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26% der Stimmen für eine Blut-und-Boden-Partei, Risse durch die Gesellschaft entlang der Thesen eines Thilo Sarrazin, in der österreichischen Regierung eine Eiserne Lady, die sich durch Inhaftierung und Abschiebung von Zuwandererfamilien profiliert.

Integration, das große Thema. Doch wessen Integration?

Alle scheinen sich einig, dass die Wahlerfolge der Rechten mit dem Ausländerthema nicht viel zu tun hätten, das wären hauptsächlich Proteststimmen. Ich glaube das nicht.

Ich glaube, es geht um die Fragen “Wer kriegt wieviel und warum?”, “Warum der und nicht ich?”, darum, was Gesellschaft ausmacht, wer Gesellschaft ausmacht (und wer sich das ausmacht), um Ubuntu, Solidarität und Neid. Ein diffuses Gefühl der Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit vermischt sich mit der Frage nach der Abgrenzung als Gruppe: Wer ist drin und wer ist draußen? Wer darf bleiben, wer wird abgeschoben?

Wir sind evolutionär darauf konditioniert, den Mitgliedern unserer Gruppe gegenüber solidarisch zu sein. Die Funktion dazu heißt Empathie. Die Sippe überlebt, wenn sie zusammenhält. Aus Sippen wurden Dörfer und Städte, später Religionsgruppen und Staaten. Immer wieder haben unsere Vorfahren die Frage nach der “Gruppe” neu definiert und sich dabei mit vorigen Generationen überworfen. Mit der sprachlichen Bereinigung des europäischen Potpourris an Dialekten in Folge des Buchdrucks wuchs die Rolle der gemeinsamen Sprache, aus der die Nationalstaaten entstanden.

Maria, die Hausruckviertler Milchbäurin, wurde zur Katholikin, dann zur Deutschösterreicherin, später zur Deutschen, dann zur Österreicherin. Und zuletzt zur Europäerin. (Oder eben auch nicht, sie wurde stattdessen Innenministerin.)

Apartheid, Holocaust, das indische Kastensystem, die Sarkozy’sche Roma-Vertreibung oder das Asylwerberheim auf der Kärntner Saualpe sind genauso Symptome dieser Abgrenzung wie das Konzept “Staatsbürgerschaft” oder die selbstverständliche finanzielle Unterstützung naher Verwandter. Die Hilfe untereinander lebt von der Abgrenzung.

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten mehrheitlich auf eine eher internationale Auslegung von Solidarität geeinigt: Es besteht kein Zweifel mehr, dass uns Flutkatastrophen in Pakistan und Bankenpleiten in Griechenland etwas angehen, dass Europa Einwanderung aushält und braucht und politische und auch wirtschaftliche Flüchtlinge wiederum uns brauchen. Es besteht kein Zweifel mehr, dass die Mehrsprachigkeit der Migranten ein kultureller Mehrwert für alle sein kann, wenn wir sie ins Bildungssystem integrieren. Es besteht kein Zweifel mehr, dass wir keine monokulturelle Gesellschaft sind oder jemals waren.

Es besteht kein Zweifel? Vielleicht nicht bei uns in Boboville, aber im Gemeindebau in Simmering (stärkste Partei: FPÖ) und in der Muthgasse fühlen das viele anders. Und fühlen sich demokratisch ausgehebelt (“Ausgrenzung”) und moralisch niedergebügelt (“Political Correctness”, von ihren geistigen Vorgängern “Umerziehung” genannt.) Die Frage nach der Abgrenzung als Gruppe hat die gesellschaftliche Elite tatsächlich alleine verhandelt und viele Menschen weit im 20. Jahrhundert zurückgelassen.

Das ist die Integration, um die es geht. Die Integration dieser Menschen, die wir zurückgelassen haben, in einen gesellschaftlichen Konsens, mit wem wir solidarisch sein wollen. Wie integrieren wir 26% FPÖ-Wähler (und vielleicht nochmals so viele in den anderen Parteien) in einen solchen gesellschaftlichen Konsens?


..eben zwei achtjährige Zwillinge zuerst inhaftiert und dann ohne ihre Mutter in den Kosovo abgeschoben wurden, und die Grünen die Einzigen sind, die glaubwürdig dagegen auftreten. Das macht mich wütend, und dennoch entscheide ich anders. Ich wähle die Grünen auch nicht, weil Maria Vassilakou in den TV-Diskussionen so gut war oder aus sonstigen “medialen” Gründen.

Ich wähle diejenigen Kandidaten, denen ich glaube, dass sie in den nächsten Jahren Wien verändern: Abkehr von fossiler Energie, Rückeroberung des öffentlichen Raumes vom Blech, vernünftige Bildungspolitik inklusive Nutzung der Mehrsprachigkeit von Kindern anderer Muttersprache, Ausbau des öffentlichen Verkehrs (vor allem des Straßenbahnnetzes), Ausbau von Partizipationsmöglichkeiten.

Die SPÖ wähle ich nicht, weil absolute Mehrheiten absolut korrumpieren. Außerdem scheint sie mir zu träge, um wichtige Reformen umzusetzen.

Die ÖVP wähle ich nicht, weil nicht einmal klar ist, wofür sie steht. Jedenfalls nicht für eine Trendwende in Energie- und Verkehrspolitik. Ihre letzte Regierungsbeteiligung ist ohne erkennbare Erfolge zu Ende gegangen. Gut, sie haben inzwischen die 24h-Ubahn-erkämpft, aber ansonsten besteht ihre Verkehrspolitik mehr aus Autolobbyismus à la Entfernung von Fahrradbügeln. Abgesehen davon ist die Partei einer Fekter für mich so wählbar wie die Partei eines Strache.

Darum wähle ich Grün. Die Grünen haben nicht nur in den mir wichtigen Themen die besseren Konzepte, sie haben auch – trotz Oppositionsrolle und trotz vielzitiertem “Chaos” – in der Vergangenheit gezeigt, dass sie konkrete Projekte verwirklichen können: Seit 2001 haben sie der SPÖ 55 konkrete Rot-Grüne Projekte abgetrotzt, darunter Citybike, Wientalhighway, Biomassekraftwerk und Okto. Für die nächsten Jahre sind 23 weitere Projekte (anschauen!) geplant. Auch Bezirksprojekte wie die Fuzo Josefstädterstraße überzeugen mich.

Auch andere denken ähnlich: Jana Herwig, Franz Joseph, Robert Misik oder Robert Menasse. Und vielleicht sogar Gerald Bäck.

Ideen für Vorzugsstimmen (man kann – stadtweit – zwei vergeben):

Wer übrigens Grüne Vorwahlen will, weil die Grünen nach wie vor und mehr denn je Veränderung brauchen: Die beste Zeit dafür ist ab Montag. Geh der / dem Grünen deines Vertrauens damit auf die Nerven.

Common misspellings: Farnberger, Fahrenberger, Farenberger, Fahnberger, Fahrnleitner, Fahrngruber, Fahrnberg.
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