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Media Politics

Wann wurde es Headline-würdig, wenn ein Blogger den Kanzler basht?

Eigenartig. Gestern war ich bei zwei aufeinanderfolgenden Podiumsdiskussionen des Presserats zum Thema Transparenz im Journalismus, bei der ersten im Publikum, bei der zweiten am Podium. Heute das:

Ich hatte Oliver Voigt von “Österreich” aus dem Publikum (!) gefragt, ob er nicht der Meinung sei, dass sich ein mittelmäßiger Kommunalpolitiker unter anderem in seiner Zeitung zum Kanzler gekauft hätte, wie böse Zungen behaupten.

Zumindest soweit ich mich daran erinnere – ich bin kein Politprofi, der seine Aussagen immer Wort für Wort im Griff hat. Schon gar nicht, wenn ich irgendwo im Publikum sitze.

Verwunderlich also, dass ein unprominenter Gast – zu Wort kamen viele bekannte Medienmenschen: Rainer, Reitan, Kalina, Brosz, Fidler, Voigt, Langenbucher, Bauer, etc – mit einer Aussage aus dem Publikum zur Titelstory wird, die dazu mit dem eigentlichen Thema nicht mehr allzu viel zu tun hat. (Ein User fragt zu Recht: “Wer ist Helge Fahrnberger???”) Der hochspannende und preisgekrönte Open Newsroom von Norran.se, den Anette Novak präsentierte, kommt hingegen nur am Rande vor.

Und wann wurde es eigentlich Headline-würdig, wenn irgendein Blogger den Kanzler basht? Da kämen die Medien wohl nicht mit dem Schreiben nach. Kann es sein, dass hier wieder ein Journalist durch mich spricht?

Also liebe Löwelstraße, falls ihr mich klagen wollt und falls es daran noch Zweifel gab: Nein, ich kann den Wahrheitsbeweis, dass sich unser Bundeswerner zum Parteichef und Kanzler gekauft hätte, nicht antreten. Aber nein, ausschließen kann ich es auch nicht, immerhin gibt und gab es eine gewisse Verdachtslage.

16 replies on “Wann wurde es Headline-würdig, wenn ein Blogger den Kanzler basht?”

Ich hab mich ehrlich gesagt auch gewundert, warum sie die Geschichte mit dir aufmachen, obwohl viel illustrere Diskutanten (sorry, du weißt was ich meine) dort waren. Wer du bist, erfahrt man auch erst in Absatz 7. Ich gehe mal davon aus, dass dich 90 Prozent der Leser nicht kennen, auch wenns in der Wahrnehmung von uns Medienmenschen und -journalisten natürlich anders ist.

Wie gesagt: in meiner Zeit beim Radio (Anfang 90er Jahre) war Politiker interviewen eine Strafexpedition: Sagen nix, was sie sagen ist fad etc.
Trifft zu 90% auch auf “wichtige Obermedienwichtel” zu. Deshalb geh ich ja auch nicht mehr auf die Medientage (Gähn!)

Da ist es vermutlich auch für Journalisten erfrischend wenn so ein Meerschweinchen mal die Zähne zeigt und ausspricht was sich scheinbar einige denken :-)

Gut so! Ich fand’s witzig.

Wer du bist & wer dort war stell ich mal ganz hinten an.
Wichtiger ist mir, dass der Journalist
a) vermutlich weiß, dass du deine Aussage kaum belegen können wirst & sie überspitzt dahingesagt war oder
b) sogar den Konjunktiv wegkürzt.
Beides eher keine guten Praktiken.

Das mit dem Nobody stimmt ja spätestens seit der Vorwahl sowas von gar nicht mehr. Du bist ein Alpha-blogger vom Parallel-Universum Internet, der jung, knackig & frech rüberkommen soll — das steht in irgendso einem Holzbuch in jeder Printredaktion auf der ersten Seite.

Lieber Helge Fahrnberger,
ganz ruhig, keine Panik vor der eigenen Courage bitte.
Wenn Du meine Einschätzung wissen willst: Man kann nicht öffentlich auftreten und öffentlich etwas sagen, vor Medien zumal, und dazu noch etwas so Griffiges, und sich dann wundern, dass man damit zitiert wird. Aber ich habe ja gestern gelernt, dass Du zwar Medienjournalismus für dich reklamierst, dem stimme ich ja zu, Dich aber nicht als Journalist siehst. Daher vielleicht die Verwunderung, dass – siehe oben.
Besten Gruß,
Harald Fidler
PS: Du hast übrigens auch im gedruckten Wochenend-STANDARD die Titelzeile der Story über die Diskussion gewonnen.

@Lena Ja glaub mir, das ist noch heute so. Deshalb verstehe ich auch, dass der Redakteur wohl den knackigsten Sager genommen hat.

Und bevor da zu viele Conspiracy Theories auftauchen: Der Oliver ist ein ganz netter, der wollte sicher nicht in Helges Namen Propaganda betreiben. Deshalb glaube ich auch nicht, dass er das bewusst zugespitzt hat,weil du es nicht widerlegen kannst.

@Harald: Gut, hab ich halt etwas gelernt. Was ich aber nicht verstehe: Wie kann ein solches Zitat, das zwei überaus interessante Diskussionen in keiner Weise widergibt, zur Headline werden? Nur weil es griffig ist? Ist das die “nackte Haut” einer Qualitätszeitung?

@helge:
Stimmt, wir hätten titeln sollen:

Zwei relativ spannende Diskussionen über Medientransparenz, aus wirtschaftlicher und aus journalistischer Sicht.

Ich bezweifle, das selbst die NZZ das so über die Finger bringt.

Besten Gruß, fid

Bei allem Respekt vor Deiner Bescheidenheit und dass du andere für wichtiger erachtest, aber ich finde schon, dass du es dem Zuhörer überlassen solltest, wen oder was er für relevant hält.

Und dass man zwei Diskussionen, eigentlich warst du in beiden ein Teil davon, in einem Artikel zusammenfasst, finde ich jetzt nicht unbedingt verwerflich.

Falls du den Hinweis am Ende des Artikels nicht gelesen hast: ich habe Anette Novak am Nachmittag zum Interview getroffen. Das spannende “Norran”-Modell wird Anfang der nächsten Woche Thema sein. Deswegen auch nur ein kurzes Anriss.

L.G.

@Oliver: Keine Sorge, wenn ich Artikel oder Headline-Wahl nicht nur “eigenartig” sondern verfehlt gehalten hätte, hätte ich auf Kobuk was geschrieben.

So verbleibt das Gefühl, dass der Sager für eine Diskussion herhalten muss, obwohl er wenig mit deren Thema zu tun hatte, nur weil er plakativ war. Das, und die Tatsache, dass eine Frage (meiner Erinnerung nach) zu einer Aussage wurde, die mir als üble Nachrede ausgelegt werden könnte, hat mich dazu gebracht, das hier zu kommentieren.

Meine Frage ist: Seit wann ist der dritte Unterartikel von links eine “Headline”?
Aber ja – recht Du hast – Artikel im Onlinestandard können auch flach sein.
Der Standard muss Anzeigenkohle scheffeln – da ist ein Artikel über Haarentfernung dann vielleicht besser recherchiert als solche [hier gscheites Wort einsetzen] Betrachtungen.

@Helge: Der Ausgangspunkt für das Medientransparenzgesetz – und die Debatte der letzten Monate – ist letztendlich die “Inseratenaffäre” um Faymann, wenn man das jetzt so nennen will. Meiner Wahrnehmung nach war das auch in den zwei Diskussionen als Thema präsent.

Und jetzt ganz im Ernst: So irrelevant, wie du dich darstellen willst, bist du auch wieder nicht…, sonst würdest du nicht mit Leuten wie Rainer, Novak, Reitan etc. am Podium stehen, um über Transparenz zu diskutieren.

Und ja, da hast du natürlich Recht, eine Headline ist oft was Plakatives, das zum Lesen animieren soll. Natürlich kann man da auch Fehler machen, weil es mitunter im Journalismus zum Schwierigsten gehört. Und sicher liegen den verschiedene Medien unterschiedliche Mechanismen für die “Titelei” zugrunde. Das einmal zu diskutieren, wie es Reitan kurz angerissen hat, fände ich auch spannend! L.G.

@Andreas: Ich verstehe den von dir hergestellten Zusammenhang zwischen Anzeigen auf der einen Seite und dem Artikel auf der anderen Seite nicht?!

Und schon ist das wieder eingeschlafen, dabei gibt es so viele die genau davon wissen. Tja, es fehlen die KlägerInnen..

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