anfang an bei Google an erster Stelle steht, wenn man nach dem Kundenservice von T-Mobile Österreich sucht – noch vor T-Mobile selbst, findet die Geschichte jeden Tag ihre aufs neue Leser – inzwischen waren es viele tausend.

google-SERP-tmobile

(Wenn man “Österreich” weglässt, ist der Artikel übrigens an zweiter Stelle.) Wie damals mein Fazit:

Da baut ein Unternehmen mit teuren Printanzeigen, Kino- und TV-Spots und blonden Schönheiten in der Fußgängerzone mühsam an ihrer Marke – und auf Prozessebene und im Customer Care machen sie alles wieder kaputt. Noone cares.

Das dafür konsequent und über Jahre.


Die stolzen Offliners

Im März 2008 präsentierte unsere Bundesregierung die “Österreichische Internet-Offensive”, einen “nationalen Schulterschluss” um uns “unter den führenden IKT-Nationen zu positionieren”. Artig posierten die Internetausdrucker mit dem Proto-Symbol ihres Offline-Seins, dem USB-Stick.

Bis Herbst 2008 wollte man das Abschlussdokument präsentieren – heute, im Frühjahr 2010, ist es so weit. Gut Ding braucht Weile:

In einem einzigartigen Schulterschluss haben 400 ExpertInnen, rund 170 Unternehmen und Organisationen sowie mehr als 35 Vorstände und Geschäftsführer führender Unternehmen an der Deklaration mitgearbeitet. Zahlreiche Maßnahmenvorschläge wurden eingereicht und in den Arbeitskreisen diskutiert, priorisiert und bewertet. (Quelle)

Na bumm, da 400 Experten zwei Jahre lang nachgedacht, das muss ein Meisterwerk sein. Aus diesem geht hervor, dass die Maßnahmen “bis 4. Juli 2008” erarbeitet wurden. Ich halte fest: Bald zwei Jahre alte Maßnahmen sollen uns jetzt an die Weltspitze katapultieren.

Die “konkreten” Maßnahmen (Liste, Details) sind zum Teil schwammig-unkonkret, zum Teil von Selbstüberschätzung und Realitätsferne getragen (“Qualitätsrichtlinien für Websites herausgeben”) und zum Teil unfreiwillig lustig (“Gesundheit: Werbeverkaufsfahrt für Internet zu den Vereinen und zu den Organisationen, in der die Zielgruppen verkehren”).

Es gibt aber auch ein paar vielversprechende, z.T. sogar konkrete Maßnahmen:

Vor allem im Bildungsbereich stehen da viele sinnvolle Dinge drin. Andere Bereiche bleiben unklar: Zur Verbesserung der Breitbandversorgung ist nur Nebensächliches wie Informationskampagnen, verbilligte Sozialpakete und Internet-Terminals in Büchereien zu finden. Der einzige Hinweis auf Open Data findet sich in einem wenig konkreten Halbsatz à la “Zugang zu nicht genützten öffentlichen Inhalten”. Und so weiter.

Wie das formulierte Ziel, Österreich “in den nächsten fünf Jahren unter die Top Drei des Network Readiness Index (World Economic Forum) in Europa zu bringen”, erreicht werden soll, bleibt ebenso schleierhaft wie warum das zwei Jahre gedauert hat. Jetzt soll auch noch ein “Kompetenzzentrum Internetgesellschaft” gegründet werden. Ich befürchte, das produziert auch heiße Luft. Das heißt – in zwei Jahren dann.

(Danke an Hans-Peter Lehofer für den Hinweis.)

In einem Wort: Kobuk

February 5, 2010  

Ab Sommersemester mache ich etwas für mich komplett Neues (und Aufregendes!): ich unterrichte. Ich halte eine Übung am Publizistikinstitut der Uni Wien zum Thema “Online-Journalismus”. Und dabei vor allem das “Online”. Dialog statt Monolog, Auffindbarkeit, Hypertext, Umgang mit Quellen, Umgang mit Multimedia, eventuell noch so Themen wie Liveblogging. Worüber ich mich besonders freue: Luca wird der Tutor der Lehrveranstaltung.

Folgendes habe ich mir überlegt: Wir werden gemeinsam ein Online-Magazin zum Thema Medienkritik schreiben, quasi ein Watchblog. Der Name: Kobuk.at. Kobuk hieß der berühmte Eskimodichter, den am 3. Juli 1951 am Westbahnhof eine Schar Reporter und Fotografen in Empfang nahmen. Im Vorfeld waren in den Wiener Tageszeitungen Notizen über dessen Wienbesuch erschienen. Doch ausstieg – im Pelzmantel – Helmut Qualtinger, der die Zeitungen mit gefakten Einladungen reingelegt hatte. Berühmter Ausspruch auf die Frage eines Reporters, der ihn nicht erkannt hatte, wie ihm Wien gefiele: “Haaß is”. Ganz im Sinne Qualtingers soll Kobuk medienkritisch aber auch unterhaltsam sein. Zusätzlich zu den etwa 25 Studenten wird es noch Gastautoren geben – Lena und Isabella haben schon Interesse angemeldet.

Jetzt brauche ich eure Hilfe: Das Logo, das ich gebastelt habe, ist schlecht. Mag wer ein besseres basteln? Ideal wäre ein Trick, der den Namen leichter merkbar macht, denn Kobuk/Kubok/Kobak ist leicht zu verwechseln. Mir fiel bislang nur ein grafisches Spiel mit K.O. am Anfang oder ein britisches Einfärben von UK am Ende ein – nicht sehr überzeugend..

Hier zwei Entwürfe von mir, beide nicht das Gelbe vom Ei. Beim zweiten habe ich versucht, einen Letterpress-Effekt zu verwenden, der thematisch ganz gut passen würde.

kobuk-logo-schwarz
 

kobuk-logo2

Wer mag?

Übrigens: Es gibt natürlich auch schon eine Facebook-Page.

Update: Mandý Röver hat einen Entwurf gemacht:

mandy-kobuk


lolcat-ipad

Das neue iPad hat:

Das iPhone hatte das meiste davon auch nicht, konnte nicht mal Copy&Paste, und hat sich Millionen Mal verkauft. Ich hab selber eins. Das iPad wird also eindeutig ein Megaseller.


Oder: Ab dieser Woche wird vor Ort gemapped!

OSM-Ouaga-Overview

Vor 15 Monaten habe ich hier dazu aufgerufen, mitzuhelfen, die Millionenstadt Ouagadougou auf Openstreetmap zu kartografieren – und viele machten mit. Durch die schnellen Erfolge und das Feedback (unter anderem von Zeit Online und den ORF-Nachrichten) motiviert, haben wir uns vorgenommen, daraus druckfähige PDFs zu machen, die wir lokalen Druckereien zur Verfügung stellen, mit denen diese dann in Form von Faltplänen Geld verdienen können. Denn immer noch gibt es kein brauchbares Kartenmaterial dieser Stadt zu kaufen. Doch der aktuelle Status ist zwar großartig, aber es fehlen noch viele Straßennamen und andere Details.

Das wird sich jetzt ändern: Meine Kollegen von Laafi werden die diese Woche beginnende Projektreise 2010 – ich bleibe in der Kälte:-( – dazu nutzen, das Stadtzentrum zu komplettieren. Über Wallking Papers habe ich solche PDFs erstellt, auf der die Gruppe handschriftliche Notizen machen kann, die anschließend eingebaut werden. Obige Übersichtskarte zeigt, welche Zone wir uns zur Fertigstellung vorgenommen haben.

Der nächste Schritt danach ist, druckfähige und schöne PDFs zu erstellen. Kennt sich jemand gut mit Mapnik aus und kann uns beim Rendern (und v.a. beim grafischen Gestalten der Karte und ihrer Elemente) helfen? Vielleicht können wir ja auch die Rendering-Definitionen von Map Kibera nutzen – einem ähnlichen Projekt für einen Teil von Nairobi. Ist jemand von euch in diesen Dingen fit?

Wer’s bis hier geschafft hat, darf mit Moped fahren gehen – très cool!


aec

Ich brauche eure Hilfe:

Ich wurde eingeladen, als Mitglied des Advisory Boards Projekte für die Kategorie “Digital Communities” des diesjährigen Prix Ars Electronica zu nominieren. Die Kategorie war immer schon meine Lieblingskategorie der Ars, denn ist dort zuhause, wo Spiel und Kunst auf Macht und Politik treffen, wo sich Machtverhältnisse verschieben. Zu den Preisträgern zählen die Wikipedia, die Free Software Foundation, das großartige brasilianische Projekt Overmundo und Wikileaks. (Die von mir konzipierte Plattform Shapeshifters wurde vor zwei jahren auch nominiert, gewann aber nichts.)

Ich möchte schwerpunktmäßig Projekte vorschlagen, die mit Entwicklungszusammenarbeit, Journalismus und/oder Copyleft zu tun haben. Bislang sind mir zwei Projekte eingefallen:

  1. Map Kibera: Die Einwohner von Kibera, Afrikas größtem Slum, erstellen mithilfe der OpenStreetMap gemeinsam die erste Straßenkarte, die jemals von diesem 1 Mio Einwohner zählenden Stadtteil von Nairobi existiert hat. Ähnlich wie OSM Ouagadougou, nur eben unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung.
  2. Das Open Architecture Network: Baupläne und architektonische Konzepte werden unter einer Creative-Commons-Lizenz online verfügbar gemacht und kollaborativ verbessert. Besonders in Katastophenfällen wie derzeit in Haiti kann so ein Maximum an dezentraler Wissensdistribution erreicht werden, um den Betroffenen möglichst schnell Notfalls- und Ersatzquartiere bereitstellen zu können.

Die nominierten Projekte müssen dabei durchaus nicht groß und bekannt sein, die Jury hat in der Vergangenheit auch Projekte gewählt, die erst am Anfang standen. Weitere Ideen? Wen soll ich vorschlagen?

(Foto des Ars Electronica Centers (cc) von Salomao Nunes.)


pointless-argumentsDa wollte ich meine g’scheite Liste an Maßnahmen zur Hebung der Qualität von Leser-Diskussionen in Online-Zeitungen posten, habe es dann aber bei der Einleitung belassen und das ganze als Frage an meine Leser formuliert: Sind abfällige Kommentare Naturgesetz?

Das hab ich davon – alle meine cleveren Ideen sind jetzt dabei (vor allem von Luca Hammer) genannt worden. Jetzt wird mir keiner glauben, dass ich selber drauf gekommen bin..

Womit auch schon ein Grund identifiziert wäre, warum das so schwierig ist mit dem Diskurs in Online-Medien: Journalisten wollen nicht Fragen stellen, sie wollen clever wirken. (Blogger eh auch, nur wurden wir halt von Anfang an in der Kommentarkultur sozialisiert.)
 

Worum geht’s?

Es sind meines Erachtens vier Faktoren, die das Niveau der Diskussionen auf einer Plattform bestimmen:

  1. Wie wichtig ist Reputation und Identität eines Kommentierenden?
  2. Wie wird moderiert?
  3. Wie aktiv sind die Mitarbeiter der Redaktion – insbesondere der Autor eines Artikels – in den Diskussionen?
  4. Welchen Effekt erzielen Trolle und Kampfposter?

 

1. Identität und Reputation

Aber zuerst zur Theorie. Wenn die Betreiber eines Online-Forums höfliche und inhaltlich differenzierte Beiträge erreichen möchten, müssen sie sich mit den beiden Motiven auseinander setzten, die User dazu bewegen, sich kooperativ zu verhalten:

 

(Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Menschen wie Peter Kollock und Howard Rheingold, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt haben. Mehr zb. hier.)

Die Erwartung, selbst von der Kooperation anderer zu profitieren, ist hier ein eher zu vernachlässigender Faktor, das trifft mehr auf Support-Foren zu. (Wobei sich die Teilnehmer eines gut laufenden Forums einer Online-Zeitung auch Hilfestellung bieten, sei es bei Quellentipps oder bei Artikeln wie “Launch von Windows 7”, die zu Support-Foren werden.) Sehr viel wichtiger ist das Thema “Reputation“. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt funktionierender Partizipation in Online-Medien.

Die Voraussetzung für den Aufbau von Reputation ist Identität. Je stärker die Identität eines Benutzers mit seinem Verhalten in der Vergangenheit verknüpft ist, desto mehr kann auf Reputation gebaut werden. Die Soziologie nennt das “Record of previous behaviour” (Axelrod, 1984).
 

2. Aufbau von Identität

Zum Aufbau von Identität fallen mir drei Maßnahmen ein:

 

3. Verhaltensregeln und automatisierte Erhebung ihrer Einhaltung

Ein Reputationssystem muss in der Folge dafür sorgen, dass gute Inhalte implizit belohnt und schlechte bestraft werden. Dazu muss erst festgehalten werden, was “gut” ist. Das sollte in einer Kommentar-Policy, quasi einem “Ehrenkodex”, festgeschrieben und prominent von jedem Kommentarformular aus verlinkt werden. (In Urzeiten des Internets nannte man das Netiquette.) Ein gutes Beispiel ist die Comment-Policy der Huffington Post, laut der zb. selbst sachliche Kommentare verpönt sind, wenn sie off-topic sind. Reputationssystem bedeutet, über die Bewertung von Beiträgen durch andere Benutzer und/oder Moderatoren (auf Basis der publizierten Policy!) einen Wert (oft “Karma”) für jeden User zu berechnen. Diesen kann man beispielsweise dazu nutzen, um zu unterscheiden, wessen Beiträge vormoderiert werden müssen und wessen nicht, um besonders verdiente Mitglieder der Community zu kennzeichnen (à la “Verkäufer mit Top-Bewertung” bei Ebay) oder um anderen Benutzern die Möglichkeit zu geben, Beiträge von Autoren unter einem gewissen Karma-Schwellwert gar nicht erst anzuzeigen (wie Slashdot das macht). Fortgeschrittene Reputationssysteme berücksichtigen auch den Karma-Wert des bewertenden Benutzers, von dem abhängt, welcher Wert an den zu bewerteten vererbt wird. (Auch Googles PageRank funktioniert so.)

kommentar-derstandard.at

Keinesfalls sollte man negative Werte visualisieren, wie das zb. DerStandard.at macht (siehe Screenshot). Damit belohnt man Trolle, absolut kontraproduktiv. Die goldene Frage bei Reputationssystemen ist, wie man Feedback einholt. Hier ist oft der Wortlaut entscheidend. Ein “Thumbs up” à la Amazon oder ein “Gefällt mir” à la Facebook führt bei Nachrichtenmedien zur ideologischen Selektion, das hat nichts mit der Kommentar-Policy zu tun. Besser wäre irgendetwas im Sinne von “(Un-) Sachlich enstprechend der Kommentar-Policy“.
 

4. Reputation durch Autorität

Eine zweite Methode zur Etablierung von Reputation ist Autorität, die unabhängig von der Bewertung der Inhalte über das Vertrauen zwischen Benutzern ermittelt werden kann. Die Huffington Post hat dafür die Möglichkeit geschaffen, “Fan” eines anderen Benutzers zu werden (siehe Screenshot). Bei Twitter leitet sich Autorität aus den Follower-Zahlen ab (bei aller Beeinflussbarkeit). Diesen Wert kann man auch in die Karma-Bewertung einfließen lassen, vor allem aber sollte man ihn visualisieren. Benutzer mit hoher (sichtbarer) Autorität überlegen sich zweimal, ob sie die Grenzen der Gepflogenheiten überschreiten. Benutzer mit wenig Autorität hingegen werden weniger ernst genommen und schaffen es daher weniger leicht, zu provozieren. Umgekehrt kann eine Blockfunktion, mit der eingeloggte Benutzer andere Benutzer pauschal ausblenden, dazu führen, dass Trolle ins Leere laufen und vor allem für die Moderatoren viel leichter (und objektiver) identifizierbar sind.

kommentar-huffpost
 

5. Moderation von Inhalten

Viele Online-Medien investieren nicht unwesentliche Summen in Schwärme von Praktikanten, die den ganzen Tag Kommentare moderieren. Meines Erachtens in diesem Umfang nicht nur Geldverschwendung sondern auch ein Hemmnis für eine gepflegte Unterhaltung: Wenn der eigene Kommentar nicht nur verspätetet sondern auch an gänzlich anderer Stelle erscheint, als gedacht, zerfranst die Diskussion, wird unübersichtlich. Ist erst mal ein solides Reputationssystem etabliert, ist Pre-Moderation bei etablierten Benutzern (die meist die Mehrheit der Inhalte beisteuern) nicht mehr nötig. Hier reicht eine Meldestelle (“Inhalt melden”, siehe Screenshot der Huffpost), mit der andere Benutzer auf grobe Verstöße aufmerksam machen können, sowie eine aktive Beteiligung des Autors an der Diskussion (siehe unten). Pre-Moderation ist dann nur noch für neue Benutzer sowie solche mit schlechtem “Karma” nötig. Im Online-Standard gehen pro Wochentag 13.000 Kommentare ein. Viele davon müssen – trotz “Foromat” – moderiert werden – das birgt also enorme Einsparungspotentiale.
 

6. Partizipation des Autors

Vielleicht das Wichtigste, weil es keine technischen Fragen sondern die Frage des journalistischen Grundverständnisses betrifft: Die Autoren von Artikeln sind in den meisten Online-Medien kaum bis gar nicht präsent. Doch wie Menschen, die sich in Bahnhofshallen eben noch lauthals daneben benahmen kurz darauf in deinem Wohnzimmer höflich und zurückhaltend sind, so verhält es sich auch im Web: Im öffentlichen Raum eines Online-Forums verhalten sich Menschen instinktiv anders als zb. im persönlichen Raum dieses Weblogs. So auch in Online-Zeitungen: Sobald die Autoren sichtbar sind – mit Name, Foto, “Autorität” (zb. Fans) und gerne visuell hervorgehoben (siehe Screenshot der Huffpost) – und auf Augenhöhe selbst mitdiskutieren bzw. zumindest Fragen beantworten, wird der Ton merklich zurückhaltender. Luca nennt das die Partizipation des Autors. Noch stärker wird die Präsenz des Autors, wenn der Text selbst auch Fragen aufwirft und offen lässt, und die Diskussion darunter nicht auf den Streit reduziert wird, ob die eine im Artikel erwähnte Partei recht hat oder die andere. Siehe den Artikel, auf dem dieser basiert, als Beispiel.
 

7. Umgang mit Trollen

Zuletzt noch zu den Trollen, also denjenigen, die nur um der Diskussion willen diskutieren, und entsprechend bei jeder Gelegenheit provozieren wollen. Hier hilft die Richtlinie der Kommentar-Policy (die jeder kennen muss!) sowie als Ventil die Möglichkeit, jemand mieses “Karma” zu verpassen, jemand zu blockieren oder in groben Fällen gar zu melden. Nichts von dem bekommt der Troll mit, die Motivation fällt also weg. Im Notfall greift ein Moderator oder ein User mit hoher Autorität ein und erinnert die vom Troll Provozierten an die alte (in der Policy unbedingt aufzuführende) Regel “Trolle bitte nicht füttern” (also ignorieren).

Wenn man zudem Postings unter einem gewissen Karma-Schwellwert (siehe oben) ausblendet (einblendbar, also keine Zensur), werden Troll-Posting überhaupt erst nur von wenigen Leuten gesehen.
 

Post Scriptum

Anita Zielina von DerStandard.at schreibt in einem Kommentar:

Viele – sicher gut gemeinte – Ideen zur Kommunikation mit den Usern etc lassen sich wahrscheinlich hervorragend auf einem Blog mit ein paar hundert Postern/Postings und ein paar Artikeln pro Tag umsetzen. Allerdings ist das bei einer Onlinezeitung schon noch mal etwas anderes. Ich gebe zu bedenken dass etwa bei derStandard.at täglich (!) rund 13.000 Postings eingehen und hunderte Artikel publiziert werden.

Liebe Anita, ich gebe zu bedenken: Wenn Google es schafft, auf ihren Ergebnisseiten, die sich aus 21 Miliarden Webseiten zusammensetzen, für Qualität zu sorgen, dann sollte das der Standard mit seinen 13.000 Postings pro Tag auch schaffen.

Ein herzliches Danke für die vielen Inputs in den Kommentaren zu meiner ursprünglichen Frage an Luca Hammer, Thomas R. Koll, Markus Widmer, Philipp Sonderegger, Walter Krivanek und all den anderen!

Illustration: Weblogcartoons.com


(Update: Hier der Follow-Up-Beitrag: Rezept gegen abfällige Kommentare in Online-Zeitungen)

Unter Politikern gilt “Das Lesen der Kommentare in Online-Zeitungen schadet der Gesundheit”. Denn die Foren von DerStandard.at, DiePresse.com, oe24.at, ORF.at, etc. sind voll von persönlichen Angriffen, wilden Spekulationen und Verschwörungstheorien. Kaum je steuert jemand etwas Substantielles bei. Armin Thurnher weigert sich bekanntlich gar, das Internet “als Medium ernst zu nehmen”, solange es Hort anonymer Diffamierungen sei.

International sieht’s nicht viel anders aus. Der Gawker forderte Zeitungen sogar dazu auf, Kommentare zu verbieten, da fände sich eh nur Müll. Doch das wird nicht passieren – zu wertvoll sind die Page Impressions, die diese Diskussionen produzieren. Es ist zb. ein offenes Geheimnis, dass DerStandard.at seine ÖWA-Top-Platzierung in erster Linie den Kommentaren verdankt. Ebenso, dass es in Politik und Wirtschaft Usus ist, in den Foren anonym Stimmung für sich und gegen Konkurrenten zu machen. Der Medienbeobachter Max Kossatz berichtet gar von Threads zu Wahlkampfzeiten, in denen sich seitenweise als Kampfposter von Parteien identifizierbare User anonym Scheingefechte lieferten.

Substantielles ist dabei naturgemäß nicht zu erwarten. Dass das auch ganz anders ginge, kann jeder Blogger berichten. So wurde das hier letztes Jahr veröffentlichte Gerücht zu Google Kronstorf in kurzer Zeit durch die Kommentatoren mit wertvollen Indizien zu Glasfasernetzen und Wasserkraftwerken angereichert. Ohne sie hätte die APA Tags darauf nicht ihre “Google plant Rechenzentrum”-Meldung durchs Land geschickt. Doch an solcher Schwarmintelligenz scheint kein Medium interessiert. Die Dummheit der Kommentare wird als Naturgesetz hingenommen.

Zeigen wir denen, dass es auch anders geht!

Welche konkreten Maßnahmen könnte eine Online-Zeitung setzen (Stichwort Partizipationsarchitektur), um die Trolle loszuwerden und substantielle Diskussionen zu fördern? (Das Ergebnis fasse ich dann in einem Extra-Beitrag zusammen.)

Zehn Jahre Helge.at

December 29, 2009  

Fast hätte ich den Geburtstag übersehen: Vor ziemlich genau 10 Jahren, am Weihnachtstag 1999, begann ich zu bloggen. Auch wenn ich das damals noch nicht wusste.

10-jahre-helge.at

Bei eisigen Minusgraden war mir 10 Stunden vor der geplanten Abfahrt das Zündschloss des Landcruisers, den ich nach Burkina Faso überstellen sollte, eingegangen. Die folgenden fünf Wochen waren der Beginn dieses Blogs – per Laptop und koffergroßem Satellitentelefon, als Reisebericht unserer Saharadurchquerung.

Die Beiträge landeten zuerst nur auf der Site des damaligen Sponsors und einige Monate später dann auf helge.cc, meiner ersten eigenen Domain. Es war die Zeit der grauenvollen cc-Domains (erinnert sich noch wer an lion.cc?), und helge.at war nicht frei. Wurde sie aber 2003 und ich zog dahin um, damals noch unter der mühsamen Blogsoftware Greymatter. WordPress läuft seit 2006 (und ist immer noch best of breed). Das Logo (es wird Zeit für ein neues..) ist das zufällige Überbleibsel aus einem der beiden ursprünglichen Designs, die aus den Farben zweier Fotos von Reisen nach Marokko und Thailand entstanden. Darum die pseudo-arabische Schrift.

Das ist mein 800. Beitrag – macht im Schnitt knapp einenhalb pro Woche. Die Chancen, dass die Frequenz in den nächsten 10 Jahren steigt, stehen schlecht. Bin gespannt, ob’s zu Weihnachten 2019 hier noch was zu posten gibt. (Und ob’s 2019 noch immer Studenten gibt, die Fragebögen zu Weblogs schicken ;-)


Niko Alm hat im aktuellen The Gap Magazine einen sehr lesenswerten Text über “Protest 2.0” geschrieben und mich in diesem Kontext auch zu den Grünen Vorwahlen befragt. Hier das ungekürzte Interview:

Die im März gestartete Initiative Grüne Vorwahlen wollte ein bestehendes Statut der Wiener Grünen nützen, wonach Unterstützer der Partei bei den Grünen Vorwahlen stimmberechtigt sind, um möglichst viele Menschen zur Landesversammlung am 15.11. 2009 zu bewegen und dort die Liste für die Gemeinderatswahl mitzuwählen. Die Wiener Grünen akzeptierten entgegen der Annahme der Initiative nur ca. die Hälfte der Unterstützungserklärungen, ohne genau darlegen zu können, warum so viele Sympathisanten abgelehnt wurden. Einer der Initiatoren, Helge Fahrnberger (Bild: © Jakob Polacsek), beantwortet dazu einige Fragen.

Helge-219x300Es gibt zwar Initiatoren, aber eine Kommunikation ist mit den Grünen Vorwahlen nur in ihrer Gesamtheit möglich. Jetzt ist es so, dass viel Vorwähler nicht angenommen wurden. Hätten die Grünen Vorwahlen hier nicht Vertreter mit (Ver)Handlungsvollmacht ausstatten müssen?

Den Grünen hinter verschlossenen Türen irgendwelche Zugeständnisse abzuringen hätte genau das ad absurdum geführt, was wir von ihnen verlangten: Entscheidungen transparenter und unter Einbindung von uns Wählern zu treffen. Daher gab es keine andere Verhandlungsoption, als die Entscheidung der Grünen, jeden Zweiten abzulehnen, transparent zu machen und die Diskussion darüber öffentlich zu führen. Hier war auch der Weg das Ziel: Lieber aufzeigen, wie eine Partei tickt, als ihr in geheimer Absprache was abzuverhandeln.

Haben die Grünen Vorwahlen punkto Organisation einen Punkt verpasst, um mit dem unerwarteten Verlauf anders umgehen zu können?

Es sind im Laufe der Grünen Vorwahlen sicher Fehler passiert: Wir haben zugelassen, dass einzelne Grüne Scharfmacher Gerüchte über einen Putschversuch verbreiten, im Glauben, dass man intern eh unsere Blogs liest, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Auch haben wir uns vielleicht zu bereitwillig vor den Karren von Medien mit eigener Agenda spannen lassen. Trotzdem waren wir zu unserer eigenen Überraschung dem Grünen Landesvorstand organisatorisch und in Sachen Medienarbeit zu jedem Zeitpunkt überlegen. Die Grünen spielten als Gast, für uns war es das Heimspiel. Schade war nur, dass es überhaupt zum Match kommen musste, wir hätten ja auch gemeinsam auf ein Tor spielen können.

Oder wäre es vielmehr alleinige Aufgabe der Grünen, hier die entsprechende Kommunikation richtig aufzubauen?

In einer idealen Welt ja – dann hätten die Grünen die Grünen Vorwahlen als das begriffen, was sie waren: Eine Kampagne für Mitarbeit und Mitbestimmung bei den Grünen. Aber der Landesvorstand stand massiv unter Druck einzelner Funktionäre und war angesichts der Tatsache, dass fast alle Mitglieder selbst für den Gemeinderat kandidieren wollten, erpressbar. Einfach den Wortlaut der Statuten zu vollziehen schien da keine Option mehr zu sein. Das Resultat war ein kommunikatives Fiasko und ein Kampf gegen die eigenen Sympathisanten.

Wie kann aus deiner Sicht, unabhängig von den Grünen Vorwahlen, eine Kommunikation zwischen Netzwerk-Protest/Initiative und hierarchischer Organisation stattfinden? Wer ist verantwortlich für den Bau der Schnittstellen?

Je klarer eine Organisation definiert hat, wo und wie ihre Kunden, Wähler oder Einwohner andocken können, desto besser. Im Bereich der Bürgerbeteiligung gibt’s seit vielen Jahren funktionierende Modelle, selbst wenn die Kommunen oft nicht die Konsequenz besitzen, sie anzuwenden. Auch moderne Organisationen wie der T-Shirt-Hersteller Threadless.com oder die Enzyklopädie Wikipedia haben ihre Partizipationsmöglichkeiten sehr genau definiert und stellen diese in einem ständigen Erneuerungsprozess laufend zur Diskussion. Konsumenten fordern zunehmend Mitsprache auch dort ein, wo sie noch nicht vorgesehen ist. Mit den Mitteln des Internets ist es eben einfacher denn je, “zurückzureden” und sich mit Gleichgesinnten zu organisieren. Die meisten Organisationen sehen das als Bedrohung, dabei ist es eine riesige Chance.

Wo siehst du Parallelen zwischen #unibrennt und den Grünen Vorwahlen?

Der wesentliche Unterschied zwischen den Uniprotesten und den Grünen Vorwahlen ist, dass die Uniproteste nicht wie wir inhaltliche und organisatorische Einschränkungen vorgaben. Bei den Grünen Vorwahlen haben wir von Anfang an sehr genau definiert, dass es unser Ziel ist, möglichst viele Menschen zu wahlberechtigten Vorwählern zu machen. Alles andere war explizit Nicht-Ziel, dabei haben wir uns auch an der Funktionsweise der Wikipedia orientiert. Auf diese Art haben wir jede Möglichkeit ausgeschlossen, uns zu einer Initiative für oder gegen bestimmte Inhalte oder Personen zu machen – wir waren einfach nur der kleinste gemeinsame Nenner der frustrierten Grünwähler. Bei den Uniprotesten ist es umgekehrt, hier entstand ein fast unerfüllbarer Forderungskatalog und ein Engagement in Richtungen wie Antifaschismus, Feminismus oder gewerkschaftlicher Solidarität. Zu meiner Überraschung und Freude sind die Proteste an diesem Interessensspektrum noch nicht zerbrochen. Ein Beweis dafür, dass beharrliches Engagement in Plena, Wikis und Arbeitsgruppen selbst in schwierigen Ausgangslagen zum Kompromiss führen kann. Nur braucht das halt extrem viel Zeit. Wer die nicht hat, muss einen Fokus vorgeben.

Was schätzt du, war für die Verbreitung der Grünen Vorwahlen essentiell und in welchem Ausmaß?

Bei den Grünen Vorwahlen gab es einen Gradmesser in schwarz auf weiß für den Erfolg unserer Maßnahmen, nämlich die Anzahl der neuen Vorwahlregistrierungen: So wissen wir heute, dass ein 8-Minuten-Beitrag im ORF-Report oder ein Artikel im Profil zwar gut fürs Ego ist, aber sonst überraschend wenig bringt. Der Report-Beitrag brachte gerade mal 20 neue Unterschriften, auch der Traffic auf unserer Website war überraschenderweise nicht höher als bei einem Artikel auf DerStandard.at. Am wichtigsten waren die sieben oder acht Infoabende, die fast ausschließlich über Twitter und Facebook beworben wurden. Telefonate und Emails im Hintergrund fanden nur vereinzelt statt, die meiste Organisationsarbeit wurde über Twitter erledigt. Das hatte gleichzeitig den Vorteil, dass sich immer wieder neue Leute einbrachten und nicht der Eindruck entstand, hier wird im Hinterzimmer was ausgemauschselt. Die Grünen Vorwahlen hätte es ohne Telefon, SMS, Facebook und selbst ohne Massenmedien geben können – aber ohne Blogs und Twitter wären sie undenkbar.

Common misspellings: Farnberger, Fahrenberger, Farenberger, Fahnberger, Fahrnleitner, Fahrngruber, Fahrnberg.
corner