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Update 30 Juli: Der befragte Presse-Redakteur, Martin Stuhlpfarrer, hat per Email geantwortet. Ich veröffentliche sie mit seiner Erlaubnis unten, eingerückt.

presse

Sehr geehrter Martin Stuhlpfarrer,

in der “Presse am Sonntag” vom vergangenen Wochenende haben Sie den Artikel “Die grüne Facebook-Rebellin” über die Grünen Vorwahlen verfasst, prominent als Aufmacher des Wien-Teiles der Zeitung.

Es finden sich darin einige Ungereimtheiten und eigenartige Annahmen. Darum habe ich ein paar Fragen an Sie – ich würde mich über Antworten freuen:

  • Sie schreiben, Petra Köstinger, einer der 422 Grünen Vorwähler, habe die Grünen “ins Chaos” gestürzt. Mir ist entgangen, dass die Grünen in irgendein Chaos gestürzt wären. Wie kommen Sie darauf?

    Stuhlpfarrer: Landesgeschäftsführer Robert Korbei spricht offiziell (APA) von der größten Spaltung seit 10 (!) Jahren, Grüne Spitzenpolitiker korrigieren sich ständig, Parteistatuten werden hastig geändert, und Sie fragen mich: Wo ist das Chaos? Entweder haben Sie eine besonders origionelle Sicht auf die Dinge, oder es ist wie so oft im Leben: Die Innensicht ist anders als die Außensicht.

  • Sie beginnen mit “Eine Gruppe von Facebook- und Twitter-Nutzern rollt die gemütlichen Wiener Grünen auf” und setzen “Facebook” gar in den Titel. Da die meisten Vorwähler mit Twitter oder Facebook nichts am Hut haben, zur Kommunikation rund um die Grünen Vorwahlen aber auch Email, Telefon und abendliche Treffen eingesetzt wurden: Warum haben Sie Ihren Artikel nicht “Köstinger, die Email-Rebellin” genannt? Oder vielleicht “Die Fax-Rebellin” – immerhin kamen die meisten Anmeldungen ja per Fax.

    Stuhlpfarrer: Wenn Internet-basierte Dienste wie Facebook, Blogs & Co nicht der Motor hinter der Mobilisierung der Grünen Vorwähler waren, sondern das Fax, bin ich gerne bereit mich zu korrigieren.

  • Sie zitieren mich – wobei Sie meinen Namen falsch schreiben – wörtlich mit: „Unsere Gemeinderäte und Parlamente sind voll von Abgeordneten, die an uns Wählerinnen und Wählern vorbeigeschummelt wurden. (..) “ Der Satz steht auf gruenevorwahlen.at, stammt aber nicht aus meiner Feder (auch wenn ich mich mit ihm identifizieren kann). Wie kommt es dazu, dass Sie mir diesen Satz in den Mund legen?

    Stuhlpfarrer: (keine Antwort)

  • Wenn Frau Köstinger im Interview den Stadtrat David Ellensohn mit der Aussage zitiert, die Initiative sei ein Versuch der liberalen Kräfte, den linken Flügel zu entmachten, Sie diesen Satz dann aber einem “hohen Grün-Funktionär” zuschreiben, kann es sein, dass Sie zu bequem waren, zu recherchieren, wo er ihn gesagt hat, und ob wirklich? Wenn ja, hätten Sie ihn dann nicht besser weg gelassen?

    Stuhlpfarrer: (keine Antwort)

  • Was sagen Sie als Redakteur einer seit 1848 existierenden Qualitätszeitung dazu, wenn eine interviewte Person Ihren Artikel mit “Verzerrte Aussagen und Unrichtigkeiten auf Boulevard-Niveau” umschreibt?

    Stuhlpfarrer: Petra Köstinger habe ich als engagierte, kritische Frau kennengelernt. Deshalb bedauere ich, dass sie sich missverstanden fühlt – wobei es Fr. Köstinger natürlich frei steht, sich auf ihre Weise zu artikulieren. Ich habe auch Verständnis dafür, dass Fr. Köstinger als Diskurspartnerin und nicht als Rebellin bezeichnet werden möchte. Nur: Wenn eine Gruppe Grün-affiner Menschen beschließt alte Politikstrukturen aufzubrechen, massiv in die Listenerstellung der Grünen einzugreifen und eine Initiative startet um die bisherige (alte) Ordnung zu ändern, erlaube ich mir, das als Rebellion gegen politische Strukturen zu bezeichnen. Wenn Sie, Herr Fahrnberger, diese, meine Sicht als Niedergang des Qualitätsjournalismus bezeichnen wollen – weil sie nicht ihrer persönlichen Sichtweise entspricht – werde ich das nicht verhindern können. Ich kann nur wiederholen (siehe oben): die Innensicht ist hier offensichtlich eine völlig andere als die Außensicht.

  • Wenn Sie bei einem Interview “schemenhaft mitkritzeln”, wie die Interviewte berichtet, warum lassen Sie sich die Zitate, die Sie ihr in der Folge in den Mund legen, nicht wenigstens autorisieren?

    Stuhlpfarrer: (keine Antwort)

Es tut mir leid, Herr Stuhlpfarrer, wenn Sie nun ein bisschen den Frust abbekommen, der sich durch die vielen schlecht recherchierten Artikel unter den über 60 Presseberichten, die seit dem ersten April über die Grünen Vorwahlen erschienen sind, bei mir aufgestaut hat. (Verstehen Sie mich nicht falsch, die Presse war den Grünen Vorwahlen sehr gewogen, aber ich ziehe Qualität als Zeitungsleser einfach vor.) Ihr Artikel war auch sicher nicht der schlechteste unter diesen. Vielleicht muss ich nur endlich meine unrealistischen Vorstellungen über Qualitätsjournalismus (“Check, re-check, double-check”) über Bord werfen.

Stuhlpfarrer: Ich habe kein Problem wenn bei mir Frust abgeladen wird; ich habe auch kein Problem mit der Grünen Vorwahl-Bewegung, die ich durchaus als spannende Initiative sehe. Ich frage mich nur, warum in diesem Fall die Innensicht derart stark von der Außensicht abweicht. Und warum ich offensichtlich nicht der einzige bin, der diese(Außen)Sichtweise teilt.

Über eine Antwort würde ich mich dennoch freuen.

Mit freundlichen Grüßen,
Helge Fahrnberger


 

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11 Comments
#185745 Walter says on July 21, 2009 at 1:46 pm
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Seit ich erlebt hatte, wie ein Pressetext von einem Medium inhaltlich (und grammatikalisch) falsch abgetippt und diese falsche Version von vielen anderen Zeitungen einfach übernommen wurde, bin ich sowieso skeptisch…

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#185750 Ernst says on July 21, 2009 at 2:12 pm
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Einige Monate im News-Haus als Redakteur haben gereicht, um mich vom Wunschtraum zu erlösen, dass Zeitungen bestmöglich recherchiert und von “Auskennern” gemacht werden. Deshalb bin ich auch wieder ausgestiegen.
Herrn Stuhlpfarrers Story ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass im heutigen “Qualitätsjournalismus” nicht die Fakten zählen, sondern eine Geschichte so aufbereitet sein muss, dass die Ausgabe in der Trafik gut verkauft (Attraktionen! Sensationen! Eyecatcher-Headlines!) und die Anzeigenkunden sich bestmöglich vertreten fühlen. In diesem Fall kann Stuhlpfarrer auch noch mit dem “Unbekannten” arbeiten, denn offenbar denkt er, dass für das konservative Publikum der Zeitung “Facebook” sich einfach viel gefährlicher und mysteriöser anhört als “Fax”.
Das alles hat nix mehr mit Qualität oder Journalismus zu tun, schon gar nicht gemeinsam genannt. Der Ausdruck “Propaganda” triffts eher.

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#185758 Franz says on July 21, 2009 at 2:47 pm
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@ Ernst: Jetzt mal ganz ehrlich: Dass man im News-Haus Qualitätsjournalismus lernt, ist aber auch nicht zu erwarten, oder? Und @ Walter: Das ist wohl das größte Problem der Medien heutzutage, dass sie nichts kosten und gleichzeitig Qualität liefern sollen. Das geht einfach nicht. Deshalb werden die PR-Leute auch immer unverschämter und haben es gleichzeitig immer leichter, ihren Content irgendwo reinzudrücken. Content ist umso erwünschter, je weniger er kostet.

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#185759 Ernst says on July 21, 2009 at 2:53 pm
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@Franz: vor 10 Jahren war ich da noch blauäugiger und von Enthusiasmus getragen. Heute würde ich dort nimmer arbeiten wollen.

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#185822 alm says on July 21, 2009 at 8:50 pm
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Welcome to the fold…

Jetzt weißt du, was Politiker jeden Tag mitmachen, wenn sie interviewt werden und warum sie offensichtlich immer dasselbe sagen in ihren Statements. Alles was von deiner Botschaft abweicht, kann gegen dich verwendet werden. Dazu kommt schlechte Recherche.

Bei der Buskampagne ja ähnlich. Was darüber berichtet wird, geht in fast allen Fällen komplett am Thema vorbei. Nicht einmal Plakattexte werden richtig gelesen (Gott ist tot != Es gibt keinen Gott).

Usw. usf.

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#185853 günter strobl says on July 21, 2009 at 11:24 pm
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was ja insgesamt meine grundlegende arbeitshypothese wieder einmal beweist:

“80 % der menschen san deppart.”

und dieser anteil ist
a) in allen bevölkerungsschichten ungefähr gleich und
b) stetig im steigen begriffen.

so long,
günter

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#185855 Martin Schimak says on July 21, 2009 at 11:34 pm
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Du hast hier eine in ihrer Relevanz weit über die “Grünen Vorwahlen” hinausreichende Kritik am “Qualitätsjournalismus” in Form von einen konkreten Fall betreffenden Fragen formuliert, Helge.

Ich frage mich in diesem Zusammenhang etwas abstrakter, etwas allgemeiner, losgelöst vom konkreten Anlassfall: worum gehts hier wirklich? Wir hören doch regelmässig wenn wir solche Fragen aufwerfen Sätze wie “Wir haben einfach keine Zeit, alles zu prüfen”. Denn es herrsche in diesem Bereich heute ja der ultimative Kostendruck: “Es muss einfach heute von einem journalisten dermaßen viel produziert werden, dass er keine zeit dafür hat, alles sorgfältigst zu kontrollieren, selbst wenn er wollte.” (siehe zB die Meinungen zum Thema unter http://zurpolitik.com/2009/07/20/ich-bin-keine-facebook-rebellin/#comments)

Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass all meine Kontakte mit professionellem Journalismus im zB Rahmen der “Grünen Vorwahlen” diesen Eindruck subjektiv keineswegs bestätigen. Zumindest “vor Ort” war ich regelmässig erstaunt, wieviel Zeit man sich für die konkrete Recherche nimmt bzw (immer noch) nehmen kann. Was einen aber oft trotzdem nicht dran hindert nur “schemenhaft mitzukritzeln”. Vielleicht steckt hinter dieser Vorgangsweise bereits das Kalkül, dass die ganze, unverfälschte Wahrheit ohnehin nie so interessant ist, wie das, was man aus ihr später vielleicht machen kann? Wortwörtliche Zitate sind bei so einem Blick auf die Story eher irrelevant, Aufnahmen eher mühsam (die muss man später ja auch wieder abhören oder transkribieren). Vielmehr sammelt man Orientierungspunkte für die zwangsläufig nachfolgende Umformulierung und “Verbesserung” des Contents, maximal angereichert um die eine oder andere zufällig fallende “Catchphrase”, die man dann später gefahrlos unter Anführungszeichen zitieren kann.

Wirklich ohne mir deshalb anzumassen zu wollen, einen echten, tiefgehenden Einblick in die heutige qualitätsjournalistische Gesamtrealität bekommen zu haben (denn ich habe ihn schlicht und einfacht nicht) drängt sich mir doch massiv die Frage auf: Ist wirklich die Zeit das Hauptproblem? Oder ist es nicht vielmehr ein (teils selbst-, teils fremdauferlegter?) Zwang aus jedem noch so nichtigen Anlass einen Eyecatcher oder eine kleine Sensation machen zu müssen? Weiter: ist es wirklich wirklich die Leserschaft, der Verkaufserfolg in der Trafik oder “die” Werbewirtschaft, die eine solche Vorgangsweise auch bei nach Selbstdefinition auf “Qualität” wert legenden Medienprodukten verursachen? Oder ist das vielleicht mehr eine zunehmend selbstreferentieller werdende Form gegenseitiger Bestätigung der Trampelpfade unter Kollegen, frei nach dem Motto: was nicht nach einer geilen Story klingt war es entweder nicht wert geschrieben zu werden oder zumindest elendiglich schlecht manipuliert?

Muss man also um seine Reputation unter Kollegen fürchten, wenn man Realität – überspitzt formuliert – so elendliglich fad abbildet wie sie oftmals eben ist?

Wie gross ist in dieser Welt denn der Reputationsverlust, wenn man es mit der Wahrheit nicht so wirklich genau nimmt? Und wie hoch ist der Reputationsgewinn, wenn man es gewitzt versteht aus jeder noch so uninteressanten Wahrheit immer wieder etwas kunstvoll verfälscht “Druckbares” zu erschaffen?

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#185979 pezik says on July 22, 2009 at 11:00 am
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ich find, es gibt bestimmt schlimmere fälle von verzerrtem journalismus als diesen artikel. und ich hoff herr stuhlpfarrer bekommt da wirklich nicht den gesammelten frust ab ;)

was mich in diesem fall so erschrocken hat war, dass ich das gefühl hatte, ein wirklich gutes gespräch geführt zu haben. und ich mir von einer qualitätszeitung einfach nicht so einen reißerischen zugang erwartet hätte.

zu seiner verteidigung: herr stuhlpfarrer hat sich sichtlich bemüht und auch wirklich einige kleinformatige block-seiten gefüllt, im redefluss und bei über einer stunde gesprächszeit bleibt dann aber wohl doch nur die verkürzung der aussagen.

oder aber ein aufnahme-gerät – wobei ich nicht glaub, dass man das willkürlich weglässt. ich fürcht, der produktionsdruck nimmt da einen nicht unwesentlichen platz ein. vor allem bei der sonntagspresse – die ja mit der selben redaktionsmannschaft wie zuvor auskommen muss.

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#187708 Helge Fahrnberger says on July 30, 2009 at 4:47 pm
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Update: Antworten hinzugefügt.

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#190526 raptor says on August 16, 2009 at 11:00 pm
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China: Reissack umgefallen, Bloggerin war evtl. in der Nähe.

Und, ja, Qualitätsjournalismus gibt’s schon lange nicht mehr.

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#231425 » Der Journalist, der durch mich spricht · Helge's Blog says on September 10, 2010 at 11:59 pm
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[…] Möglicherweise gibt’s keinen besseren Kurs in Medienkunde als die eigenen 15 minutes of fame. Letzten Sommer, als unsere Grünen Vorwahlen bei den Medien hoch im Kurs standen, durften wir hautnah miterleben, wie die österreichische Medienlandschaft so tickt. Spoiler: Nicht nach Lehrbuch. (Siehe auch meine Fragen an einen Presse-Redakteur.) […]

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