Google this site (~ 2000 pages):

Home
RSS Feed RSS Feed

Mein Fehler, Herr Graf

August 19, 2010  

Sehr geehrter Herr Martin Graf,

es freut mich, dass Sie die Zeit finden, mein Blog Internet-Tagebuch zu lesen:

So vermerkt der Internet-Tagebuchschreiber Helge Fahrnberger, der einmal mehr große antifaschistische Ehren erwarb, indem er als Erster über die neue Plakatserie der Wiener FPÖ bloggte, über das heftig diskutierte „Wiener Blut“-Sujet folgendes: (..)

(Der Link Verweis stammt jetzt von mir, den hatten Sie vergessen.) Danke auch, dass Sie uns Ihre Interpretation des FPÖ-Plakats nicht vorenthalten:

Wenn ich (..) den Spruch auf dem Plakat der FPÖ lese, dann denke ich bei „Wiener Blut“ zunächst an Kultur, Operette, vielleicht ein bisserl an Falco und insgesamt an den liebenswerten Charakter dieser großen Kulturstadt. (..) Die Interpretation eines mutigen, aber verantwortungsbewussten Umgangs mit sozialen Problemen unserer Wiener Gesellschaft erscheint mir jedoch als einzig zulässige Deutung im 21. Jahrhundert.

Da habe ich die Botschaft Ihrer Partei falsch verstanden: Nicht Provokation und eindeutige Signale an den rechten Bodensatz unserer Gesellschaft ist ihr Anliegen, sondern die Lösung migrationsbedingter Probleme in unserer Stadt!

Ich bitte, den Irrtum zu entschuldigen. Ich vermute, dem großen Antifaschisten Michael Jeannée ist der seinige ähnlich unangenehm, kommentiert er doch in der Kronenzeitung:

Ich meine dieses “Mehr Mut für Wiener Blut”, (..) das – no na! – Assoziationen weckt zu jener widerwärtigen Sprache, von der man glaubte, sie wäre am Misthaufen der braunen Blut-und-Boden-Geschichte längst vermodert.

Auch den Gutmenschen des Informationsportals “Alpen-Donau.info” ist ihr Missverständnis (NSFW) sicher peinlich:

Uns gefällt die Hinwendung zum Blut sehr gut. Jetzt wollen wir aber auch klargemacht wissen, daß Blut und Boden sich gegenseitig bedingen. Daher ist die Ausschaffung von Ausländern das Gebot der Stunde.

Durchwegs linkslinke Unterstellungen, die sich der “einzig zulässigen Interpretation eines mutigen, aber verantwortungsbewussten Umgangs mit sozialen Problemen” versagen.

Ich danke Ihnen für die Aufklärung und stimme einem ihrer Sätze vollsten Herzens zu:

Es ist recht schade, wie sehr sich manche Leute über den Nationalsozialismus definieren, wo doch so viele aktuelle Probleme unserer Gesellschaft ungelöst vor uns liegen, die mit der Vergangenheit reichlich wenig zu tun haben.

Herzlichst Ihr
Helge Fahrnberger

PS. Zwei wunderbare Alternativvorschläge für ein Wiener-Blut-Plakat von Digiom und Comics gegen Rechts, täten’S die dem Herrn Kickl vorschlagen, geht das?

Reines Wiener Blut

August 14, 2010  

Heute Mittag im Brunnenviertel:

Es widerstrebt mir, die Nazikeule auszupacken, aber “Wiener Blut” und “Zu viel Fremdes”, das erinnert halt doch sehr an den “Wochenspruch der NSDAP” in der Woche vom 21. November 1938, keine zwei Wochen nach der “Reichskristallnacht” * (Quelle):

Die Verwendung meines FPÖ- / HC Strache-Plakat-Fotos (Originaldatei), auch im kommerziellen Umfeld, ist mit Namensnennung und Link hierher erlaubt.

Update: Die Bedingungen im vorigen Satz waren für unsere Medien offenbar ein bisschen zu kompliziert formuliert: Steht “Gratiszeitung” für “Wir klauen deine Fotos”?


Wir haben’s derzeit nicht leicht mit den Wiener Grünen. Kurz vor der wichtigen Wiener Gemeinderats- und Bezirksratswahl am 10. Oktober haben sich die Grünen schon in zwei Bezirken gespalten, nach der Mariahilf nun auch in der Josefstadt: Der 74-jährige Bezirksvorsteher Heribert Rahdjian wurde nicht mehr aufgestellt, statt ihm kandidiert Alexander Spritzendorfer. Eine grüne Mehrheit galt bis heute als sicher – doch Rahdjian will’s noch mal wissen und hat ebenfalls eine eigene Liste angekündigt. (Spritzendorfers Reaktion.)

Warum? Warum immer die Grünen?

Haben die Grünen ein grundsätzliches Problem mit Demokratie, wie Gerald Bäck schreibt? Ist die “nette Basisdemokratie, bei der jeder mitreden darf”, gescheitert, wie Andrea Heigl im Standard meint?

gruenerchaotEs passiert das Unausweichliche: Die Medien stürzen sich auf das Thema. Die Grünen in Wien (das bekanntlich weitere 21 Bezirke hat) stehen nun für “Chaos“. Der Schaden beschränkt sich nicht auf die beiden Bezirke, die beide um eine grüne Bezirksvorstehung umfallen könnten, sondern wird den Grünen in ganz Wien massiv Stimmen kosten. Was wiederum dazu führen könnte, dass die SPÖ ihre absolute Mehrheit behält und Wien weiter ohne ernsthafte Kontrolle feudal verwalten kann, à la Gewista, Pratervorplatz oder Skylink, und das unfair-mehrheitsfreundliche Wiener Wahlrecht so bleibt wie es ist.

Das Stück, das die Grünen aufführen, heißt “Der Vereinsmeier und seine Allüren”. Kindische Machtspiele engagierter aber eben auch sehr liebesbedürftiger Bezirksfreiwilliger.

Lassen wir die Kirche im Dorf: Das ist in anderen Parteien ähnlich (außer bei der FPÖ, die sich den Luxus inhaltlich engagierter Bezirksfreiwilliger kaum leistet). Der Unterschied ist, dass andere Parteien ihren Freiwilligen erst gar nicht die Illusion vermitteln, sie könnten ohne Sanktus von oben irgendwas werden. In SPÖ und ÖVP kann man sich nur zu bewähren versuchen, in der Hoffnung, von oben “entdeckt” zu werden. All das macht die Grünen etwas instabiler und gleichzeitig auch schwerfälliger. (Schwerfälliger als wir es von ihnen erwarten, wohlgemerkt, kaum schwerfälliger als die weiteren Blassitäten, die da am Wahlzettel stehen.)

Was bleibt, ist das Drama der öffentlichen Wahrnehmung. Statt über Rückeroberung des öffentlichen Raumes, über neue Straßenbahnen, Verbot der Automatenabzocke, neue Radhighways, Förderung von Gebäudedämmung, innerstädtisches Roadpricing oder beachtliche grüne Erfolge reden alle über ein paar Bezirksräte in zwei Bezirken. Bezirksräte, die über einzelne Fahrradständer und Zebrastreifen entscheiden.

T’schuldigung, aber darum geht’s nicht.

Wer zur Wahl steht, ist bekannt. Eine neue Reformbewegung ist nicht darunter. Eine Partei, die öffentlich-partizipative Personalauswahl vulgo Vorwahlen betreibt ebensowenig. Streiten tun sie alle, die Grünen halt nur öffentlicher.

Was will ein Journalist, der übers “Grüne Chaos” schwadroniert? Und worum geht’s mir, wenn ich mein Kreuzerl am Wahlzettel mache? Ist Denkzettelwählen irgendwie cleverer als Denkzettel-Echt-Grün-Listen-Gründen? Es gibt viele gute Gründe eine andere Partei als die Grünen zu wählen, ist das “Grüne Chaos” einer davon? Fragen, die sich jeder Wiener stellen sollte.

PS. Seit wir letztes Jahr grandios an Grünem Beton gescheitert sind, hab ich vor, ein Fazit zu den Grünen Vorwahlen zu schreiben, aber ich schaff’s nicht. Vielleicht weil das Fazit einfach zu banal-traurig ist. Vielleicht mach ich’s noch.

Common misspellings: Farnberger, Fahrenberger, Farenberger, Fahnberger, Fahrnleitner, Fahrngruber, Fahrnberg.
corner