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pointless-argumentsDa wollte ich meine g’scheite Liste an Maßnahmen zur Hebung der Qualität von Leser-Diskussionen in Online-Zeitungen posten, habe es dann aber bei der Einleitung belassen und das ganze als Frage an meine Leser formuliert: Sind abfällige Kommentare Naturgesetz?

Das hab ich davon – alle meine cleveren Ideen sind jetzt dabei (vor allem von Luca Hammer) genannt worden. Jetzt wird mir keiner glauben, dass ich selber drauf gekommen bin..

Womit auch schon ein Grund identifiziert wäre, warum das so schwierig ist mit dem Diskurs in Online-Medien: Journalisten wollen nicht Fragen stellen, sie wollen clever wirken. (Blogger eh auch, nur wurden wir halt von Anfang an in der Kommentarkultur sozialisiert.)
 

Worum geht’s?

Es sind meines Erachtens vier Faktoren, die das Niveau der Diskussionen auf einer Plattform bestimmen:

  1. Wie wichtig ist Reputation und Identität eines Kommentierenden?
  2. Wie wird moderiert?
  3. Wie aktiv sind die Mitarbeiter der Redaktion – insbesondere der Autor eines Artikels – in den Diskussionen?
  4. Welchen Effekt erzielen Trolle und Kampfposter?

 

1. Identität und Reputation

Aber zuerst zur Theorie. Wenn die Betreiber eines Online-Forums höfliche und inhaltlich differenzierte Beiträge erreichen möchten, müssen sie sich mit den beiden Motiven auseinander setzten, die User dazu bewegen, sich kooperativ zu verhalten:

  • Die Erwartung, selbst von der Kooperation anderer zu profitieren (“Anticipated reciprocity”)
  • Die eigene Reputation

 

(Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Menschen wie Peter Kollock und Howard Rheingold, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt haben. Mehr zb. hier.)

Die Erwartung, selbst von der Kooperation anderer zu profitieren, ist hier ein eher zu vernachlässigender Faktor, das trifft mehr auf Support-Foren zu. (Wobei sich die Teilnehmer eines gut laufenden Forums einer Online-Zeitung auch Hilfestellung bieten, sei es bei Quellentipps oder bei Artikeln wie “Launch von Windows 7”, die zu Support-Foren werden.) Sehr viel wichtiger ist das Thema “Reputation“. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt funktionierender Partizipation in Online-Medien.

Die Voraussetzung für den Aufbau von Reputation ist Identität. Je stärker die Identität eines Benutzers mit seinem Verhalten in der Vergangenheit verknüpft ist, desto mehr kann auf Reputation gebaut werden. Die Soziologie nennt das “Record of previous behaviour” (Axelrod, 1984).
 

2. Aufbau von Identität

Zum Aufbau von Identität fallen mir drei Maßnahmen ein:

  • Die stärkste Bindung der Identität eines Users an seine vergangenen (und zukünftigen) Handlungen ist sein echter Name, idealerweise mit einem Foto. (Gilt besonders für Lokalmedien!) Das verbindet online Geschriebenes mit dem sozialen Umfeld des Users. Echtnamen sind nicht unbedingt notwendig, aber es empfiehlt sich, ihre Verwendung durch Vorbildwirkung und durch einfache technische Maßnahmen wie eine Facebook-Connect-Integration zu fördern. Selbst das Wording des Registrierungsformulars spielt eine Rolle. (Echtnamen sind übrigens einer der Erfolgsfaktoren von Facebook und Xing.)
  • Die zweitstärkste Bindung zwischen Identität und Vergangenheit ist die Verlinkung mit der Online-Identität des Users, also konkret zb. die Verlinkung des Benutzernamens mit einer Facebook- oder Twitter-Identität oder mit einer Weblog-URL. Weblogs funktionieren so.
  • Und drittens ist es ratsam, das vergangene Verhalten eines Benutzers (besonders sein positives) thread-übergreifend sichtbar zu machen. Das kann (abgesehen von Reputationssystemen, siehe unten) recht einfach über eine Beitragsübersicht zu jedem User erreicht werden.

 

3. Verhaltensregeln und automatisierte Erhebung ihrer Einhaltung

Ein Reputationssystem muss in der Folge dafür sorgen, dass gute Inhalte implizit belohnt und schlechte bestraft werden. Dazu muss erst festgehalten werden, was “gut” ist. Das sollte in einer Kommentar-Policy, quasi einem “Ehrenkodex”, festgeschrieben und prominent von jedem Kommentarformular aus verlinkt werden. (In Urzeiten des Internets nannte man das Netiquette.) Ein gutes Beispiel ist die Comment-Policy der Huffington Post, laut der zb. selbst sachliche Kommentare verpönt sind, wenn sie off-topic sind. Reputationssystem bedeutet, über die Bewertung von Beiträgen durch andere Benutzer und/oder Moderatoren (auf Basis der publizierten Policy!) einen Wert (oft “Karma”) für jeden User zu berechnen. Diesen kann man beispielsweise dazu nutzen, um zu unterscheiden, wessen Beiträge vormoderiert werden müssen und wessen nicht, um besonders verdiente Mitglieder der Community zu kennzeichnen (à la “Verkäufer mit Top-Bewertung” bei Ebay) oder um anderen Benutzern die Möglichkeit zu geben, Beiträge von Autoren unter einem gewissen Karma-Schwellwert gar nicht erst anzuzeigen (wie Slashdot das macht). Fortgeschrittene Reputationssysteme berücksichtigen auch den Karma-Wert des bewertenden Benutzers, von dem abhängt, welcher Wert an den zu bewerteten vererbt wird. (Auch Googles PageRank funktioniert so.)

kommentar-derstandard.at

Keinesfalls sollte man negative Werte visualisieren, wie das zb. DerStandard.at macht (siehe Screenshot). Damit belohnt man Trolle, absolut kontraproduktiv. Die goldene Frage bei Reputationssystemen ist, wie man Feedback einholt. Hier ist oft der Wortlaut entscheidend. Ein “Thumbs up” à la Amazon oder ein “Gefällt mir” à la Facebook führt bei Nachrichtenmedien zur ideologischen Selektion, das hat nichts mit der Kommentar-Policy zu tun. Besser wäre irgendetwas im Sinne von “(Un-) Sachlich enstprechend der Kommentar-Policy“.
 

4. Reputation durch Autorität

Eine zweite Methode zur Etablierung von Reputation ist Autorität, die unabhängig von der Bewertung der Inhalte über das Vertrauen zwischen Benutzern ermittelt werden kann. Die Huffington Post hat dafür die Möglichkeit geschaffen, “Fan” eines anderen Benutzers zu werden (siehe Screenshot). Bei Twitter leitet sich Autorität aus den Follower-Zahlen ab (bei aller Beeinflussbarkeit). Diesen Wert kann man auch in die Karma-Bewertung einfließen lassen, vor allem aber sollte man ihn visualisieren. Benutzer mit hoher (sichtbarer) Autorität überlegen sich zweimal, ob sie die Grenzen der Gepflogenheiten überschreiten. Benutzer mit wenig Autorität hingegen werden weniger ernst genommen und schaffen es daher weniger leicht, zu provozieren. Umgekehrt kann eine Blockfunktion, mit der eingeloggte Benutzer andere Benutzer pauschal ausblenden, dazu führen, dass Trolle ins Leere laufen und vor allem für die Moderatoren viel leichter (und objektiver) identifizierbar sind.

kommentar-huffpost
 

5. Moderation von Inhalten

Viele Online-Medien investieren nicht unwesentliche Summen in Schwärme von Praktikanten, die den ganzen Tag Kommentare moderieren. Meines Erachtens in diesem Umfang nicht nur Geldverschwendung sondern auch ein Hemmnis für eine gepflegte Unterhaltung: Wenn der eigene Kommentar nicht nur verspätetet sondern auch an gänzlich anderer Stelle erscheint, als gedacht, zerfranst die Diskussion, wird unübersichtlich. Ist erst mal ein solides Reputationssystem etabliert, ist Pre-Moderation bei etablierten Benutzern (die meist die Mehrheit der Inhalte beisteuern) nicht mehr nötig. Hier reicht eine Meldestelle (“Inhalt melden”, siehe Screenshot der Huffpost), mit der andere Benutzer auf grobe Verstöße aufmerksam machen können, sowie eine aktive Beteiligung des Autors an der Diskussion (siehe unten). Pre-Moderation ist dann nur noch für neue Benutzer sowie solche mit schlechtem “Karma” nötig. Im Online-Standard gehen pro Wochentag 13.000 Kommentare ein. Viele davon müssen – trotz “Foromat” – moderiert werden – das birgt also enorme Einsparungspotentiale.
 

6. Partizipation des Autors

Vielleicht das Wichtigste, weil es keine technischen Fragen sondern die Frage des journalistischen Grundverständnisses betrifft: Die Autoren von Artikeln sind in den meisten Online-Medien kaum bis gar nicht präsent. Doch wie Menschen, die sich in Bahnhofshallen eben noch lauthals daneben benahmen kurz darauf in deinem Wohnzimmer höflich und zurückhaltend sind, so verhält es sich auch im Web: Im öffentlichen Raum eines Online-Forums verhalten sich Menschen instinktiv anders als zb. im persönlichen Raum dieses Weblogs. So auch in Online-Zeitungen: Sobald die Autoren sichtbar sind – mit Name, Foto, “Autorität” (zb. Fans) und gerne visuell hervorgehoben (siehe Screenshot der Huffpost) – und auf Augenhöhe selbst mitdiskutieren bzw. zumindest Fragen beantworten, wird der Ton merklich zurückhaltender. Luca nennt das die Partizipation des Autors. Noch stärker wird die Präsenz des Autors, wenn der Text selbst auch Fragen aufwirft und offen lässt, und die Diskussion darunter nicht auf den Streit reduziert wird, ob die eine im Artikel erwähnte Partei recht hat oder die andere. Siehe den Artikel, auf dem dieser basiert, als Beispiel.
 

7. Umgang mit Trollen

Zuletzt noch zu den Trollen, also denjenigen, die nur um der Diskussion willen diskutieren, und entsprechend bei jeder Gelegenheit provozieren wollen. Hier hilft die Richtlinie der Kommentar-Policy (die jeder kennen muss!) sowie als Ventil die Möglichkeit, jemand mieses “Karma” zu verpassen, jemand zu blockieren oder in groben Fällen gar zu melden. Nichts von dem bekommt der Troll mit, die Motivation fällt also weg. Im Notfall greift ein Moderator oder ein User mit hoher Autorität ein und erinnert die vom Troll Provozierten an die alte (in der Policy unbedingt aufzuführende) Regel “Trolle bitte nicht füttern” (also ignorieren).

Wenn man zudem Postings unter einem gewissen Karma-Schwellwert (siehe oben) ausblendet (einblendbar, also keine Zensur), werden Troll-Posting überhaupt erst nur von wenigen Leuten gesehen.
 

Post Scriptum

Anita Zielina von DerStandard.at schreibt in einem Kommentar:

Viele – sicher gut gemeinte – Ideen zur Kommunikation mit den Usern etc lassen sich wahrscheinlich hervorragend auf einem Blog mit ein paar hundert Postern/Postings und ein paar Artikeln pro Tag umsetzen. Allerdings ist das bei einer Onlinezeitung schon noch mal etwas anderes. Ich gebe zu bedenken dass etwa bei derStandard.at täglich (!) rund 13.000 Postings eingehen und hunderte Artikel publiziert werden.

Liebe Anita, ich gebe zu bedenken: Wenn Google es schafft, auf ihren Ergebnisseiten, die sich aus 21 Miliarden Webseiten zusammensetzen, für Qualität zu sorgen, dann sollte das der Standard mit seinen 13.000 Postings pro Tag auch schaffen.

Ein herzliches Danke für die vielen Inputs in den Kommentaren zu meiner ursprünglichen Frage an Luca Hammer, Thomas R. Koll, Markus Widmer, Philipp Sonderegger, Walter Krivanek und all den anderen!

Illustration: Weblogcartoons.com


 

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24 Comments
#206570 Anita Zielina says on January 12, 2010 at 10:17 am
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Lieber Helge,
Zunächst mal: Finde es super, dass du dich mit dem Thema befasst. Ich kann mich auch vielem anschließen, wenn ich heute abend mal Zeit hab, folgt gern ein längeres Post dazu. Eine Sache musst du mir aber vorab erklären: Was hat die Qualität von Google-Ergebnissen mit der von Online-Zeitungsforen zu tun? Das heißt echt Äpfel mit Birnen vergleichen, finde ich nicht nachvollziehbar. Aber vielleicht habe ich dich da falsch verstanden.

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#206571 Helge Fahrnberger says on January 12, 2010 at 10:21 am
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@Anita: Ja, ich gebe zu, das ist ein bisschen ein Fall von Äpfeln und Birnen. Aber andererseits doch wieder nicht, denn PageRank ist genau so ein Reputationssystem wie ich es vorschlage. Und: Damit hat Google ein vermeintlich unlösbares Problem nachhaltig in den Griff gekriegt. Soviel zur Unlösbarkeit der qualitativen Moderation von 13.000 Postings – daher der Vergleich.

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#206577 Albert Gerlach says on January 12, 2010 at 10:59 am
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Der Google Pagerank ist im Grunde ein Set an Kriterien, das niemand wirklich kennt und darüber hinaus auch immer wieder geändert wird, was dann plötzlich nicht nachvollziehbare Änderungen im Pagerank einzelner Seiten nach sich zieht. Was gerade noch “relevant” war ist es plötzlich nichtmehr. Oder umgekehrt. Die “Reputation” resoltiert also alleine aus den angewandten Kriterien.
Der Vergleich Google vs. Standard ist daher meiner Meinung nach nicht einmal Äpfel vs. Birnen. Eher Wassermelonen vs. Dampfbügeleisen ;-)

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#206580 Bodenseepeter says on January 12, 2010 at 11:11 am
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Sehr gut recherchiert und nachgedacht, Helge, und insbesondere gut zusammengefasst. Das ist der erste Schritt einer Antwort auf die Fragen, die sich die hilflosen Medien gerade stellen. Sie werden nun bei dir Schlange stehen. Sollten sie zumindest.

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#206581 Andy says on January 12, 2010 at 11:12 am
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Das mit dem “Melden” habe ich auch auf meiner Videoseite schonmal deaktiviert und denke es auch demnächst wieder an. Da klicken die User meistens bloss zufällig oder aus Neugier drauf. Auch viele Userbans auf Facebook resultieren daraus.

Aber super Artikel!

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#206582 Bodenseepeter says on January 12, 2010 at 11:14 am
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PS: Du hast mit dem vorigen und mit diesem Artikel und seinen Kommentaren insbesondere exzellent vorgemacht, wie sehr die Kommentare/Kommentatoren zum Gehalt beitragen können, wie sie aus einem offenen Artikel und einer Fragestellung darin den Artikel mit Follow-Up aufwerten und das Medium damit zur Autorität machen.

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#206583 Telcontar says on January 12, 2010 at 11:15 am
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Naja, der Vergleich scheint oberflächlich, dreht sich aber um technische langfristig organisierte Ordnung im qualitativen Sinne. Der größte Unterschied meiner Meinung nach ist, das für Homepages ganz andere Informationen zur Verfügung stehen und google durch die links anderer Seite automatisch die angesprochenen Verknüpfung mit dem sozialen Umfeld hat.

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#206586 Thomas R. Koll says on January 12, 2010 at 11:24 am
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Ein besserer Vergleich, die Wikipedia mit ihren freiwilligen Mitarbeitern vs. unzählige Trolle und gelangweilte Schüler. Und unsere Tools in der Wikipedia sind eher bescheiden im Vergleich zu dem was noch möglich wäre.

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#206602 Helge Fahrnberger says on January 12, 2010 at 1:27 pm
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@Albert Gerlach: Du hast mit allem was du sagst recht was das Ranking von Pages durch Google betrifft. Die ursprüngliche PageRank-Formel jedoch ist genau beschrieben und dürfte durch Google kaum verändert sondern ausführlich (durch weitere Algorithmen) ergänzt (und inzwischen wohl ersetzt) worden sein.

Mein Vergleich bezieht sich auf PageRank und passt da recht gut. PageRank ist eine Reputationsmethode, wobei Links als Votings gelten, die, abhängig vom PageRank der Seite auf der sie stehen und von der Anzahl an Links auf dieser Seite ein bestimmtes Gewicht haben.

@Thomas: Stimmt! Vergleiche mit der Wikipedia habe ich bewusst vermieden, weil nicht viele Leute wissen, wie die Wikipedia funktioniert. (Zu welchen Missverständnissen das führen kann zeigt unter anderem die Relevanzdebatte.)

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#206604 fatmike182 says on January 12, 2010 at 1:37 pm
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Ich halte das Schaffen von Hierarchien durch Karma-Darstellungen für fraglich und gerade bei Foren großer Onlinemedien für bis zu zweckfern: User sammelt Karmapunkte bei Thema 1, kann dann mit dem Ansehen bei Thema 2 Sinnfreies von sich geben. In großen Foren ohne fixer Community passiert das ständig.
Neue werden ignoriert, alteingesessene müllen Threads nach ihrem Geschmack zu.

(ad Wikipedia
die Relevanzdebatte wäre dann aber eine Meta-Debatte, die mMn an der Thematik vorbeigeht)

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#206608 Thomas R. Koll says on January 12, 2010 at 2:11 pm
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Im Kern geht’s in der Relevanzdebatte darum wer den Inhalt der Wikipedia bestimmt, die aktiven Autoren oder die Leser. Es ist wohl das einzige Projekt bei dem es zu so etwas überhaupt kommen kann.

Man darf sich also auf harte Zeiten einstellen wenn man die Gesprächskultur in den Zeitungskommentaren ändern will.

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#206609 Helge Fahrnberger says on January 12, 2010 at 2:14 pm
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@fatmike182: Das Darstellen von Karma ist eine heikle Sache, mit der man sehr vorsichtig umgehen muss. Wichtig ist, dass das Backend den Wert kennt.

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#206618 Roland Giersig says on January 12, 2010 at 4:21 pm
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Sehr gut durchdacht, der Artikel spiegelt auch meine Gedanken zum Thema wider. Wie richtig beschrieben liegt das Problem darin, den User mit seiner persönlichen Reputation einzubinden, entweder mit seinem echten Namen oder einem oft verwendeten Pseudonym, aber nie ganz anonym. Und hier läuft man in eine technologisch-psychologische Schere: verlangt man eine persönliche Anmeldung (die eine nicht unerhebliche Komplexität erfordert, um halbwegs zuverlässig zu sein), so stellt das eine hohe Barriere für Benutzer dar, was sich in geringen Anmeldungszahlen niederschlägt. Erlaubt man eine anonyme Anmeldung über eine beliebige E-Mail-Adresse, so öffnet man Trollen Tür und Tor.

Die Lösung liegt wohl in einer Mehr-Klassen-Gesellschaft, in der man pseudonymen Benutzern (deren Identität man kennt) Vorrang gegenüber anonymen Benutzern einräumt.

Eine reine auf gegenseitigem Karma beruhende Klassifizierung ohne Angabe der eigenen Identität hat das Problem, dass sie robust gegenüber Karma-Spamming/Whoring sein muss, dh gegenüber massenhaft angelegten anonymen Accounts die nur dafür da sind, das Karma eines bestimmten Benutzers in die Höhe zu treiben.

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[…] This post was mentioned on Twitter by Helge Fahrnberger, Andreas Klinger, Andreas Klinger, Christian Mayrhofer, Andreas Lindinger and others. Andreas Lindinger said: RT @muesli: Rezept gg. abfällige Kommentare in Online-Zeitungen http://bit.ly/8K09OC #helgesblog […]

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#207425 Helge Fahrnberger says on January 20, 2010 at 4:40 pm
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Peter hat mich auf ein gutes Wording der Meldestelle bei der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht:

sz

Allerdings machen sie bei der Bewertung den gleichen Fehler wie die meisten: “Gut/schlecht” führt zu einer ideologischen Bewertung des Inhalts, nicht zu einer Bewertung der Konstruktivität des Beitrags, unabhängig von der eigenen Meinung.

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#207986 Bellusci says on January 27, 2010 at 3:34 pm
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Ich bin ein “Baby”-Blogger und fand den Artikel sehr aufschlussreich. Danke! Hatte vorher noch nie das Wort “Troll” gehoert… aber ich denke, dass ich da ein paar Beispiele kenne, wenn ich so darueber nachdenke.

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#208921 Mark Ralea says on February 4, 2010 at 1:06 am
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Hallo,
als jemand der jeden Tag damit zu tun hat und einige deutsche Medienhäuser berät möchte ich ein wenig auf deine Punkte eingehen.

1.

In der Übersicht fehlt wohl der wichtigste Faktor: Welche Zielgruppe bzw. welche Art von Personen kommentieren. Denn Reputation und Identität bei Kommentaren kannst du als Nutzer ohne weiteres nach hinten schieben. Wer hat keine Fakeemailadresse – teilweise nutzen auch Leute in dem Bereich komplett gefakte Personen die auch eine Reputation haben.
2. / 3.
Du gehst davon aus, dass die Leute ihre Identität preisgeben möchte, dies steht im kompletten Widerspruch zu den Erfahrungen die man meistens macht. Durch Facebook Connect und Co wurde das ein wenig geändert, aber grundsätzlich wollen Personen nicht ihren echten Namen unter einem Kommentar stehen sehen. Dies gilt vielleicht für die Personen die täglich mit dem Internet zu tun haben und „mündig“ unterwegs sind. Dies ist aber nur ein sehr geringer Teil.
Es gibt nur sehr wenige Beispiele wo es mit echten Namen wirklich funktioniert und dies auch nur weil dort die echte Identität gebraucht wird. Heißt in normalen Foren oder Kommentaren wo es nicht so ist macht man es nicht. Und wenn eine Zeitung/Zeitschrift meinen würde, dass dies nötig ist, dann werden relativ wenige User zukünftig dort aktiv sein. Es gibt genügend Beispiele die gezeigt haben, dass eine Umstellung des Systems die Aktivität in ein Minimum gedrückt hat. Und das wichtigste an einem Forum und einer Community sind die Inhalte von Usern. Quantität in einer kleinen Verbindung mit Qualität ist da passend.
4. Reputationssystem
Dieses funktioniert nur im Hintergrund für den jeweiligen Community Manager. Dies darf nicht für die normalen Nutzer sichtbar sein. Kurzes Beispiel dazu unter: http://www.eikyo.de/2010/01/20/technische-tools-fuers-community-management-teil-1-faker-und-moderation/ Da werden Tools vorgestellt welche sinnvoll wären für den CM.
Reputation durch Autorität
Bei den vorhanden Nutzern durchaus interessant – aber auch eine hohe Anzahl an Followeren schützt vor dem überschreiten nicht. Ganz im Gegenteil, denn ein User mit viel Autorität hat auch mehr Gewicht und kann sich durchaus gegen Mitglieder der Moderation stellen. Dann hat man ein relativ großes Problem. Es gibt auch da Beispiele aus der Praxis, dass die Nutzer die lange Zeit positiv aktiv sind, irgendwann ausschlagen können – und je höher dann die Autorität desto glaubwürdiger für die anderen Nutzern. Grundsätzlich aber ganz sexy.
Moderation
Ja gebe ich dir vollkommen Recht. Aber dies sollte auch nach Thema definiert werden können. Denn manchmal ist es nötig wirklich alle Beiträge zu moderieren.
Partizipation des Autos
Würde ich auch nicht als grundsätzliches Gesetzt durchgehen lassen. Denn in anderen Branchen oder Themen ist es gerade spannender zu „flamen“ wenn jemand auf der anderen Seite sitzt dessen Namen und Bild man kennt.
8. Trolle
Es gibt nur zwei Möglichkeiten einen Troll los zu werden (wenn es nicht technisch mit dem unsichtbar sein geht), und der eine heißt „Dont feed the Troll“. Der andere heißt das Hindernis für einen Beitrag so hoch stecken, dass es einem Troll keinen Spaß macht – aber leider auch nicht den Usern.

Finde deine Ansätze ziemlich gut, trotzdem sind einige in der Praxis einfach nicht möglich. Einiges an Aktivität ist eben nur möglich weil das Internet ein relativ anonymer Raum ist – wenn man den Nutzern dies bei den Communities und den Kommentarfunktionen nimmt, gehen sie wo anders hin. Heißt besonders als Zeitung und Co hat man dann schon einen Schwund an Nutzern die aktiv sind zu verkraften. Das können sich die meisten eben nicht erlauben, denn im Endeffekt sind nur 10% der Nutzer wirklich aktiv, wenn von denen weiter Prozent flöten geht steht man ziemlich schlecht da. (wieso 10% -> 90:9:1 Prinzip)

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#210633 involvement « notes by suite33 says on February 22, 2010 at 4:48 pm
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[…] schreibt Mensch denn überhaupt ein Comment unter ein Posting? Helge hats gut aufbereitet in seinem Artikel zu einem Thema gepostet. Ähnliches zum Thema warum wir uns überhaupt in Sachen social Media […]

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#250291 Niku Dorostkar says on February 10, 2011 at 9:44 pm
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Lieber Helge,

deine Ansätze sind sehr interessant und verfolgenswert! Wir haben am Institut für Sprachwissenschaft an der Uni Wien ein Projekt (“migration.macht.schule”), das Rassismus in Online-Zeitungsforen – genauer gesagt auf derStandard.at – aus kritisch-diskursanalytischer Perspektive untersucht. Während explizite Formen rassistischen Sprachgebrauchs vom “Foromaten” erfasst und gelöscht werden, trifft das auf unterschwellige, implizite Formen nicht zu. Die Regeln und Formen dieses “Alltagsdiskurses”, der offline zwar auch zu finden, aber schwerer dingfest zu machen ist, gilt es aufzudecken und auf wissenschaftliche Weise einer systematischen Analyse und Kritik zu unterziehen.

Interessant an deinen Ausführungen sind mehrere Punkte, denen noch nachgegangen werden sollte:
– Auf den derStandard.at-Foren gibt es bereits seit längerem einen “Melden”-Button für Postings, die die Forenregeln verletzen. Laut Experteninterviews mit derStandard.at-Redakteuren wird der “Melden-Button” jedoch kaum genutzt. Möglicherweise, weil den Usern die Verletzungen oder auch die Forenregeln nicht bewusst sind oder zumindest keine Rolle für sie spielen?
– derStandard.at bezeichnet die Gesamtheit ihrer User als Community. Fraglich scheint aber, ob es sich tatsächlich um eine Online-Community mit gemeinsamen Zielen, Werten, Normen, Prozeduren usw. handelt. Möglicherweise fehlen Möglichkeiten zur Identifizierung bzw. Commitment der User in Bezug auf eine ‘wirkliche’ Community. In diesem Zusammenhang könnte es eine Rolle spielen, dass sowohl die Forenregeln als auch die Moderation top-down, d.h. von den Redakteuren, durchgesetzt werden, ohne dass den Usern wirkliche Mitgestaltungs- (aber auch Qualitätsüberprüfungs-)möglichkeiten eingeräumt würden.
– Die “Posting-Kommentare” – wie sie derStandard.at nennt – sind für nicht zahlende User auf 750 Zeichen beschränkt (zahlende Poweruser haben doppelt so viel Platz). Innerhalb dieses Limits Argumentationen und komplexere Gedankengänge zu entfalten, ist relativ schwer (ein Beitrag wie dieser hier wäre unmöglich).
– Andere “Qualitätsmedien” haben scheinbar weniger mit problematischen Postings zu kämpfen. Häufig sind die Postings auf diesen Portalen länger und qualitätsvoller. Woran liegt das? Dass diese Foren ein anderes Design haben, könnte eine Rolle spielen (bspw. in Bezug auf: Klarnamen, thematischer Fokus, höheres Zeichenlimit, eingeschränkte Antwortfunktion, stärkere Teilnahme von Redakteuren an der Diskussion etc.).
– Wie der Melden-Button wird auch der Bewertungsbutton nicht wie intendiert eingesetzt. Man kann beobachten, dass er nicht wie beabsichtigt dazu eingesetzt wird, um zu bewerten wie lesenswert ein Posting erscheint, sondern wie sehr er der eigenen Meinung entspricht (die oft schlecht argumentiert ist oder auf Trugschlüssen bis hin zu Rassismen basiert).
– derStandard.at entwickelt sein Forum laufend weiter, tw. werden sogar User-Wünsche dabei berücksichtigt. Neu ist, dass vor kurzem die Follower-Funktion eingeführt würde, die es ermöglicht, dass User die Postings anderer User abonnieren können. Wie diese Funktion angenommen wird und welche Auswirkungen sie hat, bleibt abzuwarten.

Wir behalten die Zeitungsforen jedenfalls weiterhin im Auge. Wer sich über unsere Publikationen, das Forschungsprojekt etc. auf dem Laufenden halten will, kann uns gerne auf http://mimas.aac.ac.at besuchen!

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#250366 Roland Giersig says on February 11, 2011 at 1:31 pm
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Was mich wundert: warum man auf Blogs und in Foren noch keine Bilder von Augen sieht, die den Kommentar-Schreiber ansehen. Denn sich beobachtet zu fühlen verstärkt unser soziales Handeln, wie einige Studien zeigen, siehe die folgenden Links dazu:

http://gesellschaftsdynamik.soup.io/post/107909909/
http://gesellschaftsdynamik.soup.io/post/107910274/
http://gesellschaftsdynamik.soup.io/post/107910521/

Ich habe diesen Vorschlag schon vor einiger Zeit an den Online-Standard und die Online-Presse geschickt, bisher keine Reaktion…

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#268870 Oliver Sender says on September 23, 2011 at 6:07 pm
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Viele Punkte treffen zu, der Google Vergleich ist aber auch meiner Ansicht nach nicht zulässig – auch des vergleichenswillen nicht.

Aber was mir fehlt, ist der Aspekt, den viele User/Poster/Kommentarschreiber und auch sie nicht sehen: Durch Moderation, Löschung oder das Nicht-Freischalten werden sie vor sich selbst geschützt und vor den Klagen und rechtlichen Folgen vermeintlich Angegriffener, Beleidigter oder Beschimpfter.

Auch die Änderungen im DSG und die nun viel leichteren gesetzlichen Möglichkeiten bzgl. der Auskunftspflicht sind nicht mehr vernachlässigbar im täglichen Umgang mit den Kampfpostern und relativ schutzlosen Usern.

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#268871 Helge Fahrnberger says on September 23, 2011 at 6:15 pm
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@Oliver: Der Vergleich mit Google ist nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen, wie es scheint:

Google bewertet eine Page (zugegeben: in Relation zu Suchbegriffen) auch auf Basis ihres Autors (=der Website) und auf Basis seiner Reputation (= Links von außerhalb auf die Page und auf die Website). Das ist mehr oder weniger auch das Prinzip von Reputationssystemen.

Zum Anderen: Völlig richtig. Es gibt viele Gründe, warum an vernünftiger Partizipationsarchitektur kein Weg vorbei führt, rechtliche, ökonomische und, wenn man so will, konzeptionelle. Wenn ich ein Soziales Medium betreibe (nichts anderes ist eine Zeitung mit Kommentarfunktion), dann will ich Qualität produzieren – auch unterhalb des Artikels. Sollte man zumindest meinen.

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#268873 Niku Dorostkar says on September 23, 2011 at 7:19 pm
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Veranstaltungstipp zum Thema:

“Online-Leserkommentare zwischen gelebter Meinungsvielfalt und diskursiver Radikalisierung”

Projektpräsentation, Gastvortrag und Podiumsdiskussion

veranstaltet vom Projekt “migration.macht.schule”, Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien

28. September 2011

15-18 Uhr: Präsentationen mit Schülerbeteiligung und Gastvortrag
Hörsaal 1 (1. Stock), Sensensgasse 3a, 1090 Wien

19-20.30 Uhr: Podiumsdiskussion “Sinn und Unsinn von Leserkommentarforen”, u.a. mit Gerlinde Hinterleitner (Geschäftsführerin und Chefredakteurin von derStandard.at)
Palais Trauttmansdorff (Roter Salon), Herrengasse 19–21, 1010 Wien

Programm unter http://homepage.univie.ac.at/niku.dorostkar/MiMaS_Programm.pdf

Wir laden herzlich ein und freuen uns über rege Beteiligung!

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#276123 Walter Geiger says on December 5, 2011 at 2:40 pm
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Bin leider etwas spät dran mit meinem Kommentar
Wichtig scheint mir, dass die Medien Forum und Artikel als Gesamtheit begreifen und sich dementsprechend die AutorInnen, vor allem bei reinen Meinungsartikeln, an der Diskussion beteiligen sollten, wie es z.B. in der Zeit-online oder der Taz üblich ist.
Schwer vermeiden lässt sich, dass viele Postings spontane Meinungsäußerungen sind und keine echten Diskussionsbeiträge. Haben aber trotzdem eine wichtige Funktion. Ich kann mittlerweilen nur mehr sehr schwer Printmedien lesen, da keine Kommentare möglich sind, bin aber trotzdem, glaube ich, kein klassischer Kampfposter.
Persönlich identifiziere ich mich hundertprozentig mit meinem Nick, genier mich für ihn, wenn mal ein Posting daneben geht, genau so, wie ich es bei meinem echten Namen halten würde.
Karma und andere Ratingsysteme halte ich für nicht sehr sinnvoll, es werden wieder nur Hierarchien geschaffen. Gut überlegte Einzelbeiträge sind oft wertvoller und themenspezifischer als Beiträge von KarmaträgerInnen.
Bewertungs”stricherl” halte ich für unterhaltsam, der Anspruch, nur zu bewerten, ob der Beitrag für das Thema wichtig ist oder nicht, halte ich für abgehoben. Unser gesamtes gesellschaftliches System setzt leider auf Bewertungsverfahren, also warum nicht auch in den Foren. Oft werden ja die Stricherln auch argumentiert.

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