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Internet-Offensive: Nach 708 Tagen viel heiße Luft

Die stolzen Offliners

Im März 2008 präsentierte unsere Bundesregierung die “Österreichische Internet-Offensive”, einen “nationalen Schulterschluss” um uns “unter den führenden IKT-Nationen zu positionieren”. Artig posierten die Internetausdrucker mit dem Proto-Symbol ihres Offline-Seins, dem USB-Stick.

Bis Herbst 2008 wollte man das Abschlussdokument präsentieren – heute, im Frühjahr 2010, ist es so weit. Gut Ding braucht Weile:

In einem einzigartigen Schulterschluss haben 400 ExpertInnen, rund 170 Unternehmen und Organisationen sowie mehr als 35 Vorstände und Geschäftsführer führender Unternehmen an der Deklaration mitgearbeitet. Zahlreiche Maßnahmenvorschläge wurden eingereicht und in den Arbeitskreisen diskutiert, priorisiert und bewertet. (Quelle)

Na bumm, da 400 Experten zwei Jahre lang nachgedacht, das muss ein Meisterwerk sein. Aus diesem geht hervor, dass die Maßnahmen “bis 4. Juli 2008” erarbeitet wurden. Ich halte fest: Bald zwei Jahre alte Maßnahmen sollen uns jetzt an die Weltspitze katapultieren.

Die “konkreten” Maßnahmen (Liste, Details) sind zum Teil schwammig-unkonkret, zum Teil von Selbstüberschätzung und Realitätsferne getragen (“Qualitätsrichtlinien für Websites herausgeben”) und zum Teil unfreiwillig lustig (“Gesundheit: Werbeverkaufsfahrt für Internet zu den Vereinen und zu den Organisationen, in der die Zielgruppen verkehren”).

Es gibt aber auch ein paar vielversprechende, z.T. sogar konkrete Maßnahmen:

  • Jede Schulklasse und jeder Raum einer Bildungseinrichtung soll über einen Beamer, Internetzugang über WLAN und einige PCs verfügen.
  • Pflichtgegenstand „e-Didaktik“/„e-Pädagogik“ in der Lehrerausbildung einführen
  • Zeitgemäße Medienkompetenz lehren/Unterrichtsgegenstand „Medien“
  • Zentrales Gesundheits-Zugangsportal für Bürger (Achtung: Datenschutz!)
  • Offener, freier Zugang zu digitalisierten Kulturgütern mit Option zur weiteren Verwertung von Services
  • Teil der Rundfunkgebühren für Netzkultur und neue Medien verwenden
  • Abstellen auf individuelle Lizenzmodelle für neue Medien und neue Nutzergruppen (semiprofessionelle Anwender, Bildungsbereich) (Ob die schon mal von Creative Commons gehört haben..?)
  • Ergebnisse von öffentlich geförderten Projekten als Open-Access-Dokumente veröffentlichen

Vor allem im Bildungsbereich stehen da viele sinnvolle Dinge drin. Andere Bereiche bleiben unklar: Zur Verbesserung der Breitbandversorgung ist nur Nebensächliches wie Informationskampagnen, verbilligte Sozialpakete und Internet-Terminals in Büchereien zu finden. Der einzige Hinweis auf Open Data findet sich in einem wenig konkreten Halbsatz à la “Zugang zu nicht genützten öffentlichen Inhalten”. Und so weiter.

Wie das formulierte Ziel, Österreich “in den nächsten fünf Jahren unter die Top Drei des Network Readiness Index (World Economic Forum) in Europa zu bringen”, erreicht werden soll, bleibt ebenso schleierhaft wie warum das zwei Jahre gedauert hat. Jetzt soll auch noch ein “Kompetenzzentrum Internetgesellschaft” gegründet werden. Ich befürchte, das produziert auch heiße Luft. Das heißt – in zwei Jahren dann.

(Danke an Hans-Peter Lehofer für den Hinweis.)

9 replies on “Internet-Offensive: Nach 708 Tagen viel heiße Luft”

Ich wette, dass die angesprochenen “Informationskampagnen” in Form von Foldern bei allen Ämtern aufliegen werden. Und um die Internet-Offensive voranzutreiben, gibt’s ein PDF davon zum Download ;-)

Jedes mal, wenn ich das Wort “Experten” in einem politischen Zusammenhang lese, bekomme ich ein leichtes Zucken hinterm Ohr. Wenn dann noch Begriffe wie “Internet” beigemischt sind kann es zu Fluchtreflexen kommen. – Ich habe trotzdem bis zu Ende gelesen :)

Ein offenerer Online-Dialog (“e-partizipation”) hätte wohl bessere Ergebnisse gebracht als die 400 “Experten”, denke ich.

fasel … internet blah blah buffet es gibt gutes happa happa wir posen für ein foto grinsen blöd 6monate später hat sich noch immer nix geändert ….

wettn?

Tja, hätte es zur Gründung der Iniative doch bloß den Internetrat schon gegeben! Aber jetzt wird man nochmal ganz von vorne anfangen müssen. Was mir wirklich fehlt an dem ganzen Konzept, ist die freiwillige Selbstkontrolle in punkto Größe von USB-Sticks.

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