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Die Uni brennt nach Ameisenart

unibrennt

Die Studierenden der Uni Wien und anderer Unis protestieren gegen eine jahrzehntelang verfehlte und kaputtgesparte Bildungspolitik und halten das Audimax besetzt. Das Besondere daran: Am Werk sind nicht zentrale Organisationsstrukturen à la Hochschülerschaft sondern adhoc gebildete und über Twitter & Co (Hashtag: #unibrennt) kommunizierende Netzwerkstrukturen. Im Detail nachzulesen bei Philipp Sonderegger und Jana Herwig. Beim Establishment lösen die Vorgänge Irritation aus, so hinterlassen sie beim Chefredakteur Österreichs älterster Tageszeitung den verwirrten Eindruck von “Flashmob-Party und Voodoo-Ideologie”.

Doch die Organisation von Dingen – auch Protesten – kann die Gesellschaft grundlegend verändern:

 

Update: Luca Hammer offenbart einen Blick hinter die Kulissen und Martin Blumenau beschreibt, was die Kommunikation von #unibrennt auszeichnet:

Dies ist die erste Protestaktion in Österreich, die nicht von einem klassischen Medium getragen oder von den Mainstream-Medien abhängig ist – sie funktioniert über ihre eigenen, viele Menschen erreichenden Ausspielkanäle. Das garantiert nicht nur die Kontrolle über die eigenen Aussagen, das erlaubt auch Unabhängigkeit, was Zeitabläufe betrifft. Alles Tugenden, die zb die politischen Parteien verloren, aus der Hand gegeben haben: die müssen sich von den Medien, an deren Info-Gängelband sie hängen, herumschubsen lassen, terminlich und haben die Kontrolle längst verloren.

Bei dieser Gelegenheit zu drei Missverständnissen, die obige Präsentation fast immer auslösen scheint:

Missverständnis 1: Hierarchische Strukturen sind schlecht, netzartige gut. Beide haben ihre Vor- und Nachteile, das zeigt auch das Unibrennt-Beispiel. Allgemeingültige Empfehlungen sind überhaupt Mumpitz. Die Slides sind nicht als Brandrede für eine Veränderung gedacht, sondern Ergebnis einer Beobachtung, und mehr Frage als Antwort.

Missverständnis 2: Netzstrukturen werden Hierarchien ersetzen. Zu einfach. Hierarchien entstehen meines Wissens meist dort, wo der Reibungsverlust von Netzstrukturen groß ist. Diese Reibung wird durch moderne Kommunikationskanäle oft geringer, auch größere Netzwerkstrukturen können dadurch produktiv sein. Doch selbst die Wikipedia benötigt gewisse Hierarchien (siehe ab Minute 14) um zu funktionieren. Netzstrukturen und Hierarchien können sich also ergänzen. Vielleicht werden Hierarchien nur flacher, durchlässiger? (Braucht es immer Sektionen, Orts/Bezirks/Landesgruppen, um Politik zu machen? Chefredakteure, um zu Publizieren? Etc.) Es bleibt spannend.

Missverständnis 3: Netzstrukturen sind egalitär. Ich habe keine Ahnung, warum das dieser Präsentation immer wieder unterstellt wird. Weil die blauen Dots alle gleich groß sind? Weil bei den Ameisen alle Arbeiterinnen gleich gestellt sind? Kommunikationsnetze sind komplexer, das sollte nicht überraschen.

Im Übrigen hoffe ich, die Studis im besetzten Audimax lassen sich nicht unterkriegen! Aktuelle Eindrücke bei Niko Alm.

33 replies on “Die Uni brennt nach Ameisenart”

schöne rede helge, aber warst du mal da?! ein externer kommentator ist so gut wie der andere — überflüssig

Ich seh bei einer Netzstruktur folgendes Problem: einige der Forderungen sind offensichtlich ziemlich absurd. Wer hat jetzt in der Netzstruktur das Mandat Kompromisse einzugehen? Die Netzstruktur muss praktisch irgendwie organisiert werden, damit es Verhandlungen zwischen der Regierung und den Studenten geben kann – z.B. durch Wählen von Vertretern.

Aber dann ists eigentlich keine Netzstruktur mehr, oder?

Und noch viel schlimmer: das ist zwar alles ganz nett, aber warum soll die Regierung die Forderung von einer unbekannten Anzahl Studenten erfüllen, nur weil die das geduldigere Sitzfleisch haben? Vielleicht ist die Mehrheit der Studenten gegen die Forderungen (bzw. gegen den von der ehemaligen Netzstruktur ausgehandelten Kompromiss) und deren echte demokratische Vertretung wird übergangen.

@Michael und Helge: Um zu klären, ob Kompromisse, die von-wem-auch-immer ausgehandelt werden auch entsprechend legitim sind und die Interessen der beteiligten Gruppen ausgewogen abbilden gibt es das Instrument einer direkten Abstimmung über fertig ausgehandelte Resultate.

Alt aber gut. :-)

Die Netzstruktur hat in diesem Fall einen besonderen Vorteil gegenüber der hierarchischen Struktur: sie bewirkt, dass die Gruppe nicht leicht angreifbar ist! Die Person, die an der Spitze der Hierarchie steht, muss einiges an Verantwortung übernehmen: gegenüber Außenstehenden für die Taten der Gruppe und gegenüber der Gruppe für die korrekte Repräsentation des Willens der Gruppe nach außen. Dadurch wäre die Führungsperson die erste, die angeklagt, abgewählt, etc. würde.
Die ÖH hat die Aufgabe, diese Führungsperson zu sein. Nachdem die ÖH offensichtlich nicht in die Proteste involviert ist, wird sich das Ministerium dabei schwer tun, passende Ansprechpartner zu finden.

@Michael: Wenn ich wissen will, wie die Studenten über von engagierten Teilgruppen angedachte oder auch mitverhandelte Massnahmen denken muss ich sie am Ende des Tages fragen. Alle. Worauf willst Du hinaus?

Die web2.0 Branche wird nun endlich die Anerkennung bekommen die sie schon lange verdient hätte. Danke an alle – Blogger, Facebooker, Twitterer, BarCamper, usw… und natürlich an die Studenten von #unsererUni :-)

prinzipiell seh ich das recht ähnlich. nur stimmt eins nicht: die darstellung der hierarchischen struktur der öh. das ist die gesetzlich festgeschriebene struktur (und auch die sieht eigenltich etwas anders aus. die bundesvertretung wird ja nicht mehr direkt gewählt.)

weils in der öh aber viele instituts- und basisgruppen gibt, haben sich auch die nach den vorbildern der klassischen parteien strukturierten fraktionen in der öh an ein gewisses mass an basisdemokratie gewöhnt. auch wenns manchen schwer fällt, sie können inzwischen damit umgehen. ich find die performance der öh im jetzigen streik sehr gut.

For me hierarchies are specific cases of networks. Every hierarchy can be drawn as a network after all. See slide 10-12 at http://www.slideshare.net/TonZijlstra/recht-op-regeling-2360774 (slide 10 and 11 represent the same structure)

Hierarchy is a specific network case where both the links between nodes and transactions across those links are fixed after some sort of negotiation (e.g. job interviews, or founding meetings of associations).

Looking at it that way means 2 things to me
1) there is a ’emergent growth’ path possible from undefined network states (links have unfixed character, transactions can be anything) to more defined network states (communities as mushrooms on the network mycelium), to fully defined static network states (hierarchy) and vice versa. So I think we will see fluid transformation from one form to the other and back much more in the future.

2) hierarchies become tools / temporary constructs that can be erected and done away by people according to their usefulness. Appointing a chairman in a meeting for just that meeting, re-organizing a company etc, or simply by dropping the structure and trusting the other connections will keep the underlying network alive (as in the mentioned slide 12). It does not take a revolution anymore, just as it doesn’t take a revolution to drop a hammer and pick up a screw driver.

The issue is merely that we’ve come to believe that ‘organizing hierarchies’ is the only way one can organize effectively in any situation. That it always takes an ‘organization’ to do things. Newspapers, the music industry, political parties, and now established student bodies are finding out the hard way that is not true. The initial cost of organizing has dropped to zero.

Hierarchies aren’t evil, networks aren’t chaotic. They’re both incarnations of the same structures in the semi-ordered/chaordic domain that is human life.

Ich finde ein Bildungsstreik, der diesen Namen auch wirklich verdient hat, ist längst überfällig!

Wir müssen jetzt endlich energisch und ausdauernd aktiv werden, um unsere legitimen und zukunftsweisenden Forderungen auch wirklich durchzusetzen!

Dabei sollte sich die deutsche und österreichische Bewegung so weit wie möglich vereinen, denke ich…

[…] Unibrennt war noch eine Kombination aus traditionellen und neuen Medien, die eine Öffentlichkeit herstellten. Social Media war ein entscheidender Kommunikationskanal. Was wirklich neu an #unibrennt war, das war der Umstand, dass eine andere Netzwerklogik zur Organisation verwendet wurde. Eine Netzwerklogik, die ihre Vor- und Nachteile hat. Der Netzwerknutzen dieser Art von Netzwerken ist – wie vorhin dargestellt – wesentlich effizienter, als die von uns zumeist genutzten Netzwerkstrukturen. Insbesondere der Medien- und Bloggerexperte Helge Fahrnberger hat diese Netzwerke analysiert und mit Missverständnissen aufgeräumt (http://www.helge.at/2009/10/die-uni-brennt-nach-ameisenart/). […]

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