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Klaus Bichler hat mich für seine Magisterarbeit “Medienselbstkontrolle in Österreich im Web 2.0 – Wie Blogs, Twitter und Co. den Journalismus in Österreich beobachten, reflektieren und kritisieren” zu Kobuk und der Kontrollfunktion von Blogs interviewt und mir erlaubt, sein Transkript online zu stellen. Das Gespräch fand bereits im Juli statt. Etwas gekürzt und Links hinzugefügt.
 

Was war die Motivation, Kobuk zu starten?

Ich bin gefragt worden, ob ich eine Übung am Institut für Publizistik der Uni Wien halten möchte, und ich fand das spannend. Ich habe mich dann relativ schnell dafür entschieden, ein Gruppenblogprojekt zu machen. Von denen gibt es allerdings schon relativ viele im universitären Kontext. Nachdem ich eine Vorstellung habe, was klassischen Journalismus von Onlinejournalismus unterscheidet, dazu gehört Interaktion mit dem Publikum, Diskussion, Diskurs, Eingehen auf Feedback, Aufnehmen von Hinweisen, Korrigieren von Fehlern, all diese Dinge, war es notwendig, dass es bereits Publikum gibt zum Start der Lehrveranstaltung.

Ich wollte das Thema ursprünglich die Studierenden selbst entscheiden lassen, aber das kollidiert dann mit dem Problem, dass ich zu Beginn der Lehrveranstaltung schon Publikum haben wollte und ich deshalb vorher mit Gastautoren anfangen wollte. Und ich habe mich dann auf den kleinsten zu erwartenden gemeinsamen Nenner der Studierenden, nämlich Medienkritik, nachdem sie Publizistik studieren, entscheiden. Und so habe ich mit Gastautoren Kobuk gestartet im Februar. Die erste Lehrveranstaltung war Mitte April. Da hatten wir auch schon so an die 200, 250 regelmäßigen Leser pro Artikel und das ist dann punktuell raufgeschnellt auf bis zu 4000-5000 an einzelnen Tagen. Immer dann, wenn BILDblog auf uns verlinkt hat. Die haben einfach jede Menge Reichweite.

Wo bewegt sich Kobuk zurzeit sonst? Noch immer bei ungefähr 200?

Ein durchschnittlicher Artikel, der nicht von außen verlinkt wird, erreicht so 300-400 Leser.

Um welche medienkritischen Themen geht es? Geht es nur um ein Medium? Geht es nur um Print? Geht es auch um TV, Onlinemedien?

Der Untertitel von Kobuk ist: „Wir lesen Zeitung und sehen fern.“ Das heißt, es gibt keine Einschränkung auf z.B. Boulevard oder Print. Dadurch dass während der Lehrveranstaltung zwischen April und Juni die meisten Beiträge von Studierenden kamen und Studierende auch finanziell gewisse Einschränkungen haben, gab es schon einen Schwerpunkt auf Gratiszeitungen. Also auf “Heute” und “Österreich”. Und dabei wieder auf die Wienausgaben, weil die Leute ja in Wien leben.

Viele Dinge kamen auch aus deutschen Watchblogs und sehr oft ist es so, dass eine komplette Fehlinterpretation irgendeiner Tatsache oder ein bewusstes Verdrehen oder ein Schlampigkeitsfehler, der in Deutschland passiert, sich eins zu eins in den österreichischen Medien wiederfindet. Also dann ist es manchmal ganz spannend, eine Story zu nehmen, die BILDblog schrieb und sich dann anzusehen, wie ist es den österreichischen Medien gegangen mit diesem Thema. Und dann sieht man relativ klar, die haben eh von zum Beispiel BILD abgeschrieben. Wir haben dann einfach oft die österreichische Perspektive dazu geliefert.

Die Inputs kamen von Lesern, von andern Watchblogs und über was man so drüberstolpert?

Genau. Das sind die drei Quellen. Die Leser schicken Emails, schreiben was auf Twitter, posten es auf die Kobuk-Fanpage auf Facebook oder posten ein Kommentar auf Kobuk. Also die lassen sich da nicht auf einen bestimmten Kanal reduzieren. Die schwierigste Disziplin ist wahrscheinlich, die Dinge wirklich selbst zu finden, weil man da sehr viel Zeit investieren muss. Auch ein Medium wie Standard oder Presse – wenn ich da einen Fehler finden möchte, finde ich einen. Man findet immer was. Es ist dann nur die Frage, ob es berichtenswert ist. Die besten Quellen sind Leser und andere Watchblogs.

Berichtet Kobuk auch über andere medienbezogene Themen, wie zum Beispiel Medienpolitik?

Nur in seltenen Ausnahmefällen. Würde jetzt beispielsweise ein Beitrag, der Medienkritik enthält, juristisch verfolgt werden, dann wäre das berichtenswert. Man ist dann noch im Scope der Medienkritik, wenn auch auf einer Metaebene. Aber wenn es darum geht, über Medienförderungen zu schreiben oder über was auch immer für medienpolitische Themen, dann ist das an und für sich außerhalb des Scopes. Unser Ziel ist es, ein scharfes Profil zu haben, erstens, und zweitens unterhaltsam zu sein. Das darf man nicht vergessen. Die oberste Regel ist: Du sollst nicht langweilen. Reines Aufzählen von Fehlern ist dann langweilig, wenn die Erkenntnis dieser Fehler nicht interessant oder zumindest amüsant ist.

Werden benutzte Quellen ausgewiesen beziehungsweise wenn nachrecherchiert wurde, dass das falsch ist, wird da Transparenz geschaffen von den Autoren? Wie wird zitiert? Wird verlinkt? Also wie sieht die Arbeitsweise aus?

Formell besteht jeder Beitrag aus einem sprechendem guten Titel und enthält eine Illustration. Die Illustration ist oft der Screenshot, kann aber auch ein Youtubevideo sein, ein Mitschnitt. Damit ist der Fehler oft schon belegt. Dann sind zweierlei Dinge wichtig: Erstens, dass der Leser des Kobukbeitrags den Fehler selbst nachvollziehen kann. Das heißt, die Originalquelle, so es ein Onlinemedium ist oder eine Onlineversion des Artikels gibt, wird verlinkt. Wenn das nicht möglich ist, braucht es einen Screenshot oder einen Scan. Oder eine Audioaufnahme. Ein Transkript eines Radiobeitrags, wäre auch noch ok, aber ein wirklich wortwörtliches Transkript. Aber der Leser muss sich in irgendeiner Form selbst eine Meinung bilden können. Und im Normalfall soll er sich auch durchklicken und selbst überzeugen können. Screenshots sind ganz wichtig, denn besonders bei Onlinequellen werden Dinge verändert. Es ist auch wichtig, dass der Punkt der Kritik in Sekundenbruchteilen erfassbar ist. Ohne dass man viel lesen muss. Die Essenz der Kritik muss schnell sichtbar sein.

Wie oft wird der Blog aktualisiert?

Ganz unterschiedlich. Jetzt ist er quasi in Sommerpause, nachdem die Lehrveranstaltung durch die Sommerferien unterbrochen ist. Kobuk beschränkt sich auf Gastautoren, deshalb gibt es weniger Beiträge. Sonst gibt es immer etwas, wenn etwas da ist. Je nach Lust und Laune. Von den Gastautoren gibt es zwei, die sehr aktiv sind: Der eine ist Hans Kirchmeyr und der andere bin ich. Während der Lehrveranstaltung war es so, dass ich ein-zwei Beiträge pro Studierenden pro Kalenderwoche verlangt habe, also um die 30 Beiträge pro Woche, wobei in etwa die Hälfte nicht online ging.

Da gibt es einen Moderationsprozess dazwischen, und die Artikel, die online gehen, werden verbessert. Oft gibt es auch noch Feedbackschleifen, weil noch nachrecherchiert oder umformuliert werden muss. Das besonders schwierige an Kobuk ist, die Diskrepanz des Anspruchs mit den Möglichkeiten von Studienanfängern unter einen Hut zu bringen. Das betrifft auch den zeitlichen Möglichkeiten der Studierenden. Das ist gar nicht so leicht.

Sind die Beiträge immer moderiert oder sind sie nur während der Lehrveranstaltung moderiert?

Gastautoren haben die Option. Die haben den Button „publish“ und den Button „submit for review“. Studierende müssen durch die Moderationsschleife. Dann gibt es auch ein internes Messagingsystem, wo jeder der einen neuen Artikel als Entwurf oder eine neue Version abspeichert, benachrichtigt wird. Sowohl ich oder die Tutoren, als auch der Autor selbst, können dann Notizen dazu schreiben, eine Frage oder eine Anmerkung hinzufügen. Und das erscheint dann immer am Backend des Artikels. Und deswegen dauert es auch eine Woche oder Tage im Normalfall, dass ein Artikel online geht. Da haben wir den Nachteil des nicht in Echtzeit-Publizierens und nicht so schnell Reagieren-Könnens.

Es war schon die Rede von verschiedenen Kanälen: Kobuk publiziert also nicht nur über den Blog, sondern auch über Twitter und Facebook?

Wir haben eine Facebook Fanpage oder Like-page wie sie es jetzt heißt. Und die ist so eingerichtet, dass die Blogbeiträge von Kobuk dort automatischen als Update an die Fans gehen. Es ist aber im Prinzip nur ein Hinweis auf den Blogbeitrag. Und auf Twitter ist es so, dass dort einzelne Autoren aktiv sind. Und #Kobuk eigentlich nur ein Hashtag ist. Und das hat sich auch gut etabliert. Mittlerweile ist es auch so, dass Leute, die etwas Medienkritisches twittern, den Hashtag Kobuk anhängen. Nicht um jetzt zu sagen: „Das hat spezifisch was mit Kobuk zu tun“, aber es passt halt thematisch.

Die Kobukinhalte werden also eher nicht als Kurzfassung à la „neuer Artikel auf Kobuk“ getwittert?

Irgendein Leser hat einen automatischen RSS-Twitterbot eingerichtet. Das heißt, es gibt einen Account, der automatisch jedes Mal wenn ein neuer Artikel online geht, einen Tweet absetzt und auch wieder mit Hashtag Kobuk tagged.

Auch wieder eine Art von Nutzerbeteiligung, oder?

Ja.

Welche Möglichkeiten bietet das Web 2.0, die vorher nicht da waren in Bezug auf Medienselbstkontrolle und Medienkritik?

Letzten Endes alle. Der wesentliche Unterschied ist der: früher, vor den Zeiten des Internets, hatte man die Möglichkeit sich am Stammtisch zu äußern, Leserbriefe zu schreiben oder Briefe an Freunde zu schreiben. Also im Prinzip Mundpropaganda. Den Leserbrief nehme ich jetzt ein bisschen aus, weil der Leserbrief ja wieder durch einen Redaktionsfilter geht. Das heißt Leserbriefschreiben ist keine Art des Publizierens wie im Internet posten. Das eine ist editiert, das andere ist nicht editiert. Das ist ein wesentlicher Unterscheid. Im Endeffekt gab es eigentlich keine Möglichkeit Medienkritik öffentlich zu üben, außer mit Hilfe von irgendwelchen Gatekeepern: Volksanwalt, Leserbriefredakteur, vereinzelt Konsumentenschutz oder keine Ahnung wer noch. Oder ein Nationalratsabgeordneter deiner Wahl.

Irgendwer musste dein Anliegen verstärken. So war es früher. Da gab es natürlich ein paar ganz wenige Ausnahmen, wie den Hyde Park Corner in London, wo es so einen Filter nicht gibt. Aber das beschränkt sich auf die, die dort stehen und zuhören. Und jetzt ist es so, dass nicht nur Medienkonsumenten, jegliche Konsumenten und auch Wähler an den Gatekeepern vorbei öffentliche Kritik üben können. Und wie das Beispiel von Ennsthaler / Thalia zeigt, das größte Social Network der Welt ist Email. So hat es begonnen, das kann jeder. Und in diesem Fall war es so, dass es fünf Tage gedauert hat, bis Thalia den Boykott aufgegeben hat, durch den öffentlichen Druck über social media. Und so ist es auch mit Medienkritik. Dadurch, dass Mundpropaganda, das was es früher schon gegeben hat, verschriftlicht wird, vergrößert sich der Hebel ungemein. Erstens über die Zeitachse und zweitens über die geographische Schiene, und wird so zum Machtfaktor. Siehe BILDblog. Die erreichen ~100.000 Leute in Deutschland. Oder im politischen Bereich Netzpolitik.org, ein politisches Blog in Deutschland. Themen, die dort aufgeworfen werden, landen meistens ein paar Tage später in den Massenmedien. Und das ist auch nur ein Blog. Und so ist es mit Medienkritik auch.

Glaubst du gibt es über Web 2.0 die Möglichkeit Journalismus zu kontrollieren oder die Qualität zu verbessern?

Wenn viele Augen auf eine Sache schauen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler entdeckt werden, viel viel höher. Und wenn Fehler entdeckt werden und transparent und öffentlich gemacht werden, dann werden sie in Zukunft weniger oft gemacht werden. Man kann sich das an der Bildzeitung ansehen. Fehlerhäufigkeit und die Fehlerintensität der Bildzeitung sind gesunken. Das ist relativ leicht rückführbar auf das BILDblog. Ich weiß nicht, ob es schon Untersuchungen dazu gibt, ob sich das objektivieren lässt. Aber als das BILDblog populär wurde, gab es eine kurze Phase des Ignorierens seitens des Springer-Verlages und dann waren sie, zumindest bei der Onlineversion, die treuesten BILDblog-Abonnenten. Jeder Fehler der aufgedeckt wurde, wurde schnell aber auch schweigend korrigiert. Das sorgt natürlich dafür, dass du dir deiner Fehler schon bewusst wirst, wenn du immer wieder mit der Nase drauf gestoßen wirst. Und nachdem das Ganze peinlich war, das ging ja dann auch in Richtung Promi-Schauspieler, die sich für BILDblog stark gemacht haben etc., das hat ja weite Kreise gezogen in Deutschland, wurde meiner Meinung nach die Qualitätssicherung massiv erhöht. Eine Rolle die Kobuk längst nicht einnimmt in Österreich.

Gibt es Beispiele wie Medienkritik bei Kobuk bei den betroffenen Medien wirkt? Oder das sie wirkt? Zum Beispiel ein Feedback, sei es traditionelle Medien oder aus dem Web 2.0?

Alleine wenn man sich die Fans von Kobuk ansieht in Facebook, da sind ziemlich viel Journalisten dabei. Die stellvertretende Chefredakteurin von News ist zum Beispiel Fan von Kobuk auf Facebook. Da gibt es ziemlich viele davon. Es ist letzten Endes eine brancheninterne Veranstaltung. Die interessiert das am meisten. Ob das tatsächlich etwas bewirkt, kann ich weniger sagen. Ich kann sagen, was es bei mir selbst bewirkt hat. Ich glaube, ich war immer schon ein relativ kritischer Medienkonsument und mir waren viele Medien-Fehler, Schlampigkeiten aber auch manipulative Versuche, bewusst. Was mich aber wirklich überrascht hat, ist die Dichte und Häufigkeit von journalistischen Fehlern. Das wurde mir erst durch Kobuk bewusst. Also durch die Arbeit der Kobukautoren.

Mir scheint, dass die meisten Fehler, die man in der Krone findet, keine Schlampigkeitsfehler sind, die sehen zumindest danach aus, als wären sie nicht unabsichtlich passiert. Die meisten Fehler, die man bei den Gratiszeitungen, Heute und Österreich, findet, würde ich eher unter Schlampigkeit, vielleicht aber auch unterbezahltes Personal oder Zeitdruck sehen. Da sind auch oft haarsträubende Fehler dabei. Die Kronen Zeitung scheint da professioneller zu arbeiten. Was nicht heißt, dass da weniger Fehler drinnen stünden, aber es sind andere Fehler.

Gibt es von den Lesern positives Feedback? Wollen einige mitmachen?

Es gibt Kommentare. Es gibt immer wieder Hinweise. Nicht alle davon sind brauchbar. Manche Hinweise sind Peanuts. Das ist zwar ein Fehler, aber ein lässlicher Fehler. Es gibt sehr viel Feedback auf Twitter, aber auch auf Facebook. Facebook und Twitter sind auch die Trafficquellen Nummer eins.

Als Generatoren?

Als Generatoren von Traffic, ja. Das ist wieder der Effekt der Mundpropaganda: Leute, die sich über einen journalistischen Fehler ärgern, den Kobuk aufzeigt, die teilen das ihrer Umwelt auf Facebook mit. Auch auf Twitter, nur gibt es halt viel weniger Twitteruser in Österreich als Facebookuser. Da ist ungefähr ein Faktor 100 dazwischen.

Spielt sich auf Facebook auch eine Diskussion ab oder ist es nur ein Trafficgenerator?

Es gibt sehr viel Diskussion auf Facebook. Das Problem ist nur, dass nur ein Bruchteil für uns transparent ist. Das ist der Charakter von Facebook. Solche Diskussionen entstehen über einen Kobuklink, finden dann aber in der sozialen Sphäre des Users statt, der einen Link gepostet hat. Die meisten Links kommen aus dem Nirvana, von Profilen, zu denen man keinen Zugang hat.

Gibt es eine bestimmt Zielgruppe?

Alle. Ich bin von einem Mittelschullehrer angesprochen worden. Der war total fasziniert von Kobuk. Der wollte unbedingt was machen, Plakate drucken, die man in der Schule aufhängen kann. Die Schüler kommen mit Heute und Österreich unter dem Arm in die Schule und hinterfragen das nicht. Für ihn ist Kobuk etwas, worauf Österreich gewartet hat. Wir müssen unbedingt erreichen, dass die Schüler Kobuk lesen, damit sie verstehen, was hinter dieser Schlagzeile steckt. Ich glaube aber, viele Dinge sind verbunden mit Schadenfreude, wenn man zum Beispiel Berichte über schwere Hoppalas liest. Man braucht da keinen akademischen oder einen besonders medieninteressierten Background. Wenn am Cover von Österreich H.P. Strache steht, dann findet das jeder lustig. Das versteht auch jeder.

Gibt es ein bestimmtes Ziel, das ihr damit erreichen wolltet?

Transparenz schaffen. Wenn zum Beispiel ein Kobukartikel aufgedeckt hat, dass die Kronen Zeitung ungefähr titelt: „Skandal: EU-Parlament gönnt sich 167% Steigerung der Ausgaben für die Parteiakademien.“ Und das ist die Headline auf der Frontpage. Wenn man dann die Quelle ansieht, sieht man, dass die nicht nur die Zahlen von 2008 mit den budgetierten Zahlen von 2011 verglichen haben, sondern dass die Zahlen von 2008 nur die Monate September bis Dezember umfassen. Das heißt, die haben vier Monate 2008 mit 12 Monaten 2011 verglichen. Und kommen auf 167% Steigerung, und das ist die Anti-EU-Headline. So was transparent zu machen, ist mehr als notwendig. Das ist eine Art des Korrektivs, das definitiv fehlt und die das BILDblog in Deutschland einnimmt. Nämlich auch mit einer ausreichenden Reichweite. Weil die 100.000 Leser, die BILDblog erreicht, oder wahrscheinlich auch mehr, zu einem sehr großen Prozentsatz wiederum Multiplikatoren sind. Das sind Mittelschullehrer, Journalisten oder auch Blogger, und diese Leute erreichen wieder überdurchschnittlich viele Leute. Das ist Meinungsbildung.

Wie sieht die Zukunft der Watchblogs aus?

Ich glaube, da stehen wir gerade ganz am Anfang. Da wird noch sehr viel kommen. Wir sind noch in den Jahren der Experimente. Ob das jetzt Blogs sind oder nicht, wage ich nicht zu sagen. Es wird keine große Organisation geben, die nicht ihr eigenes Watchblog hat. Österreichs erfolgreichstes politisches Blog, oder besser einflussreichstes Blog, ist DieTiwag.org. Sagt den meisten Wienern nichts, betrifft uns auch nicht. Das ist das Watchblog der Tiroler Wasserkraft. Das liest in Innsbruck jeder. Die bekommen dann entsprechend auch Unterlagen aus den Behörden etc. DieTiwag.org betrachtet aber nicht nur die Tiwag sondern auch über die Tiroler Landesregierung, das ist ja alles ein bisschen verwoben in Tirol. Da geht Watchblogtum über zu Whistleblowing. Und da geht man dann in Richtung WikiLeaks. Was WikiLeaks gemacht hat, beispielsweise mit dem Video von dem Kampfhubschrauberangriff in Bagdad, ist eigentlich ein Versagen der klassischen Medien. Weil entweder es wurde den klassischen Medien vorher nicht angeboten, das wäre auch vielsagend, oder sie haben es nicht veröffentlicht, was noch mehr aussagt. Da braucht man offensichtlich so etwas wie WikiLeaks oder DieTiwag.org oder wie das BILDblog.

Was wir auch sehen könnten, ist ein Missbrauch von Watchblogs. Es ist ja nicht gesagt, dass eine Gruppe von aufgeklärten, kritischen Medienkonsumenten so etwas wie das BILDblog betreibt. Das könnte ja auch der große Konkurrent sein unter dem Mäntelchen des aufgeklärten Medienkonsums. Warum? Weil das ja massive Auswirkungen auf den Werbemarkt hat. Die Bildzeitung hat durch BILDblog nicht weniger Leser. Alle Leute die BILDblog lesen, haben die Bildzeitung sowieso nicht gekauft. Aber die Werbewirtschaft liest das. Und da tut es ihnen am meisten weh. Da reicht es schon, wenn ein großer Konzern seine Anzeigen zurückzieht.

Wo siehst du die Zukunft von Medienselbstkontrolle?

Ich habe an Medienselbstkontrolle noch nie geglaubt. Das funktioniert genau so wenig wie die freiwillige Selbstverpflichtung der Gastronomie in Sachen Nichtraucherschutz oder wie die freiwillige Selbstverpflichtung der Automobilindustrie zur Reduktion von CO2. Das ist nur eine Lobbyingmethode um Regulierung zu verhindern. In Österreich würde ich zumindest nicht sehen, dass es funktioniert.

Ja, da gibt es sicher Länder in denen es besser funktioniert.

Es ist ein Unterschied, wie man Medienselbstkontrolle lebt. Ein Presserat mit unabhängiger Besetzung und entsprechenden Sanktionierungen ist etwas anderes als irgendeine Charta, die man unterschreibt und sagt, die halten wir ein. Da ist Selbstkontrolle ein weites Feld der Interpretation. Aber Österreich ist da sicherlich ein Balkanland, was das betrifft.

Welche Medien nutzt du? Oder welche Ressorts?

Medien nutze ich sehr unterschiedlich. Ich habe nichts dauerhaft abonniert. Aktuell habe ich den Economist öfter gelesen. Mich interessiert Meinung sehr stark, alle Kommentare. Und Außenpolitik.

Also kein standard.at/etat Leser?

Das lese ich online, da aber auch eher die Geschichten, die Onlinemedien betreffen, aus beruflichem Interesse. Mich nerven die Selbstbeweihräucherungen. Jeder 10. Artikel ist ja eine wahnsinnige Selbstbeweihräucherungen für die Werbewirtschaft: „In der neuen ÖWA Auswertung sind wir wieder die Besten“. Das kann ich gar nicht lesen. Das interessiert mich nicht.

Was war dein größter Erfolg beim Bloggen?

Was ist Erfolg?

Irgendwas, bei dem du sagst: Das war super.

Eine Geschichte, die war vor ein bisschen mehr als vor einem Jahr. Wir, drei Blogger, haben ein bisschen die Grünen gehackt. Wir haben die Grünen Vorwahlen ausgerufen, ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Wir kannten eine Bestimmung im Statut der Wiener Grünen, die es Unterstützern, also Nicht-Parteinmitgliedern, erlaubt, bei Landesversammlungen die Kandidatenliste für Wahlen zu wählen. Wir haben uns erlaubt, das als Vorwahlen umzuinterpretieren und haben über unsere Blogs, Twitter und Co alle Grünsympathisanten, die wie wir fanden, dass die Grünen Veränderung brauchen, aufgefordert, sich als Vorwähler zu registrieren, per Faxregistrierung. Die Grünen haben das überraschend negativ aufgenommen. Uns war schon klar, dass wir ihnen damit in die Suppe spucken, aber das war ja Teil des Experiments, wir wollten ja von außen etwas bewegen. Aber die haben da gewisse Immunreaktionen gezeigt, weil da Verschwörungstheoretisches vermutet wurde, dass da ein geheimer Kandidat dahinter steckt, den wir dann bei der Landesversammlung aus dem Hut zaubern. Die haben deswegen von den 440 Unterstützern, die gesagt haben, ich unterstütze die Wiener Grünen, die Hälfte abgelehnt. So gut wie ohne Begründung. Das wurde dann so richtig groß. Da gab es 70 Zeitungsartikel und einen Beitrag im ORF-Report und Radiobeiträge. Das ist eine Geschichte, die wir mit Blogs bewegt haben.

Vor zwei Jahren habe ich ein Gerücht veröffentlicht, Google plane eine Niederlassung in der kleinen Gemeinde Kronsdorf in Oberösterreich, weil ein Bekannter von mir das als Tankstellenklatsch erfahren hat und das dann getwittert hat. Und das hat dann eine ziemlichen Aufruhr verursacht. Das wurde von den Massenmedien übernommen. Auch samt ein paar kleinen Fehlern, die ich versehentlich eingebaut habe. Da ich ja aus der Stadt Steyr bin, habe ich Kronsdorf als einen Vorort von Steyr bezeichnet. Er ist aber eher ein Vorort von Linz. Überall stand dann “Vorort von Steyr”. Das fand ich ganz lustig. Es hat große Probleme verursacht, weil es offenbar ein Stillhalteabkommen zwischen Gemeinde und Google gab. Ein halbes Jahr später wurde das dann offiziell in einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Und wir haben es halt ein halbes Jahr vorher an die Presse gebracht, das war ganz witzig. Das Interessante dabei war, ich habe nur das Initialgerücht geschrieben, und die meisten Informationen kamen dann über meine Leser als Kommentar. Ich habe gehört, Niederlassung von Google. Der erste Kommentator sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Niederlassung sein soll, denn wo gibt es die Eliteuni, das wird sicher ein Datencenter, wenn es stimmt.“ Dann sagte der nächste: „Datencenter klingt plausibel, weil da gibt eine Fluss zur Kühlung und drei Flusskraftwerke in der Nähe für genügend Strom.“ Der nächste sagte: „Ah, da geht ja die große Glasfaserleitung der Telekom Austria nach Osteuropa vorbei, ganz dort in der Nähe.“ Und dann kommen die Bits und Pieces zusammen und wenn du das fertig gelesen hast, weißt du: Das stimmt. Das ist total plausibel. Und ich habe dann immer ein Update zum Datencenter geschrieben, habe aber immer auch dazu geschrieben: „Achtung Gerücht!“. Ich habe das nie als Tatsache verkauft. Da gab es ein massives Versagen der Presse.

Die Oberösterreichischen Nachrichten haben den Bericht am nächsten Tag übernommen und haben geschrieben: „Seit Tagen häufen sich Meldungen im Internet.“ Es war aber nur eine Meldung und nur ein Tag. Sie haben auch nicht auf die Quelle hingewiesen. Die Futurzone hat es komplett korrekt und gut gemacht. Die APA hat es ok geschrieben und der Standard hat die APA-Meldung übernommen und alle Gerüchte und Konjunktive heraus gestrichen: „Google plant Datencenter.“ Indikativ. Es gab zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine offizielle Bestätigung. Als nicht “möglicherweise”, “Gerüchte”, sondern: Es ist so. Und das war spannend, auch dieses Medienversagen zu dokumentieren. Dann gab es eine Woche später im deutschen Handelsblatt eine Geschichte über diese Geschichte: „Von Twitter in die Massenmedien.“ Der hat das dann wirklich gut herausgearbeitet. Das war eine Geschichte, die spannend war.

Was ich auch witzig fand, war Folgendes: ich habe eine Woche vor der EU-Wahl geschrieben, dass ich nach langem Überlegen doch die Grünen wähle. Weil Eva Lichtenberger, das war die, um deren Mandat es gegangen ist, die ist, die sich bei den Themen Netzpolitik, Privacy, Copyright etc., in der Gesamtfraktion und im Parlament, als eine der wenigen wirklich gut auskennt. Und ich habe auch dazugeschrieben, dass ich überhaupt nicht verstehe, warum die Eva Lichtenberger keine Vorzugsstimmenkampagne führt und zum Beispiel mit diesen Netzthemen wirbt. Weil niemand weiß das und niemand redet darüber. Ich weiß auch, warum, weil Vorzugsstimmenkampagne bei den Grünen immer ein heikles Thema ist. Interne Geschichte. Was ich da sehr witzig fand, dass zwei Tage später eine Kampagne, eine Last-Minute-Online- Kampagne mit Bannern, gestartet ist, Vorzugsstimmenwahlkampf für Eva Lichtenberger mit genau dem Titel meines Blogposts als Slogan. Sie hat dann im Interview zur Tiroler Tageszeitung gesagt, das sogar der Wiener Blogger Helge Fahrnberger eine Unterstützungserklärung abgegeben hat und sie dazu motiviert hat und sie jetzt doch einen Vorzugsstimmenwahlkampf macht. Da habe ich mir gedacht: „Ok, da braucht es manchmal nur einen kleinen Blogpost.“ Das sind so Dinge, die man mit einem Blog bewegen kann.

Gibt es irgendwelche Rahmenbedingungen, die sich ändern müssten, damit Bloggen leichter wird, das mehr Leute sich trauen?

Ganz massiv. Es gibt medienrechtlich, in Deutschland ist es noch viel schlimmer als in Österreich, die Schere im Kopf. Du bist als Blogger immer mit einem Bein auf der Schaufel eines Rechtsanwalts. Was passiert bei einer Abmahnung – die ist ja komplett außergerichtlich – im Normalfall: Egal ob sich der Rechtsvorwurf des Anwalts, wegen zum Beispiel übler Nachrede oder sonst etwas, substantivieren lässt oder nicht, das ist sofort mit so viel Kosten verbunden, dass du gleich klein beigibst. Das heißt, der kann im Endeffekt fast alles behaupten. Zusätzlich ist es so, dass das Medienrecht massiv verschärft wurde, dahingehend, dass Blogs einen medienrechtlichen Verantwortlichen brauchen. Es gibt die Offenlegungspflicht. Es ist nicht unbedingt eine Impressumspflicht, aber so etwas Ähnliches. Ich darf nicht anonym bloggen. Es muss mein Name dabei stehen und meine Postleitzahl und die Stadt. Und wenn ich nicht gerade Peter Fischer heiße, dann ist es nicht anonym. Und dann gibt es Leute wie den Landeshauptmann Dörfler, die fordern sowieso, dass jeder, der im Internet was sagt, sich mit Bild und Name und Geburtsdatum identifizieren muss.

Es gibt aber auch Leute wie Armin Thurnher, der gegen die Anonymität anschreibt. Und man braucht nur nach Kuba oder in den Iran schauen, um zu verstehen, wie wichtig Anonymität im Zweifelsfall ist. Es müssen, wie auch immer das passiert, Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass man als Blogger, vor allem als politischer Blogger, nicht der Willkür eines Rechtsanwaltes oder einer Rechtsabteilung ausgesetzt ist. Weil ich es mir gar nicht leisten kann, im Recht zu sein. Weil ich das Risiko nicht eingehen kann. Da geht es sofort um ein paar Tausend Euro und manchmal auch um mehr als 10.000 Euro. Und das kann sich kein Blogger leisten. BILDblog kann sich das leisten, weil die machen dann einen Spendenaufruf. Aber das ist auch eine Ausnahme.

Gibt es beim Watchblog Kobuk Erfahrungen diesbezüglich?

Zum Glück nicht. Aber BILDblog wurde vom Axel-Springerverlag verklagt. BILDblog ist ja groß genug, die haben im Nu 17.000 Euro an Spenden aufgestellt.

Ist die Frage, wie oft das funktionieren würde.

Ich glaube, je öfter es passiert, desto größer ist die Solidarisierung. Da gibt es dann irgendwann ein Unternehmen, das sagt, wir verdoppeln das jetzt. Das funktioniert schon. Die Wikipedia nimmt mit links 7.000.000 Dollar ein an Spenden. Das muss nur groß genug sein. Aber auch Wikileaks bekommt extrem viele Spenden. Wikileaks, ich weiß nicht mehr genau die Summe, hat eine sechsstellige Summe nur in den zwei Wochen nach dem Irakvideo bekommen. Das geht schon, aber im Kleinen nicht. Es wäre vielleicht einmal interessant einen Solidaritätsfonds zu machen. In den Blogger einfach einzahlen, so was wie die Schwarzfahrversicherung, dass man da eine Bloggerrechtsschutzversicherung macht. Aber das ist auch unfair. Denn ein große Blogger ist viel stärker bedroht als ein kleiner Blogger. Er kann sich aber nicht 10 Mal so hohe Mitgliedsbeiträge leisten. Manche schreiben nur harmlose Themen, die erwischt es ab und zu trotzdem. Manche exponieren sich ständig. Das ist ein bisschen schwer zu organisieren. Aber diese Schere im Kopf ist ein echtes Problem. Wir sehen zum Beispiel in England, da gab es eine Geschichte, die rechtlich unterdrückt wurde und alle Medien, von BBC über Zeitungen, wurden mit Klagen bedroht und irgendwo in Social Media ist es doch aufgekommen. Oder jetzt, Meinl. Jeder Journalist, der über die Sache Meinl schreibt, hat die Schere im Kopf. Weil die genau wissen, dass die enorm viel Kohle haben, und sich vor Klagen fürchten. Diese Schere im Kopf hat ein Blogger immer. Nicht nur bei Meinl. Das ist das Problem. Und das hemmt die Kontrollfunktion von Blogs.

Kennst du dich medienrechtlich etwas aus?

Ich würde sagen: Gefährliches Halbwissen. Im Zweifel muss ich dann doch nachschlagen und schauen wo verläuft die Grenze genau. Aber ich kann freie Meinungsäußerung und unzulässige Angriffe schon sehr gut unterscheiden.

Du hast keine publizistische Ausbildung?

Nein.

Auch nicht journalistisch gearbeitet?

Jein, ich habe ein ständige Kolumne in einem vierteljährlichen Magazin, und ich habe schon Artikel geschrieben für den Falter, die Presse. Immer kurze Gastbeiträge. Aber ich verdiene mein Geld nicht primär mit journalistischer Arbeit.


Dabei steigt mir wahrlich die Galle hoch.

Während der sonstige Boulevard mal schamlosen und mal schlampigen Journalismus macht, ganz offensichtlich getrieben von Personalmangel und Zeitdruck, missbraucht die größte Zeitung des Landes ihre Reichweite zu gezielter Propaganda. Wieder und wieder und wieder.

Die Kunst [der Propaganda] liegt nun ausschließlich darin, dies in so vorzüglicher Weise zu tun, daß eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache, der Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit von etwas Notwendigem usw. entsteht. (..) Ihr Wirken [muss] auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand.

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Mein Kampf, S. 197

Wir brauchen hundert Kobuks. Und BILDblogs. Und Abgeordnetenwatchs. Plattformen auf denen wir all denen auf die Finger schauen, die an den Druckerpressen stehen, in denen unsere Zeitungen und unsere Gesetze gedruckt werden.

Wir, das sind 1000 Augen, denen nichts entgeht.

Jetzt, ohne den Versuch irgendeiner Überleitung, ein Beitrag über Kobuk, der gestern auf Okto TV lief, produziert von einer Gruppe von Studierenden der FH-Wien:

 


Meine Kolumne im aktuellen UPDATE-Magazin. Und ja, ich genier’ mich eh, dass meine Blogbeiträge hier auf der Startseite fast nur noch aus zweitverwerteten Zeitungsartikeln bestehen. Aber nebenan im Sideblog gibt’s ab und zu was zu lesen und auf Kobuk sowieso.

Manche Unternehmen überlegen, auf einen Internetauftritt zu verzichten und statt dessen voll auf Facebook zu setzen. Selbst das Männermagazin FHM hat seine Website stillgelegt und leitet alle Besucher auf die eigene Facebook-Page um. Sollten Ihre Onlinebudgets 2011 eine ähnliche Schlagseite zugunsten eines einzelnen Anbieters aufweisen, wird Sie diese Anekdote interessieren:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Wien Tourismus und betreiben eine Facebook-Page mit ein paar tausend Fans, doch die ist eines Morgens auf 145.000 angewachsen. So geschehen Anfang November, als man sich bei Facebook entschied, die von einer Privatperson geführte Seite „Wien“ mit 128.000 Fans zu löschen und die Fans ungefragt auf die Seite des Tourismusverbandes zu verschieben. Ähnliches geschah mit den 17.000 Fans der Seite „Innsbruck“. Ob davor jemand eine „Beschwerde über Verletzung geistigen Eigentums“ abgegeben hat, ist nicht bekannt.

Natürlich verstießen die Gründer der Stadtseiten gegen Facebook-Regeln, die die Pages-Funktion für Unternehmen vorbehalten – doch wurde die Nutzung für „ideelle“ Zwecke weitgehend geduldet. So hat die privat betriebene Seite „I Love Sleep“ beeindruckende 4 Mio. Fans.

Schön für die Tourismusverbände, mussten die doch bis dahin wie jedes Unternehmen um einen Euro pro Fan in den Reichenweitenaufbau investieren. Das Nachsehen haben in diesem Fall die User. Rechtsanwalt Dr. Ulbricht befasste sich auf Rechtzweinull.de mit dem Fall Innsbruck und hält die Übertragung von Fans und deren Inhalten für „eindeutig rechtswidrig“. Doch durch Facebooks Firmensitz in den USA dürften rechtliche Schritte wenig aussichtsreich sein.

Das Beispiel zeigt, wie groß das betriebswirtschaftlichen Risiko von Investitionen in Facebook-Pages und -Applikationen ist. Immer wieder ändert Facebook einseitig Rahmenbedingungen – wie beispielsweise das Ende der Profil-Features für Facebook-Applikationen – was zu unerwarteten Nachteilen oder Folgekosten führen kann. Das sollte man bedenken, auch wenn man an Facebook als – neben Google – trafficstärkste Website des Landes in keinem Marketingplan vorbeikommen wird.

Foto: (cc) Leo Reynolds


Meine Kolumne im aktuellen UPDATE-Magazin:

Deutsche Medien kannten in diesem Sommerloch nur ein Thema: Google Streetview. “So ist ihr Haus im Internet zu sehen!” titelt die BILD. Medien und Politik echauffieren sich darüber, dass Google den öffentlichen Raum abfotografiert. Für Zeitungsartikel werden Pensionisten vor ihrem Haus abgelichtet, die darüber erbost sind, dass ihr Haus öffentlich abgelichtet werden soll.

Dabei geht es lediglich um das Abbilden von Öffentlichkeit. Etwas, das Reise- und Fotobuchverlage seit jeher machen und damit hochwillkommene historische Dokumentationsarbeit leisten.

Die Zeitungsverlage schüren die Anti-Google-Stimmung, um das von ihnen geforderte Leistungsschutzrecht politisch durchzuboxen. Dieses sieht vor, Überschriften und Teile von Sätzen einem Monopolrecht zu unterwerfen. Snippets, wie sie auf Suchmaschinen und Aggregatoren üblich sind, aber auch Zitate wären bei Verlagsinhalten nicht mehr möglich. Ein klarer Angriff auf die Informationsfreiheit.

Politiker wiederum profilieren sich ängsteschürend als Datenschützer. Praktisch wenn sie damit von den von eigenen Eingriffen in die Privatsphäre ablenken: Die hierzulande kurz vor Umsetzung stehende Vorratsdatenspeicherung sieht die Speicherung aller Verkehrsdaten inklusive URLs, Emailadressen und Ortskoordinaten von Handygesprächen über sechs Monate vor. Eines jeden Bürgers, ausnahmslos. Die eben ausgehandelte ACTA-Regelung erlaubt unter anderem das Durchsuchen von Notebookfestplatten nach Urheberrechtsverletzungen bei Grenzübertritten. Et cetera. Die Streetview-Diskussion eignet sich hier wunderbar als Nebelbombe.

Wie komme ich dazu, mir mein Haus von einem paranoiden Nachbarn verpixeln, und wie das Tourismusland Österreich mit 22 Mrd. Einnahmen pro Jahr, sich ein derart wichtigstes Marketinginstrument nehmen zu lassen? Verbieten wir demnächst Postkartenverlagen ihr Geschäft? Oder unseren Gästen das Veröffentlichen ihrer Urlaubsfotos auf Facebook?

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, also hat das Anrecht auf öffentlichen Raum („Panoramafreiheit“) auch da zu gelten. Für jeden, auch für Google. Dabei gäbe es rund um Google genug tatsächlichen Regulierungsbedarf, beispielsweise dominiert Google etwa die Hälfte der weltweiten Online-Werbung.

Foto: (cc) Norbert Aepli

PS. Weil es gerade zum Thema passt: Ein sehenswertes Video zur ACTA-Vereinbarung:


Seit zwei Tagen kursiert auf Facebook und per Email ein Text der Seniorchefin des kleinen Verlag Ennsthaler, der am Stadtplatz meiner Heimatstadt Steyr eine Buchhandlung betreibt. In diesem Text wirft Frau Ennsthaler dem deutschen Buchhandlungsriesen Thalia (knapp 300 Filialen) höchst unsaubere Methoden vor:

thalia-vs-ennsthaler

Leider hat Thalia jetzt sein begehrliches Auge auf uns geworfen. Sie hätten einfach mehr Umsatz, wenn es unsere Buchhandlung nicht gäbe, wenn sie unseren Standort hätten. Sie haben uns vor einem Jahr ein Angebot gemacht, wir haben kurz überlegt und dann abgelehnt. (..) Der deutsche Geschäftsführer kam in unser Haus zu einem Vorstellungsbesuch, wie er sagte. Leider war dieser Besuch kein höflicher, wie wir dachten. Entweder wir verkaufen oder sie bestellen nichts mehr bei uns. Mein Mann hat ihn höflich aber bestimmt hinausgeworfen. (..)
 

Wir sind jetzt als Verlag und Auslieferung in den Computern von Thalia gesperrt. Als Kunde könnt Ihr keine Bücher mehr von uns bei Thalia kaufen. (..) Sie haben jetzt die Vorgehensweise verschärft, indem sie Keile zwischen uns und unseren Autoren treiben. Sie erklären unseren Autoren, wenn sie ihre Werke direkt an sie liefern, dann verkaufen sie die Bücher. Sie rufen die Verlage an und versuchen direkt zu bestellen, mit der Begründung, sie nehmen keine Bücher mehr von Ennsthaler an. Sie haben den Bücherpaketdienst angerufen und angewiesen, keine Bücher mehr zuzustellen, die von uns kommen. Sie zwingen also die Verlage, vertragsbrüchig zu werden und direkt zu liefern oder die Auslieferung zu wechseln. So sitzen wir ganz schön in der Zwickmühle.

Der Geschäftsführer von Ennsthaler hat mir die Echtheit des Textes bestätigt. Ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls braucht die Sache ganz dringend Öffentlichkeit, Konzerne dieser Größenordnung müssen öffentlich kontrolliert werden. Spread the word!

Genau das versucht Thalia offenbar zu verhindern: Zwei Blogs, die den Brief ebenfalls veröffentlicht hatten, haben ihn inzwischen offline genommen. Auf einem davon ist zu lesen: “Der Blogeintrag wurde aus aktuellem Anlass in seinem vollen Umfang vorübergehend vom Netz genommen.” (Anmerkung: Dieser Blogbeitrag hier ist medienrechtlich überprüft worden, und ich bin nicht bereit, beim ersten Gegenwind einzuknicken. Noch immer nicht.)

In Wolfgangs Blog ist der Brief noch vollständig zu lesen.

Auf Facebook hat die Thalia-Filiale Steyr eine Gegendarstellung (Link inzwischen offline, s.u.) veröffentlicht, in der sie die Vorwürfe zurückweist:

Zur Zeit wird in verschiedenen Quellen behauptet, dass Thalia die Fa. Ennsthaler aufgrund eines gescheiterten Kaufangebotes boykottieren würde. (..) Herr Ennsthaler hat im Mai die Lieferantenbeziehung zu Thalia abgebrochen, sucht nun mit äußerst fragwürdigen, kreditschädigenden Mitteln den Weg in die Öffentlichkeit. Wir können diesen Schritt nicht nachvollziehen und bedauern diese Entwicklung sehr. Thalia hat sich seit längerem bemüht, eine für beide Seiten positive Lösung zu finden, sowohl was die Lieferantenbeziehung, als auch, was den Standort in Steyr angeht. Im Zuge dessen wurden auch gemeinsame Überlegungen über eine Buchhandlung am Ennsthaler-Standort in Steyr angestellt, die jedoch über die Planungsphase nicht hinausgegangen sind. Es gab zu keinem Zeitpunkt ein Kaufangebot.

ennsthaler-stadtplatzTäusche ich mich, oder wird den Hauptvorwürfen in dieser Darstellung nicht explizit widersprochen? Ich habe Thalia auf ihrer zu diesem Zweck eingerichteten Facebook-Seite jedenfalls um Klarstellung gebeten (Link inzwischen offline, s.u.). Die Firma Thalia ist auch herzlich eingeladen, ihre Sicht der Dinge hier in den Kommentaren kund zu tun.

Thalia ist in Steyr bereits Marktführer, doch die Buchhandlung Ennsthaler hat die bessere Lage, mitten am Steyrer Stadtplatz (Foto rechtes Gebäude).

Update 26. Juni:

Update 28. Juni:

Update 28. Juni 18:00:

Die Agentur von Thalia hat mir eben per Email folgende Stellungnahme geschickt:

Aktualisierte Stellungnahme zu Thalia Steyr/Ennsthaler

Linz/Steyr, 28.6.2010

In verschiedenen Online-Quellen wird derzeit behauptet, dass Thalia die Fa. Ennsthaler boykottieren würde. Wir nehmen dazu wie folgt Stellung:

Die Fa. Ennsthaler betreibt einen Buchverlag und eine Buchhandlung in Steyr. Mit dem Buchverlag bestand eine langjährige Lieferantenbeziehung, die Herr Ennsthaler im April 2010 abgebrochen hatte.

In einem heute von Josef Pretzl, Geschäftsführer von Thalia Österreich, geführten Telefonat wurde dem Wunsch von Herrn Ennsthaler, die Geschäftsbeziehung zu Thalia wieder aufnehmen zu wollen, entsprochen. Es werden ab sofort von Thalia wieder Bestellungen erfolgen.

Herr Ennsthaler bestätigt die Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen. Auch wenn Thalia darauf besteht, Ennsthaler nie boykottiert zu haben, habe ich den Eindruck, dass unser öffentlicher Druck hier geholfen hat. Gut wenn sich alle sich wieder lieb haben..

Update 29. Juni:

Update 4. August:

Spiegel Online berichtet über die Sache.


Ich muss zugeben, jetzt bin ich ein klein wenig stolz. Ich war dieses Jahr im Advisory Board des Prix Ars Electronica für die Kategorie Digital Communities und habe unter anderen das Projekt Map Kibera nominiert (siehe hier).

Und Map Kibera hat… Trommelwirbel.. einen Award of Distinction gewonnen! (Übrigens gemeinsam mit #unibrennt.) Das ist quasi die Silbermedaille. Der Hauptpreis, die Goldene Nica, geht an den Chaos Computer Club.

aec

Herzliche Gratulation an Mikel Maron und alle Mapper!

Das war mein Nominierungstext:

Map Kibera (http://mapkibera.org): Maps are highly political, especially in developing countries. It is not uncommon in African cities that quarters grown in an unplanned manner are being caterpillared from one day to another in order to erect new buldings, often leaving tens of thousands homeless. Maps make such quarters visible, they proof their existence and allow to ask questions when they are gone. Kibera, attached to Nairobi, Kenia, is a blank spot on the map, despite being Africa’s largest slum. The Map Kibera Project uses OpenStreetMap, volunteers from around the world and young locals trained in small internet cafés to change that. It is a wonderful example of how collective intelligence and bottom-up online collaboration can change the world on very concrete levels.


Dieser Kommentar von mir erscheint im nächsten Update-Magazin für Online-Marketing.

Als der 25jährige Mark Zuckerberg letzte Woche bei der Facebook-Developer-Konferenz auf die Bühne trat, in Jeans, Kapuzenpulli und Turnschuhen, kam er gleich zur Sache: Er kündigte neue Funktionen an, die uns alle betreffen könnten und einigen Kopfzerbrechen bereiten werden.

open-graphEinfach und mächtig ist etwa der neue Like-Button: Aufwandslos zu implementieren und für jeden Webanbieter aufgrund des zu erwartenden Traffics verlockend, kann er das Web nachhaltig verändern. Denn wenn einem Besucher ein Artikel Ihrer Site „gefällt“, wird das in seinen Nachrichtenstrom publiziert – was Ihnen neue Besucher bringt. Zusätzlich erhalten Sie Zugang zu reichen demografischen Auswertungen über die User, die Ihre Inhalte mögen und empfehlen.

Gleichzeitig „zerlegt“ Facebook mit neuen Schnittstellen, die jedem Websitebetreiber bessere und einfachere Tools der Totalintegration bieten, die Inhalte in ihre semantischen Bestandteile und verlinkt sie dauerhaft mit seinen Userprofilen.

Mit all dem wird Facebook über kurz oder lang nicht nur genauer als Twitter sagen können, welche Themen gerade „heiß“ sind, Facebook wird auch sehr viel mehr über Ihre User wissen als Sie – und vielleicht langfristig mehr über das Web als selbst Big Google.

Während die neuen Funktionen die Schwelle für Interaktion mit Ihrer Site extrem senken und Ihnen Zugriff auf die Freunde Ihrer User bieten, will Facebook so dem ganzen Web Aufmerksamkeit, demografische Daten und Werbebudgets entziehen.

Bislang waren Hyperlinks die Architektur des Webs: Suchmaschinen etwa bauen im wesentlichen darauf auf, wie Webseiten untereinander verbunden sind. Facebook arbeitet nun daran, die Verbindungen von Inhalten über Personen zu organisieren, und damit Hypertext als wichtigste Organisationsform des Webs abzulösen. Nicht mehr „Was linkt auf X“ sondern „Wer linkt auf X – und wie steht der zu mir“.

Der Ansatz ist nicht neu – im Grunde genommen entspricht er einer Vereinfachung des Semantischen Webs, das als Konzept so alt ist wie das Web selbst. Doch Facebook, bald eine halbe Milliarde aktiver Nutzer schwer, bringt den nötigen Hebel mit, um das auch auf die Straße zu bringen. Kleiner Schönheitsfehler: Ohne Konto beim Monopolisten geht: Nichts.

PS. Es mag widersprüchlich scheinen, wenn ich selbst bei Projekten wie Bikemap.net und Wlanmap.com voll auf Facebook Connect setze oder über diesem Artikel der Like-Button prangt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Genau das macht diesen Facebook-Move ja so gefährlich: Die Funktionen sind echt nützlich.


Und wenn ich gerade dabei bin, hier die Top 10 Corporate Twitter-User des Landes (Firmen und NGOs), ebenfalls nach Geralds Erhebungsmethode:

 Weltweit   Österreich   Anteil   Gesamtrang 
1. Checkfelix 5.771 731 13% 28.
2. Knallgrau 3.124 650 21% 35.
3. Greenpeace 1.406 641 46% 37.
4. Reporter Ohne Grenzen 4.116 635 15% 38.
5. Attac 1.904 630 33% 40.
6. Digitalks 929 588 63% 46.
7. Österreich Werbung 2.654 585 22% 48.
8. Ärzte ohne Grenzen 2.587 491 19% 64.
9. BOB 1.131 463 41% 69.
10. Amadeus Awards 706 439 62% 77.

 

Es war ein bisschen schwierig “Corporate Accounts” abzugrenzen – ich habe mich letzten Endes für Unternehmen und NGOs (und gegen Parteien und Medien) entschieden. Interessant ist, dass m.W. drei dieser Accounts von ein und demselben Berater betrieben werden. Er dürfte seine Sache augenscheinlich recht gut machen. (Er möge sich eingeladen fühlen, sich in den Kommentaren zu outen und ein bisschen aus der Schule zu plaudern!)

Checkfelix und Knallgrau haben meines Erachtens recht verdient die ersten Plätze ergattert – beide Accounts werden authentisch und nützlich und von echten, angreifbaren Personen wie Heinz bei Checkfelix oder gleich vier aus dem Knallgrau-Führungsteam geführt. Der Österreich Werbung stünde eigentlich Platz 3 zu, denn wie die ersten beiden richtet sich diese ja bewusst auch an ausländische Zielgruppen – dementsprechend sind die 2.600 Follower doch recht beachtlich.

Wie sinnlos das pure Followersammeln ist, zeigt der Account des Mobilfunkdiscounters BOB (bzw seiner Promotionplattform BOBtivist). Nur 41% der Follower sind aus Österreich – ein Streuverlust von über der Hälfte. Gut, ein recht billiger Streuverlust. Wie’s man nicht twittert, zeigt der Verband der Musikindustrie mit dem Amadeus-Awards-Account. Inaktiv seit letztem Jahr, davor eher nur öde Broadcast-Tweets.


Falls es wer noch nicht gesehen hat: Gerald Bäck (der eben mit Judith Denkmayr die Agentur Digital Affairs gegründet hat) hat sich eine Methode überlegt, um den Einfluss von Twitter-Usern zu ermitteln, ohne durch die vielen Spamaccounts (meist außerhalb Österreichs beheimatet) ein verfälschtes Ergebnis zu bekommen. Er hat dafür einfach alle außerhalb des Landes lokalisierten Follower ausgeklammert und nur die österreichischen Followerzahlen gewertet.

Rausgekommen ist eine Rangliste, die auschließlich über den Einfluss hierzulande Auskunft gibt:

 Weltweit   Österreich   Anteil   Twittercharts.at 
1. Armin Wolf 11.373 5.203 46% 13.
2. Robert Misik 3.729 1.690 45% 39.
3. Martin Blumenau 2.629 1.478 56% 54.
4. Corinna Milborn 2.150 1.171 54% 67.
5. Georg Holzer 2.273 1.123 49% 62.
6. Helge Fahrnberger 1.771 1.110 63% 82.
7. Gerald Bäck 2.200 1.022 46% 64.
8. Christoph Chorherr 1.588 1.008 63%
9. Judith Denkmayr 2.416 1.005 42% 60.
10. Dieter Bornemann 1.630 999 61% 87.
Plätze 11 bis 100..

 

Sechs Journalisten, zwei Blogger (Gerald und ich), ein Politiker (C. Chorherr) und eine reine Twitter-Userin (Judith). Kein Society-Gedöns à la Ashton Kutcher oder Britney Spears (die weltweit vorne liegen), aber auch keine Künstler, Regierungsmitglieder oder Sportler, die in den USA ebenfalls stark vertreten sind.

Kaum jemand von uns liegt übrigens in den (spamverseuchten) Twittercharts.at auch nur in den Top 50. Abgesehen davon dass ich mich natürlich über den 6. und ersten Nicht-Journalisten-Platz freue, überrascht mich, wie weit ich vorne liege. Meine gefühlte Reichweite (Retweets, Replies) ist doch eher gering, außerdem twittere ich selten/unregelmäßig, was auch nicht zu “Einfluss” führt. Prognose: In einem Jahr spielen wir normale Twitterati nicht mehr in der selben Liga wie die Celebrities. Von denen es auch weit mehr geben wird.

Spannend fände ich eine Weiterentwicklung des Algorithmus in Richtung einer Berücksichtigung der Reichweite eines Followers. Also eine gewichtete Zählung, à la PageRank. Das würde den Rechenaufwand allerdings vervielfachen, da eine solche Formel ja rekursiv wäre und sich die Werte erst nach einigen Iterationen stabilisieren würden.

Georg Holzer hat auf Digirati ein hörenswertes Interview mit Gerald zu diesem Thema geführt, in dem dieser auch verrät, wieviele Twitter-User es in Österreich in etwa gibt.


Ein (bewusst etwas großspuriger) Kommentar von mir, der im aktuellen Update-Magazin erschienen ist:

Vor zehn Jahren prophezeite man uns intelligente Assistenten, die das Netz nach für uns Interessantem durchforsten. Zeitungen würden obsolet, und auch die Startseiten unserer liebsten Online-Zeitungen müssten wir nicht mehr ansurfen – die Inhalte kämen zu uns, perfekt maßgeschneidert.

Während künstliche Intelligenz auf sich warten lässt, ist für mich diese Zeit dennoch längst angebrochen. Die letzten Zeitungsabos habe ich storniert, und auch online haben mich schon lang keine Frontpages mehr zu Gesicht bekommen.

Ein paar hundert Redakteure – zu einem Drittel persönliche Freunde und Kontakte, zu zwei Drittel einfach nur Menschen mit Fachkenntnis (und Humor) – sieben für mich rund um die Uhr das Netz nach Artikeln, Videos, Personen und Produkten, die für mich interessant sein könnten. Ich behaupte: Nichts für mich Wesentliches entgeht mir.

Glauben Sie alles nicht? Versuchen Sie’s doch selbst: Folgen Sie auf Twitter den Menschen, die über Themen schreiben, die für Sie relevant sind, beruflich und privat. Am besten so um die 250 Personen. Die klügsten Köpfe, die Sie finden können.

Jetzt lassen Sie sich von einem Aggregator alle Links, die diese posten, extrahieren und sauber auf einer Seite darstellen – komplett mit Gewichtung nach Häufigkeit der Empfehlung unter „Ihren“ Redakteuren, sowie auf Twitter und in Blogs gesamt. Fertig. Meine Tageszeitung etwa sehen Sie unter rivva.de/social/muesli (@muesli, das bin ich auf Twitter).

Selbst Ihr Facebook-Newsfeed kann diesen Zweck erfüllen – Sie brauchen nur die richtigen Freunde. Die Qualität Ihrer Tageszeitung steht und fällt mit den Menschen, denen Sie folgen. Die Jagd von Facebook, Google und Twitter nach Ihren Freunden ist nichts anderes als die Jagd nach Ihrer Aufmerksamkeit. Es geht um nicht weniger als um die Tageszeitung der Zukunft.

PS. Wie sehr die Frontpage der Zukunft in den Kinderschuhen steckt, zeigt die Tatsache, dass es im deutschen Sprachraum immer noch keine ernsthafte Konkurrenz zum ebenfalls recht kruden Angebot von Rivva zu geben scheint. Was besonders auffällt, wenn Rivva mal ein paar Tage down ist.

PPS. Illustration: Twitter-Userpics von Leuten, denen ich (im Moment) folge, zufällig ausgewählt

Common misspellings: Farnberger, Fahrenberger, Farenberger, Fahnberger, Fahrnleitner, Fahrngruber, Fahrnberg.
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