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Meine Kolumne im aktuellen UPDATE-Magazin. Und ja, ich genier’ mich eh, dass meine Blogbeiträge hier auf der Startseite fast nur noch aus zweitverwerteten Zeitungsartikeln bestehen. Aber nebenan im Sideblog gibt’s ab und zu was zu lesen und auf Kobuk sowieso.

Manche Unternehmen überlegen, auf einen Internetauftritt zu verzichten und statt dessen voll auf Facebook zu setzen. Selbst das Männermagazin FHM hat seine Website stillgelegt und leitet alle Besucher auf die eigene Facebook-Page um. Sollten Ihre Onlinebudgets 2011 eine ähnliche Schlagseite zugunsten eines einzelnen Anbieters aufweisen, wird Sie diese Anekdote interessieren:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Wien Tourismus und betreiben eine Facebook-Page mit ein paar tausend Fans, doch die ist eines Morgens auf 145.000 angewachsen. So geschehen Anfang November, als man sich bei Facebook entschied, die von einer Privatperson geführte Seite „Wien“ mit 128.000 Fans zu löschen und die Fans ungefragt auf die Seite des Tourismusverbandes zu verschieben. Ähnliches geschah mit den 17.000 Fans der Seite „Innsbruck“. Ob davor jemand eine „Beschwerde über Verletzung geistigen Eigentums“ abgegeben hat, ist nicht bekannt.

Natürlich verstießen die Gründer der Stadtseiten gegen Facebook-Regeln, die die Pages-Funktion für Unternehmen vorbehalten – doch wurde die Nutzung für „ideelle“ Zwecke weitgehend geduldet. So hat die privat betriebene Seite „I Love Sleep“ beeindruckende 4 Mio. Fans.

Schön für die Tourismusverbände, mussten die doch bis dahin wie jedes Unternehmen um einen Euro pro Fan in den Reichenweitenaufbau investieren. Das Nachsehen haben in diesem Fall die User. Rechtsanwalt Dr. Ulbricht befasste sich auf Rechtzweinull.de mit dem Fall Innsbruck und hält die Übertragung von Fans und deren Inhalten für „eindeutig rechtswidrig“. Doch durch Facebooks Firmensitz in den USA dürften rechtliche Schritte wenig aussichtsreich sein.

Das Beispiel zeigt, wie groß das betriebswirtschaftlichen Risiko von Investitionen in Facebook-Pages und -Applikationen ist. Immer wieder ändert Facebook einseitig Rahmenbedingungen – wie beispielsweise das Ende der Profil-Features für Facebook-Applikationen – was zu unerwarteten Nachteilen oder Folgekosten führen kann. Das sollte man bedenken, auch wenn man an Facebook als – neben Google – trafficstärkste Website des Landes in keinem Marketingplan vorbeikommen wird.

Foto: (cc) Leo Reynolds


Dieser Song (via Armin Wolf) hat auf Youtube nicht nur 370.000 Views erreicht, sondern dort auch jede Menge Nachahmer:

Wer auch immer über zukünftige Versionen unseres Urheberrechts entscheidet, möge sich genau überlegen, ob diese Art von Kreativität legitim und erwünscht ist oder illegal bleiben soll.

(Das ist es hierzulande nämlich, in diesem Fall mangels Fair Use.)

Der Song stammt übrigens von Lulu and the Lampshades.

(Lulu and the Lampshades sind auch die beiden Mädels vom ersten Video.)

Die Sache mit den Bechern dürfte allerdings vom alten Cups Game kommen.

Was wieder ein Beispiel für den kulturellen Transfer ist, mit dem unser Urheberrecht nichts anzufangen weiß.

Außer ihn einzufangen. Profitträchtig.


Ich muss zugeben, jetzt bin ich ein klein wenig stolz. Ich war dieses Jahr im Advisory Board des Prix Ars Electronica für die Kategorie Digital Communities und habe unter anderen das Projekt Map Kibera nominiert (siehe hier).

Und Map Kibera hat… Trommelwirbel.. einen Award of Distinction gewonnen! (Übrigens gemeinsam mit #unibrennt.) Das ist quasi die Silbermedaille. Der Hauptpreis, die Goldene Nica, geht an den Chaos Computer Club.

aec

Herzliche Gratulation an Mikel Maron und alle Mapper!

Das war mein Nominierungstext:

Map Kibera (http://mapkibera.org): Maps are highly political, especially in developing countries. It is not uncommon in African cities that quarters grown in an unplanned manner are being caterpillared from one day to another in order to erect new buldings, often leaving tens of thousands homeless. Maps make such quarters visible, they proof their existence and allow to ask questions when they are gone. Kibera, attached to Nairobi, Kenia, is a blank spot on the map, despite being Africa’s largest slum. The Map Kibera Project uses OpenStreetMap, volunteers from around the world and young locals trained in small internet cafés to change that. It is a wonderful example of how collective intelligence and bottom-up online collaboration can change the world on very concrete levels.


Dieser Kommentar von mir erscheint im nächsten Update-Magazin für Online-Marketing.

Als der 25jährige Mark Zuckerberg letzte Woche bei der Facebook-Developer-Konferenz auf die Bühne trat, in Jeans, Kapuzenpulli und Turnschuhen, kam er gleich zur Sache: Er kündigte neue Funktionen an, die uns alle betreffen könnten und einigen Kopfzerbrechen bereiten werden.

open-graphEinfach und mächtig ist etwa der neue Like-Button: Aufwandslos zu implementieren und für jeden Webanbieter aufgrund des zu erwartenden Traffics verlockend, kann er das Web nachhaltig verändern. Denn wenn einem Besucher ein Artikel Ihrer Site „gefällt“, wird das in seinen Nachrichtenstrom publiziert – was Ihnen neue Besucher bringt. Zusätzlich erhalten Sie Zugang zu reichen demografischen Auswertungen über die User, die Ihre Inhalte mögen und empfehlen.

Gleichzeitig „zerlegt“ Facebook mit neuen Schnittstellen, die jedem Websitebetreiber bessere und einfachere Tools der Totalintegration bieten, die Inhalte in ihre semantischen Bestandteile und verlinkt sie dauerhaft mit seinen Userprofilen.

Mit all dem wird Facebook über kurz oder lang nicht nur genauer als Twitter sagen können, welche Themen gerade „heiß“ sind, Facebook wird auch sehr viel mehr über Ihre User wissen als Sie – und vielleicht langfristig mehr über das Web als selbst Big Google.

Während die neuen Funktionen die Schwelle für Interaktion mit Ihrer Site extrem senken und Ihnen Zugriff auf die Freunde Ihrer User bieten, will Facebook so dem ganzen Web Aufmerksamkeit, demografische Daten und Werbebudgets entziehen.

Bislang waren Hyperlinks die Architektur des Webs: Suchmaschinen etwa bauen im wesentlichen darauf auf, wie Webseiten untereinander verbunden sind. Facebook arbeitet nun daran, die Verbindungen von Inhalten über Personen zu organisieren, und damit Hypertext als wichtigste Organisationsform des Webs abzulösen. Nicht mehr „Was linkt auf X“ sondern „Wer linkt auf X – und wie steht der zu mir“.

Der Ansatz ist nicht neu – im Grunde genommen entspricht er einer Vereinfachung des Semantischen Webs, das als Konzept so alt ist wie das Web selbst. Doch Facebook, bald eine halbe Milliarde aktiver Nutzer schwer, bringt den nötigen Hebel mit, um das auch auf die Straße zu bringen. Kleiner Schönheitsfehler: Ohne Konto beim Monopolisten geht: Nichts.

PS. Es mag widersprüchlich scheinen, wenn ich selbst bei Projekten wie Bikemap.net und Wlanmap.com voll auf Facebook Connect setze oder über diesem Artikel der Like-Button prangt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Genau das macht diesen Facebook-Move ja so gefährlich: Die Funktionen sind echt nützlich.


Und wenn ich gerade dabei bin, hier die Top 10 Corporate Twitter-User des Landes (Firmen und NGOs), ebenfalls nach Geralds Erhebungsmethode:

 Weltweit   Österreich   Anteil   Gesamtrang 
1. Checkfelix 5.771 731 13% 28.
2. Knallgrau 3.124 650 21% 35.
3. Greenpeace 1.406 641 46% 37.
4. Reporter Ohne Grenzen 4.116 635 15% 38.
5. Attac 1.904 630 33% 40.
6. Digitalks 929 588 63% 46.
7. Österreich Werbung 2.654 585 22% 48.
8. Ärzte ohne Grenzen 2.587 491 19% 64.
9. BOB 1.131 463 41% 69.
10. Amadeus Awards 706 439 62% 77.

 

Es war ein bisschen schwierig “Corporate Accounts” abzugrenzen – ich habe mich letzten Endes für Unternehmen und NGOs (und gegen Parteien und Medien) entschieden. Interessant ist, dass m.W. drei dieser Accounts von ein und demselben Berater betrieben werden. Er dürfte seine Sache augenscheinlich recht gut machen. (Er möge sich eingeladen fühlen, sich in den Kommentaren zu outen und ein bisschen aus der Schule zu plaudern!)

Checkfelix und Knallgrau haben meines Erachtens recht verdient die ersten Plätze ergattert – beide Accounts werden authentisch und nützlich und von echten, angreifbaren Personen wie Heinz bei Checkfelix oder gleich vier aus dem Knallgrau-Führungsteam geführt. Der Österreich Werbung stünde eigentlich Platz 3 zu, denn wie die ersten beiden richtet sich diese ja bewusst auch an ausländische Zielgruppen – dementsprechend sind die 2.600 Follower doch recht beachtlich.

Wie sinnlos das pure Followersammeln ist, zeigt der Account des Mobilfunkdiscounters BOB (bzw seiner Promotionplattform BOBtivist). Nur 41% der Follower sind aus Österreich – ein Streuverlust von über der Hälfte. Gut, ein recht billiger Streuverlust. Wie’s man nicht twittert, zeigt der Verband der Musikindustrie mit dem Amadeus-Awards-Account. Inaktiv seit letztem Jahr, davor eher nur öde Broadcast-Tweets.


Falls es wer noch nicht gesehen hat: Gerald Bäck (der eben mit Judith Denkmayr die Agentur Digital Affairs gegründet hat) hat sich eine Methode überlegt, um den Einfluss von Twitter-Usern zu ermitteln, ohne durch die vielen Spamaccounts (meist außerhalb Österreichs beheimatet) ein verfälschtes Ergebnis zu bekommen. Er hat dafür einfach alle außerhalb des Landes lokalisierten Follower ausgeklammert und nur die österreichischen Followerzahlen gewertet.

Rausgekommen ist eine Rangliste, die auschließlich über den Einfluss hierzulande Auskunft gibt:

 Weltweit   Österreich   Anteil   Twittercharts.at 
1. Armin Wolf 11.373 5.203 46% 13.
2. Robert Misik 3.729 1.690 45% 39.
3. Martin Blumenau 2.629 1.478 56% 54.
4. Corinna Milborn 2.150 1.171 54% 67.
5. Georg Holzer 2.273 1.123 49% 62.
6. Helge Fahrnberger 1.771 1.110 63% 82.
7. Gerald Bäck 2.200 1.022 46% 64.
8. Christoph Chorherr 1.588 1.008 63% -
9. Judith Denkmayr 2.416 1.005 42% 60.
10. Dieter Bornemann 1.630 999 61% 87.
Plätze 11 bis 100..

 

Sechs Journalisten, zwei Blogger (Gerald und ich), ein Politiker (C. Chorherr) und eine reine Twitter-Userin (Judith). Kein Society-Gedöns à la Ashton Kutcher oder Britney Spears (die weltweit vorne liegen), aber auch keine Künstler, Regierungsmitglieder oder Sportler, die in den USA ebenfalls stark vertreten sind.

Kaum jemand von uns liegt übrigens in den (spamverseuchten) Twittercharts.at auch nur in den Top 50. Abgesehen davon dass ich mich natürlich über den 6. und ersten Nicht-Journalisten-Platz freue, überrascht mich, wie weit ich vorne liege. Meine gefühlte Reichweite (Retweets, Replies) ist doch eher gering, außerdem twittere ich selten/unregelmäßig, was auch nicht zu “Einfluss” führt. Prognose: In einem Jahr spielen wir normale Twitterati nicht mehr in der selben Liga wie die Celebrities. Von denen es auch weit mehr geben wird.

Spannend fände ich eine Weiterentwicklung des Algorithmus in Richtung einer Berücksichtigung der Reichweite eines Followers. Also eine gewichtete Zählung, à la PageRank. Das würde den Rechenaufwand allerdings vervielfachen, da eine solche Formel ja rekursiv wäre und sich die Werte erst nach einigen Iterationen stabilisieren würden.

Georg Holzer hat auf Digirati ein hörenswertes Interview mit Gerald zu diesem Thema geführt, in dem dieser auch verrät, wieviele Twitter-User es in Österreich in etwa gibt.


Ein (bewusst etwas großspuriger) Kommentar von mir, der im aktuellen Update-Magazin erschienen ist:

Vor zehn Jahren prophezeite man uns intelligente Assistenten, die das Netz nach für uns Interessantem durchforsten. Zeitungen würden obsolet, und auch die Startseiten unserer liebsten Online-Zeitungen müssten wir nicht mehr ansurfen – die Inhalte kämen zu uns, perfekt maßgeschneidert.

Während künstliche Intelligenz auf sich warten lässt, ist für mich diese Zeit dennoch längst angebrochen. Die letzten Zeitungsabos habe ich storniert, und auch online haben mich schon lang keine Frontpages mehr zu Gesicht bekommen.

Ein paar hundert Redakteure – zu einem Drittel persönliche Freunde und Kontakte, zu zwei Drittel einfach nur Menschen mit Fachkenntnis (und Humor) – sieben für mich rund um die Uhr das Netz nach Artikeln, Videos, Personen und Produkten, die für mich interessant sein könnten. Ich behaupte: Nichts für mich Wesentliches entgeht mir.

Glauben Sie alles nicht? Versuchen Sie’s doch selbst: Folgen Sie auf Twitter den Menschen, die über Themen schreiben, die für Sie relevant sind, beruflich und privat. Am besten so um die 250 Personen. Die klügsten Köpfe, die Sie finden können.

Jetzt lassen Sie sich von einem Aggregator alle Links, die diese posten, extrahieren und sauber auf einer Seite darstellen – komplett mit Gewichtung nach Häufigkeit der Empfehlung unter „Ihren“ Redakteuren, sowie auf Twitter und in Blogs gesamt. Fertig. Meine Tageszeitung etwa sehen Sie unter rivva.de/social/muesli (@muesli, das bin ich auf Twitter).

Selbst Ihr Facebook-Newsfeed kann diesen Zweck erfüllen – Sie brauchen nur die richtigen Freunde. Die Qualität Ihrer Tageszeitung steht und fällt mit den Menschen, denen Sie folgen. Die Jagd von Facebook, Google und Twitter nach Ihren Freunden ist nichts anderes als die Jagd nach Ihrer Aufmerksamkeit. Es geht um nicht weniger als um die Tageszeitung der Zukunft.

PS. Wie sehr die Frontpage der Zukunft in den Kinderschuhen steckt, zeigt die Tatsache, dass es im deutschen Sprachraum immer noch keine ernsthafte Konkurrenz zum ebenfalls recht kruden Angebot von Rivva zu geben scheint. Was besonders auffällt, wenn Rivva mal ein paar Tage down ist.

PPS. Illustration: Twitter-Userpics von Leuten, denen ich (im Moment) folge, zufällig ausgewählt


Oder: Ab dieser Woche wird vor Ort gemapped!

OSM-Ouaga-Overview

Vor 15 Monaten habe ich hier dazu aufgerufen, mitzuhelfen, die Millionenstadt Ouagadougou auf Openstreetmap zu kartografieren – und viele machten mit. Durch die schnellen Erfolge und das Feedback (unter anderem von Zeit Online und den ORF-Nachrichten) motiviert, haben wir uns vorgenommen, daraus druckfähige PDFs zu machen, die wir lokalen Druckereien zur Verfügung stellen, mit denen diese dann in Form von Faltplänen Geld verdienen können. Denn immer noch gibt es kein brauchbares Kartenmaterial dieser Stadt zu kaufen. Doch der aktuelle Status ist zwar großartig, aber es fehlen noch viele Straßennamen und andere Details.

Das wird sich jetzt ändern: Meine Kollegen von Laafi werden die diese Woche beginnende Projektreise 2010 – ich bleibe in der Kälte:-( – dazu nutzen, das Stadtzentrum zu komplettieren. Über Wallking Papers habe ich solche PDFs erstellt, auf der die Gruppe handschriftliche Notizen machen kann, die anschließend eingebaut werden. Obige Übersichtskarte zeigt, welche Zone wir uns zur Fertigstellung vorgenommen haben.

Der nächste Schritt danach ist, druckfähige und schöne PDFs zu erstellen. Kennt sich jemand gut mit Mapnik aus und kann uns beim Rendern (und v.a. beim grafischen Gestalten der Karte und ihrer Elemente) helfen? Vielleicht können wir ja auch die Rendering-Definitionen von Map Kibera nutzen – einem ähnlichen Projekt für einen Teil von Nairobi. Ist jemand von euch in diesen Dingen fit?

Wer’s bis hier geschafft hat, darf mit Moped fahren gehen – très cool!


aec

Ich brauche eure Hilfe:

Ich wurde eingeladen, als Mitglied des Advisory Boards Projekte für die Kategorie “Digital Communities” des diesjährigen Prix Ars Electronica zu nominieren. Die Kategorie war immer schon meine Lieblingskategorie der Ars, denn ist dort zuhause, wo Spiel und Kunst auf Macht und Politik treffen, wo sich Machtverhältnisse verschieben. Zu den Preisträgern zählen die Wikipedia, die Free Software Foundation, das großartige brasilianische Projekt Overmundo und Wikileaks. (Die von mir konzipierte Plattform Shapeshifters wurde vor zwei jahren auch nominiert, gewann aber nichts.)

Ich möchte schwerpunktmäßig Projekte vorschlagen, die mit Entwicklungszusammenarbeit, Journalismus und/oder Copyleft zu tun haben. Bislang sind mir zwei Projekte eingefallen:

  1. Map Kibera: Die Einwohner von Kibera, Afrikas größtem Slum, erstellen mithilfe der OpenStreetMap gemeinsam die erste Straßenkarte, die jemals von diesem 1 Mio Einwohner zählenden Stadtteil von Nairobi existiert hat. Ähnlich wie OSM Ouagadougou, nur eben unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung.
  2. Das Open Architecture Network: Baupläne und architektonische Konzepte werden unter einer Creative-Commons-Lizenz online verfügbar gemacht und kollaborativ verbessert. Besonders in Katastophenfällen wie derzeit in Haiti kann so ein Maximum an dezentraler Wissensdistribution erreicht werden, um den Betroffenen möglichst schnell Notfalls- und Ersatzquartiere bereitstellen zu können.

Die nominierten Projekte müssen dabei durchaus nicht groß und bekannt sein, die Jury hat in der Vergangenheit auch Projekte gewählt, die erst am Anfang standen. Weitere Ideen? Wen soll ich vorschlagen?

(Foto des Ars Electronica Centers (cc) von Salomao Nunes.)


pointless-argumentsDa wollte ich meine g’scheite Liste an Maßnahmen zur Hebung der Qualität von Leser-Diskussionen in Online-Zeitungen posten, habe es dann aber bei der Einleitung belassen und das ganze als Frage an meine Leser formuliert: Sind abfällige Kommentare Naturgesetz?

Das hab ich davon – alle meine cleveren Ideen sind jetzt dabei (vor allem von Luca Hammer) genannt worden. Jetzt wird mir keiner glauben, dass ich selber drauf gekommen bin..

Womit auch schon ein Grund identifiziert wäre, warum das so schwierig ist mit dem Diskurs in Online-Medien: Journalisten wollen nicht Fragen stellen, sie wollen clever wirken. (Blogger eh auch, nur wurden wir halt von Anfang an in der Kommentarkultur sozialisiert.)
 

Worum geht’s?

Es sind meines Erachtens vier Faktoren, die das Niveau der Diskussionen auf einer Plattform bestimmen:

  1. Wie wichtig ist Reputation und Identität eines Kommentierenden?
  2. Wie wird moderiert?
  3. Wie aktiv sind die Mitarbeiter der Redaktion – insbesondere der Autor eines Artikels – in den Diskussionen?
  4. Welchen Effekt erzielen Trolle und Kampfposter?

 

1. Identität und Reputation

Aber zuerst zur Theorie. Wenn die Betreiber eines Online-Forums höfliche und inhaltlich differenzierte Beiträge erreichen möchten, müssen sie sich mit den beiden Motiven auseinander setzten, die User dazu bewegen, sich kooperativ zu verhalten:

 

(Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Menschen wie Peter Kollock und Howard Rheingold, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt haben. Mehr zb. hier.)

Die Erwartung, selbst von der Kooperation anderer zu profitieren, ist hier ein eher zu vernachlässigender Faktor, das trifft mehr auf Support-Foren zu. (Wobei sich die Teilnehmer eines gut laufenden Forums einer Online-Zeitung auch Hilfestellung bieten, sei es bei Quellentipps oder bei Artikeln wie “Launch von Windows 7″, die zu Support-Foren werden.) Sehr viel wichtiger ist das Thema “Reputation“. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt funktionierender Partizipation in Online-Medien.

Die Voraussetzung für den Aufbau von Reputation ist Identität. Je stärker die Identität eines Benutzers mit seinem Verhalten in der Vergangenheit verknüpft ist, desto mehr kann auf Reputation gebaut werden. Die Soziologie nennt das “Record of previous behaviour” (Axelrod, 1984).
 

2. Aufbau von Identität

Zum Aufbau von Identität fallen mir drei Maßnahmen ein:

 

3. Verhaltensregeln und automatisierte Erhebung ihrer Einhaltung

Ein Reputationssystem muss in der Folge dafür sorgen, dass gute Inhalte implizit belohnt und schlechte bestraft werden. Dazu muss erst festgehalten werden, was “gut” ist. Das sollte in einer Kommentar-Policy, quasi einem “Ehrenkodex”, festgeschrieben und prominent von jedem Kommentarformular aus verlinkt werden. (In Urzeiten des Internets nannte man das Netiquette.) Ein gutes Beispiel ist die Comment-Policy der Huffington Post, laut der zb. selbst sachliche Kommentare verpönt sind, wenn sie off-topic sind. Reputationssystem bedeutet, über die Bewertung von Beiträgen durch andere Benutzer und/oder Moderatoren (auf Basis der publizierten Policy!) einen Wert (oft “Karma”) für jeden User zu berechnen. Diesen kann man beispielsweise dazu nutzen, um zu unterscheiden, wessen Beiträge vormoderiert werden müssen und wessen nicht, um besonders verdiente Mitglieder der Community zu kennzeichnen (à la “Verkäufer mit Top-Bewertung” bei Ebay) oder um anderen Benutzern die Möglichkeit zu geben, Beiträge von Autoren unter einem gewissen Karma-Schwellwert gar nicht erst anzuzeigen (wie Slashdot das macht). Fortgeschrittene Reputationssysteme berücksichtigen auch den Karma-Wert des bewertenden Benutzers, von dem abhängt, welcher Wert an den zu bewerteten vererbt wird. (Auch Googles PageRank funktioniert so.)

kommentar-derstandard.at

Keinesfalls sollte man negative Werte visualisieren, wie das zb. DerStandard.at macht (siehe Screenshot). Damit belohnt man Trolle, absolut kontraproduktiv. Die goldene Frage bei Reputationssystemen ist, wie man Feedback einholt. Hier ist oft der Wortlaut entscheidend. Ein “Thumbs up” à la Amazon oder ein “Gefällt mir” à la Facebook führt bei Nachrichtenmedien zur ideologischen Selektion, das hat nichts mit der Kommentar-Policy zu tun. Besser wäre irgendetwas im Sinne von “(Un-) Sachlich enstprechend der Kommentar-Policy“.
 

4. Reputation durch Autorität

Eine zweite Methode zur Etablierung von Reputation ist Autorität, die unabhängig von der Bewertung der Inhalte über das Vertrauen zwischen Benutzern ermittelt werden kann. Die Huffington Post hat dafür die Möglichkeit geschaffen, “Fan” eines anderen Benutzers zu werden (siehe Screenshot). Bei Twitter leitet sich Autorität aus den Follower-Zahlen ab (bei aller Beeinflussbarkeit). Diesen Wert kann man auch in die Karma-Bewertung einfließen lassen, vor allem aber sollte man ihn visualisieren. Benutzer mit hoher (sichtbarer) Autorität überlegen sich zweimal, ob sie die Grenzen der Gepflogenheiten überschreiten. Benutzer mit wenig Autorität hingegen werden weniger ernst genommen und schaffen es daher weniger leicht, zu provozieren. Umgekehrt kann eine Blockfunktion, mit der eingeloggte Benutzer andere Benutzer pauschal ausblenden, dazu führen, dass Trolle ins Leere laufen und vor allem für die Moderatoren viel leichter (und objektiver) identifizierbar sind.

kommentar-huffpost
 

5. Moderation von Inhalten

Viele Online-Medien investieren nicht unwesentliche Summen in Schwärme von Praktikanten, die den ganzen Tag Kommentare moderieren. Meines Erachtens in diesem Umfang nicht nur Geldverschwendung sondern auch ein Hemmnis für eine gepflegte Unterhaltung: Wenn der eigene Kommentar nicht nur verspätetet sondern auch an gänzlich anderer Stelle erscheint, als gedacht, zerfranst die Diskussion, wird unübersichtlich. Ist erst mal ein solides Reputationssystem etabliert, ist Pre-Moderation bei etablierten Benutzern (die meist die Mehrheit der Inhalte beisteuern) nicht mehr nötig. Hier reicht eine Meldestelle (“Inhalt melden”, siehe Screenshot der Huffpost), mit der andere Benutzer auf grobe Verstöße aufmerksam machen können, sowie eine aktive Beteiligung des Autors an der Diskussion (siehe unten). Pre-Moderation ist dann nur noch für neue Benutzer sowie solche mit schlechtem “Karma” nötig. Im Online-Standard gehen pro Wochentag 13.000 Kommentare ein. Viele davon müssen – trotz “Foromat” – moderiert werden – das birgt also enorme Einsparungspotentiale.
 

6. Partizipation des Autors

Vielleicht das Wichtigste, weil es keine technischen Fragen sondern die Frage des journalistischen Grundverständnisses betrifft: Die Autoren von Artikeln sind in den meisten Online-Medien kaum bis gar nicht präsent. Doch wie Menschen, die sich in Bahnhofshallen eben noch lauthals daneben benahmen kurz darauf in deinem Wohnzimmer höflich und zurückhaltend sind, so verhält es sich auch im Web: Im öffentlichen Raum eines Online-Forums verhalten sich Menschen instinktiv anders als zb. im persönlichen Raum dieses Weblogs. So auch in Online-Zeitungen: Sobald die Autoren sichtbar sind – mit Name, Foto, “Autorität” (zb. Fans) und gerne visuell hervorgehoben (siehe Screenshot der Huffpost) – und auf Augenhöhe selbst mitdiskutieren bzw. zumindest Fragen beantworten, wird der Ton merklich zurückhaltender. Luca nennt das die Partizipation des Autors. Noch stärker wird die Präsenz des Autors, wenn der Text selbst auch Fragen aufwirft und offen lässt, und die Diskussion darunter nicht auf den Streit reduziert wird, ob die eine im Artikel erwähnte Partei recht hat oder die andere. Siehe den Artikel, auf dem dieser basiert, als Beispiel.
 

7. Umgang mit Trollen

Zuletzt noch zu den Trollen, also denjenigen, die nur um der Diskussion willen diskutieren, und entsprechend bei jeder Gelegenheit provozieren wollen. Hier hilft die Richtlinie der Kommentar-Policy (die jeder kennen muss!) sowie als Ventil die Möglichkeit, jemand mieses “Karma” zu verpassen, jemand zu blockieren oder in groben Fällen gar zu melden. Nichts von dem bekommt der Troll mit, die Motivation fällt also weg. Im Notfall greift ein Moderator oder ein User mit hoher Autorität ein und erinnert die vom Troll Provozierten an die alte (in der Policy unbedingt aufzuführende) Regel “Trolle bitte nicht füttern” (also ignorieren).

Wenn man zudem Postings unter einem gewissen Karma-Schwellwert (siehe oben) ausblendet (einblendbar, also keine Zensur), werden Troll-Posting überhaupt erst nur von wenigen Leuten gesehen.
 

Post Scriptum

Anita Zielina von DerStandard.at schreibt in einem Kommentar:

Viele – sicher gut gemeinte – Ideen zur Kommunikation mit den Usern etc lassen sich wahrscheinlich hervorragend auf einem Blog mit ein paar hundert Postern/Postings und ein paar Artikeln pro Tag umsetzen. Allerdings ist das bei einer Onlinezeitung schon noch mal etwas anderes. Ich gebe zu bedenken dass etwa bei derStandard.at täglich (!) rund 13.000 Postings eingehen und hunderte Artikel publiziert werden.

Liebe Anita, ich gebe zu bedenken: Wenn Google es schafft, auf ihren Ergebnisseiten, die sich aus 21 Miliarden Webseiten zusammensetzen, für Qualität zu sorgen, dann sollte das der Standard mit seinen 13.000 Postings pro Tag auch schaffen.

Ein herzliches Danke für die vielen Inputs in den Kommentaren zu meiner ursprünglichen Frage an Luca Hammer, Thomas R. Koll, Markus Widmer, Philipp Sonderegger, Walter Krivanek und all den anderen!

Illustration: Weblogcartoons.com

Common misspellings: Farnberger, Fahrenberger, Farenberger, Fahnberger, Fahrnleitner, Fahrngruber, Fahrnberg.
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