Google this site (~ 2000 pages):

Home
RSS Feed RSS Feed

« Previous: Playpumps: Too good to be true – ein offener Brief | Next: Die Uni brennt nach Ameisenart »


Der Falter bat mich, einen Kommentar zur wiederaufgebrandeten Internetdebatte, die Armin Thurnher letzten Dezember auslöste, beizusteuern. Er erscheint heute im Falter in einer gekürzten Version und hier im Volltext. Ich konnte die Falter-Redaktion dazu überreden, die Gelegenheit für ein Hyperlink-Experiment zu nutzen: Alle Links im Text wurden unterstrichen abgedruckt, um die Anknüpfungspunkte zu illustrieren, den Text “scannbar” zu machen und auf die Links in dieser Onlineversion hinzuweisen. Die Idee stammt von einem Vorschlag Oliver Reichensteins für den Schweizer Tagesanzeiger, wo man aber vermutlich zu feig war, das umzusetzen.

 
180px-Armin_Thurnher_Wien2008Armin Thurnher nimmt also, wie er schreibt, das Internet nicht ernst. Er spricht von einem ressentimentgeladenen Internetpublikum, das für nichts bezahlen wolle und sich zudem feig hinter Pseudonymen verstecke und von egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre (wie viel weniger egomanisch waren eigentlich die Ich-AGs der Noch-nicht-aber-hoffentlich-bald-Zeitungsherausgeber der 70er?). Man läse nicht mehr Leitartikel und sähe Nachrichten, „ein jeder bloggt und blökt vor sich hin“.

Weil Medien wie Standard, ORF und Presse die Partizipationsarchitektur ihrer Online-Foren nicht in den Griff bekommen und diese anonymen Trollen überlassen, weil Facebook und Twitter ihm die Aufmerksamkeit der eigenen Redakteure streitig machen, weil Online-Mundpropaganda – Überraschung! – verkürzt, vereinfacht und polemisiert anstatt journalistisch korrekt zu differenzieren, verweigert Thurnher dem größten kulturellen Ereignis seit Gutenberg seine Teilnahme.

Die Verschriftlichung von Mundpropaganda verändert Meinungs- und Warenmärkte radikal: Wähler und Konsumenten reden nun zurück, sie nützen den neuen Rückkanal für die Vertretung ihrer Interessen. Die Kosten von Veröffentlichung sowie von Organisation in Gruppen sind auf Null gesunken. Die „Gatekeeper“ verlieren an Macht, ihre Rolle wird auf die von Multiplikatoren zurechtgestutzt.

Wie ein Abt, der das intellektuelle Monopol seiner mittelalterlichen Schreibmönche durch Druckerpressen bedroht sieht, beklagt Thurnher, es ginge an die Substanz dessen, „was eine Gesellschaft zusammenhält, nämlich die gemeinsame Verständigung darüber, was ihr wichtig ist.“ Bisher eine gemeinsame Verständigung der Wenigen.

Statt über diese Renaissance, die Politik, Wirtschaft und Medien verändert wie nichts zuvor, leitartikelt Abt Armin – exklusiv auf toten Bäumen – lieber über das eigene kulturelle Unverständnis. Im übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex wird gerade zerschlagen. Vom nicht ernst zu nehmenden Internet.

Wohin die Links führen und warum das Internet trotzdem kein Allheilmittel steht auf helge.at/AbtArmin. (Also eh hier. Womit die Printversion endet.)

 
Das Internet also als großer Heilsbringer? Mitnichten. Allen technologischen und gesellschaftlichen Chancen stehen ebenso große Herausforderungen und Probleme gegenüber:

Die technischen Möglichkeiten der Überwachung und Manipulation – wer redet mit wem, kauft was, wählt was, bewegt sich wo? – führen zu Begehrlichkeiten von Behörden und einer milliardenschweren Unterhaltungsindustrie, die um ihre Pfründe fürchtet. Alles im Interesse von Kampf gegen Terrorismus und Kinderpornographie, versteht sich. Ganz konkret auf dem Spiel stehen nicht weniger als die Errungenschaften von Aufklärung und Demokratie: Meinungs- und Pressefreiheit, Wahlgeheimnis, Postgeheimnis, Gewaltenteilung. Ich fürchte, ich übertreibe nicht.

Dazu kommen neue privatwirtschaftliche Datenmonopole, ein Patent- und Urheberrecht, das den technologischen Gegebenheiten nicht mehr gerecht wird und allgemein mangelnde Medienkompetenz, die hilflose Eltern, unvorsichtige Kinder und ahnungslose Entscheidungsträger hervorbringt.

Doch Armin Thurnher zieht es vor, das Internet nicht ernst zu nehmen. Und liegt mit seinen Interpretationen auf weiten Strecken einfach falsch, wie so viele. Ich gebe zu, das wurmt mich.

Eine Chronologie der Debatte (Thurnhers Texte sind bezeichnenderweise nicht online):

 

Danke an Ingrid Brodnig für das Orchestrieren dieser Debatte! Foto: (cc) Manfred Werner.


 

« Previous: Playpumps: Too good to be true – ein offener Brief | Next: Die Uni brennt nach Ameisenart »

47 Comments
#197003 Andreas Klinger says on October 13, 2009 at 2:11 pm
Avatar
top

Danke für den Kommentar.

bottom
Avatar
top

[…] This post was mentioned on Twitter by Richard Hemmer and Ghost Grawuhu. Ghost Grawuhu said: “Abt Armin versteht die Welt nicht mehr http://helge.at/abtarmin (zu Thurnhers Internetdebatte) #abtarmin” -@muesli #thurnher #falter […]

bottom
#197007 Grete says on October 13, 2009 at 3:17 pm
Avatar
top

Feiner Artikel & super das dein Blog weiterlebt (ich habe mir schon Sorgen gemacht).

Hintergrund dieser Debatte ist einfach auch Angst.
z.B.:
– Verlust von Geschäftsmodellen
– Verlust von staatlicher Kontrolle
– Verlust von dem was über einem gesprochen wird

Veränderung lösen Angst aus. Manche verdrängen das Thema oder andere Glauben Veränderung mit viel Technik in den Griff zu bekommen. Keine Ahnung was gefährlicher ist.

Vielleicht öfters mal locker durch die Hosen Atmen.

bottom
#197008 linzerschnitte says on October 13, 2009 at 3:32 pm
Avatar
top

Was mir nicht so recht eingeht an der ganzen Debatte: Ist das nicht einfach egal, was Armin Thurnher sagt? Der Mann ist Journalist seines eigenen Mediums, wir haben ihn nicht gewählt, wir finanzieren ihn auch nicht, sofern wir nicht den Falter kaufen.

Das Internet und seine Meerschweinchen sind auch ohne Armin Thurnher gut dran – und wenn sich hier jemand Sorgen machen muss, dann nur Thurnher selbst. Finanzielle, vor allem. Aber Florian Klenk, von dem ich ausgehe, dass er Thurnher nachfolgt, wird wohl wissen, dass Bäume töten heutzutage nicht mehr reicht, um ein erfolgreiches Medium zu publizieren. Den Falter zu retten ist dann wohl seine Aufgabe, nicht unsere:)

Ich finde Thurnhers Ausagen natürlich genauso grenzwertig wie jeder andere auch, vor allem aber trotzig. Thurnher war sich sicher im klaren, dass er mit seinen Aussagen maximale Aufmerksamkeit in der Blogosphäre bekommen wird – die Blogosphäre reagiert auf solche Themen ja immer reflexhaft und vorhersehbar. Der Mann ist vielleicht alt, aber nicht dumm.

Oje, Armin Thurnher hat das Internet nicht lieb, ergo: er hat uns User nicht lieb. So what. Dann halt nicht. Die Generation Thurnher beim Falter wird nicht ewig dauern.

bottom
#197009 Harald Harald says on October 13, 2009 at 3:54 pm
Avatar
top

@Linzerschnitte Armin Thurnher ist die Lichtgestalt des Gutmenschentums, die intellektuelle Verkörperung des Kämpfers für das Wahre und Schöne. Und nicht wenige Blogger und andere Meerschweinchen sind seine Bewunderer und Nachfolger und wollen (im Internet) auch so gut und wahr und intellektuell sein wie er. Und wenn nun ER gegen UNS ist, wo wir IHN doch lieben, dann sind wir beleidigt, enttäuscht, vaterlos.
Und wir wollen ihn sanft, mit Häme, mit Gewalt auf unsere Seite ziehen, seine Gnade, seinen Segen erlangen, damit wir wieder alle Freunde sein können.
Ich nehme mich da nicht aus und ich denke, darum geht’s.

bottom
#197010 Almedin says on October 13, 2009 at 3:59 pm
Avatar
top

das internet nicht ernst zu nehmen halte ich in der jetzigen “phase” ihrer reife für sogar sehr richtig, produziert es doch selten mehr als nur einen zeitvertreib, wie thurnher schon im falter schreibt.

die blogger-kultur ist das selbe wie ein tagebuch führen, nur nicht mehr in der privaten athmosphäre wie in kinderzeiten. dadurch entstehen, auch das sagt er, einfach nur plumpe reaktionen. reaktionen von leuten die halt gerade ein bisserl zeit haben zum reagieren.

ein gewinn für die demokratie? natürlich, aber nicht per se und schon gar nicht zur zeit. vor allem die regulierung des internetverkehrs ist eine strittige frage. vor allem, da die hochheit des staates allmählich verloren geht, und genau dieser staat soll uns aber vor bösen sachen schützen.. ein teufelskreis.

bottom
#197011 bruckner says on October 13, 2009 at 4:26 pm
Avatar
top

hallo helge – nur der vollständigkeit halber – hab diesbzgl. auch am 29/12/08, 16/01/09 und 26/01/09 gebloggt – und heiß im übrigen bruckNer…

bottom
#197012 Bodenseepeter says on October 13, 2009 at 4:45 pm
Avatar
top

@Harald: big smile!

bottom
#197015 deftru says on October 13, 2009 at 5:25 pm
Avatar
top

Hallelulja!

Mein “heiliges” INFO-Triumvirat wird langsam.
Armin Thurnher, Martin Blumenau und Helge alle endlich vereint im Falter – großartig.

Finde auch toll, dass du deinen Sturschädel wieder mal durchgesetzt hast und sogar beim Falter neuartiges einführen konntest.

Thurnher ist ein Dinosaurier, aber in erster Linie wollte er eine Diskussion anregen, was mit Hilfe der genannten Diskutanten auch geschehen ist.

Ich halte die Falter-GOES-Online:REALLY für das derzeit spannenste derzeit Projekt das es geben könnte (auch wenn es nie geschehen wird) – neben der Architektur, natürlich :-)

bottom
#197017 Helge Fahrnberger says on October 13, 2009 at 6:00 pm
Avatar
top

@Manfred: Sorry, fixed!

bottom
#197022 Walter Gröbchen says on October 13, 2009 at 7:13 pm
Avatar
top

Hallo Helge,

trefflich gesprochen. Zur Ergänzung: der Artikel, auf den sich Armin Thurnher gleich zum Beginn seines Kommentars bezogen hat (und der ausführlicher ist als meine launigen Anmerkungen zur launigen Meerschweinchen-(Ent)warnung), ist hier zu finden:

http://groebchen.wordpress.com/2009/01/20/scheiss-internet-revisited/

Im Übrigen bin ich der Meinung, der Internet-Komplex (in den Gehirnen nicht weniger Nach- und Vordenker) muss zerschlagen werden.

bottom
#197023 Helge Fahrnberger says on October 13, 2009 at 7:17 pm
Avatar
top

@Walter: Danke, fixed!

bottom
#197024 Harald Havas says on October 13, 2009 at 7:45 pm
Avatar
top

@Almedin:
Das Internet ist aber mehr als nur ein paar (Austro-)Blogger. Und da findet sich jetzt schon alles, von Billig-Porno bis zu hochkarätigen, wissenschaftlichen Vorträgen auf (nicht nur) YouTube.
Das Netz erfindet sich täglich selbst neu. Bloggen war schon gestern (neu), heute ist es Twitter, Facebook und Selbst-TV à la Misik, morgen wohl Google-Wave… und übermorgen?
Klassische etablierrte Medien sterben nicht, wenn neue auftauchen, Funktionen können aber wandern.

bottom
#197025 Walter Gröbchen says on October 13, 2009 at 8:07 pm
Avatar
top

Kleiner Detail-Seitenstrang… Ich möchte mal den Satz “Klassische, etablierte Medien sterben nicht, wenn neue auftauchen” – der ja dieser Tage in vielerlei Variationen von Medienmanagern und Kulturphilosophen wie eine Monstranz vor sich her getragen wird – anzweifeln. Und als Beispiel die Musikindustrie, quasi die Avantgarde des digitalen ökonomischen Abschwungs (den ich erste Reihe fußfrei betrachten durfte), heranziehen.

Ja, es gibt die CD (und ihr Marktanteil beträgt in Österreich noch mehr als achtzig Prozent), es gibt sogar wieder mehr Vinyl, wahrscheinlich gibts am Flohmarkt auch noch MusiCassetten, MiniDiscs, DAT- und Tonbänder, Schellacks und Grammophone. Aber – und das ist ein grosses Aber! – Musik in Bit-Form hat sich längst von einem Träger gelöst, und selbst das putzige Horten legal kopierter oder geklauter MP3s oder angewandter iPod-Fetischismus sind schon von gestern. Nur wissen es die meisten noch nicht.

Man muß den Paradigmenwechsel wirklich in aller Radikalität antizipieren und sich vergegenwärtigen, daß alle Informationen – Text, Ton, Bild, Bewegtbild etc. -, die sich in Nullen und Einsen zerlegen lassen, davon erfasst sind. Insofern ist Helges Hinweis auf das “größte kulturelle Ereignis seit Gutenberg” nicht zu hoch gegriffen. Mit allen positiven und negativen Implikationen.

Der Hinweis, daß das Fernsehen nicht das Kino abgelöst hat und BluRay nicht die DVD etc. usw. usf., ist zwar zutreffend. Aber relativ irrelevant (außer vielleicht aus der Sicht sentimentaler Sammlernaturen) im Vergleich zu einem rasanten Umbruch einer tw. jahrhundertealten Medientradition. Die weithin (noch) nicht weiß, wie ihr geschieht. Twitter, Facebook, Google, Wave, YouTube & Co. sind erste Zehenbewegungen in Kinderschuhen, mehr nicht. Den Rest überlasse ich jetzt mal den Futurologen und Science Fiction-Autoren.

bottom
Avatar
top

[…] » Abt Armin versteht die Welt nicht mehr · Helge’s Blog […]

bottom
#197102 max says on October 14, 2009 at 4:42 pm
Avatar
top

Wetten, die Agentur vom Falter ist schon dabei die Unterlagen für den CCA 2010, Kategorie “Virales Marketing” vorzubereiten? Ist doch einen wunderbare Kampagne für den Falter, oder?

Wobei mich die Stilmittel da etwas verwundern. H.C. Strache braucht das Internet auch nicht, er muss nur ein paar eigenartige Sätze sagen oder sich in einer Disco fotografieren lassen und ist trotzdem im Internet präsent und wird diskutiert, siehe letzter NR-Wahlkampf.

Armin Thurnher bedient sich der gleichen Methodik und es funktioniert genauso.

Am eigenartigsten aber bei der ISPA-Podiumsdiskussion war der Teil über die Richtigkeit der Inhalte im Internet, mich wundert, dass noch niemand darüber gesprochen hat:

Armin Thurnher meinte das sich beim einsteigen ins Internet jeder Authentifizieren muss, damit nachvollziehbar ist wer was z.B. gepostet hat (Stichwort Bürgerkarte, etc.) und es keine Anonymität mehr gibt.

Daraufhin kam ein Zwischenruf (ich glaube aus dem Publikum), der/die fragte wie das dann z.B. im Iran mit politisch verfolgten funktionieren sollte.

Da antwortete Herr Thurnher das alle sich authentifizieren müssten, AUSSER politisch verfolgte, die dürfen anonym bleiben.

Da kann man gleich einen Stern neben das Profilbild geben, oder?

Also da hat jemand einfach nicht nachgedacht bevor er geantwortet hat.

bottom
#197104 Franz Deutschmann says on October 14, 2009 at 5:36 pm
Avatar
top

Typisch für diese zurückgebliebenen Alt-68er: Groß reden aber keine Ahnung haben! Schön zu sehen, daß es in Österreich so viele anständige Bürger gibt, die diese linken Mainstream-Journalisten endlich in die Schranken weisen!

bottom
#197160 Andreas says on October 15, 2009 at 3:55 pm
Avatar
top

Eigentlich bizarr, dass man immer von “dem Internet” spricht. “Das Internet” ist vor allem eine Infrastruktur mit einem bestimmten, sehr rudimentären gemeinsamen Nenner und darauf pfropfen sich gewissermaßen genauso viele Meinungen/Einstellungen/Ziele/Strategien auf, wie es Weltanschauungen auf diesem Planeten gibt.

Das Einzige, das natürlich Print-Dinosauriern sauer aufstossen *muss* ist, dass mit einem gut durchdachten/formulierten/pointierten Content heutzutage Jeder mehr Publikum finden kann, als Print-Redakteure, die Studium, Berufs-Codex und Pressegesetz fürchten mussten.

Dabei kann diese Befürchtung durchaus als Chance begriffen werden, nämlich die Qualität von Print-Produkten zu erhöhen und die oben genannten Einschränkungen zu Stärken zu transformieren.

bottom
#197177 deftru says on October 15, 2009 at 8:41 pm
#197210 manola says on October 16, 2009 at 1:40 am
Avatar
top

Von den beiden Vorarlberger Zeitungsverlegern ist Thurnher der eindeutig interessantere. Wo der eine seine Chips sehr frühzeitig auf das Internet setzte, hat Thurnher mit dieser ihn sehr faszinierenden Idee zwar mehrmals gespielt im Verlaufe der vergangenen 10 Jahre, sie letztlich aus verlegerischer Intuition verworfen. Dass der “Falter” heute relevanter, erfolgreicher, gelesener als irgendwann vorher in seiner langen Geschichte ist, kann man auf seine Web-Absenz zurückführen.

Für den anderen – extrem webpräsenten – Vorarlberger gilt spiegelverkehrt: Seine Publikationen sind aus gesamtösterreichischer Sicht irrelevant, seine Webpräsenz ist inzwischen jedweden publizistischen Wollens entkleidet. Es gibt keine Webstrategie des Verlages, sondern de facto eine Firmenneugründung im Bereich Telekommunikation und Software-Dienstleistung, die sehr erfolgreich ist.

Von vergleichbarer Konsequenz angesichts der Herausforderung, die das Web für klassische Medienhäuser formulierte, ist nur noch Dichand. Er teilt die Thurnhersche Faszination für das Web (bis hin zum Bloggen), hat diese aber, wie Thurnherr, unter Kontrolle: was man an viele Abonnenten verkauft, verschenkt man nicht am nächsten Eck auf einem Server. Da gründet man besser eine neue Firma (mit der man selbstvertändlich nichts zu tun hat) und praktiziert extrem erfolgreich Print 2.0 mit dem Gratis-Geist aus dem Web.

Alle drei, jeder auf seine Art, haben eine Intuition dafür, dass das Medienmachen im 21. Jahrhundert durch nichts so bedroht wird wie durch die Defokussierung, die das Internet bei Medienmachern auslöst. Man macht plausibel und erfolgreich Zeitungen, Radio und Fernsehen nur dann, wenn man das Internet Internt sein läßt in seiner ganzen Pracht und sich auf sein gelerntes Geschäft konzentriert. Oder – auch das konsequent – dieses gelernte Geschäft hinter sich läßt, um sich vollständig auf das Neue einzulassen.

Thurnher verdient für seine Anti-Web-Strategie jedenfalls deutlich mehr Respekt als ihm dieser Thread einzuräumen scheint.

bottom
#197259 Das Web man liebt es, oder hasst es .. « Entegutallesgut says on October 16, 2009 at 9:30 am
Avatar
top

[…] Ente ist dabei, logo! A. fordert andere auf, sich da und dort zu diesem Artikel zu äußern. Und hier gibt es eine Zusammenfassung, wie alles begann. Aber Achtung, da werden Tracbacks und Verlinkungen […]

bottom
#197263 Walter Gröbchen says on October 16, 2009 at 10:02 am
Avatar
top

@ manola

Wenn “Defokussierung” die wesentliche Bedrohung für ein Medienunternehmen ist, wie erklärt sich dann die Existenz von ORF.ON? Als Maginot-Linie wider das Web und seine – so stupend unterschiedlich agierenden und doch in ihrem unternehmerischen Instinkt auf gleicher Höhe befindlichen? – austriakischen Zukunftsstrategen Thurnher, Russ und Dichand? (Nebstbei: wäre da nicht zuvorderst Oscar Bronner zu nennen, dessen “Standard Online” früh Relevanz erlangt hat und mittlerweile des Printgeschäft (mit-)trägt?)

Die These, daß der “Falter” justament ob seiner Internet-Enthaltsamkeit heute “relevanter, erfolgreicher, gelesener” ist denn je zuvor in seiner Geschichte, ist ziemlich gewagt. Das hat wohl eher mit einer aggressiven Blattlinie unter Klenk & Co. zu tun, mit Bundesländer-Erweiterungen, neuem Design und verstärkten Marketing-Massnahmen. Und hinter dem patscherten Internet-Auftritt des “Falter” einen genialischen Schachzug zu vermuten – quasi ein Peitschensignal, doch an den Kiosk zu laufen oder einen Abo-Bestellschein auszufüllen -, das entbehrt auch nicht gerade charmanter Ironie.

Generell fehlt es nicht an Respekt für Thurnher, im Gegenteil. Konservativismus hat in Teilaspekten auch sympathische Züge. Aber die offensive Ignoranz, themenbezogene Blasiertheit und légere Abschasselei einer Sphäre, die sich nicht mehr (oder nicht allein) auf die Dogmen, Rahmenumstände und Sachzwänge des traditionellen Mediengeschäfts einlassen will (und schon in dieser Generation tw. auch nicht mehr kann), ist kein Glanzlicht seiner Vita. Und wird wohl auch nicht die “Falter”-Leitlinie der nächsten Jahre sein (können).

bottom
#197268 Christian Klepej says on October 16, 2009 at 10:56 am
Avatar
top

(ohne generell in die diskussion einzusteigen; nur als »ein« »konsument« nur »einen« aspekt betrachtend; und natürlich wenig repräsentativ)

@ Falter / im Netz / nicht im Netz

wär der falter im netz, hätte ich mir wohl (seit dem) keine einzige ausgabe vom falter gekauft. was ich (spätestens seit den steiermarkseiten wieder beinah) wöchentlich getan hab. (bis zur klenkschen »skandalwelle«; aber das ist selbstredend reine persönliche geschmacksfrage.)

gäb es das faksimile (dankenswerterweise auf groebchen.wp.usw zur verfügung gestellt) nicht im netz, hätt ich mir den mit thurnherrs leitartikel kaufen müssen. (so brauchte ich das nicht tun.)

es ist sogar denkbar, dass ich mir den falter für helges kommentar hätt gekauft. brauchte ich aber auch nicht. (wiewohl ich damit natürlich auf den luxus verzichten musste, eine gestraffte, also kurze, damit (für alle beteiligten) wirtschaftliche version des kommentar lesen zu dürfen, sondern eine “langversion”. (wohl auch deswegen, weil wir amateure ja wenig(er) fähigkeit zur effizienten, sprich kurzen UND prägnanten sprache haben. ;)

im übrigen bin ich der meinung, man sollte das internet einmal ein wocherl abdrehen.

lgc

bottom
#197284 Christian Klepej says on October 16, 2009 at 1:07 pm
Avatar
top

Armin Thurnher heisst natürlich auch im zweiten falle Thurnher. pardon. (eine mich oft traurig stimmende sache im netz: respektlosigkeit allen ortens. und wenn nur vor der schreibe.)

bottom
#197290 Helge Fahrnberger says on October 16, 2009 at 2:03 pm
Avatar
top

@Christian und @Manola:

Die Frage “Falter im Netz oder nicht” erinnert mich an Guy Kawasakis Eis-Beispiel:

Früher gab es das Eis-Ernte-Geschäft, bei dem im Winter in den Städten das auf gefrorenen Seen geerntete Eis in Blöcken verkauft wurde. Eis 1.0. Danach erfand jemand Eis-Fabriken, die diese Blöcke auch im Sommer herstellen könnten. Eis 2.0 – alle Eis-Ernter waren out of Business. Irgendwann erfand jemand den Kühlschrank, Eis 3.0, und die Eisfabriken waren out of Business.

Hätten Eis-Ernter und Eis-Fabrikanten sich als “Kühl-Dienstleister” verstanden, hätten sie diejenigen sein können, die den Innovationssprung einleiten. Kawasaki nennt das “Jumping to the Next Curve”. Verleger sind die Eisfabrikanten von heute und lügen sich in den Sack, wenn sie das Netz als “Next Curve” verleugnen.

Der Falter-Verlag wird sich die Frage stellen müssen, ob er in der Druckbranche ist oder in der Nachrichten- und Debattenbranche. In Zweiterer wird er die Technologien und Medien einsetzen müssen, die den Anforderungen, Möglichkeiten und Kundenwünschen entsprechen.

Ich sage nicht, dass der anstehende bzw. stattfindene Innovationssprung einfach wäre. Geschäftsmodelle und -prozesse sind da noch äußerst unklar. Das ändert aber nichts an der Notwendigkeit.

Edit: Wenig überraschender Weise hat die Analogie schon wer anderer bemüht:
What newspapers can learn from ice harvesters

bottom
#197352 Walter Gröbchen says on October 16, 2009 at 11:48 pm
Avatar
top

Weise Worte aus Übersee: http://ow.ly/uiRn

bottom
#197442 DIGIDAY 09 Vienna | Online-Redaktion says on October 18, 2009 at 1:51 am
Avatar
top

[…] hätte, einer Zweiklassengesellschaft entgegenzuwirken. Walter Gröbchen schrieb unlängst in einem Kommentar zu Helge Fahrnbergers Blog: “Twitter, Facebook, Google, Wave, YouTube & Co. sind erste Zehenbewegungen in […]

bottom
#197580 Werner says on October 18, 2009 at 8:17 pm
Avatar
top

Finde ich toll, wie man sich mit Nicht-Zeitgeist entsprechenden Aussagen in Szene setzen kann.
Dass Leute das dann noch ernst nehmen und den provozierenden Charakter nicht durchschauen, finde ich amüsant.

bottom
#197591 Meerschweinchenjournalismus | BäckBlog says on October 18, 2009 at 9:43 pm
Avatar
top

[…] noch der Gastbeitrag von Helge Fahrnberger. Helge spricht dabei vom größten kulturellen Ereignis seit […]

bottom
#197597 matthias cremer says on October 18, 2009 at 10:36 pm
Avatar
top

Thurnher ist in meinen augen einer wenigen, der die bedeutung der social medias am ehsten erkannt hat.

kein anderer der totholzmedienchefs (hübsches wort) beschäftigt sich so intensiv mit dieser materie.

welche position er dabei einnimmt ist nicht so von bedeutung.
von bedeutung ist, dass er die existenz dieser neuen medien wahrnimmt und thematisiert. in diesem sinn ist er gewollt oder auch nicht ein ganz wichtiger motor.

bottom
#197656 max says on October 19, 2009 at 7:36 am
Avatar
top

@matthias da gebe ich dir recht! aber genau deswegen war ja diese ispa-diskussion so schlecht, da es zu keiner diskussion kam.

ich wünsche mir eine podiumsdiskussion mit armin thurnher und personen die im paroli bieten können und nicht nur ihre firma verkaufen wollen, das wäre doch mal wirklich spannend!
klingt fast nach einem fernseh-/internet-/was_auch_immer-format!

bottom
#197684 Hans says on October 19, 2009 at 12:02 pm
Avatar
top

Anmerkung zum Eis-Vergleich:
Die Frage bleibt aber, ob Social Media (oder sonstwas im Internet) so einfach mit dem Eis 3.0 gleichzusetzen ist. Denn Eis 3.0 beschreibt nicht bloß eine funktionierende Technik, sondern ein nachweislich erfolgreiches Geschäftsmodell. Der einzige, dem ich einen Eis 3.0 Erfolg in der globalen Onlinewirtschaft zubillige, ist Google.

bottom
#197686 Helge Fahrnberger says on October 19, 2009 at 12:08 pm
Avatar
top

@Hans: Ich sage nicht, dass nach Papier für den Falter Social Media kommt. Ich sage nicht mal, dass Papier für den Falter notwendiger Weise obsolet wird (halte es aber für möglich). Ich sage nur, dass ich glaube, dass der Falter (oder andere Printmedien, das tut hier wenig zur Sache) den Innovationssprung verpassen wird, wenn er – wie Manola oben suggeriert – ausschließlich auf Papier setzt.

bottom
#197719 manola says on October 19, 2009 at 4:33 pm
Avatar
top

Können wir die Hyperventilation einmal kurz zurückdrehen?

Worin genau besteht der “Innovationssprung”, den der “Falter” so ignorant ausschlägt?

In einem Webserver, der die Inhalte des Redaktionssystem-Servers rauspusht, so wie es bei dem überwigenden Gros der Zeitungen seit einem Jahrzehnt üblich ist? Sorry, das könnte allenfalls ein dressierter Affe, das wäre keine Innovation.

Also gibt es nur die zweite Möglichkeit, die “Spiegel”-Version. Ich gründe neben meinem Stammedium ein zweites, also neben einem gedruckten Wochenmagazin eine ungedruckte Tageszeitung. Die haben miteinander wenig zu tun, da sind zwei Redaktionen mit gänzlich unterschiedlichen Arbeitsrythmen, Unternehmenskulturen, Entlohnungssystemen usw. Weil die Magazin-Redaktion so groß ist, ist die Online-Redaktion mit ihren bald 80 Mitarbeitern die kleine Schwester.

Würde der “Falter” ein plausibles tagesaktuelles Angebot machen, wäre es umgekehrt. Die neue Redaktion wäre notwendigerweise deutlich größer als jene der Zeitung, schlechter zahlen als bei der Zeitung geht nicht, ergo würde betriebswirtschaftlich der Schwanz mit dem Hund wedeln.

Und das in einer Zeit, wo die Displaywerbung stagniert oder rückläufig ist. Warum um alles in der Welt sollte Thurnher und Schlager das riskieren? Sie haben völlig korrekt in einen Relaunch des Papier-“Falter” investiert und dieser Relaunch ist, ein kleiner Blick in die MA reicht, der erfolgreichste diesseits von Hamburg, wo sich “Die Zeit” unlängst ähnlich brillant neu erfunden hat. Auf Papier.

Boys/Girls, nichts fur ungut, aber viele unter euch verstehen sich als Profis. Atmet einmal tief durch. Das Web ist sicher mehr als Sex, Lies and TCP/IP und ganz wichtig und unentbehrlich und wird einige von euch gut nähren. Aber es ist nicht die größte Kulturrevolution seit Gutenberg – auch die Elektrizität und der Telegraph, das Penicillin und das Radio, der Verbrennungsmotor und das Fernsehen waren jeweils ein ganz schöner Hammer.

Ich finde, wenn der “Falter” schon diversifizieren muss (ausser in Bücher und Fahrräder), dann – als ersten “Spiegel” – Schritt – in ein Fernsehfenster, etwa auf “Okto”. Das fände ich spannend. Thurnherr redet mit Guy Kawasaki über Interfaces und warum die Dotcom-Blase an ihm vorbeigeschrammt ist. Eine Stunde. Herrlich. Ich würde keine dieser Sendungen versäumen und wenn doch, fänden sich Fans die das YouTube hochladen.

bottom
#197721 max says on October 19, 2009 at 4:49 pm
Avatar
top

@manola wie ich schon sagte, so ein format wäre spitze, bei guy kawasaki bin ich mir nicht so sicher, joi ito würde ich interessanter finden :)

bottom
#197736 Walter Gröbchen says on October 19, 2009 at 7:12 pm
Avatar
top

Die spezielle Business-Strategie des “Falter” ist doch hier nicht das Thema… Um Analogien zu bemühen: auch Universal Music International oder Fettkakao Records halten sich gut im Digital-Maelstroem (mit einer äusserst diversifizierten oder sich selbst bescheidenden Aufgabenstellung in ganz unterschiedlichen Dimensionen), während die Musikindustrie als solche innert eines Dezenniums in einem schwarzen Loch namens Internet verschwand. Imaginierte oder tatsächliche “Innovationsprünge” hin oder her. Auf der Kommandobrücke standen Leute, die “das Web ignorierten, weil wir das Web ignorieren wollten” (so der deutsche Ex-IFPI-Vorsitzende Gerd Gebhardt). Nun dasselbe Verlegenheits-Dogma und Schweigegebot im Medienzirkus? … “Days of future passed”, wie schon die seligen Moody Blues sangen.

bottom
#197742 Helge Fahrnberger says on October 19, 2009 at 7:52 pm
Avatar
top

Eine sehr lesenswerte Lektüre zu genau diesem Thema (auch wenn dem Text nicht jede/r zustimmen mag) ist Clay Shirkys Newspapers and Thinking the Unthinkable aus dem März diesen Jahres.

bottom
#197751 Walter Gröbchen says on October 19, 2009 at 8:57 pm
Avatar
top

Und für Guy Kawasaki-Fans und Print-Nostalgiker (nein, das bedeutet nicht automatisch Schizophrenie ;-) hier auch was Feines: http://om.ly/OfcU

bottom
#197766 Harald Havas says on October 20, 2009 at 1:50 am
Avatar
top

*Meerschweinchen-News international*
In Frankreich spricht man mittlerweile vom Internet als der “Fünften Macht” – siehe: http://blog.tcrouzet.com/le-cinquieme-pouvoir

bottom
#197879 hedu» A. Thurnher und das Internet says on October 21, 2009 at 9:14 am
Avatar
top

[…] Aber eben nur in der Printausgabe. Denn auch die Gegenmeinungen sind nur dort online nachlesbar, wo sie der Autor selbst ins Netz gestellt hat. Die Diskussion in der Blogosphere findet hingegen offensichtlich zum Leidwesen des Herausgebers […]

bottom
Avatar
top

[…] wie ein publizistisches Sturmtief Österreich durchquert ( siehe Futurezone , Gröbchen , digiom , Helge ) , droht eine Neuauflage des als Kulturkampf um “Qualitätsjournalismus” kaschierten […]

bottom
#200291 das medienzeugs-debüt « medienzeugs etc. says on November 11, 2009 at 8:35 pm
Avatar
top

[…] für Tag auf seiner Seite an diversen Themen ab. Falter-Edelfeder Armin Thurnher hat hingegen einen Diskurs rund um Meerschweinchen und Internet losgetreten.Vielleicht taugen weder Unterberger noch Diekmann […]

bottom
Avatar
top

[…] Helge Fahrnberger: […]

bottom
Avatar
top

[…] bzw, nur auf dem Niveau, das er als solche missversteht: Man spricht nur mit JournalistInnen (bzw. wirbt ausgwählte Reaktionen ein, die erste später den Eingang ins Web […]

bottom
#201978 WIENFLUSS Weblog » Blog Archiv » Und alle Jahre wieder… says on November 30, 2009 at 12:05 pm
Avatar
top

[…] Wesen von Online-Medien hat Armin Thurnherr im Falter eine spannende Diskussion angezettelt, von Helge Fahrnberger löblich dokumentiert. Beide Thesen – Hamsterrad und Demokratie-Werkzeug – bestätigen sich fein, wenn man die […]

bottom
Avatar
top

[…] Kaum je steuert jemand etwas Substantielles bei. Armin Thurnher weigert sich bekanntlich gar, das Internet “als Medium ernst zu nehmen”, solange es voll von anonymen […]

bottom
Avatar
top

[…] ihm immer wieder das Gefühl vermittelt haben dürften, die Aufklärerrolle an uns zu verlieren). Darum freut mich sein Urteil ganz […]

bottom

Sorry, the comment form is closed at this time.

corner