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Ein (bewusst etwas großspuriger) Kommentar von mir, der im aktuellen Update-Magazin erschienen ist:

Vor zehn Jahren prophezeite man uns intelligente Assistenten, die das Netz nach für uns Interessantem durchforsten. Zeitungen würden obsolet, und auch die Startseiten unserer liebsten Online-Zeitungen müssten wir nicht mehr ansurfen – die Inhalte kämen zu uns, perfekt maßgeschneidert.

Während künstliche Intelligenz auf sich warten lässt, ist für mich diese Zeit dennoch längst angebrochen. Die letzten Zeitungsabos habe ich storniert, und auch online haben mich schon lang keine Frontpages mehr zu Gesicht bekommen.

Ein paar hundert Redakteure – zu einem Drittel persönliche Freunde und Kontakte, zu zwei Drittel einfach nur Menschen mit Fachkenntnis (und Humor) – sieben für mich rund um die Uhr das Netz nach Artikeln, Videos, Personen und Produkten, die für mich interessant sein könnten. Ich behaupte: Nichts für mich Wesentliches entgeht mir.

Glauben Sie alles nicht? Versuchen Sie’s doch selbst: Folgen Sie auf Twitter den Menschen, die über Themen schreiben, die für Sie relevant sind, beruflich und privat. Am besten so um die 250 Personen. Die klügsten Köpfe, die Sie finden können.

Jetzt lassen Sie sich von einem Aggregator alle Links, die diese posten, extrahieren und sauber auf einer Seite darstellen – komplett mit Gewichtung nach Häufigkeit der Empfehlung unter „Ihren“ Redakteuren, sowie auf Twitter und in Blogs gesamt. Fertig. Meine Tageszeitung etwa sehen Sie unter rivva.de/social/muesli (@muesli, das bin ich auf Twitter).

Selbst Ihr Facebook-Newsfeed kann diesen Zweck erfüllen – Sie brauchen nur die richtigen Freunde. Die Qualität Ihrer Tageszeitung steht und fällt mit den Menschen, denen Sie folgen. Die Jagd von Facebook, Google und Twitter nach Ihren Freunden ist nichts anderes als die Jagd nach Ihrer Aufmerksamkeit. Es geht um nicht weniger als um die Tageszeitung der Zukunft.

PS. Wie sehr die Frontpage der Zukunft in den Kinderschuhen steckt, zeigt die Tatsache, dass es im deutschen Sprachraum immer noch keine ernsthafte Konkurrenz zum ebenfalls recht kruden Angebot von Rivva zu geben scheint. Was besonders auffällt, wenn Rivva mal ein paar Tage down ist.

PPS. Illustration: Twitter-Userpics von Leuten, denen ich (im Moment) folge, zufällig ausgewählt


 

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9 Comments
#215116 Alvy Singer says on April 1, 2010 at 7:53 am
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d’accord. in dem zusammenhang sollte aber auch erwähnt werden, dass bei der rein-selbstgesteuerten auswahl von nachrichten die gefahr besteht, im “eigenen saft zu braten” – es kann zu echo-chamber-effekten kommen. – bei der klassischen zeitung ist es äusserst vergnüglich, zufällig über eine lesenswerte meldung zu stossen, die nicht unmittelbar zu den eigenen interessen zählt, und es ist auch vergnüglich, sich über gegenpositionen zu ärgern, die die eigene reflexion angregen. dies in eigenregie gewährleisten zu wollen erfordert ein hohes mass an medienkompetenz, die ich ich nicht leitfertig überschätzen würde. deswegen mag ich meine feeds und tweets genauso wie die old-school-zeitung (das bislang unschlagene medium für die ubahn ;-)

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#215117 Natalya says on April 1, 2010 at 7:55 am
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Was noch immer die Frage offen lässt: Wenn alle konsumieren, wer produziert – und mit welchem Anreiz? Die Möglichkeit, Reputation zu erwerben, ist als Anreizsystem in Twitter eingebaut, aber davon kann man halt nichts zu Essen kaufen.

Ich denke, die Zeitung der Zukunft entsteht nicht aus Retweets.

Dass Rivva keine ernsthafte Konkurrenz hat, liegt wahrscheinlich auch daran, dass selbst Rivva mit einer ganz mageren Finanzdecke auskommen muss. Wer sollte aus aus reinem Sportsgeist in diese Arena treten? Die Verlage sicher nicht, alleine schon aus Konkurrenzdenken und der Sorge, dass ihr Aggregator dann auch fremde Inhalte oder gar das Produkt des Konkurrenten propagieren könnte.

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#215134 john jackson says on April 1, 2010 at 10:48 am
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teile alvy singers “im-eigenen-saft-btraten”-argumentation sehr. weiters haben menschen meiner meinung nach auch das bedürfnis nach einer gewissen “nachrichtlichen basisausstattung”. die braucht man um u-bahn-smalltalk zu verstehen und auch andernorts nicht neben den dingen zu stehen (einmal ganz abgesehen vom standpunkt, dass klassische medien doch irgendwie auch ein gesellschaftliches korrektiv sind). der nachrichtliche common sense liegt jetzt irgendwo zwischen ö3-nachrichten und zib1.

schön, dass dir deine freunde eine “finest selection” aus dem web bieten. gut ein drittel der ausgewählten inhalte beziehen sich aber doch wieder direkt auf “klassische nachrichtenquellen” (ungeprüft ist, wieviele der restlichen retweets irgendwie letztlich auf einer meldung eines medienhauses fußen – also anders vielleicht garnicht zu stande gekommen wären). fraglich ob’s die noch geben wird, wenn deren frontpages sterben. das ist natürlich wiederum nicht dein problem, sondern eines das die mdienhäuser lösen müssen. erster sschritt ist die auseinandersetzung mit nutzerverhalten wie deinem.

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[…] This post was mentioned on Twitter by Helge Fahrnberger, Thomas Einwaller. Thomas Einwaller said: RT @muesli: Die Tageszeitung der Zukunft – ich lese sie jeden Tag http://bit.ly/axJN5e /cc @rivva #helgesblog […]

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#215141 Helge Fahrnberger says on April 1, 2010 at 11:45 am
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Natürlich ist meine kleine Polemik nur ein Teil der Frage “Frontpage der Zukunft”. Serendipity (die Alvy anspricht) ist ein wichtiges Thema, ebenso die nicht zu vernachlässigende Frage nach der professionellen Selektion von Themen.

Trotzdem und gerade deswegen wundert es mich – gefühlte 15 Jahre nach den “Most emailed stories” von Yahoo.com – dass sich kaum jemand dem Thema der sozialen Content-Selektion widmet. Das verschlafen von Google (Google Readers Shared Items nehme ich mal nicht ernst) abwärts alle.

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#215145 Helge Fahrnberger says on April 1, 2010 at 12:09 pm
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@John:

gut ein drittel der ausgewählten inhalte beziehen sich aber doch wieder direkt auf “klassische nachrichtenquellen” (ungeprüft ist, wieviele der restlichen retweets irgendwie letztlich auf einer meldung eines medienhauses fußen – also anders vielleicht garnicht zu stande gekommen wären).

Nicht nur das, ich folge auch einigen Journalisten, die wohl nicht/weniger/weniger gut twittern würden, stünden sie nicht auf der Payroll eines Medienhauses.

fraglich ob’s die [medienhäuser] noch geben wird, wenn deren frontpages sterben.

Das ist fraglich, ja. Ehrlich gesagt zweifle ich stark daran, dass die Verlage in ihrer heutigen Form und Größe überleben werden. Und ja, das wird Löcher in die Landschaft reißen, Löcher die selbst so Online-Parasiten wie ich zu spüren bekommen. Doch diese Löcher sind gleichzeitig der Platz, den neue spannende Dinge füllen werden.

Professionell erstellte Inhalte wird es jedoch auch in Zukunft geben, und ich glaube auch in ähnlicher oder höherer Qualität. Die Abgrenzung zu Amateurcontent wird weiter verschwimmen, aber das ist nur ein Seitenaspekt. Die Hauptfrage ist, um welche Businessmodelle sich diese professionellen Inhalte anordnen. (Diese Frage finden möglicherweise aber nur jene spannend, die den Umbruch von außerhalb eines Medienhauses verfolgen.)

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#215282 Jack Johnson says on April 2, 2010 at 12:06 pm
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Man muss davon ausgehen, dass Medienhäuser Interesse an der Frage nach validen Businessmodellen stellen. Wäre sonst wohl die letzte Frage für die man sich dort nicht interessiert hat…

Und ja, Journalisten würden wohl nicht weniger twittern. Die Frage ist, worüber, wenn sich deren Aktionsradius in Ermangelung verlagshäuslicher Mittel plötzlich massiv verringert.

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#215286 Jack Johnson says on April 2, 2010 at 12:44 pm
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“Aktionsradius” ist hier eher zeitlich und nicht so sehr räumlich gemeint.

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#226919 thomas s. says on July 30, 2010 at 11:26 am
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Und so wird diese “Zeitung der Zukunft” aus meiner Sicht nahezu perfekt dargestellt: http://www.flipboard.com/ (Gratis-App fürs iPad).

Sämtliche Facebook und Twitter Updates meiner Kontakte im “Magazin”-Style aufbereitet: Texte (aus Links und Feeds), Bildergalerien, Videos, etc. Habe ich bisher in der Art noch nicht gesehen…

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