Meine ganz besonderen kalabrischen Weihnachten
January 4, 2009Dies ist die Geschichte wie meine Freundin Patrizia und ich nach ihrem italienischen Großvater Pino suchten und – eine Großfamilie fanden. Wir kannten nur seinen Namen, sein Geburtsdatum im Jahr 1939 und die vermutete Herkunft Kalabrien.
Spurensuche nach Pino, dem unbekannten Großvater
Alles begann damit, dass sich Ende der 50er-Jahre Patrizias Großmutter in der Schweiz in Pino verliebte, einen Italiener, der wie sie dort jobbte. Beide waren erst neunzehn, als sie schwanger wurde. Sie wollten zusammen in der Schweiz bleiben, doch die Eltern der Großmutter verboten das, und sie musste zurückkehren. Der kinderlose Gutsherr, dessen Hof die Eltern verwalteten, adoptiere sie nach ihrer Rückkehr und überschreib ihr den Hof. Heute kann niemand mehr sagen, ob die Eltern die Verbindung zu Pino verboten, weil sie sonst nicht an den Hof gekommen wären – denn Patrizias Großmutter nahm sich vor Jahrzehnten aus Kummer das Leben.
Maria, Patrizias Mutter, erfuhr nicht viel über ihren Vater: Er hätte sie nicht gewollt und sei bei der Mafia. Typisch Italiener eben.
Wir machen uns also auf die Suche nach Pino – er müsste jetzt 69 sein. Anfragen in zwei Schweizer Gemeinden, wo das Telefonbuch Träger seines Namens kennt, bringen negative Antworten. Wir finden den Namen fünf weitere Male im italienischen Telefonbuch, dazu seinen Familiennamen etwa fünfzig Mal alleine in Kalabrien.
Zentrale Melderegister existieren in Italien nicht, also müssen wir hinfahren und suchen, mit der Telefonbuchliste der Namensträger ausgestattet. Man warnt uns: Die Kalabresen seien nicht so offen wie andere Italiener, wir würden auf verschlossene Türen stoßen.
Reise quer durch Kalabrien
Die Tage vor Silvester verbringen wir also im neblig-regnerischen Süditalien und besuchen so viele Familien mit diesem Namen wie wir können, oft in abgelegenen Bergdörfern. Die verschlossenen Kalabresen telefonieren für uns quer durch entfernte Familienzweige, lassen uns unsere Kaffeehausrechnungen nicht selbst zahlen und helfen uns mit Tipps durch den Behördendschungel. Der Pfarrer eines kleinen Dorfes telefoniert alle lokalen Mitglieder dieses Namens durch, gibt uns reichlich Verpflegung mit auf den Weg und empfiehlt uns, es bei der Vermisstensendung Chi l’ha visto zu versuchen. Wir nehmen viele Emailadressen mit und müssen allen versprechen, vom Ergebnis der Suche zu berichten.
Es ist nasskalt und nebelig, und wir haben nach hunderten Kilometern Fahrt die Bergstraßen satt. Niemand hier kennt Pino.

Es ist kalt in Kalabrien
Am Montag haben endlich die Ämter wieder offen und wir fahren nach Cosenza, einer größeren Stadt in der Region, um das Regionalgericht zu bitten, in unserem Namen eine Anfrage an alle kalabrischen Gemeiden zu schicken. Im Bürgerbüro der Stadt will ich mich nach dem Weg erkundigen, während Patrizia sich in einem Café aufwärmt. Man empfiehlt mir, es zuerst beim lokalen Standesamt zu probieren. Ein Mitarbeiter der Stadt, der kurz zum Plausch vorbeigeschaut hat, adoptiert mich und schleust mich am Standesamt an allen Schlangen vorbei.
Nach drei Tagen Suche: Gefunden
Dann der Hammer: Pino lebe hier in Cosenza!
Man schickt uns zur Adressauskunft, doch der Computer dort spuckt keine Adresse aus. Verwirrung. Mein Mentor verschwindet hinter der Glaswand, fragt sich durch, telefoniert mit dem eigenen Handy. Er kommt mit langem Gesicht und einer sehr traurigen Nachricht zurück: Pino lebte nie in Cosenza, er ist 2003 hier im Krankenhaus verstorben. Er wurde nur 63 Jahre alt.

Auf der Suche am Friedhof
Wir bekommen eine Sterbeurkunde, aus der hervorgeht, dass Pino in seinem Heimatdorf Rogliano begraben liegt. Also auf dorthin. Wir parken das Auto im Zentrum und wärmen uns erst in einer Bar auf. Patrizia muss schmunzeln, denn die Frau die uns bedient, sieht ihrer Mutter ähnlich: “Schau, ein Cousin von dir” ist schon die ganze Reise lang der Running Gag.
Wir machen uns zu Fuß zum Friedhof auf und sehen uns dort um. Nach einenhalb Stunden Suche in Regen und Nebel finden wir Pinos Grab. Auf dem Grabstein ein Foto, auf dem ein freundlicher Herr mit Glatze etwas verlegen in die Kamera lächelt. Direkt daneben sein Vater, Francesco. Patrizias Urgroßvater. Er hatte bis 1995 gelebt.

Vor dem Grab des Großvaters
Zurück im Dorf wärmen wir uns in einem Café auf. Wir fragen nach der Familie, als jemand einen vorbeigehenden älteren Herren zu uns hereinruft. Das sei Gerardo, der Bruder des Verstorbenen. Patrizias Großonkel. Wir erzählen ihm die Geschichte und zeigen ihm Pinos Jugendfoto. Er zeigt kaum Regung – wir sind nicht sicher, ob er verstanden hat. Ja, das sei sein Bruder. Er müsse jetzt zur Post, die sperre gleich zu. Er komme wieder.
Wir warten Stunden, vergeblich. Patrizia will aufgeben und heimfahren, man will sie hier offenbar nicht. Wir wissen aber noch gar nichts über Pino. Wo hat er gelebt? Was hat er gearbeitet? Hat er weitere Kinder?
Der Großonkel war offenbar der Situation nicht gewachsen. Ich frage die Leute im Café um Rat. Alle Gäste reden jetzt mit, alle wollen helfen. Einer hat eine Idee und nimmt uns wortlos an der Hand. Wir gehen über den Platz zu der Bar, wo wir uns zuvor aufgewärmt hatten. Darin nicht mehr die Frau, sondern ein alter Mann. Wir erzählen die Geschichte. Er grinst – ja, die Österreicherin in der Schweiz. Eine sehr hübsche Frau, er habe damals Fotos gesehen.
Eine neue Familie
Man holt die Frau – die, die Patrizias Mutter ähnlich sieht. Sie öffnet ihre Arme und umarmt Patrizia herzlich. Sie ist die Cousine von Patrizias Mutter. Auch sie hat die Fotos der Österreicherin gesehen. Alle kennen diese Fotos. Die Österreicherin war Zio Pinos große Liebe, vermutet man hier. Dass daraus ein Kind entstand, hat man in der Familie immer gemunkelt, aber niemand wusste Genaues.
Jetzt wird die Großfamilie zusammengetrommelt, wieder und wieder muss Patrizia von ihrer Großmutter und Mutter erzählen. Wir werden von Pinos Nichten, Neffen und Cousins zum Essen eingeladen und treffen Pinos Schwester, die in einer anderen Stadt arbeitet. Freudentränen fließen, Fotos werden ausgegraben. Patrizia bekommt ein silbernes Herz als Symbol dafür, dass sie zur Familie gehört. Sie ist das Weihnachtswunder ihrer neuen Familie.

Patrizia mit ihren Großcousinen und deren Familien
Pino, der vermeintliche Mafioso, ging nach seinem Militärdienst in den 60ern nach Wolfsburg und arbeitete bis zu seiner Pensionierung bei Volkswagen. Er hat dort drei Töchter – die älteste heißt ebenfalls Patrizia – und einige Enkel. Ob er versucht hat, seine Familie in Österreich zu finden, wissen wir nicht. Durch Adoption und Heirat änderte Patrizias Großmutter zwei Mal den Nachnamen, was eine Suche jedenfalls nicht einfach gemacht hätte.
Patrizias Urgroßmutter Leonilda lebt noch, sie ist 92, bei hellem Verstand, aber schwer krank. Die Familie will ihr die Aufregung nicht zumuten – man ist noch unentschlossen, ob ihr diese Nachricht überhaupt jemals überbracht werden kann. Francesco, Pinos Vater, war damals mit in der Schweiz, und hat die “schöne Österreicherin” kennengelernt. Er war begeistert von ihr und wollte, dass die beiden heiraten. Die ganze Famiglia war dafür, auch Leonilda.
Patrizia wird das Versprechen abgenommen, sehr bald wiederzukommen – und ihre Mutter mitzubringen. Bei unserer Rückkehr finden wir dieses Email in der Box:
La visita di Patrizia in questo Natale è stata la sorpresa più bella. Anzi possiamo dire che è stata la sorpresa più bella degli ultimi anni.
Un caro e caldo abbraccio a Maria e famiglia. Gli puoi riferire che tutti l’aspettono a presto, compresa la Nonna Leonilda.
“Patrizias Besuch war die schönste Überraschung der letzten Jahre. Sag deiner Mutter, dass sie alle bald erwarten – einschließlich der Großmutter Leonilda.”






Eine wunderschöne Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann…
wunderschön! daraus könnte man wohl einen film machen. oder zumindest eine sehr schöne foto dokumentation. :)
Wunderschön!
Toll wie Menschen immer wieder überraschen und ihrem eigenen Cliché so wenig gerecht werden können. Ich habe dasselbe mal vor 10 Jahren in den USA erlebt. Wir haben eine Hausbesitzerin gesucht, die vor vielen Jahren aus der DDR geflohen war (wenn ich mich jetzt richtig erinnere). Wir hatten einen Namen (Geburts- oder Heiratsname – keiner wusste es) und eine Stadt (Gott sei Dank mit Staatsangabe). Die Stadt im Staate New York hatte mehrere 10.000 Einwohner. 21 war ich (das war wichtig, denn ich durfte in Bars hinein ;-) ) und wir sind einfach losgefahren & haben jeden gefragt, der unseren Weg kreuzte. Kurz bevor wir aufgeben wollten, saßen wir in einer Bar & ich erzählte zum x-ten Mal die Geschichte des Hauses, das der Bruder meines Freundes im entfernten Deutschland gerne kaufen wollte, die mittlerweile immer länger wurde, weil ich ergänzen musste, wen wir schon alles ergebnislos befragt hatten.
“Das ist ? (ich weiß es nicht mehr), die wohnt ein paar Meter weiter, mit dem lustigen Briefkasten …” sagte der Barmann dann ganz beiläufig. Ich wollte schon “Danke für Ihr Mühe, macht ja nichts” sagen und gehen, bis ich verstanden habe, was genau er da eigentlich gesagt hatte.
Also gingen wir zu dem Haus mit dem lustigen Briefkasten & klingelten. “Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?” Die Frau schaute uns an als wären wir nicht ganz dicht & antwortete dann in schönstem thüringischen Dialekt. Es wurde ein sehr langer, geschichtenreicher Abend. Was tatsächlich aus dem Haus geworden ist, weiß ich leider nicht.
Und wieso eigentlich muss es bei solchen Aktionen immer kalt sein & regnen?
Vielen Dank, Helge, für diese wunderschöne Weihnachtsgeschichte.
Helge!!!!! Wow!!!! bin sprachlos! und kann mich den obigen posts nur anschliessen: WUNDERSCHÖN!!!!! danke, für diese tolle, wunderschöne geschichte!!!
alles liebe, tina
Herzerwärmend und wunderschön!!! Ich freue mich für Euch!!!! :) :) :)
Mein Vorkommentatoren haben mir die Worte aus dem Mund (resp. aus der Tastatur) genommen. Ein wunderbare Geschichte, wie sie das Leben auch schreibt. Ich stellte mir ebenso dazu einen Film vor, der diese Reise dokumentiert.
Danke, dass du sie niedergeschrieben hast. Es tut immer wieder gut zu wissen, dass man auch solches erleben kann.
eigentlich mit fast keinem wissen weg gefahren und mit soviel an neuem wissen, erfahrungen und einer ganzen familie zurück gekommen!
vielen vielen dank, dass ihr diese wunderbare, rührende geschichte mit uns teilt!
Man kann also doch noch echte Abenteuer erleben! Freue mich für Euch, danke fürs Erzählen!
ich lese dein blog regelmässig, mag deine geschichten – aber das ist definitiv die schönste und persönlichste, vielen dank!
Hallo,
die Geschichte ist ja wie aus einem Hollywood Roman. Herz-allerliebst. Whauuu.
Frag mal beim ORF nach ob sie die verfilmen wollen? :-)
Tolle Geschichte.
Allerdings möchte ich nicht einen weiteren Vermarktungsweg vorschlagen, sondern sagen, dass die Geschichte ganz toll in einen Blog passt und dort auch bleiben kann. Da muss nicht gleich ein “großes/totes” Medium gefunden werden um sie an mehr Menschen zu transportieren.
Eine wunderschöne Geschichte! Ich freue mich mit Euch allen.
Ein schönes Erlebnis, denk mal das war ein tolles Weihnachts-/Neujahrserlebnis!
Wahnsinnsgeschichte, was für Weihnachten!
Le fiabe appartengono ai tempi passati, ma non è mai tardi per viverne una. Voi avete vissuto una delle fiabe più belle che vi rimarrà nei cuori per tutta la vita.-
Auguri.-
Grossartige Geschichte Helge, ein wahnsinns Abenteuer!
Erst jetzt zum Lesen gekommen. Und gerührt…
danke auch von mir für die geschichte.
noch eine anmerkung: phantastisch, wie man die ähnlichkeit auf dem photo auslesen kann! sie hätten sich wahrscheinlich auch auf der strasse erkannt und wären sich in die arme gefallen.. aber auch so, sehr schön, schöne leut’!
Ich kann mich nur anschließen – ich kam in den genuß die geschichte persönlich zu hören. Wunderbare sehr schöne geschichte und ein tolles “Weihnachtsgeschenk” für Patrizia …
Wunderschöne Geschichte!
Wow. Diese Geschichte ist wirklich beeindruckend und rührend. Dazu sind die Bilder auch noch so schön. Man kann sich richtig hineinfühlen und dahinschwelgen.