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Wer Wikileaks besser verstehen will, sollte das “Crypto Anarchist Manifesto” von Tim May aus dem Jahre 1988 (!) lesen. Da es keine gute deutschsprachige Version gibt, habe ich es übersetzt:
 

Das Krypto-Anarchistische Manifest

 

Ein Gespenst geht um in der modernen Welt – das Gespenst der Krypto-Anarchie.

Computertechnologie steht kurz davor, Einzelnen und Gruppen die Möglichkeit zu geben, miteinander auf völlig anonyme Weise zu kommunizieren und zu interagieren. Zwei Menschen können Nachrichten austauschen, Geschäfte führen und elektronische Verträge schließen, ohne jemals den echten Namen oder die Rechtspersönlichkeit des anderen zu erfahren. Interaktionen über Netzwerke werden durch umfassendes Umleiten von verschlüsselten Datenpaketen und manipulationssichere Boxen mit nahezu unknackbaren kryptographischen Protokollen nicht nachverfolgbar sein. Reputation wird von zentraler Bedeutung sein, in Geschäftsbeziehungen sogar weit wichtiger als die Bonitätsbewertungen von heute. Diese Entwicklungen werden die Natur der staatlichen Regulierung, die Möglichkeiten von Besteuerung und Kontrolle wirtschaftlicher Kreisläufe und die Möglichkeiten, Informationen geheim zu halten völlig verändern, ja sogar den Charakter von Vertrauen und Reputation.

Die Technologie für diese Revolution – und es wird sicherlich sowohl eine soziale als auch eine ökonomische sein – existiert theoretisch schon sein einem Jahrzehnt. Die Methoden basieren auf Asymmetrischer Verschlüsselung, Zero-Knowledge-Proof-Systemen sowie verschiedenen Softwareprotokollen für Interaktion, Authentifizierung und Verifizierung. Der Fokus lag bisher auf akademischen Konferenzen in Europa und den USA, die stark von der National Security Agency überwacht wurden. Doch erst seit kurzem haben Computernetzwerke und Personal Computer ausreichend Leistung, um diese Ideen praktisch durchführbar zu machen. Und die nächsten zehn Jahre werden genügend zusätzliche Geschwindigkeit bringen, um die Ideen wirtschaftlich machbar und im Wesentlichen unaufhaltbar zu machen. (..)

Der Staat wird natürlich versuchen, die Verbreitung dieser Technologie zu bremsen oder zu verhindern, unter Hinweis auf die nationale Sicherheit, die Verwendung der Technologie durch Drogenhändler und Steuerhinterzieher sowie aus Furcht vor gesellschaftlichem Zerfall. Viele dieser Bedenken werden zutreffen: Krypto-Anarchie wird es erlauben, nationale Geheimnisse sowie illegales und gestohlenes Material frei zu handeln. Ein anonymisierter und computerisierter Markt wird sogar verabscheuungswürdige Marktplätze für Attentate und Erpressung ermöglichen. Verschiedene kriminelle und ausländische Elemente werden CryptoNet aktiv nutzen. Das jedoch wird die Verbreitung der Krypto-Anarchie nicht aufhalten.

So wie die Technologie des Buchdrucks die Macht mittelalterlicher Gilden einschränkte und soziale Machtstrukturen veränderte, so werden kryptologische Methoden die Natur von Konzernen und von staatlichen Eingriffen in wirtschaftliche Abläufe grundlegend verändern. Zusammen mit den entstehenden Informationsmärkten wird die Krypto-Anarchie einen liquiden Markt für jegliches Material schaffen, das sich in Worten und Bilder fassen lässt. Und genau wie die scheinbar unbedeutende Erfindung von Stacheldraht das Einzäunen riesiger Ranches und Farmen ermöglichte und so für immer die Auffassung von Land- und Besitzrechten im westlichen Grenzland veränderte, so wird die scheinbar unbedeutende Entdeckung aus einem obskuren Zweig der Mathematik zur Drahtschere werden, die den Stacheldraht nieder reißt, der um geistiges Eigentum liegt.

Erhebt euch, ihr habt nichts zu verlieren außer euren Stacheldrahtzäunen!

Timothy C. May, 1988

Die Übersetzung wurde um einen Satz mit unwesentlichen Details zu Technologie der 80er-Jahre gekürzt. Wikipedia-Links von mir. Bild: (cc) xkcd

Übrigens: Die Gründe für die 2010 immer noch fehlende massentaugliche Unterstützung für Verschlüsselung in den Emailclients dieser Welt ist angesichts dieses Texts meines Erachtens so bedauernswert wie nachvollziehbar. Wäre einen eigenen Artikel wert.


Klaus Bichler hat mich für seine Magisterarbeit “Medienselbstkontrolle in Österreich im Web 2.0 – Wie Blogs, Twitter und Co. den Journalismus in Österreich beobachten, reflektieren und kritisieren” zu Kobuk und der Kontrollfunktion von Blogs interviewt und mir erlaubt, sein Transkript online zu stellen. Das Gespräch fand bereits im Juli statt. Etwas gekürzt und Links hinzugefügt.
 

Was war die Motivation, Kobuk zu starten?

Ich bin gefragt worden, ob ich eine Übung am Institut für Publizistik der Uni Wien halten möchte, und ich fand das spannend. Ich habe mich dann relativ schnell dafür entschieden, ein Gruppenblogprojekt zu machen. Von denen gibt es allerdings schon relativ viele im universitären Kontext. Nachdem ich eine Vorstellung habe, was klassischen Journalismus von Onlinejournalismus unterscheidet, dazu gehört Interaktion mit dem Publikum, Diskussion, Diskurs, Eingehen auf Feedback, Aufnehmen von Hinweisen, Korrigieren von Fehlern, all diese Dinge, war es notwendig, dass es bereits Publikum gibt zum Start der Lehrveranstaltung.

Ich wollte das Thema ursprünglich die Studierenden selbst entscheiden lassen, aber das kollidiert dann mit dem Problem, dass ich zu Beginn der Lehrveranstaltung schon Publikum haben wollte und ich deshalb vorher mit Gastautoren anfangen wollte. Und ich habe mich dann auf den kleinsten zu erwartenden gemeinsamen Nenner der Studierenden, nämlich Medienkritik, nachdem sie Publizistik studieren, entscheiden. Und so habe ich mit Gastautoren Kobuk gestartet im Februar. Die erste Lehrveranstaltung war Mitte April. Da hatten wir auch schon so an die 200, 250 regelmäßigen Leser pro Artikel und das ist dann punktuell raufgeschnellt auf bis zu 4000-5000 an einzelnen Tagen. Immer dann, wenn BILDblog auf uns verlinkt hat. Die haben einfach jede Menge Reichweite.

Wo bewegt sich Kobuk zurzeit sonst? Noch immer bei ungefähr 200?

Ein durchschnittlicher Artikel, der nicht von außen verlinkt wird, erreicht so 300-400 Leser.

Um welche medienkritischen Themen geht es? Geht es nur um ein Medium? Geht es nur um Print? Geht es auch um TV, Onlinemedien?

Der Untertitel von Kobuk ist: „Wir lesen Zeitung und sehen fern.“ Das heißt, es gibt keine Einschränkung auf z.B. Boulevard oder Print. Dadurch dass während der Lehrveranstaltung zwischen April und Juni die meisten Beiträge von Studierenden kamen und Studierende auch finanziell gewisse Einschränkungen haben, gab es schon einen Schwerpunkt auf Gratiszeitungen. Also auf “Heute” und “Österreich”. Und dabei wieder auf die Wienausgaben, weil die Leute ja in Wien leben.

Viele Dinge kamen auch aus deutschen Watchblogs und sehr oft ist es so, dass eine komplette Fehlinterpretation irgendeiner Tatsache oder ein bewusstes Verdrehen oder ein Schlampigkeitsfehler, der in Deutschland passiert, sich eins zu eins in den österreichischen Medien wiederfindet. Also dann ist es manchmal ganz spannend, eine Story zu nehmen, die BILDblog schrieb und sich dann anzusehen, wie ist es den österreichischen Medien gegangen mit diesem Thema. Und dann sieht man relativ klar, die haben eh von zum Beispiel BILD abgeschrieben. Wir haben dann einfach oft die österreichische Perspektive dazu geliefert.

Die Inputs kamen von Lesern, von andern Watchblogs und über was man so drüberstolpert?

Genau. Das sind die drei Quellen. Die Leser schicken Emails, schreiben was auf Twitter, posten es auf die Kobuk-Fanpage auf Facebook oder posten ein Kommentar auf Kobuk. Also die lassen sich da nicht auf einen bestimmten Kanal reduzieren. Die schwierigste Disziplin ist wahrscheinlich, die Dinge wirklich selbst zu finden, weil man da sehr viel Zeit investieren muss. Auch ein Medium wie Standard oder Presse – wenn ich da einen Fehler finden möchte, finde ich einen. Man findet immer was. Es ist dann nur die Frage, ob es berichtenswert ist. Die besten Quellen sind Leser und andere Watchblogs.

Berichtet Kobuk auch über andere medienbezogene Themen, wie zum Beispiel Medienpolitik?

Nur in seltenen Ausnahmefällen. Würde jetzt beispielsweise ein Beitrag, der Medienkritik enthält, juristisch verfolgt werden, dann wäre das berichtenswert. Man ist dann noch im Scope der Medienkritik, wenn auch auf einer Metaebene. Aber wenn es darum geht, über Medienförderungen zu schreiben oder über was auch immer für medienpolitische Themen, dann ist das an und für sich außerhalb des Scopes. Unser Ziel ist es, ein scharfes Profil zu haben, erstens, und zweitens unterhaltsam zu sein. Das darf man nicht vergessen. Die oberste Regel ist: Du sollst nicht langweilen. Reines Aufzählen von Fehlern ist dann langweilig, wenn die Erkenntnis dieser Fehler nicht interessant oder zumindest amüsant ist.

Werden benutzte Quellen ausgewiesen beziehungsweise wenn nachrecherchiert wurde, dass das falsch ist, wird da Transparenz geschaffen von den Autoren? Wie wird zitiert? Wird verlinkt? Also wie sieht die Arbeitsweise aus?

Formell besteht jeder Beitrag aus einem sprechendem guten Titel und enthält eine Illustration. Die Illustration ist oft der Screenshot, kann aber auch ein Youtubevideo sein, ein Mitschnitt. Damit ist der Fehler oft schon belegt. Dann sind zweierlei Dinge wichtig: Erstens, dass der Leser des Kobukbeitrags den Fehler selbst nachvollziehen kann. Das heißt, die Originalquelle, so es ein Onlinemedium ist oder eine Onlineversion des Artikels gibt, wird verlinkt. Wenn das nicht möglich ist, braucht es einen Screenshot oder einen Scan. Oder eine Audioaufnahme. Ein Transkript eines Radiobeitrags, wäre auch noch ok, aber ein wirklich wortwörtliches Transkript. Aber der Leser muss sich in irgendeiner Form selbst eine Meinung bilden können. Und im Normalfall soll er sich auch durchklicken und selbst überzeugen können. Screenshots sind ganz wichtig, denn besonders bei Onlinequellen werden Dinge verändert. Es ist auch wichtig, dass der Punkt der Kritik in Sekundenbruchteilen erfassbar ist. Ohne dass man viel lesen muss. Die Essenz der Kritik muss schnell sichtbar sein.

Wie oft wird der Blog aktualisiert?

Ganz unterschiedlich. Jetzt ist er quasi in Sommerpause, nachdem die Lehrveranstaltung durch die Sommerferien unterbrochen ist. Kobuk beschränkt sich auf Gastautoren, deshalb gibt es weniger Beiträge. Sonst gibt es immer etwas, wenn etwas da ist. Je nach Lust und Laune. Von den Gastautoren gibt es zwei, die sehr aktiv sind: Der eine ist Hans Kirchmeyr und der andere bin ich. Während der Lehrveranstaltung war es so, dass ich ein-zwei Beiträge pro Studierenden pro Kalenderwoche verlangt habe, also um die 30 Beiträge pro Woche, wobei in etwa die Hälfte nicht online ging.

Da gibt es einen Moderationsprozess dazwischen, und die Artikel, die online gehen, werden verbessert. Oft gibt es auch noch Feedbackschleifen, weil noch nachrecherchiert oder umformuliert werden muss. Das besonders schwierige an Kobuk ist, die Diskrepanz des Anspruchs mit den Möglichkeiten von Studienanfängern unter einen Hut zu bringen. Das betrifft auch den zeitlichen Möglichkeiten der Studierenden. Das ist gar nicht so leicht.

Sind die Beiträge immer moderiert oder sind sie nur während der Lehrveranstaltung moderiert?

Gastautoren haben die Option. Die haben den Button „publish“ und den Button „submit for review“. Studierende müssen durch die Moderationsschleife. Dann gibt es auch ein internes Messagingsystem, wo jeder der einen neuen Artikel als Entwurf oder eine neue Version abspeichert, benachrichtigt wird. Sowohl ich oder die Tutoren, als auch der Autor selbst, können dann Notizen dazu schreiben, eine Frage oder eine Anmerkung hinzufügen. Und das erscheint dann immer am Backend des Artikels. Und deswegen dauert es auch eine Woche oder Tage im Normalfall, dass ein Artikel online geht. Da haben wir den Nachteil des nicht in Echtzeit-Publizierens und nicht so schnell Reagieren-Könnens.

Es war schon die Rede von verschiedenen Kanälen: Kobuk publiziert also nicht nur über den Blog, sondern auch über Twitter und Facebook?

Wir haben eine Facebook Fanpage oder Like-page wie sie es jetzt heißt. Und die ist so eingerichtet, dass die Blogbeiträge von Kobuk dort automatischen als Update an die Fans gehen. Es ist aber im Prinzip nur ein Hinweis auf den Blogbeitrag. Und auf Twitter ist es so, dass dort einzelne Autoren aktiv sind. Und #Kobuk eigentlich nur ein Hashtag ist. Und das hat sich auch gut etabliert. Mittlerweile ist es auch so, dass Leute, die etwas Medienkritisches twittern, den Hashtag Kobuk anhängen. Nicht um jetzt zu sagen: „Das hat spezifisch was mit Kobuk zu tun“, aber es passt halt thematisch.

Die Kobukinhalte werden also eher nicht als Kurzfassung à la „neuer Artikel auf Kobuk“ getwittert?

Irgendein Leser hat einen automatischen RSS-Twitterbot eingerichtet. Das heißt, es gibt einen Account, der automatisch jedes Mal wenn ein neuer Artikel online geht, einen Tweet absetzt und auch wieder mit Hashtag Kobuk tagged.

Auch wieder eine Art von Nutzerbeteiligung, oder?

Ja.

Welche Möglichkeiten bietet das Web 2.0, die vorher nicht da waren in Bezug auf Medienselbstkontrolle und Medienkritik?

Letzten Endes alle. Der wesentliche Unterschied ist der: früher, vor den Zeiten des Internets, hatte man die Möglichkeit sich am Stammtisch zu äußern, Leserbriefe zu schreiben oder Briefe an Freunde zu schreiben. Also im Prinzip Mundpropaganda. Den Leserbrief nehme ich jetzt ein bisschen aus, weil der Leserbrief ja wieder durch einen Redaktionsfilter geht. Das heißt Leserbriefschreiben ist keine Art des Publizierens wie im Internet posten. Das eine ist editiert, das andere ist nicht editiert. Das ist ein wesentlicher Unterscheid. Im Endeffekt gab es eigentlich keine Möglichkeit Medienkritik öffentlich zu üben, außer mit Hilfe von irgendwelchen Gatekeepern: Volksanwalt, Leserbriefredakteur, vereinzelt Konsumentenschutz oder keine Ahnung wer noch. Oder ein Nationalratsabgeordneter deiner Wahl.

Irgendwer musste dein Anliegen verstärken. So war es früher. Da gab es natürlich ein paar ganz wenige Ausnahmen, wie den Hyde Park Corner in London, wo es so einen Filter nicht gibt. Aber das beschränkt sich auf die, die dort stehen und zuhören. Und jetzt ist es so, dass nicht nur Medienkonsumenten, jegliche Konsumenten und auch Wähler an den Gatekeepern vorbei öffentliche Kritik üben können. Und wie das Beispiel von Ennsthaler / Thalia zeigt, das größte Social Network der Welt ist Email. So hat es begonnen, das kann jeder. Und in diesem Fall war es so, dass es fünf Tage gedauert hat, bis Thalia den Boykott aufgegeben hat, durch den öffentlichen Druck über social media. Und so ist es auch mit Medienkritik. Dadurch, dass Mundpropaganda, das was es früher schon gegeben hat, verschriftlicht wird, vergrößert sich der Hebel ungemein. Erstens über die Zeitachse und zweitens über die geographische Schiene, und wird so zum Machtfaktor. Siehe BILDblog. Die erreichen ~100.000 Leute in Deutschland. Oder im politischen Bereich Netzpolitik.org, ein politisches Blog in Deutschland. Themen, die dort aufgeworfen werden, landen meistens ein paar Tage später in den Massenmedien. Und das ist auch nur ein Blog. Und so ist es mit Medienkritik auch.

Glaubst du gibt es über Web 2.0 die Möglichkeit Journalismus zu kontrollieren oder die Qualität zu verbessern?

Wenn viele Augen auf eine Sache schauen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler entdeckt werden, viel viel höher. Und wenn Fehler entdeckt werden und transparent und öffentlich gemacht werden, dann werden sie in Zukunft weniger oft gemacht werden. Man kann sich das an der Bildzeitung ansehen. Fehlerhäufigkeit und die Fehlerintensität der Bildzeitung sind gesunken. Das ist relativ leicht rückführbar auf das BILDblog. Ich weiß nicht, ob es schon Untersuchungen dazu gibt, ob sich das objektivieren lässt. Aber als das BILDblog populär wurde, gab es eine kurze Phase des Ignorierens seitens des Springer-Verlages und dann waren sie, zumindest bei der Onlineversion, die treuesten BILDblog-Abonnenten. Jeder Fehler der aufgedeckt wurde, wurde schnell aber auch schweigend korrigiert. Das sorgt natürlich dafür, dass du dir deiner Fehler schon bewusst wirst, wenn du immer wieder mit der Nase drauf gestoßen wirst. Und nachdem das Ganze peinlich war, das ging ja dann auch in Richtung Promi-Schauspieler, die sich für BILDblog stark gemacht haben etc., das hat ja weite Kreise gezogen in Deutschland, wurde meiner Meinung nach die Qualitätssicherung massiv erhöht. Eine Rolle die Kobuk längst nicht einnimmt in Österreich.

Gibt es Beispiele wie Medienkritik bei Kobuk bei den betroffenen Medien wirkt? Oder das sie wirkt? Zum Beispiel ein Feedback, sei es traditionelle Medien oder aus dem Web 2.0?

Alleine wenn man sich die Fans von Kobuk ansieht in Facebook, da sind ziemlich viel Journalisten dabei. Die stellvertretende Chefredakteurin von News ist zum Beispiel Fan von Kobuk auf Facebook. Da gibt es ziemlich viele davon. Es ist letzten Endes eine brancheninterne Veranstaltung. Die interessiert das am meisten. Ob das tatsächlich etwas bewirkt, kann ich weniger sagen. Ich kann sagen, was es bei mir selbst bewirkt hat. Ich glaube, ich war immer schon ein relativ kritischer Medienkonsument und mir waren viele Medien-Fehler, Schlampigkeiten aber auch manipulative Versuche, bewusst. Was mich aber wirklich überrascht hat, ist die Dichte und Häufigkeit von journalistischen Fehlern. Das wurde mir erst durch Kobuk bewusst. Also durch die Arbeit der Kobukautoren.

Mir scheint, dass die meisten Fehler, die man in der Krone findet, keine Schlampigkeitsfehler sind, die sehen zumindest danach aus, als wären sie nicht unabsichtlich passiert. Die meisten Fehler, die man bei den Gratiszeitungen, Heute und Österreich, findet, würde ich eher unter Schlampigkeit, vielleicht aber auch unterbezahltes Personal oder Zeitdruck sehen. Da sind auch oft haarsträubende Fehler dabei. Die Kronen Zeitung scheint da professioneller zu arbeiten. Was nicht heißt, dass da weniger Fehler drinnen stünden, aber es sind andere Fehler.

Gibt es von den Lesern positives Feedback? Wollen einige mitmachen?

Es gibt Kommentare. Es gibt immer wieder Hinweise. Nicht alle davon sind brauchbar. Manche Hinweise sind Peanuts. Das ist zwar ein Fehler, aber ein lässlicher Fehler. Es gibt sehr viel Feedback auf Twitter, aber auch auf Facebook. Facebook und Twitter sind auch die Trafficquellen Nummer eins.

Als Generatoren?

Als Generatoren von Traffic, ja. Das ist wieder der Effekt der Mundpropaganda: Leute, die sich über einen journalistischen Fehler ärgern, den Kobuk aufzeigt, die teilen das ihrer Umwelt auf Facebook mit. Auch auf Twitter, nur gibt es halt viel weniger Twitteruser in Österreich als Facebookuser. Da ist ungefähr ein Faktor 100 dazwischen.

Spielt sich auf Facebook auch eine Diskussion ab oder ist es nur ein Trafficgenerator?

Es gibt sehr viel Diskussion auf Facebook. Das Problem ist nur, dass nur ein Bruchteil für uns transparent ist. Das ist der Charakter von Facebook. Solche Diskussionen entstehen über einen Kobuklink, finden dann aber in der sozialen Sphäre des Users statt, der einen Link gepostet hat. Die meisten Links kommen aus dem Nirvana, von Profilen, zu denen man keinen Zugang hat.

Gibt es eine bestimmt Zielgruppe?

Alle. Ich bin von einem Mittelschullehrer angesprochen worden. Der war total fasziniert von Kobuk. Der wollte unbedingt was machen, Plakate drucken, die man in der Schule aufhängen kann. Die Schüler kommen mit Heute und Österreich unter dem Arm in die Schule und hinterfragen das nicht. Für ihn ist Kobuk etwas, worauf Österreich gewartet hat. Wir müssen unbedingt erreichen, dass die Schüler Kobuk lesen, damit sie verstehen, was hinter dieser Schlagzeile steckt. Ich glaube aber, viele Dinge sind verbunden mit Schadenfreude, wenn man zum Beispiel Berichte über schwere Hoppalas liest. Man braucht da keinen akademischen oder einen besonders medieninteressierten Background. Wenn am Cover von Österreich H.P. Strache steht, dann findet das jeder lustig. Das versteht auch jeder.

Gibt es ein bestimmtes Ziel, das ihr damit erreichen wolltet?

Transparenz schaffen. Wenn zum Beispiel ein Kobukartikel aufgedeckt hat, dass die Kronen Zeitung ungefähr titelt: „Skandal: EU-Parlament gönnt sich 167% Steigerung der Ausgaben für die Parteiakademien.“ Und das ist die Headline auf der Frontpage. Wenn man dann die Quelle ansieht, sieht man, dass die nicht nur die Zahlen von 2008 mit den budgetierten Zahlen von 2011 verglichen haben, sondern dass die Zahlen von 2008 nur die Monate September bis Dezember umfassen. Das heißt, die haben vier Monate 2008 mit 12 Monaten 2011 verglichen. Und kommen auf 167% Steigerung, und das ist die Anti-EU-Headline. So was transparent zu machen, ist mehr als notwendig. Das ist eine Art des Korrektivs, das definitiv fehlt und die das BILDblog in Deutschland einnimmt. Nämlich auch mit einer ausreichenden Reichweite. Weil die 100.000 Leser, die BILDblog erreicht, oder wahrscheinlich auch mehr, zu einem sehr großen Prozentsatz wiederum Multiplikatoren sind. Das sind Mittelschullehrer, Journalisten oder auch Blogger, und diese Leute erreichen wieder überdurchschnittlich viele Leute. Das ist Meinungsbildung.

Wie sieht die Zukunft der Watchblogs aus?

Ich glaube, da stehen wir gerade ganz am Anfang. Da wird noch sehr viel kommen. Wir sind noch in den Jahren der Experimente. Ob das jetzt Blogs sind oder nicht, wage ich nicht zu sagen. Es wird keine große Organisation geben, die nicht ihr eigenes Watchblog hat. Österreichs erfolgreichstes politisches Blog, oder besser einflussreichstes Blog, ist DieTiwag.org. Sagt den meisten Wienern nichts, betrifft uns auch nicht. Das ist das Watchblog der Tiroler Wasserkraft. Das liest in Innsbruck jeder. Die bekommen dann entsprechend auch Unterlagen aus den Behörden etc. DieTiwag.org betrachtet aber nicht nur die Tiwag sondern auch über die Tiroler Landesregierung, das ist ja alles ein bisschen verwoben in Tirol. Da geht Watchblogtum über zu Whistleblowing. Und da geht man dann in Richtung WikiLeaks. Was WikiLeaks gemacht hat, beispielsweise mit dem Video von dem Kampfhubschrauberangriff in Bagdad, ist eigentlich ein Versagen der klassischen Medien. Weil entweder es wurde den klassischen Medien vorher nicht angeboten, das wäre auch vielsagend, oder sie haben es nicht veröffentlicht, was noch mehr aussagt. Da braucht man offensichtlich so etwas wie WikiLeaks oder DieTiwag.org oder wie das BILDblog.

Was wir auch sehen könnten, ist ein Missbrauch von Watchblogs. Es ist ja nicht gesagt, dass eine Gruppe von aufgeklärten, kritischen Medienkonsumenten so etwas wie das BILDblog betreibt. Das könnte ja auch der große Konkurrent sein unter dem Mäntelchen des aufgeklärten Medienkonsums. Warum? Weil das ja massive Auswirkungen auf den Werbemarkt hat. Die Bildzeitung hat durch BILDblog nicht weniger Leser. Alle Leute die BILDblog lesen, haben die Bildzeitung sowieso nicht gekauft. Aber die Werbewirtschaft liest das. Und da tut es ihnen am meisten weh. Da reicht es schon, wenn ein großer Konzern seine Anzeigen zurückzieht.

Wo siehst du die Zukunft von Medienselbstkontrolle?

Ich habe an Medienselbstkontrolle noch nie geglaubt. Das funktioniert genau so wenig wie die freiwillige Selbstverpflichtung der Gastronomie in Sachen Nichtraucherschutz oder wie die freiwillige Selbstverpflichtung der Automobilindustrie zur Reduktion von CO2. Das ist nur eine Lobbyingmethode um Regulierung zu verhindern. In Österreich würde ich zumindest nicht sehen, dass es funktioniert.

Ja, da gibt es sicher Länder in denen es besser funktioniert.

Es ist ein Unterschied, wie man Medienselbstkontrolle lebt. Ein Presserat mit unabhängiger Besetzung und entsprechenden Sanktionierungen ist etwas anderes als irgendeine Charta, die man unterschreibt und sagt, die halten wir ein. Da ist Selbstkontrolle ein weites Feld der Interpretation. Aber Österreich ist da sicherlich ein Balkanland, was das betrifft.

Welche Medien nutzt du? Oder welche Ressorts?

Medien nutze ich sehr unterschiedlich. Ich habe nichts dauerhaft abonniert. Aktuell habe ich den Economist öfter gelesen. Mich interessiert Meinung sehr stark, alle Kommentare. Und Außenpolitik.

Also kein standard.at/etat Leser?

Das lese ich online, da aber auch eher die Geschichten, die Onlinemedien betreffen, aus beruflichem Interesse. Mich nerven die Selbstbeweihräucherungen. Jeder 10. Artikel ist ja eine wahnsinnige Selbstbeweihräucherungen für die Werbewirtschaft: „In der neuen ÖWA Auswertung sind wir wieder die Besten“. Das kann ich gar nicht lesen. Das interessiert mich nicht.

Was war dein größter Erfolg beim Bloggen?

Was ist Erfolg?

Irgendwas, bei dem du sagst: Das war super.

Eine Geschichte, die war vor ein bisschen mehr als vor einem Jahr. Wir, drei Blogger, haben ein bisschen die Grünen gehackt. Wir haben die Grünen Vorwahlen ausgerufen, ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Wir kannten eine Bestimmung im Statut der Wiener Grünen, die es Unterstützern, also Nicht-Parteinmitgliedern, erlaubt, bei Landesversammlungen die Kandidatenliste für Wahlen zu wählen. Wir haben uns erlaubt, das als Vorwahlen umzuinterpretieren und haben über unsere Blogs, Twitter und Co alle Grünsympathisanten, die wie wir fanden, dass die Grünen Veränderung brauchen, aufgefordert, sich als Vorwähler zu registrieren, per Faxregistrierung. Die Grünen haben das überraschend negativ aufgenommen. Uns war schon klar, dass wir ihnen damit in die Suppe spucken, aber das war ja Teil des Experiments, wir wollten ja von außen etwas bewegen. Aber die haben da gewisse Immunreaktionen gezeigt, weil da Verschwörungstheoretisches vermutet wurde, dass da ein geheimer Kandidat dahinter steckt, den wir dann bei der Landesversammlung aus dem Hut zaubern. Die haben deswegen von den 440 Unterstützern, die gesagt haben, ich unterstütze die Wiener Grünen, die Hälfte abgelehnt. So gut wie ohne Begründung. Das wurde dann so richtig groß. Da gab es 70 Zeitungsartikel und einen Beitrag im ORF-Report und Radiobeiträge. Das ist eine Geschichte, die wir mit Blogs bewegt haben.

Vor zwei Jahren habe ich ein Gerücht veröffentlicht, Google plane eine Niederlassung in der kleinen Gemeinde Kronsdorf in Oberösterreich, weil ein Bekannter von mir das als Tankstellenklatsch erfahren hat und das dann getwittert hat. Und das hat dann eine ziemlichen Aufruhr verursacht. Das wurde von den Massenmedien übernommen. Auch samt ein paar kleinen Fehlern, die ich versehentlich eingebaut habe. Da ich ja aus der Stadt Steyr bin, habe ich Kronsdorf als einen Vorort von Steyr bezeichnet. Er ist aber eher ein Vorort von Linz. Überall stand dann “Vorort von Steyr”. Das fand ich ganz lustig. Es hat große Probleme verursacht, weil es offenbar ein Stillhalteabkommen zwischen Gemeinde und Google gab. Ein halbes Jahr später wurde das dann offiziell in einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Und wir haben es halt ein halbes Jahr vorher an die Presse gebracht, das war ganz witzig. Das Interessante dabei war, ich habe nur das Initialgerücht geschrieben, und die meisten Informationen kamen dann über meine Leser als Kommentar. Ich habe gehört, Niederlassung von Google. Der erste Kommentator sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Niederlassung sein soll, denn wo gibt es die Eliteuni, das wird sicher ein Datencenter, wenn es stimmt.“ Dann sagte der nächste: „Datencenter klingt plausibel, weil da gibt eine Fluss zur Kühlung und drei Flusskraftwerke in der Nähe für genügend Strom.“ Der nächste sagte: „Ah, da geht ja die große Glasfaserleitung der Telekom Austria nach Osteuropa vorbei, ganz dort in der Nähe.“ Und dann kommen die Bits und Pieces zusammen und wenn du das fertig gelesen hast, weißt du: Das stimmt. Das ist total plausibel. Und ich habe dann immer ein Update zum Datencenter geschrieben, habe aber immer auch dazu geschrieben: „Achtung Gerücht!“. Ich habe das nie als Tatsache verkauft. Da gab es ein massives Versagen der Presse.

Die Oberösterreichischen Nachrichten haben den Bericht am nächsten Tag übernommen und haben geschrieben: „Seit Tagen häufen sich Meldungen im Internet.“ Es war aber nur eine Meldung und nur ein Tag. Sie haben auch nicht auf die Quelle hingewiesen. Die Futurzone hat es komplett korrekt und gut gemacht. Die APA hat es ok geschrieben und der Standard hat die APA-Meldung übernommen und alle Gerüchte und Konjunktive heraus gestrichen: „Google plant Datencenter.“ Indikativ. Es gab zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine offizielle Bestätigung. Als nicht “möglicherweise”, “Gerüchte”, sondern: Es ist so. Und das war spannend, auch dieses Medienversagen zu dokumentieren. Dann gab es eine Woche später im deutschen Handelsblatt eine Geschichte über diese Geschichte: „Von Twitter in die Massenmedien.“ Der hat das dann wirklich gut herausgearbeitet. Das war eine Geschichte, die spannend war.

Was ich auch witzig fand, war Folgendes: ich habe eine Woche vor der EU-Wahl geschrieben, dass ich nach langem Überlegen doch die Grünen wähle. Weil Eva Lichtenberger, das war die, um deren Mandat es gegangen ist, die ist, die sich bei den Themen Netzpolitik, Privacy, Copyright etc., in der Gesamtfraktion und im Parlament, als eine der wenigen wirklich gut auskennt. Und ich habe auch dazugeschrieben, dass ich überhaupt nicht verstehe, warum die Eva Lichtenberger keine Vorzugsstimmenkampagne führt und zum Beispiel mit diesen Netzthemen wirbt. Weil niemand weiß das und niemand redet darüber. Ich weiß auch, warum, weil Vorzugsstimmenkampagne bei den Grünen immer ein heikles Thema ist. Interne Geschichte. Was ich da sehr witzig fand, dass zwei Tage später eine Kampagne, eine Last-Minute-Online- Kampagne mit Bannern, gestartet ist, Vorzugsstimmenwahlkampf für Eva Lichtenberger mit genau dem Titel meines Blogposts als Slogan. Sie hat dann im Interview zur Tiroler Tageszeitung gesagt, das sogar der Wiener Blogger Helge Fahrnberger eine Unterstützungserklärung abgegeben hat und sie dazu motiviert hat und sie jetzt doch einen Vorzugsstimmenwahlkampf macht. Da habe ich mir gedacht: „Ok, da braucht es manchmal nur einen kleinen Blogpost.“ Das sind so Dinge, die man mit einem Blog bewegen kann.

Gibt es irgendwelche Rahmenbedingungen, die sich ändern müssten, damit Bloggen leichter wird, das mehr Leute sich trauen?

Ganz massiv. Es gibt medienrechtlich, in Deutschland ist es noch viel schlimmer als in Österreich, die Schere im Kopf. Du bist als Blogger immer mit einem Bein auf der Schaufel eines Rechtsanwalts. Was passiert bei einer Abmahnung – die ist ja komplett außergerichtlich – im Normalfall: Egal ob sich der Rechtsvorwurf des Anwalts, wegen zum Beispiel übler Nachrede oder sonst etwas, substantivieren lässt oder nicht, das ist sofort mit so viel Kosten verbunden, dass du gleich klein beigibst. Das heißt, der kann im Endeffekt fast alles behaupten. Zusätzlich ist es so, dass das Medienrecht massiv verschärft wurde, dahingehend, dass Blogs einen medienrechtlichen Verantwortlichen brauchen. Es gibt die Offenlegungspflicht. Es ist nicht unbedingt eine Impressumspflicht, aber so etwas Ähnliches. Ich darf nicht anonym bloggen. Es muss mein Name dabei stehen und meine Postleitzahl und die Stadt. Und wenn ich nicht gerade Peter Fischer heiße, dann ist es nicht anonym. Und dann gibt es Leute wie den Landeshauptmann Dörfler, die fordern sowieso, dass jeder, der im Internet was sagt, sich mit Bild und Name und Geburtsdatum identifizieren muss.

Es gibt aber auch Leute wie Armin Thurnher, der gegen die Anonymität anschreibt. Und man braucht nur nach Kuba oder in den Iran schauen, um zu verstehen, wie wichtig Anonymität im Zweifelsfall ist. Es müssen, wie auch immer das passiert, Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass man als Blogger, vor allem als politischer Blogger, nicht der Willkür eines Rechtsanwaltes oder einer Rechtsabteilung ausgesetzt ist. Weil ich es mir gar nicht leisten kann, im Recht zu sein. Weil ich das Risiko nicht eingehen kann. Da geht es sofort um ein paar Tausend Euro und manchmal auch um mehr als 10.000 Euro. Und das kann sich kein Blogger leisten. BILDblog kann sich das leisten, weil die machen dann einen Spendenaufruf. Aber das ist auch eine Ausnahme.

Gibt es beim Watchblog Kobuk Erfahrungen diesbezüglich?

Zum Glück nicht. Aber BILDblog wurde vom Axel-Springerverlag verklagt. BILDblog ist ja groß genug, die haben im Nu 17.000 Euro an Spenden aufgestellt.

Ist die Frage, wie oft das funktionieren würde.

Ich glaube, je öfter es passiert, desto größer ist die Solidarisierung. Da gibt es dann irgendwann ein Unternehmen, das sagt, wir verdoppeln das jetzt. Das funktioniert schon. Die Wikipedia nimmt mit links 7.000.000 Dollar ein an Spenden. Das muss nur groß genug sein. Aber auch Wikileaks bekommt extrem viele Spenden. Wikileaks, ich weiß nicht mehr genau die Summe, hat eine sechsstellige Summe nur in den zwei Wochen nach dem Irakvideo bekommen. Das geht schon, aber im Kleinen nicht. Es wäre vielleicht einmal interessant einen Solidaritätsfonds zu machen. In den Blogger einfach einzahlen, so was wie die Schwarzfahrversicherung, dass man da eine Bloggerrechtsschutzversicherung macht. Aber das ist auch unfair. Denn ein große Blogger ist viel stärker bedroht als ein kleiner Blogger. Er kann sich aber nicht 10 Mal so hohe Mitgliedsbeiträge leisten. Manche schreiben nur harmlose Themen, die erwischt es ab und zu trotzdem. Manche exponieren sich ständig. Das ist ein bisschen schwer zu organisieren. Aber diese Schere im Kopf ist ein echtes Problem. Wir sehen zum Beispiel in England, da gab es eine Geschichte, die rechtlich unterdrückt wurde und alle Medien, von BBC über Zeitungen, wurden mit Klagen bedroht und irgendwo in Social Media ist es doch aufgekommen. Oder jetzt, Meinl. Jeder Journalist, der über die Sache Meinl schreibt, hat die Schere im Kopf. Weil die genau wissen, dass die enorm viel Kohle haben, und sich vor Klagen fürchten. Diese Schere im Kopf hat ein Blogger immer. Nicht nur bei Meinl. Das ist das Problem. Und das hemmt die Kontrollfunktion von Blogs.

Kennst du dich medienrechtlich etwas aus?

Ich würde sagen: Gefährliches Halbwissen. Im Zweifel muss ich dann doch nachschlagen und schauen wo verläuft die Grenze genau. Aber ich kann freie Meinungsäußerung und unzulässige Angriffe schon sehr gut unterscheiden.

Du hast keine publizistische Ausbildung?

Nein.

Auch nicht journalistisch gearbeitet?

Jein, ich habe ein ständige Kolumne in einem vierteljährlichen Magazin, und ich habe schon Artikel geschrieben für den Falter, die Presse. Immer kurze Gastbeiträge. Aber ich verdiene mein Geld nicht primär mit journalistischer Arbeit.


Dabei steigt mir wahrlich die Galle hoch.

Während der sonstige Boulevard mal schamlosen und mal schlampigen Journalismus macht, ganz offensichtlich getrieben von Personalmangel und Zeitdruck, missbraucht die größte Zeitung des Landes ihre Reichweite zu gezielter Propaganda. Wieder und wieder und wieder.

Die Kunst [der Propaganda] liegt nun ausschließlich darin, dies in so vorzüglicher Weise zu tun, daß eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache, der Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit von etwas Notwendigem usw. entsteht. (..) Ihr Wirken [muss] auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand.

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Mein Kampf, S. 197

Wir brauchen hundert Kobuks. Und BILDblogs. Und Abgeordnetenwatchs. Plattformen auf denen wir all denen auf die Finger schauen, die an den Druckerpressen stehen, in denen unsere Zeitungen und unsere Gesetze gedruckt werden.

Wir, das sind 1000 Augen, denen nichts entgeht.

Jetzt, ohne den Versuch irgendeiner Überleitung, ein Beitrag über Kobuk, der gestern auf Okto TV lief, produziert von einer Gruppe von Studierenden der FH-Wien:

 


Am 19. Oktober waren mein Kobuk-Co-Autor Hans Kirchmeyr und ich im Besprechungszimmer des Dekans des Juridicums geladen, um gegenüber dem Österreichischen Medienrat eine Beschwerde zu rechtfertigen, die Hans eingebracht hatte. Sie betraf die schamlose Verletzung der Persönlichkeitsrechte eines Mordopfers durch “Österreich” letzten Sommer. Der Anlass war eher wahllos aus den Unmengen der auf Kobuk dokumentieren journalistischen Fehler gewählt, es ging mehr darum, zu prüfen, ob dieser Medienrat überhaupt existiert oder sich tot stellt.

So saßen wir also im Zimmer des prominenten Verfassungsjuristen Heinz Mayer, der beim Medienrat den Vorsitz gibt, zusammen mit vier weiteren Ratsmitgliedern. Man hatte uns kulanterweise eingeladen, schließlich besaßen wir ja mangels Verwandtschaft zum Opfer keine Parteienstellung. Und selbst wenn, kostet doch eine Anrufung €700. Da saßen durchwegs honorige Damen und Herren, dennoch merklich ungeübt in der Sache. Einige Zeit wurde ziellos über den Fall diskutiert und es war schnell klar: Hier existiert weder ein definierter Ablauf noch ein Ethikkodex (wie der des dt. Presserats), nach dem man urteilen könnte. Zitat: Kodices gibt es viele, wir picken uns jeweils einen heraus, der gerade passt.

Nicht dass der Eindruck entsteht, der Medienrat hätte sich gerade erst gegründet – es gibt ihn schon seit 1,5 Jahren. Das erste Jahr seines Bestehens war jedenfalls nicht durch Aktivität geprägt. Die Website besteht beispielsweise aus.. einer einzigen einsamen Grafik.

Lustig auch die Legitimierung: Auch wenn der Ö. Journalistenclub, der viele Mitglieder hat, Geburtshelfer des Medienrats war, gibt es doch keine formale Beziehung. Die Legitimität des Medienrats entspringt.. seinen sieben – honorigen – Mitgliedern.

Heute dann die OTS-Aussendung: Der Medienrat hat sich tatsächlich dazu durchgerungen, “Österreich” auf Initiative von Kobuk zu verurteilen (die “zwei aufmerksamen Medienbeobachter” sind dann wohl wir). Nicht dass das jetzt irgendwelche Konsequenzen hätte, wie in Deutschland, wo das gerügte Medium die Rüge abdrucken muss. Hierzulande passiert einfach – nichts.

Aber ich fürchte fast, es ist eh die erste und letzte Verurteilung. Unzählige Fälle von Verletzungen von Persönlichkeitsrechten, von fahrlässiger oder auch mutmaßlich mutwilliger Falschinformation blieben auch in der Vergangenheit genauso unbehandelt wie Scheckbuchjournalismus der schlimmsten Sorte. Das bei seiner Gründung durch den Präsidenten des Journalistenclubs, Fred Thurnheim, vollmundig formulierte Ziel:

Der Medienrat (..) funktioniert ab dem heutigen Tag und daher ist eine Verschärfung des Mediengesetzes, wie es die Justizministerin andenkt, nicht mehr notwendig. Wir können, und wir sind in der Lage, die österreichische Medienlandschaft selbständig zu kontrollieren und auch entsprechend zu organisieren, was die Ethik des Journalismus betrifft.

Danach zu urteilen: Eindeutig kolossal gescheitert. Wobei, dazu fragt sich Heinz Mayer in der Antrittspressekonferenz (ab Minute 23:30):

Ich frag mich, was heißt “scheitern”? Wenn wir nicht angerufen werden, weil’s keine Notwendigkeit gibt, dann sind wir nicht gescheitert, sondern dann haben wir maximalen Erfolg erreicht.

Praktisch, dass den Medienrat niemand kennt, Anrufungen was kosten und nur direkt Betroffenen zur Verfügung stehen. Hauptsache ist: Maximalen Erfolg erreicht (bei minimalem Aufwand).

Und, wie gut, eine Verschärfung des Mediengesetzes hat’s auch nicht gegeben.


26% der Stimmen für eine Blut-und-Boden-Partei, Risse durch die Gesellschaft entlang der Thesen eines Thilo Sarrazin, in der österreichischen Regierung eine Eiserne Lady, die sich durch Inhaftierung und Abschiebung von Zuwandererfamilien profiliert.

Integration, das große Thema. Doch wessen Integration?

Alle scheinen sich einig, dass die Wahlerfolge der Rechten mit dem Ausländerthema nicht viel zu tun hätten, das wären hauptsächlich Proteststimmen. Ich glaube das nicht.

Ich glaube, es geht um die Fragen “Wer kriegt wieviel und warum?”, “Warum der und nicht ich?”, darum, was Gesellschaft ausmacht, wer Gesellschaft ausmacht (und wer sich das ausmacht), um Ubuntu, Solidarität und Neid. Ein diffuses Gefühl der Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit vermischt sich mit der Frage nach der Abgrenzung als Gruppe: Wer ist drin und wer ist draußen? Wer darf bleiben, wer wird abgeschoben?

Wir sind evolutionär darauf konditioniert, den Mitgliedern unserer Gruppe gegenüber solidarisch zu sein. Die Funktion dazu heißt Empathie. Die Sippe überlebt, wenn sie zusammenhält. Aus Sippen wurden Dörfer und Städte, später Religionsgruppen und Staaten. Immer wieder haben unsere Vorfahren die Frage nach der “Gruppe” neu definiert und sich dabei mit vorigen Generationen überworfen. Mit der sprachlichen Bereinigung des europäischen Potpourris an Dialekten in Folge des Buchdrucks wuchs die Rolle der gemeinsamen Sprache, aus der die Nationalstaaten entstanden.

Maria, die Hausruckviertler Milchbäurin, wurde zur Katholikin, dann zur Deutschösterreicherin, später zur Deutschen, dann zur Österreicherin. Und zuletzt zur Europäerin. (Oder eben auch nicht, sie wurde stattdessen Innenministerin.)

Apartheid, Holocaust, das indische Kastensystem, die Sarkozy’sche Roma-Vertreibung oder das Asylwerberheim auf der Kärntner Saualpe sind genauso Symptome dieser Abgrenzung wie das Konzept “Staatsbürgerschaft” oder die selbstverständliche finanzielle Unterstützung naher Verwandter. Die Hilfe untereinander lebt von der Abgrenzung.

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten mehrheitlich auf eine eher internationale Auslegung von Solidarität geeinigt: Es besteht kein Zweifel mehr, dass uns Flutkatastrophen in Pakistan und Bankenpleiten in Griechenland etwas angehen, dass Europa Einwanderung aushält und braucht und politische und auch wirtschaftliche Flüchtlinge wiederum uns brauchen. Es besteht kein Zweifel mehr, dass die Mehrsprachigkeit der Migranten ein kultureller Mehrwert für alle sein kann, wenn wir sie ins Bildungssystem integrieren. Es besteht kein Zweifel mehr, dass wir keine monokulturelle Gesellschaft sind oder jemals waren.

Es besteht kein Zweifel? Vielleicht nicht bei uns in Boboville, aber im Gemeindebau in Simmering (stärkste Partei: FPÖ) und in der Muthgasse fühlen das viele anders. Und fühlen sich demokratisch ausgehebelt (“Ausgrenzung”) und moralisch niedergebügelt (“Political Correctness”, von ihren geistigen Vorgängern “Umerziehung” genannt.) Die Frage nach der Abgrenzung als Gruppe hat die gesellschaftliche Elite tatsächlich alleine verhandelt und viele Menschen weit im 20. Jahrhundert zurückgelassen.

Das ist die Integration, um die es geht. Die Integration dieser Menschen, die wir zurückgelassen haben, in einen gesellschaftlichen Konsens, mit wem wir solidarisch sein wollen. Wie integrieren wir 26% FPÖ-Wähler (und vielleicht nochmals so viele in den anderen Parteien) in einen solchen gesellschaftlichen Konsens?


..eben zwei achtjährige Zwillinge zuerst inhaftiert und dann ohne ihre Mutter in den Kosovo abgeschoben wurden, und die Grünen die Einzigen sind, die glaubwürdig dagegen auftreten. Das macht mich wütend, und dennoch entscheide ich anders. Ich wähle die Grünen auch nicht, weil Maria Vassilakou in den TV-Diskussionen so gut war oder aus sonstigen “medialen” Gründen.

Ich wähle diejenigen Kandidaten, denen ich glaube, dass sie in den nächsten Jahren Wien verändern: Abkehr von fossiler Energie, Rückeroberung des öffentlichen Raumes vom Blech, vernünftige Bildungspolitik inklusive Nutzung der Mehrsprachigkeit von Kindern anderer Muttersprache, Ausbau des öffentlichen Verkehrs (vor allem des Straßenbahnnetzes), Ausbau von Partizipationsmöglichkeiten.

Die SPÖ wähle ich nicht, weil absolute Mehrheiten absolut korrumpieren. Außerdem scheint sie mir zu träge, um wichtige Reformen umzusetzen.

Die ÖVP wähle ich nicht, weil nicht einmal klar ist, wofür sie steht. Jedenfalls nicht für eine Trendwende in Energie- und Verkehrspolitik. Ihre letzte Regierungsbeteiligung ist ohne erkennbare Erfolge zu Ende gegangen. Gut, sie haben inzwischen die 24h-Ubahn-erkämpft, aber ansonsten besteht ihre Verkehrspolitik mehr aus Autolobbyismus à la Entfernung von Fahrradbügeln. Abgesehen davon ist die Partei einer Fekter für mich so wählbar wie die Partei eines Strache.

Darum wähle ich Grün. Die Grünen haben nicht nur in den mir wichtigen Themen die besseren Konzepte, sie haben auch – trotz Oppositionsrolle und trotz vielzitiertem “Chaos” – in der Vergangenheit gezeigt, dass sie konkrete Projekte verwirklichen können: Seit 2001 haben sie der SPÖ 55 konkrete Rot-Grüne Projekte abgetrotzt, darunter Citybike, Wientalhighway, Biomassekraftwerk und Okto. Für die nächsten Jahre sind 23 weitere Projekte (anschauen!) geplant. Auch Bezirksprojekte wie die Fuzo Josefstädterstraße überzeugen mich.

Auch andere denken ähnlich: Jana Herwig, Franz Joseph, Robert Misik oder Robert Menasse. Und vielleicht sogar Gerald Bäck.

Ideen für Vorzugsstimmen (man kann – stadtweit – zwei vergeben):

Wer übrigens Grüne Vorwahlen will, weil die Grünen nach wie vor und mehr denn je Veränderung brauchen: Die beste Zeit dafür ist ab Montag. Geh der / dem Grünen deines Vertrauens damit auf die Nerven.


Meine Kolumne im aktuellen UPDATE-Magazin:

Deutsche Medien kannten in diesem Sommerloch nur ein Thema: Google Streetview. “So ist ihr Haus im Internet zu sehen!” titelt die BILD. Medien und Politik echauffieren sich darüber, dass Google den öffentlichen Raum abfotografiert. Für Zeitungsartikel werden Pensionisten vor ihrem Haus abgelichtet, die darüber erbost sind, dass ihr Haus öffentlich abgelichtet werden soll.

Dabei geht es lediglich um das Abbilden von Öffentlichkeit. Etwas, das Reise- und Fotobuchverlage seit jeher machen und damit hochwillkommene historische Dokumentationsarbeit leisten.

Die Zeitungsverlage schüren die Anti-Google-Stimmung, um das von ihnen geforderte Leistungsschutzrecht politisch durchzuboxen. Dieses sieht vor, Überschriften und Teile von Sätzen einem Monopolrecht zu unterwerfen. Snippets, wie sie auf Suchmaschinen und Aggregatoren üblich sind, aber auch Zitate wären bei Verlagsinhalten nicht mehr möglich. Ein klarer Angriff auf die Informationsfreiheit.

Politiker wiederum profilieren sich ängsteschürend als Datenschützer. Praktisch wenn sie damit von den von eigenen Eingriffen in die Privatsphäre ablenken: Die hierzulande kurz vor Umsetzung stehende Vorratsdatenspeicherung sieht die Speicherung aller Verkehrsdaten inklusive URLs, Emailadressen und Ortskoordinaten von Handygesprächen über sechs Monate vor. Eines jeden Bürgers, ausnahmslos. Die eben ausgehandelte ACTA-Regelung erlaubt unter anderem das Durchsuchen von Notebookfestplatten nach Urheberrechtsverletzungen bei Grenzübertritten. Et cetera. Die Streetview-Diskussion eignet sich hier wunderbar als Nebelbombe.

Wie komme ich dazu, mir mein Haus von einem paranoiden Nachbarn verpixeln, und wie das Tourismusland Österreich mit 22 Mrd. Einnahmen pro Jahr, sich ein derart wichtigstes Marketinginstrument nehmen zu lassen? Verbieten wir demnächst Postkartenverlagen ihr Geschäft? Oder unseren Gästen das Veröffentlichen ihrer Urlaubsfotos auf Facebook?

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, also hat das Anrecht auf öffentlichen Raum („Panoramafreiheit“) auch da zu gelten. Für jeden, auch für Google. Dabei gäbe es rund um Google genug tatsächlichen Regulierungsbedarf, beispielsweise dominiert Google etwa die Hälfte der weltweiten Online-Werbung.

Foto: (cc) Norbert Aepli

PS. Weil es gerade zum Thema passt: Ein sehenswertes Video zur ACTA-Vereinbarung:


Kim Il Häupl..

..und seine Photoshop-Jünger:

Wobei die Plakate natürlich an die Neue Politik von vor zwei Jahren nicht rankommen. Das ist noch mehr drin, liebes SPÖ-Wahlkampfteam! :-)

Via Thomas Blimlinger und Georg Günsberg.


In der morgigen “Presse” wird über mein Plädoyer für breite Vorwahlen berichtet. Was genau ist ein Plädoyer? Wenn man angerufen und um Stellungnahme gebeten wird?

Möglicherweise gibt’s keinen besseren Kurs in Medienkunde als die eigenen 15 minutes of fame. Letzten Sommer, als unsere Grünen Vorwahlen bei den Medien hoch im Kurs standen, durften wir hautnah miterleben, wie die österreichische Medienlandschaft so tickt. Spoiler: Nicht nach Lehrbuch. (Siehe auch meine Fragen an einen Presse-Redakteur.)

Ich freu mich ja, um meine Meinung gefragt zu werden – aber ist ein komisches Gefühl, wenn Journalisten der Welt ihre eigene Meinung durch mich und mit mir verkünden. Ein Gefühl, das ich bei vielen der Vorwahlen-Artikel hatte.

Der Artikel selbst ist voll ok, ich stehe zur Grundaussage. Nur käme ich nie auf die Idee, das Thema just vor der Wahl aufzuwärmen – das ist kontraproduktiv: Wahlzeiten sind für Diskussionen über Parteireformen ungeeignet. Die Zeit für eine Vorwahlendiskussion ist nach der Wahl.

Insofern hat mich auch gewundert, dass sich Eva Glawischnig zum Satz “So wie die Basisdemokratie derzeit ist, führt sie in eine Sackgasse.” hinreißen hat lassen.

Woraus der “Standard” letztes Wochenende völlig sinnentstellt den Aufmacher “Glawischnig: ‘Basisdemokratie führt in Sackgasse’“ gemacht hat. Auch wieder was für die Medienkunde.

Mir ist natürlich klar, dass Journalisten überlegen, ob sie mich zu einer Story anrufen, wenn sie dann mit einem solchen Blogpost rechnen müssen. Das stört das in Wien so wichtige Beziehungsgeflecht.

Aber auf das wird hier eh viel zu oft Rücksicht genommen.

Mein Fehler, Herr Graf

August 19, 2010  

Sehr geehrter Herr Martin Graf,

es freut mich, dass Sie die Zeit finden, mein Blog Internet-Tagebuch zu lesen:

So vermerkt der Internet-Tagebuchschreiber Helge Fahrnberger, der einmal mehr große antifaschistische Ehren erwarb, indem er als Erster über die neue Plakatserie der Wiener FPÖ bloggte, über das heftig diskutierte „Wiener Blut“-Sujet folgendes: (..)

(Der Link Verweis stammt jetzt von mir, den hatten Sie vergessen.) Danke auch, dass Sie uns Ihre Interpretation des FPÖ-Plakats nicht vorenthalten:

Wenn ich (..) den Spruch auf dem Plakat der FPÖ lese, dann denke ich bei „Wiener Blut“ zunächst an Kultur, Operette, vielleicht ein bisserl an Falco und insgesamt an den liebenswerten Charakter dieser großen Kulturstadt. (..) Die Interpretation eines mutigen, aber verantwortungsbewussten Umgangs mit sozialen Problemen unserer Wiener Gesellschaft erscheint mir jedoch als einzig zulässige Deutung im 21. Jahrhundert.

Da habe ich die Botschaft Ihrer Partei falsch verstanden: Nicht Provokation und eindeutige Signale an den rechten Bodensatz unserer Gesellschaft ist ihr Anliegen, sondern die Lösung migrationsbedingter Probleme in unserer Stadt!

Ich bitte, den Irrtum zu entschuldigen. Ich vermute, dem großen Antifaschisten Michael Jeannée ist der seinige ähnlich unangenehm, kommentiert er doch in der Kronenzeitung:

Ich meine dieses “Mehr Mut für Wiener Blut”, (..) das – no na! – Assoziationen weckt zu jener widerwärtigen Sprache, von der man glaubte, sie wäre am Misthaufen der braunen Blut-und-Boden-Geschichte längst vermodert.

Auch den Gutmenschen des Informationsportals “Alpen-Donau.info” ist ihr Missverständnis (NSFW) sicher peinlich:

Uns gefällt die Hinwendung zum Blut sehr gut. Jetzt wollen wir aber auch klargemacht wissen, daß Blut und Boden sich gegenseitig bedingen. Daher ist die Ausschaffung von Ausländern das Gebot der Stunde.

Durchwegs linkslinke Unterstellungen, die sich der “einzig zulässigen Interpretation eines mutigen, aber verantwortungsbewussten Umgangs mit sozialen Problemen” versagen.

Ich danke Ihnen für die Aufklärung und stimme einem ihrer Sätze vollsten Herzens zu:

Es ist recht schade, wie sehr sich manche Leute über den Nationalsozialismus definieren, wo doch so viele aktuelle Probleme unserer Gesellschaft ungelöst vor uns liegen, die mit der Vergangenheit reichlich wenig zu tun haben.

Herzlichst Ihr
Helge Fahrnberger

PS. Zwei wunderbare Alternativvorschläge für ein Wiener-Blut-Plakat von Digiom und Comics gegen Rechts, täten’S die dem Herrn Kickl vorschlagen, geht das?

Common misspellings: Farnberger, Fahrenberger, Farenberger, Fahnberger, Fahrnleitner, Fahrngruber, Fahrnberg.
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