Das Krypto-Anarchistische Manifest
January 2, 2011
Wer Wikileaks besser verstehen will, sollte das “Crypto Anarchist Manifesto” von Tim May aus dem Jahre 1988 (!) lesen. Da es keine gute deutschsprachige Version gibt, habe ich es übersetzt:
Das Krypto-Anarchistische Manifest
Computertechnologie steht kurz davor, Einzelnen und Gruppen die Möglichkeit zu geben, miteinander auf völlig anonyme Weise zu kommunizieren und zu interagieren. Zwei Menschen können Nachrichten austauschen, Geschäfte führen und elektronische Verträge schließen, ohne jemals den echten Namen oder die Rechtspersönlichkeit des anderen zu erfahren. Interaktionen über Netzwerke werden durch umfassendes Umleiten von verschlüsselten Datenpaketen und manipulationssichere Boxen mit nahezu unknackbaren kryptographischen Protokollen nicht nachverfolgbar sein. Reputation wird von zentraler Bedeutung sein, in Geschäftsbeziehungen sogar weit wichtiger als die Bonitätsbewertungen von heute. Diese Entwicklungen werden die Natur der staatlichen Regulierung, die Möglichkeiten von Besteuerung und Kontrolle wirtschaftlicher Kreisläufe und die Möglichkeiten, Informationen geheim zu halten völlig verändern, ja sogar den Charakter von Vertrauen und Reputation.
Die Technologie für diese Revolution – und es wird sicherlich sowohl eine soziale als auch eine ökonomische sein – existiert theoretisch schon sein einem Jahrzehnt. Die Methoden basieren auf Asymmetrischer Verschlüsselung, Zero-Knowledge-Proof-Systemen sowie verschiedenen Softwareprotokollen für Interaktion, Authentifizierung und Verifizierung. Der Fokus lag bisher auf akademischen Konferenzen in Europa und den USA, die stark von der National Security Agency überwacht wurden. Doch erst seit kurzem haben Computernetzwerke und Personal Computer ausreichend Leistung, um diese Ideen praktisch durchführbar zu machen. Und die nächsten zehn Jahre werden genügend zusätzliche Geschwindigkeit bringen, um die Ideen wirtschaftlich machbar und im Wesentlichen unaufhaltbar zu machen. (..)
Der Staat wird natürlich versuchen, die Verbreitung dieser Technologie zu bremsen oder zu verhindern, unter Hinweis auf die nationale Sicherheit, die Verwendung der Technologie durch Drogenhändler und Steuerhinterzieher sowie aus Furcht vor gesellschaftlichem Zerfall. Viele dieser Bedenken werden zutreffen: Krypto-Anarchie wird es erlauben, nationale Geheimnisse sowie illegales und gestohlenes Material frei zu handeln. Ein anonymisierter und computerisierter Markt wird sogar verabscheuungswürdige Marktplätze für Attentate und Erpressung ermöglichen. Verschiedene kriminelle und ausländische Elemente werden CryptoNet aktiv nutzen. Das jedoch wird die Verbreitung der Krypto-Anarchie nicht aufhalten.
So wie die Technologie des Buchdrucks die Macht mittelalterlicher Gilden einschränkte und soziale Machtstrukturen veränderte, so werden kryptologische Methoden die Natur von Konzernen und von staatlichen Eingriffen in wirtschaftliche Abläufe grundlegend verändern. Zusammen mit den entstehenden Informationsmärkten wird die Krypto-Anarchie einen liquiden Markt für jegliches Material schaffen, das sich in Worten und Bilder fassen lässt. Und genau wie die scheinbar unbedeutende Erfindung von Stacheldraht das Einzäunen riesiger Ranches und Farmen ermöglichte und so für immer die Auffassung von Land- und Besitzrechten im westlichen Grenzland veränderte, so wird die scheinbar unbedeutende Entdeckung aus einem obskuren Zweig der Mathematik zur Drahtschere werden, die den Stacheldraht nieder reißt, der um geistiges Eigentum liegt.
Erhebt euch, ihr habt nichts zu verlieren außer euren Stacheldrahtzäunen!
Timothy C. May, 1988
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Die Übersetzung wurde um einen Satz mit unwesentlichen Details zu Technologie der 80er-Jahre gekürzt. Wikipedia-Links von mir. Bild: (cc) xkcd
Übrigens: Die Gründe für die 2010 immer noch fehlende massentaugliche Unterstützung für Verschlüsselung in den Emailclients dieser Welt ist angesichts dieses Texts meines Erachtens so bedauernswert wie nachvollziehbar. Wäre einen eigenen Artikel wert.
Die Nutznießer der Google-Streetview-Erregung
September 20, 2010Meine Kolumne im aktuellen UPDATE-Magazin:
Deutsche Medien kannten in diesem Sommerloch nur ein Thema: Google Streetview. “So ist ihr Haus im Internet zu sehen!” titelt die BILD. Medien und Politik echauffieren sich darüber, dass Google den öffentlichen Raum abfotografiert. Für Zeitungsartikel werden Pensionisten vor ihrem Haus abgelichtet, die darüber erbost sind, dass ihr Haus öffentlich abgelichtet werden soll.

Dabei geht es lediglich um das Abbilden von Öffentlichkeit. Etwas, das Reise- und Fotobuchverlage seit jeher machen und damit hochwillkommene historische Dokumentationsarbeit leisten.
Die Zeitungsverlage schüren die Anti-Google-Stimmung, um das von ihnen geforderte Leistungsschutzrecht politisch durchzuboxen. Dieses sieht vor, Überschriften und Teile von Sätzen einem Monopolrecht zu unterwerfen. Snippets, wie sie auf Suchmaschinen und Aggregatoren üblich sind, aber auch Zitate wären bei Verlagsinhalten nicht mehr möglich. Ein klarer Angriff auf die Informationsfreiheit.
Politiker wiederum profilieren sich ängsteschürend als Datenschützer. Praktisch wenn sie damit von den von eigenen Eingriffen in die Privatsphäre ablenken: Die hierzulande kurz vor Umsetzung stehende Vorratsdatenspeicherung sieht die Speicherung aller Verkehrsdaten inklusive URLs, Emailadressen und Ortskoordinaten von Handygesprächen über sechs Monate vor. Eines jeden Bürgers, ausnahmslos. Die eben ausgehandelte ACTA-Regelung erlaubt unter anderem das Durchsuchen von Notebookfestplatten nach Urheberrechtsverletzungen bei Grenzübertritten. Et cetera. Die Streetview-Diskussion eignet sich hier wunderbar als Nebelbombe.
Wie komme ich dazu, mir mein Haus von einem paranoiden Nachbarn verpixeln, und wie das Tourismusland Österreich mit 22 Mrd. Einnahmen pro Jahr, sich ein derart wichtigstes Marketinginstrument nehmen zu lassen? Verbieten wir demnächst Postkartenverlagen ihr Geschäft? Oder unseren Gästen das Veröffentlichen ihrer Urlaubsfotos auf Facebook?
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, also hat das Anrecht auf öffentlichen Raum („Panoramafreiheit“) auch da zu gelten. Für jeden, auch für Google. Dabei gäbe es rund um Google genug tatsächlichen Regulierungsbedarf, beispielsweise dominiert Google etwa die Hälfte der weltweiten Online-Werbung.
Foto: (cc) Norbert Aepli
PS. Weil es gerade zum Thema passt: Ein sehenswertes Video zur ACTA-Vereinbarung:
Map Kibera gewinnt Prix Ars Electronica
May 17, 2010Ich muss zugeben, jetzt bin ich ein klein wenig stolz. Ich war dieses Jahr im Advisory Board des Prix Ars Electronica für die Kategorie Digital Communities und habe unter anderen das Projekt Map Kibera nominiert (siehe hier).
Und Map Kibera hat… Trommelwirbel.. einen Award of Distinction gewonnen! (Übrigens gemeinsam mit #unibrennt.) Das ist quasi die Silbermedaille. Der Hauptpreis, die Goldene Nica, geht an den Chaos Computer Club.

Herzliche Gratulation an Mikel Maron und alle Mapper!
Das war mein Nominierungstext:
Map Kibera (http://mapkibera.org): Maps are highly political, especially in developing countries. It is not uncommon in African cities that quarters grown in an unplanned manner are being caterpillared from one day to another in order to erect new buldings, often leaving tens of thousands homeless. Maps make such quarters visible, they proof their existence and allow to ask questions when they are gone. Kibera, attached to Nairobi, Kenia, is a blank spot on the map, despite being Africa’s largest slum. The Map Kibera Project uses OpenStreetMap, volunteers from around the world and young locals trained in small internet cafés to change that. It is a wonderful example of how collective intelligence and bottom-up online collaboration can change the world on very concrete levels.
Wie Facebook das Web übernehmen will
April 26, 2010Dieser Kommentar von mir erscheint im nächsten Update-Magazin für Online-Marketing.
Als der 25jährige Mark Zuckerberg letzte Woche bei der Facebook-Developer-Konferenz auf die Bühne trat, in Jeans, Kapuzenpulli und Turnschuhen, kam er gleich zur Sache: Er kündigte neue Funktionen an, die uns alle betreffen könnten und einigen Kopfzerbrechen bereiten werden.
Einfach und mächtig ist etwa der neue Like-Button: Aufwandslos zu implementieren und für jeden Webanbieter aufgrund des zu erwartenden Traffics verlockend, kann er das Web nachhaltig verändern. Denn wenn einem Besucher ein Artikel Ihrer Site „gefällt“, wird das in seinen Nachrichtenstrom publiziert – was Ihnen neue Besucher bringt. Zusätzlich erhalten Sie Zugang zu reichen demografischen Auswertungen über die User, die Ihre Inhalte mögen und empfehlen.
Gleichzeitig „zerlegt“ Facebook mit neuen Schnittstellen, die jedem Websitebetreiber bessere und einfachere Tools der Totalintegration bieten, die Inhalte in ihre semantischen Bestandteile und verlinkt sie dauerhaft mit seinen Userprofilen.
Mit all dem wird Facebook über kurz oder lang nicht nur genauer als Twitter sagen können, welche Themen gerade „heiß“ sind, Facebook wird auch sehr viel mehr über Ihre User wissen als Sie – und vielleicht langfristig mehr über das Web als selbst Big Google.
Während die neuen Funktionen die Schwelle für Interaktion mit Ihrer Site extrem senken und Ihnen Zugriff auf die Freunde Ihrer User bieten, will Facebook so dem ganzen Web Aufmerksamkeit, demografische Daten und Werbebudgets entziehen.
Bislang waren Hyperlinks die Architektur des Webs: Suchmaschinen etwa bauen im wesentlichen darauf auf, wie Webseiten untereinander verbunden sind. Facebook arbeitet nun daran, die Verbindungen von Inhalten über Personen zu organisieren, und damit Hypertext als wichtigste Organisationsform des Webs abzulösen. Nicht mehr „Was linkt auf X“ sondern „Wer linkt auf X – und wie steht der zu mir“.
Der Ansatz ist nicht neu – im Grunde genommen entspricht er einer Vereinfachung des Semantischen Webs, das als Konzept so alt ist wie das Web selbst. Doch Facebook, bald eine halbe Milliarde aktiver Nutzer schwer, bringt den nötigen Hebel mit, um das auch auf die Straße zu bringen. Kleiner Schönheitsfehler: Ohne Konto beim Monopolisten geht: Nichts.
PS. Es mag widersprüchlich scheinen, wenn ich selbst bei Projekten wie Bikemap.net und Wlanmap.com voll auf Facebook Connect setze oder über diesem Artikel der Like-Button prangt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Genau das macht diesen Facebook-Move ja so gefährlich: Die Funktionen sind echt nützlich.
Internet-Offensive: Nach 708 Tagen viel heiße Luft
February 9, 2010
Im März 2008 präsentierte unsere Bundesregierung die “Österreichische Internet-Offensive”, einen “nationalen Schulterschluss” um uns “unter den führenden IKT-Nationen zu positionieren”. Artig posierten die Internetausdrucker mit dem Proto-Symbol ihres Offline-Seins, dem USB-Stick.
Bis Herbst 2008 wollte man das Abschlussdokument präsentieren – heute, im Frühjahr 2010, ist es so weit. Gut Ding braucht Weile:
In einem einzigartigen Schulterschluss haben 400 ExpertInnen, rund 170 Unternehmen und Organisationen sowie mehr als 35 Vorstände und Geschäftsführer führender Unternehmen an der Deklaration mitgearbeitet. Zahlreiche Maßnahmenvorschläge wurden eingereicht und in den Arbeitskreisen diskutiert, priorisiert und bewertet. (Quelle)
Na bumm, da 400 Experten zwei Jahre lang nachgedacht, das muss ein Meisterwerk sein. Aus diesem geht hervor, dass die Maßnahmen “bis 4. Juli 2008″ erarbeitet wurden. Ich halte fest: Bald zwei Jahre alte Maßnahmen sollen uns jetzt an die Weltspitze katapultieren.
Die “konkreten” Maßnahmen (Liste, Details) sind zum Teil schwammig-unkonkret, zum Teil von Selbstüberschätzung und Realitätsferne getragen (“Qualitätsrichtlinien für Websites herausgeben”) und zum Teil unfreiwillig lustig (“Gesundheit: Werbeverkaufsfahrt für Internet zu den Vereinen und zu den Organisationen, in der die Zielgruppen verkehren”).
Es gibt aber auch ein paar vielversprechende, z.T. sogar konkrete Maßnahmen:
- Jede Schulklasse und jeder Raum einer Bildungseinrichtung soll über einen Beamer, Internetzugang über WLAN und einige PCs verfügen.
- Pflichtgegenstand „e-Didaktik“/„e-Pädagogik“ in der Lehrerausbildung einführen
- Zeitgemäße Medienkompetenz lehren/Unterrichtsgegenstand „Medien“
- Zentrales Gesundheits-Zugangsportal für Bürger (Achtung: Datenschutz!)
- Offener, freier Zugang zu digitalisierten Kulturgütern mit Option zur weiteren Verwertung von Services
- Teil der Rundfunkgebühren für Netzkultur und neue Medien verwenden
- Abstellen auf individuelle Lizenzmodelle für neue Medien und neue Nutzergruppen (semiprofessionelle Anwender, Bildungsbereich) (Ob die schon mal von Creative Commons gehört haben..?)
- Ergebnisse von öffentlich geförderten Projekten als Open-Access-Dokumente veröffentlichen
Vor allem im Bildungsbereich stehen da viele sinnvolle Dinge drin. Andere Bereiche bleiben unklar: Zur Verbesserung der Breitbandversorgung ist nur Nebensächliches wie Informationskampagnen, verbilligte Sozialpakete und Internet-Terminals in Büchereien zu finden. Der einzige Hinweis auf Open Data findet sich in einem wenig konkreten Halbsatz à la “Zugang zu nicht genützten öffentlichen Inhalten”. Und so weiter.
Wie das formulierte Ziel, Österreich “in den nächsten fünf Jahren unter die Top Drei des Network Readiness Index (World Economic Forum) in Europa zu bringen”, erreicht werden soll, bleibt ebenso schleierhaft wie warum das zwei Jahre gedauert hat. Jetzt soll auch noch ein “Kompetenzzentrum Internetgesellschaft” gegründet werden. Ich befürchte, das produziert auch heiße Luft. Das heißt – in zwei Jahren dann.
(Danke an Hans-Peter Lehofer für den Hinweis.)
Warum das Apple iPad ein Megaseller wird
January 28, 2010
Das neue iPad hat:
- Kein Multitasking
- Keinen Flash-Support
- Keine eingebaute Kamera
- Keine Funktion als externe Festplatte
- Kein normales OSX
- Keine Möglichkeit, normale Mac-Programme zu installieren
- Keinen SIM-Karten-Slot, nur Micro-SIM (die man von kaum einem Netzbetreiber kriegt)
- Keinen USB-Anschluss
Das iPhone hatte das meiste davon auch nicht, konnte nicht mal Copy&Paste, und hat sich Millionen Mal verkauft. Ich hab selber eins. Das iPad wird also eindeutig ein Megaseller.
Was wurde eigentlich aus Openstreetmap Ouagadougou?
January 27, 2010Oder: Ab dieser Woche wird vor Ort gemapped!

Vor 15 Monaten habe ich hier dazu aufgerufen, mitzuhelfen, die Millionenstadt Ouagadougou auf Openstreetmap zu kartografieren – und viele machten mit. Durch die schnellen Erfolge und das Feedback (unter anderem von Zeit Online und den ORF-Nachrichten) motiviert, haben wir uns vorgenommen, daraus druckfähige PDFs zu machen, die wir lokalen Druckereien zur Verfügung stellen, mit denen diese dann in Form von Faltplänen Geld verdienen können. Denn immer noch gibt es kein brauchbares Kartenmaterial dieser Stadt zu kaufen. Doch der aktuelle Status ist zwar großartig, aber es fehlen noch viele Straßennamen und andere Details.
Das wird sich jetzt ändern: Meine Kollegen von Laafi werden die diese Woche beginnende Projektreise 2010 – ich bleibe in der Kälte:-( – dazu nutzen, das Stadtzentrum zu komplettieren. Über Wallking Papers habe ich solche PDFs erstellt, auf der die Gruppe handschriftliche Notizen machen kann, die anschließend eingebaut werden. Obige Übersichtskarte zeigt, welche Zone wir uns zur Fertigstellung vorgenommen haben.
Der nächste Schritt danach ist, druckfähige und schöne PDFs zu erstellen. Kennt sich jemand gut mit Mapnik aus und kann uns beim Rendern (und v.a. beim grafischen Gestalten der Karte und ihrer Elemente) helfen? Vielleicht können wir ja auch die Rendering-Definitionen von Map Kibera nutzen – einem ähnlichen Projekt für einen Teil von Nairobi. Ist jemand von euch in diesen Dingen fit?
Wer’s bis hier geschafft hat, darf mit Moped fahren gehen – très cool!
Rezept gegen abfällige Kommentare in Online-Zeitungen
January 12, 2010
Da wollte ich meine g’scheite Liste an Maßnahmen zur Hebung der Qualität von Leser-Diskussionen in Online-Zeitungen posten, habe es dann aber bei der Einleitung belassen und das ganze als Frage an meine Leser formuliert: Sind abfällige Kommentare Naturgesetz?
Das hab ich davon – alle meine cleveren Ideen sind jetzt dabei (vor allem von Luca Hammer) genannt worden. Jetzt wird mir keiner glauben, dass ich selber drauf gekommen bin..
Womit auch schon ein Grund identifiziert wäre, warum das so schwierig ist mit dem Diskurs in Online-Medien: Journalisten wollen nicht Fragen stellen, sie wollen clever wirken. (Blogger eh auch, nur wurden wir halt von Anfang an in der Kommentarkultur sozialisiert.)
Worum geht’s?
Es sind meines Erachtens vier Faktoren, die das Niveau der Diskussionen auf einer Plattform bestimmen:
- Wie wichtig ist Reputation und Identität eines Kommentierenden?
- Wie wird moderiert?
- Wie aktiv sind die Mitarbeiter der Redaktion – insbesondere der Autor eines Artikels – in den Diskussionen?
- Welchen Effekt erzielen Trolle und Kampfposter?
1. Identität und Reputation
Aber zuerst zur Theorie. Wenn die Betreiber eines Online-Forums höfliche und inhaltlich differenzierte Beiträge erreichen möchten, müssen sie sich mit den beiden Motiven auseinander setzten, die User dazu bewegen, sich kooperativ zu verhalten:
- Die Erwartung, selbst von der Kooperation anderer zu profitieren (“Anticipated reciprocity”)
- Die eigene Reputation
(Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Menschen wie Peter Kollock und Howard Rheingold, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt haben. Mehr zb. hier.)
Die Erwartung, selbst von der Kooperation anderer zu profitieren, ist hier ein eher zu vernachlässigender Faktor, das trifft mehr auf Support-Foren zu. (Wobei sich die Teilnehmer eines gut laufenden Forums einer Online-Zeitung auch Hilfestellung bieten, sei es bei Quellentipps oder bei Artikeln wie “Launch von Windows 7″, die zu Support-Foren werden.) Sehr viel wichtiger ist das Thema “Reputation“. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt funktionierender Partizipation in Online-Medien.
Die Voraussetzung für den Aufbau von Reputation ist Identität. Je stärker die Identität eines Benutzers mit seinem Verhalten in der Vergangenheit verknüpft ist, desto mehr kann auf Reputation gebaut werden. Die Soziologie nennt das “Record of previous behaviour” (Axelrod, 1984).
2. Aufbau von Identität
Zum Aufbau von Identität fallen mir drei Maßnahmen ein:
- Die stärkste Bindung der Identität eines Users an seine vergangenen (und zukünftigen) Handlungen ist sein echter Name, idealerweise mit einem Foto. (Gilt besonders für Lokalmedien!) Das verbindet online Geschriebenes mit dem sozialen Umfeld des Users. Echtnamen sind nicht unbedingt notwendig, aber es empfiehlt sich, ihre Verwendung durch Vorbildwirkung und durch einfache technische Maßnahmen wie eine Facebook-Connect-Integration zu fördern. Selbst das Wording des Registrierungsformulars spielt eine Rolle. (Echtnamen sind übrigens einer der Erfolgsfaktoren von Facebook und Xing.)
- Die zweitstärkste Bindung zwischen Identität und Vergangenheit ist die Verlinkung mit der Online-Identität des Users, also konkret zb. die Verlinkung des Benutzernamens mit einer Facebook- oder Twitter-Identität oder mit einer Weblog-URL. Weblogs funktionieren so.
- Und drittens ist es ratsam, das vergangene Verhalten eines Benutzers (besonders sein positives) thread-übergreifend sichtbar zu machen. Das kann (abgesehen von Reputationssystemen, siehe unten) recht einfach über eine Beitragsübersicht zu jedem User erreicht werden.
3. Verhaltensregeln und automatisierte Erhebung ihrer Einhaltung
Ein Reputationssystem muss in der Folge dafür sorgen, dass gute Inhalte implizit belohnt und schlechte bestraft werden. Dazu muss erst festgehalten werden, was “gut” ist. Das sollte in einer Kommentar-Policy, quasi einem “Ehrenkodex”, festgeschrieben und prominent von jedem Kommentarformular aus verlinkt werden. (In Urzeiten des Internets nannte man das Netiquette.) Ein gutes Beispiel ist die Comment-Policy der Huffington Post, laut der zb. selbst sachliche Kommentare verpönt sind, wenn sie off-topic sind. Reputationssystem bedeutet, über die Bewertung von Beiträgen durch andere Benutzer und/oder Moderatoren (auf Basis der publizierten Policy!) einen Wert (oft “Karma”) für jeden User zu berechnen. Diesen kann man beispielsweise dazu nutzen, um zu unterscheiden, wessen Beiträge vormoderiert werden müssen und wessen nicht, um besonders verdiente Mitglieder der Community zu kennzeichnen (à la “Verkäufer mit Top-Bewertung” bei Ebay) oder um anderen Benutzern die Möglichkeit zu geben, Beiträge von Autoren unter einem gewissen Karma-Schwellwert gar nicht erst anzuzeigen (wie Slashdot das macht). Fortgeschrittene Reputationssysteme berücksichtigen auch den Karma-Wert des bewertenden Benutzers, von dem abhängt, welcher Wert an den zu bewerteten vererbt wird. (Auch Googles PageRank funktioniert so.)

Keinesfalls sollte man negative Werte visualisieren, wie das zb. DerStandard.at macht (siehe Screenshot). Damit belohnt man Trolle, absolut kontraproduktiv. Die goldene Frage bei Reputationssystemen ist, wie man Feedback einholt. Hier ist oft der Wortlaut entscheidend. Ein “Thumbs up” à la Amazon oder ein “Gefällt mir” à la Facebook führt bei Nachrichtenmedien zur ideologischen Selektion, das hat nichts mit der Kommentar-Policy zu tun. Besser wäre irgendetwas im Sinne von “(Un-) Sachlich enstprechend der Kommentar-Policy“.
4. Reputation durch Autorität
Eine zweite Methode zur Etablierung von Reputation ist Autorität, die unabhängig von der Bewertung der Inhalte über das Vertrauen zwischen Benutzern ermittelt werden kann. Die Huffington Post hat dafür die Möglichkeit geschaffen, “Fan” eines anderen Benutzers zu werden (siehe Screenshot). Bei Twitter leitet sich Autorität aus den Follower-Zahlen ab (bei aller Beeinflussbarkeit). Diesen Wert kann man auch in die Karma-Bewertung einfließen lassen, vor allem aber sollte man ihn visualisieren. Benutzer mit hoher (sichtbarer) Autorität überlegen sich zweimal, ob sie die Grenzen der Gepflogenheiten überschreiten. Benutzer mit wenig Autorität hingegen werden weniger ernst genommen und schaffen es daher weniger leicht, zu provozieren. Umgekehrt kann eine Blockfunktion, mit der eingeloggte Benutzer andere Benutzer pauschal ausblenden, dazu führen, dass Trolle ins Leere laufen und vor allem für die Moderatoren viel leichter (und objektiver) identifizierbar sind.

5. Moderation von Inhalten
Viele Online-Medien investieren nicht unwesentliche Summen in Schwärme von Praktikanten, die den ganzen Tag Kommentare moderieren. Meines Erachtens in diesem Umfang nicht nur Geldverschwendung sondern auch ein Hemmnis für eine gepflegte Unterhaltung: Wenn der eigene Kommentar nicht nur verspätetet sondern auch an gänzlich anderer Stelle erscheint, als gedacht, zerfranst die Diskussion, wird unübersichtlich. Ist erst mal ein solides Reputationssystem etabliert, ist Pre-Moderation bei etablierten Benutzern (die meist die Mehrheit der Inhalte beisteuern) nicht mehr nötig. Hier reicht eine Meldestelle (“Inhalt melden”, siehe Screenshot der Huffpost), mit der andere Benutzer auf grobe Verstöße aufmerksam machen können, sowie eine aktive Beteiligung des Autors an der Diskussion (siehe unten). Pre-Moderation ist dann nur noch für neue Benutzer sowie solche mit schlechtem “Karma” nötig. Im Online-Standard gehen pro Wochentag 13.000 Kommentare ein. Viele davon müssen – trotz “Foromat” – moderiert werden – das birgt also enorme Einsparungspotentiale.
6. Partizipation des Autors
Vielleicht das Wichtigste, weil es keine technischen Fragen sondern die Frage des journalistischen Grundverständnisses betrifft: Die Autoren von Artikeln sind in den meisten Online-Medien kaum bis gar nicht präsent. Doch wie Menschen, die sich in Bahnhofshallen eben noch lauthals daneben benahmen kurz darauf in deinem Wohnzimmer höflich und zurückhaltend sind, so verhält es sich auch im Web: Im öffentlichen Raum eines Online-Forums verhalten sich Menschen instinktiv anders als zb. im persönlichen Raum dieses Weblogs. So auch in Online-Zeitungen: Sobald die Autoren sichtbar sind – mit Name, Foto, “Autorität” (zb. Fans) und gerne visuell hervorgehoben (siehe Screenshot der Huffpost) – und auf Augenhöhe selbst mitdiskutieren bzw. zumindest Fragen beantworten, wird der Ton merklich zurückhaltender. Luca nennt das die Partizipation des Autors. Noch stärker wird die Präsenz des Autors, wenn der Text selbst auch Fragen aufwirft und offen lässt, und die Diskussion darunter nicht auf den Streit reduziert wird, ob die eine im Artikel erwähnte Partei recht hat oder die andere. Siehe den Artikel, auf dem dieser basiert, als Beispiel.
7. Umgang mit Trollen
Zuletzt noch zu den Trollen, also denjenigen, die nur um der Diskussion willen diskutieren, und entsprechend bei jeder Gelegenheit provozieren wollen. Hier hilft die Richtlinie der Kommentar-Policy (die jeder kennen muss!) sowie als Ventil die Möglichkeit, jemand mieses “Karma” zu verpassen, jemand zu blockieren oder in groben Fällen gar zu melden. Nichts von dem bekommt der Troll mit, die Motivation fällt also weg. Im Notfall greift ein Moderator oder ein User mit hoher Autorität ein und erinnert die vom Troll Provozierten an die alte (in der Policy unbedingt aufzuführende) Regel “Trolle bitte nicht füttern” (also ignorieren).
Wenn man zudem Postings unter einem gewissen Karma-Schwellwert (siehe oben) ausblendet (einblendbar, also keine Zensur), werden Troll-Posting überhaupt erst nur von wenigen Leuten gesehen.
Post Scriptum
Anita Zielina von DerStandard.at schreibt in einem Kommentar:
Viele – sicher gut gemeinte – Ideen zur Kommunikation mit den Usern etc lassen sich wahrscheinlich hervorragend auf einem Blog mit ein paar hundert Postern/Postings und ein paar Artikeln pro Tag umsetzen. Allerdings ist das bei einer Onlinezeitung schon noch mal etwas anderes. Ich gebe zu bedenken dass etwa bei derStandard.at täglich (!) rund 13.000 Postings eingehen und hunderte Artikel publiziert werden.
Liebe Anita, ich gebe zu bedenken: Wenn Google es schafft, auf ihren Ergebnisseiten, die sich aus 21 Miliarden Webseiten zusammensetzen, für Qualität zu sorgen, dann sollte das der Standard mit seinen 13.000 Postings pro Tag auch schaffen.
Ein herzliches Danke für die vielen Inputs in den Kommentaren zu meiner ursprünglichen Frage an Luca Hammer, Thomas R. Koll, Markus Widmer, Philipp Sonderegger, Walter Krivanek und all den anderen!
Illustration: Weblogcartoons.com
Playpumps: Too good to be true – ein offener Brief
August 20, 2009
Photo: (cc) by mediamolecule
Sehr geehrte Frau Möllmann,
entsprechend meiner Email Blogability Policy erlaube ich mir, Ihnen öffentlich zu antworten:
Hinter dem Brunnensystem von Playpumps steht ein kommerzielles Unternehmen, die Technologie selbst ist patentiert und darf daher nicht nachgebaut werden. Wäre hier tatsächlich der Wunsch vorrangig, “die Lebenssituation in Afrika zu verbessern”, wie Sie schreiben, dann wären die Playpumps-Pläne als Open-Source-Technologie bzw. unter Creative Commons freigegeben und veröffentlicht. Geld verdienen kann man damit immer noch, nur eben ohne Monopol.
So wurden aber erst 1200 Playpumps-Brunnen in sehr wenigen Ländern installiert, obwohl die Organisation von Schwergewichten wie der CASE Foundation oder Laura Bush unterstützt wird. Geben Sie der Allgemeinheit die Pläne, dann werden solche Brunnen in ganz Afrika entstehen. Dann werden wir die ersten sein, die in Burkina Faso einen Playpump-Brunnen finanzieren!
Ich habe Verständnis, wenn Patentschutz dafür sorgt, Jahrzehnte dauernde Entwicklungskosten beispielsweise neuer Medikamenten wieder hereinzuspielen. Hier wird jedoch die Verbreitung einer zwar guten, aber simplen (und damit billigen) Idee verhindert.
Mit freundlichen Grüßen,
Helge Fahrnberger
Sehr geehrter Herr Fahrnberger,
um die Lebenssituation in Afrika zu verbessern ist vor allem eines nötig: Wasser. Die Aktion „Wasser sammeln!“ unterstützt die gemeinnützige Organisation PlayPumps dabei, eine flächendeckende Versorgung von sauberem Wasser in Afrika herzustellen. Sie können dabei helfen – und zwar vollkommen kostenlos!
Mit Ihrer Hilfe fließen monatlich 300 Liter Wasser in Afrika. Dies wird ermöglicht durch die innovative Funktionsweise von PlayPumps. Während auf einem Karussell Kinder spielen, wird Wasser aus dem Untergrund in einen 2,500 Liter Behälter gepumpt. Durch diese Funktionsweise ist das System nicht nur äußert effizient und nachhaltig sondern bringt zusätzlich noch Spaß bei dem Betrieb der Pumpe.
Um zu helfen, besuchen Sie einfach die Website http://www.tamundo.de/wassersammeln.html
Wir hoffen, dass Sie sich für dieses Konzept begeistern können und würden uns sehr über Ihre Teilnahme bei diesem Projekt freuen.
Mit freundlichen Grüßen,
Juliane Möllmann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tamundo GmbH
Hier gibt’s ein Nokia N97 zu gewinnen
July 20, 2009Update: Die Gewinner.

Nokia macht derzeit eine Blogger-Aktion rund um das nagelneue N97, und hat mir und ein paar anderen Bloggern ein Testgerät zur Verfügung gestellt. Hier wird es also bald einen N97-Testbericht (remember: G1) geben – mal schauen, ob es das Zeug zum Iphone-Killer hat. (Disclaimer: Ich muss es nicht zurück geben.)
Ein zweites Gerät darf ich verlosen. Gemeinsam mit den anderen Bloggern (Meral, Ritchie, Luca und Helmut) gibt es fünf Stück zu gewinnen. Die Geräte sind entsperrt, dh. mit jeder Simkarte verwendbar.
Wir wollen die Handys jemandem geben, der sie testet und danach auch darüber schreibt, darum haben wir uns diese Regeln ausgedacht:
- Berichte über diese Verlosung per Blog, Twitter o.ä. Schreib dazu, warum du das N97 testen willst.
- Verlinke (wenn möglich) in deinen Beitrag unsere fünf Gewinnspiel-Beiträge (Meral, Ritchie, Luca, Helge und Helmut) und poste den Link zu deinem Beitrag hier als Kommentar. Tweets mit Hashtag #n97at zählen ebenso.
- Für ein Blogpost erhältst du 10 Lose, für deine Tweets je 5 Lose, ein Kommentar zu deinem Blogartikel oder ein Retweet bringen dir jeweils ein zusätzliches Los. Je mehr Lose du anhäufst, umso größer die Gewinnchance – die fünf Gewinner werden aus allen Losen im Zufallsverfahren gezogen.
- Das Gewinnspiel endet am 30. Juli 2009, 14:00, danach erfolgt die Ziehung und die Gewinner werden verständigt.
Extrabonus: Einige von uns (ich nicht..;-) werden auf Twitter (Accounts: Digitalks, Luca, datadirt, muesli, mobilitylounge) einige Quiz-Fragen verschicken. Wer eine Frage am schnellsten richtig beantwortet, erhält jeweils ein Zusatzlos.
Die genauen Teilnahmebedingungen stehen bei Ritchie, der sich die auch ausgeheckt hat.



