Zehn Jahre Helge.at
December 29, 2009Fast hätte ich den Geburtstag übersehen: Vor ziemlich genau 10 Jahren, am Weihnachtstag 1999, begann ich zu bloggen. Auch wenn ich das damals noch nicht wusste.

Bei eisigen Minusgraden war mir 10 Stunden vor der geplanten Abfahrt das Zündschloss des Landcruisers, den ich nach Burkina Faso überstellen sollte, eingegangen. Die folgenden fünf Wochen waren der Beginn dieses Blogs – per Laptop und koffergroßem Satellitentelefon, als Reisebericht unserer Saharadurchquerung.
Die Beiträge landeten zuerst nur auf der Site des damaligen Sponsors und einige Monate später dann auf helge.cc, meiner ersten eigenen Domain. Es war die Zeit der grauenvollen cc-Domains (erinnert sich noch wer an lion.cc?), und helge.at war nicht frei. Wurde sie aber 2003 und ich zog dahin um, damals noch unter der mühsamen Blogsoftware Greymatter. WordPress läuft seit 2006 (und ist immer noch best of breed). Das Logo (es wird Zeit für ein neues..) ist das zufällige Überbleibsel aus einem der beiden ursprünglichen Designs, die aus den Farben zweier Fotos von Reisen nach Marokko und Thailand entstanden. Darum die pseudo-arabische Schrift.
Das ist mein 800. Beitrag – macht im Schnitt knapp einenhalb pro Woche. Die Chancen, dass die Frequenz in den nächsten 10 Jahren steigt, stehen schlecht. Bin gespannt, ob’s zu Weihnachten 2019 hier noch was zu posten gibt. (Und ob’s 2019 noch immer Studenten gibt, die Fragebögen zu Weblogs schicken ;-)
Fragen zum Selbstverständnis als Blogger
December 28, 2009Michael Andres und Michael Moser von der Uni Salzburg haben mir einen Fragebogen (gefühlt der hundertste in den letzten Jahren) zum Thema Weblogs geschickt. Das Ergebnis soll auf ZurPolitik.com veröffentlicht werden. Hier ein Auszug meiner Antworten:
Beschreiben Sie bitte in drei Sätzen Ihr Selbstverständnis als Blogger_in:
- Der Subjektivität verpflichtet
- Interessenskonflikte immer transparent
- Quellen nennen
Was war Ihre ursprüngliche Motivation mit dem Bloggen zu beginnen?
Ist mir passiert. Brauchte zuerst nur Raum für meine Bilder und Texte.
In welchen gesellschaftlichen Bereichen sehen Sie Blogs generell als wirksames Instrument zur Unterstützung gesellschaftlicher Veränderungen?
Erstens, Gegenfrage: In welchen nicht? Zweitens beschränkt sich das nicht auf Blogs sondern ist ein Phänomen des Citizen Journalism und umfasst alle Sozialen Medien, v.a. auch Youtube & Co, Twitter, Facebook.
Gibt es Situationen, in denen Sie den Einsatz von Blogs als Instrument der Diskussion und Meinungsbildung kritisch betrachten?
Der (grundsätzlich begrüßenswerte) Mangel an journalistischer (Selbst)-Zensur – im Gegensatz zu etablierten/kommerziellen Medien, wo Chefredaktion, Redaktionskonferenz und nicht zuletzt Anzeigenabteilung mitreden – kann in Fällen, wo es zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse abzuwägen gilt, sehr leicht zu einer Verletzung ersterer führen.
Oft liest man die verkürzte Bezeichnung von Blogs als „Online-Tagebuch“. Wie definieren Sie Blogs?
Ein Blog ist ein Online-Journal aus der Ich-Perspektive, oft ohne journalistische oder kommerzielle Ambitionen.
Wie würden Sie, in drei Sätzen, die österreichische Blogosphäre beschreiben?
Klein, überschaubar, Wien-lastig.
Sind Sie der Meinung, dass Blogs in Österreich den gesellschaftlichen Diskurs mitbestimmen? Falls ja, können Sie Beispiele hierfür anbringen?
Ja, mit der Betonung auf “mit”. Beispiele: DieTiwag.org, Die Grünen Vorwahlen oder Politikerblogs wie die von Peter Pilz oder Christoph Chorherr.
Wie würden Sie die österreichische Blogosphäre nach politischen Kriterien (z. B. rechts/links, liberal/konservativ etc.) einschätzen?
Eine Wahlempfehlungsaktion 2008, der viele Blogs gefolgt sind, hat in etwa eine 50:50-Stimmenverteilung zwischen Grün und LIF ergeben. Also eher links-liberal. Allerdings sind 2009 einige konservative Blogger dazugekommen.
Nennen Sie bitte drei österreichische Blogs, die Sie persönlich gerne besuchen?
„Blogger sind Blogger, Journalisten sind Journalisten“. Wie stehen Sie zu dieser Behauptung und welche Verbindungen sehen sie zwischen Blogging und traditionellem Journalismus?
Blogger können Journalisten sein und Journalisten Blogger. Im Regelfall sind Blogger jedoch keine Journalisten und stellen diesen Anspruch auch nicht an sich. Die ganze (leidige) Diskussion rührt vielleicht daher, dass Journalisten durch Blogger ihr Meinungsmonopol bzw. ihre Gatekeeper-Funktion bedroht sehen.
Behindert Sie die medienrechtliche Ungleichheit von Blogger_innen im Vergleich zu Journalist_innen bei Ihrer bloggerischen Tätigkeit?
Eher die medienrechtliche Gleichheit: Die Impressumspflicht verunmöglicht anonyme Blogs – eine internationale Seltenheit. Meines Erachtens eine implizite, jedoch grobe Einschränkung der Meinungsfreiheit. Führt zur Schere im Kopf, da Blogger nicht die Möglichkeit haben, sich hinter Verlagen und deren Rechtsabteilungen (und Rechtsschutzversicherungen) zu verstecken.
Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Blogs und traditionellen Medien? Werden Blogs laut Ihrer Einschätzung von traditionellen Medien als Akteur im Informations- und Meinungssektor vom traditionellen Journalismus anerkannt und wie schätzen Sie das Konkurrenzverhältnis zwischen Weblogs und traditionellen Medien ein?
Vor allem in den letzten beiden Jahren haben viele Mainstream-Journalisten Blogs eröffnet (Barth, Klenk, Brodnig, Unterberger, Ortner, auch Armin Wolf auf Twitter). Dies wird zu einer Stärkung ihrer Stellung gegenüber ihren Arbeitgebern und Chefredakteuren führen. Es ist m.E. nur eine Frage der Zeit, bis Redaktionen Cross-Posting-Verbote ausprechen.
Interview im “Gap”: Die Grünen Vorwahlen und Protest 2.0
December 4, 2009Niko Alm hat im aktuellen The Gap Magazine einen sehr lesenswerten Text über “Protest 2.0″ geschrieben und mich in diesem Kontext auch zu den Grünen Vorwahlen befragt. Hier das ungekürzte Interview:
Die im März gestartete Initiative Grüne Vorwahlen wollte ein bestehendes Statut der Wiener Grünen nützen, wonach Unterstützer der Partei bei den Grünen Vorwahlen stimmberechtigt sind, um möglichst viele Menschen zur Landesversammlung am 15.11. 2009 zu bewegen und dort die Liste für die Gemeinderatswahl mitzuwählen. Die Wiener Grünen akzeptierten entgegen der Annahme der Initiative nur ca. die Hälfte der Unterstützungserklärungen, ohne genau darlegen zu können, warum so viele Sympathisanten abgelehnt wurden. Einer der Initiatoren, Helge Fahrnberger (Bild: © Jakob Polacsek), beantwortet dazu einige Fragen.
Es gibt zwar Initiatoren, aber eine Kommunikation ist mit den Grünen Vorwahlen nur in ihrer Gesamtheit möglich. Jetzt ist es so, dass viel Vorwähler nicht angenommen wurden. Hätten die Grünen Vorwahlen hier nicht Vertreter mit (Ver)Handlungsvollmacht ausstatten müssen?
Den Grünen hinter verschlossenen Türen irgendwelche Zugeständnisse abzuringen hätte genau das ad absurdum geführt, was wir von ihnen verlangten: Entscheidungen transparenter und unter Einbindung von uns Wählern zu treffen. Daher gab es keine andere Verhandlungsoption, als die Entscheidung der Grünen, jeden Zweiten abzulehnen, transparent zu machen und die Diskussion darüber öffentlich zu führen. Hier war auch der Weg das Ziel: Lieber aufzeigen, wie eine Partei tickt, als ihr in geheimer Absprache was abzuverhandeln.
Haben die Grünen Vorwahlen punkto Organisation einen Punkt verpasst, um mit dem unerwarteten Verlauf anders umgehen zu können?
Es sind im Laufe der Grünen Vorwahlen sicher Fehler passiert: Wir haben zugelassen, dass einzelne Grüne Scharfmacher Gerüchte über einen Putschversuch verbreiten, im Glauben, dass man intern eh unsere Blogs liest, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Auch haben wir uns vielleicht zu bereitwillig vor den Karren von Medien mit eigener Agenda spannen lassen. Trotzdem waren wir zu unserer eigenen Überraschung dem Grünen Landesvorstand organisatorisch und in Sachen Medienarbeit zu jedem Zeitpunkt überlegen. Die Grünen spielten als Gast, für uns war es das Heimspiel. Schade war nur, dass es überhaupt zum Match kommen musste, wir hätten ja auch gemeinsam auf ein Tor spielen können.
Oder wäre es vielmehr alleinige Aufgabe der Grünen, hier die entsprechende Kommunikation richtig aufzubauen?
In einer idealen Welt ja – dann hätten die Grünen die Grünen Vorwahlen als das begriffen, was sie waren: Eine Kampagne für Mitarbeit und Mitbestimmung bei den Grünen. Aber der Landesvorstand stand massiv unter Druck einzelner Funktionäre und war angesichts der Tatsache, dass fast alle Mitglieder selbst für den Gemeinderat kandidieren wollten, erpressbar. Einfach den Wortlaut der Statuten zu vollziehen schien da keine Option mehr zu sein. Das Resultat war ein kommunikatives Fiasko und ein Kampf gegen die eigenen Sympathisanten.
Wie kann aus deiner Sicht, unabhängig von den Grünen Vorwahlen, eine Kommunikation zwischen Netzwerk-Protest/Initiative und hierarchischer Organisation stattfinden? Wer ist verantwortlich für den Bau der Schnittstellen?
Je klarer eine Organisation definiert hat, wo und wie ihre Kunden, Wähler oder Einwohner andocken können, desto besser. Im Bereich der Bürgerbeteiligung gibt’s seit vielen Jahren funktionierende Modelle, selbst wenn die Kommunen oft nicht die Konsequenz besitzen, sie anzuwenden. Auch moderne Organisationen wie der T-Shirt-Hersteller Threadless.com oder die Enzyklopädie Wikipedia haben ihre Partizipationsmöglichkeiten sehr genau definiert und stellen diese in einem ständigen Erneuerungsprozess laufend zur Diskussion. Konsumenten fordern zunehmend Mitsprache auch dort ein, wo sie noch nicht vorgesehen ist. Mit den Mitteln des Internets ist es eben einfacher denn je, “zurückzureden” und sich mit Gleichgesinnten zu organisieren. Die meisten Organisationen sehen das als Bedrohung, dabei ist es eine riesige Chance.
Wo siehst du Parallelen zwischen #unibrennt und den Grünen Vorwahlen?
Der wesentliche Unterschied zwischen den Uniprotesten und den Grünen Vorwahlen ist, dass die Uniproteste nicht wie wir inhaltliche und organisatorische Einschränkungen vorgaben. Bei den Grünen Vorwahlen haben wir von Anfang an sehr genau definiert, dass es unser Ziel ist, möglichst viele Menschen zu wahlberechtigten Vorwählern zu machen. Alles andere war explizit Nicht-Ziel, dabei haben wir uns auch an der Funktionsweise der Wikipedia orientiert. Auf diese Art haben wir jede Möglichkeit ausgeschlossen, uns zu einer Initiative für oder gegen bestimmte Inhalte oder Personen zu machen – wir waren einfach nur der kleinste gemeinsame Nenner der frustrierten Grünwähler. Bei den Uniprotesten ist es umgekehrt, hier entstand ein fast unerfüllbarer Forderungskatalog und ein Engagement in Richtungen wie Antifaschismus, Feminismus oder gewerkschaftlicher Solidarität. Zu meiner Überraschung und Freude sind die Proteste an diesem Interessensspektrum noch nicht zerbrochen. Ein Beweis dafür, dass beharrliches Engagement in Plena, Wikis und Arbeitsgruppen selbst in schwierigen Ausgangslagen zum Kompromiss führen kann. Nur braucht das halt extrem viel Zeit. Wer die nicht hat, muss einen Fokus vorgeben.
Was schätzt du, war für die Verbreitung der Grünen Vorwahlen essentiell und in welchem Ausmaß?
Bei den Grünen Vorwahlen gab es einen Gradmesser in schwarz auf weiß für den Erfolg unserer Maßnahmen, nämlich die Anzahl der neuen Vorwahlregistrierungen: So wissen wir heute, dass ein 8-Minuten-Beitrag im ORF-Report oder ein Artikel im Profil zwar gut fürs Ego ist, aber sonst überraschend wenig bringt. Der Report-Beitrag brachte gerade mal 20 neue Unterschriften, auch der Traffic auf unserer Website war überraschenderweise nicht höher als bei einem Artikel auf DerStandard.at. Am wichtigsten waren die sieben oder acht Infoabende, die fast ausschließlich über Twitter und Facebook beworben wurden. Telefonate und Emails im Hintergrund fanden nur vereinzelt statt, die meiste Organisationsarbeit wurde über Twitter erledigt. Das hatte gleichzeitig den Vorteil, dass sich immer wieder neue Leute einbrachten und nicht der Eindruck entstand, hier wird im Hinterzimmer was ausgemauschselt. Die Grünen Vorwahlen hätte es ohne Telefon, SMS, Facebook und selbst ohne Massenmedien geben können – aber ohne Blogs und Twitter wären sie undenkbar.
How Social Media Set Austrian Universities on Fire
December 2, 2009A blog post of mine originally published on GlobalVoices (Translations: Russian, Dutch, Spanish, Chinsese simplified, Chinese traditional, Swahili, Aymara, Italian):
Did you know that at this very moment many universities throughout Europe are occupied by students? Thousands of them are sleeping, cooking, debating and partying in their auditoriums to protest against the under-financing of the educational system and the so-called Bologna Process, a European Union education policy.
What is so special about these protests is the fact that they have not been centrally coordinated by student unions but have been organized entirely bottom-up, with the help of online social media.
It all started in Vienna, Austria on October 22, when a small group of students met for a flashmob in the city center to protest, and then headed to University of Vienna where they spontaneously occupied the Auditorium Maximum. By the time police arrived, the news of the occupation had already circulated on Twitter, mobilizing so many supporters it was impossible to clear the hall.
Within days, the occupiers – to their own surprise – put in place a remarkable organizational structure: Mobilization and communication was organized via the Twitter “hashtags” #unibrennt and #unsereuni (”university on fire” and “our university”).
A 24h webcast from the Auditorium Maximum was put in place. Organizational tasks from cooking to cleaning were structured via a wiki, and a website communicated with the public. Twitter, blogs and Facebook (32,400 fans so far) were used to spread the word.
This had two effects:
- For the first time protests of this scale did not need the support of mass media for mobilization. Within less than a week after the beginning of the protests more than 20,000 demonstrators roamed the streets of Vienna, preceding any mass media coverage. Media contacts were limited to a bare minimum (which produced much confusion). Students simply didn‘t need the media and since the protests lacked hierarchy, there was a shortage of spokespersons.
- Second, because everyone could follow what was going on inside the Auditorium Maximum (the webcast produced half a million views within one month) it kept the tabloid press from labeling the protesters as rioters or extremists. Too many people knew it wasn‘t true. The power of opinion-making had shifted.
Soon the protests infected other university cities in Austria and abroad: Today, less than a month and a half after the first protests, almost 100 universities in Austria, Germany, Switzerland, Albania, Serbia, France, Italy, Croatia and the Netherlands are occupied or have seen other forms of mass protest.
On Wissen belastet, Max Kossatz, a blogger and media observer from Austria, has analyzed [de] the Twitter stream: 66,379 tweets by 6,780 different usernames have been published on the subject in the last month. 1,043 pictures were posted on Twitpic and produced 125,612 views – see this Twitpic photo mashup on Youtube. And especially interesting, is the following map of tweets that illustrates how the protests spread over time (watch in HD and fullscreen to get the full experience):
Gerald Bäck of Bäck Blog, who works in the media observation business, found out that the gross reach of the tweets, i.e. the unique number of followers exposed to them, was 386,860. His analysis [de] shows who the key influencers were, what URLs were most linked to and what hashtags were used most.
In his blog, smime, Michael Schuster, a blogging specialist in semantic analysis, contributed an overview [de] of the “old media” covering the events. He counted 2,700 articles and identified four trends lasting roughly one week each: “Protests take place”, “protests continue”, “protests widen”, and recently, “ok, enough now.”
Luca Hammer of 2-Blog, a student and technical mastermind behind the Viennese web activities, has published a field report [de] of how wikis, Twitter and webcast were used to get things rolling.
It looks like the case of #unibrennt may become an early milestone in the transformation of Austrian politics by the use of online social media. It has created wide attention – and confusion – among established media and political structures, and created a spirit of empowerment among students and digital leaders.
Wenn sich ein Journalist und der Sprecher des Vizekanzlers öffentlich per Twitter und Weblog ein Scharmützel liefern, dann ist das ja recht amüsant.
Wenn der Sprecher des Vizekanzlers jedoch Menschen, die sich auf die Seite des Journalisten schlagen, öffentlich als “Jubelperser” beschimpft, dann ist da schon eine Grenze überschritten worden, finde ich.
Zuviel der Bürgernähe, Herr Kapp.

Vorgeschlagene Kategorien für Xing-Kontakte
November 29, 2009Aus der Reihe Comic-Übersetzungen – und passend zu “Netzdeutsch“:

(cc) Rob Cottingham | via ReadWriteWeb
Heute lag das neue Update-Magazin für digitales Marketing bei mir in der Post, was mich daran erinnert, dass ich meinen Kommentar in selbigem noch nicht gebloggt habe:
Als am 22. Oktober einige Wiener Studenten spontan zu einem Flashmob gegen die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems aufriefen, konnte niemand wissen, welche Ausmaße die Proteste annehmen würden: Neben wochenlangen Besetzungen von Hörsälen in den wichtigsten Universitäten des Landes und Massendemonstrationen auf den Straßen sind die Proteste auch auf deutsche und italienische Universitäten übergeschwappt.
Zwei Dinge sind neu: Erstmals in der Geschichte des Landes werden Aktionen dieser Größenordnung dezentral organisiert – die offizielle Interessensvertretung steht am Spielfeldrand und sieht verdutzt zu. Administratives wird über Arbeitsgruppen und Wiki erledigt, über Twitter ausgesendete Hilferufe mobilisierten professionelle Unterstützung vieler Einzelner, auch weit jenseits des studentischen Umfelds. Networking in Reinkultur.
Zudem agierten die Studenten völlig autonom von Massenmedien: Zehntausende Zuseher informierten sich ungefiltert über den Livestream, was einen „Krawallo“-Spin im Boulevard weitgehend verhinderte. Selbst zur Massenmobilisierung haben ORF und Zeitungen ausgedient, diese erfolgte hauptsächlich durch Twitter (Hashtags #unibrennt und #unsereuni) und Facebook. Entsprechend zurückhaltend die Medienarbeit der Studierenden – sie sind keine Bittsteller mehr.
Was ist passiert? Die Kosten für die Organisation in Gruppen sind auf Null gesunken: Was die ÖH mit ihrem 8-Mio-Budget nicht schafft, gelingt den Aktivisten kraft ihrer Medienkompetenz und Glaubwürdigkeit. Die Vernetzung in sozialen Medien macht jeden zum Multiplikator, der Schneeball war nicht mehr zu stoppen.
Wer jetzt schadenfroh auf das politische Establishment schaut, sollte daran denken, dass all das auch für die eigenen Kunden gilt. Ein Funke, und die Masse kann Feuer fangen. Wie schnell das geht, mussten in den letzten Wochen zwei Bekleidungshersteller erleben: Jack Wolfskin hatte Hobbybastler teuer abgemahnt, auf deren Produkten eine mit viel Phantasie an das Wolfskin-Logo erinnernde Katzentatze zu sehen war. Der deutsche Trikot-Hersteller JAKO bedrohte einen Blogger wegen eines satirischen Beitrags mit Klage.
Beide Unternehmen sahen sich innerhalb weniger Tage mit breiten, unsteuerbaren Solidarisierungsbewegungen konfrontiert, die zu Imageschäden, breiter Aufmerksamkeit und wenig schmeichelhaften Präsenzen in Wikipedia und Google führten. Beide Unternehmen mussten zurückrudern, ganz ohne dass es dafür den Konsumentenschutz gebraucht hätte.
Wie sieht’s mit Ihrem Unternehmen aus? Haben Sie Ihre Rechtsabteilung an der Leine? Ist Ihre Krisenkommunikation auf die neue Macht der Vielen vorbereitet?
Wenn Sie das bereits mit Ja beantworten, können Sie beginnen, die Vernetzung mit Ihren Kunden zu nutzen, um diese zu begeisterten Botschaftern ihrer Marke und zu Impulsgebern Ihrer Produktentwicklung zu machen.
Vortragstermine November 2009
October 27, 2009- 6.11.: Vortrag im besetzten Hörsaal 1 der TU Wien: Über Grassrootsbewegungen und die politische Macht von Online-Vernetzung
- 7.11.: Gespräch mit Franz Zeller (Ö1) über Geo-Dienste und Openstreetmap, Lange Nach der Forschung, Akademie der Wissenschaften
- 8.11.: Expertenpanel, Startup-Weekend Vienna, Microsoft Innovation Center
- 9. bis 12. 11.: World Blogging Forum, Bukarest
- 20.11., Innsbruck: Podiumsdiskussion der Grünen Wirtschaft über gesellschaftliche Implikationen technologischer Entwicklungen
Hier noch ein Rückblick auf den Digiday09 (inkl. Video meines Vortrages, leider tw. mit kaputtem Ton).
Update: TU Wien und Grüne Wirtschaft Innsbruck added.
Update 2: Slides des TU-Vortrags:
Die Uni brennt nach Ameisenart
October 25, 2009
Die Studierenden der Uni Wien und anderer Unis protestieren gegen eine jahrzehntelang verfehlte und kaputtgesparte Bildungspolitik und halten das Audimax besetzt. Das Besondere daran: Am Werk sind nicht zentrale Organisationsstrukturen à la Hochschülerschaft sondern adhoc gebildete und über Twitter & Co (Hashtag: #unibrennt) kommunizierende Netzwerkstrukturen. Im Detail nachzulesen bei Philipp Sonderegger und Jana Herwig. Beim Establishment lösen die Vorgänge Irritation aus, so hinterlassen sie beim Chefredakteur Österreichs älterster Tageszeitung den verwirrten Eindruck von “Flashmob-Party und Voodoo-Ideologie”.
Doch die Organisation von Dingen – auch Protesten – kann die Gesellschaft grundlegend verändern:
Update: Luca Hammer offenbart einen Blick hinter die Kulissen und Martin Blumenau beschreibt, was die Kommunikation von #unibrennt auszeichnet:
Dies ist die erste Protestaktion in Österreich, die nicht von einem klassischen Medium getragen oder von den Mainstream-Medien abhängig ist – sie funktioniert über ihre eigenen, viele Menschen erreichenden Ausspielkanäle. Das garantiert nicht nur die Kontrolle über die eigenen Aussagen, das erlaubt auch Unabhängigkeit, was Zeitabläufe betrifft. Alles Tugenden, die zb die politischen Parteien verloren, aus der Hand gegeben haben: die müssen sich von den Medien, an deren Info-Gängelband sie hängen, herumschubsen lassen, terminlich und haben die Kontrolle längst verloren.
Bei dieser Gelegenheit zu drei Missverständnissen, die obige Präsentation fast immer auslösen scheint:
Missverständnis 1: Hierarchische Strukturen sind schlecht, netzartige gut. Beide haben ihre Vor- und Nachteile, das zeigt auch das Unibrennt-Beispiel. Allgemeingültige Empfehlungen sind überhaupt Mumpitz. Die Slides sind nicht als Brandrede für eine Veränderung gedacht, sondern Ergebnis einer Beobachtung, und mehr Frage als Antwort.
Missverständnis 2: Netzstrukturen werden Hierarchien ersetzen. Zu einfach. Hierarchien entstehen meines Wissens meist dort, wo der Reibungsverlust von Netzstrukturen groß ist. Diese Reibung wird durch moderne Kommunikationskanäle oft geringer, auch größere Netzwerkstrukturen können dadurch produktiv sein. Doch selbst die Wikipedia benötigt gewisse Hierarchien (siehe ab Minute 14) um zu funktionieren. Netzstrukturen und Hierarchien können sich also ergänzen. Vielleicht werden Hierarchien nur flacher, durchlässiger? (Braucht es immer Sektionen, Orts/Bezirks/Landesgruppen, um Politik zu machen? Chefredakteure, um zu Publizieren? Etc.) Es bleibt spannend.
Missverständnis 3: Netzstrukturen sind egalitär. Ich habe keine Ahnung, warum das dieser Präsentation immer wieder unterstellt wird. Weil die blauen Dots alle gleich groß sind? Weil bei den Ameisen alle Arbeiterinnen gleich gestellt sind? Kommunikationsnetze sind komplexer, das sollte nicht überraschen.
Im Übrigen hoffe ich, die Studis im besetzten Audimax lassen sich nicht unterkriegen! Aktuelle Eindrücke bei Niko Alm.
Abt Armin versteht die Welt nicht mehr
October 13, 2009Der Falter bat mich, einen Kommentar zur wiederaufgebrandeten Internetdebatte, die Armin Thurnher letzten Dezember auslöste, beizusteuern. Er erscheint heute im Falter in einer gekürzten Version und hier im Volltext. Ich konnte die Falter-Redaktion dazu überreden, die Gelegenheit für ein Hyperlink-Experiment zu nutzen: Alle Links im Text wurden unterstrichen abgedruckt, um die Anknüpfungspunkte zu illustrieren, den Text “scannbar” zu machen und auf die Links in dieser Onlineversion hinzuweisen. Die Idee stammt von einem Vorschlag Oliver Reichensteins für den Schweizer Tagesanzeiger, wo man aber vermutlich zu feig war, das umzusetzen.
Armin Thurnher nimmt also, wie er schreibt, das Internet nicht ernst. Er spricht von einem ressentimentgeladenen Internetpublikum, das für nichts bezahlen wolle und sich zudem feig hinter Pseudonymen verstecke und von egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre (wie viel weniger egomanisch waren eigentlich die Ich-AGs der Noch-nicht-aber-hoffentlich-bald-Zeitungsherausgeber der 70er?). Man läse nicht mehr Leitartikel und sähe Nachrichten, „ein jeder bloggt und blökt vor sich hin“.
Weil Medien wie Standard, ORF und Presse die Partizipationsarchitektur ihrer Online-Foren nicht in den Griff bekommen und diese anonymen Trollen überlassen, weil Facebook und Twitter ihm die Aufmerksamkeit der eigenen Redakteure streitig machen, weil Online-Mundpropaganda – Überraschung! – verkürzt, vereinfacht und polemisiert anstatt journalistisch korrekt zu differenzieren, verweigert Thurnher dem größten kulturellen Ereignis seit Gutenberg seine Teilnahme.
Die Verschriftlichung von Mundpropaganda verändert Meinungs- und Warenmärkte radikal: Wähler und Konsumenten reden nun zurück, sie nützen den neuen Rückkanal für die Vertretung ihrer Interessen. Die Kosten von Veröffentlichung sowie von Organisation in Gruppen sind auf Null gesunken. Die „Gatekeeper“ verlieren an Macht, ihre Rolle wird auf die von Multiplikatoren zurechtgestutzt.
Wie ein Abt, der das intellektuelle Monopol seiner mittelalterlichen Schreibmönche durch Druckerpressen bedroht sieht, beklagt Thurnher, es ginge an die Substanz dessen, „was eine Gesellschaft zusammenhält, nämlich die gemeinsame Verständigung darüber, was ihr wichtig ist.“ Bisher eine gemeinsame Verständigung der Wenigen.
Statt über diese Renaissance, die Politik, Wirtschaft und Medien verändert wie nichts zuvor, leitartikelt Abt Armin – exklusiv auf toten Bäumen – lieber über das eigene kulturelle Unverständnis. Im übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex wird gerade zerschlagen. Vom nicht ernst zu nehmenden Internet.
Wohin die Links führen und warum das Internet trotzdem kein Allheilmittel steht auf helge.at/AbtArmin. (Also eh hier.)
Das Internet also als großer Heilsbringer? Mitnichten. Allen technologischen und gesellschaftlichen Chancen stehen ebenso große Herausforderungen und Probleme gegenüber:
Die technischen Möglichkeiten der Überwachung und Manipulation – wer redet mit wem, kauft was, wählt was, bewegt sich wo? – führen zu Begehrlichkeiten von Behörden und einer milliardenschweren Unterhaltungsindustrie, die um ihre Pfründe fürchtet. Alles im Interesse von Kampf gegen Terrorismus und Kinderpornographie, versteht sich. Ganz konkret auf dem Spiel stehen nicht weniger als die Errungenschaften von Aufklärung und Demokratie: Meinungs- und Pressefreiheit, Wahlgeheimnis, Postgeheimnis, Gewaltenteilung. Ich fürchte, ich übertreibe nicht.
Dazu kommen neue privatwirtschaftliche Datenmonopole, ein Patent- und Urheberrecht, das den technologischen Gegebenheiten nicht mehr gerecht wird und allgemein mangelnde Medienkompetenz, die hilflose Eltern, unvorsichtige Kinder und ahnungslose Entscheidungsträger hervorbringt.
Doch Armin Thurnher zieht es vor, das Internet nicht ernst zu nehmen. Und liegt mit seinen Interpretationen auf weiten Strecken einfach falsch, wie so viele. Ich gebe zu, das wurmt mich.
Eine Chronologie der Debatte (Thurnhers Texte sind bezeichnenderweise nicht online):
- 17.12.2008 – Armin Thurnher: “Warum ich mich weigere, das Internet als Medium wirklich ernst zu nehmen”
- 18.12.2008 – Gerald Bäck
- 18.12.2008 – Heinz Wittenbrink
- 18.12.2008 – Martin Blumenau
- 18.12.2008 – Andreas Ulrich
- 19.12.2008 – Manfred Bruckner
- 20.12.2008 – Tom Schaffer
- 22.12.2008 – Heinz Wittenbrink (besonders lesenswert!)
- 23.12.2008 – Armin Thurnher: “Besinnliches zur Mediendebatte”
- 29.12.2008 – Manfred Bruckner
- 16.01.2009 – Manfred Bruckner
- 20.01.2009 – Walter Gröbchen
- 26.01.2009 – Manfred Bruckner
- 29.09.2009 – Barbara Wimmer / Futurezone
- 30.09.2009 – Jana Herwig
- 07.10.2009 – Armin Thurnher: “An meine Meerschweinchen: Entwarnung! Das Internet kann bleiben” Update: Jetzt online.
- 07.10.2009 – Walter Gröbchen
- 07.10.2009 – Jana Herwig
- 08.10.2009 – Walter Gröbchen
- 08.10.2009 – Martin Blumenau
- 09.10.2009 – Gerald Bäck
- 13.10.2009 – Julia Seeliger
- 13.10.2009 – ich, hier
- 13.10.2009 – Christoph Chorherr
- 13.10.2009 – Susanne Gaschke
Danke an Ingrid Brodnig für das Orchestrieren dieser Debatte! Foto: (cc) Manfred Werner.





