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Für das aktuelle Gap habe ich ein Skype-Gespräch mit Isaac Mao geführt – und dort wird vollmundig angekündigt, die Aufnahme davon wäre hier zu hören. Sorry, da ist die Audio-Qualität vor.

Isaac ist ein spannender Gesprächspartner – und inspirierend: Das Gespräch hat mich darauf gebracht, über Löwen und Ameisen nachzudenken.

Hier die Übersetzung des Transskripts:

» Isaac, du sprichst oft von „Sharism“, ist das eine Worterfindung von dir?

Ja, ich habe das Wort erstmals auf einer Konferenz von Creative Commons verwendet und es fand sofort Anklang. Wir brauchen Regeln, um das was in der neuen Web-2.0-Welt passiert, zu beschreiben, sowie eine Philosophie und spirituelle Praxis, um Leute zu ermutigen, ihre Inhalte zu „sharen“. In meiner Forschung zeigt sich, dass in den meisten Gesellschaften dieser Welt immer weniger kooperiert wird, obwohl mehr Möglichkeiten dafür vorhanden wären. Die gegenwärtigen Regeln, gemacht von Gesetzgebern und Lobbyisten, verhindern das.

» Wie Copyright?

Genau. Also versuche ich, neue Regeln zu definieren. Die Menschen versuchen die Käfige der traditionellen Regeln zu sprengen.

» Du beschreibst Sharism als etwas, das im Bereich zwischen privatem und öffentlichen Leben stattfindet. Was meinst du damit?

Zwischen privatem und öffentlichen Leben gibt es einen Raum, den wir lange nicht nutzten. Ich nenne das den sozialen Raum. Das hat mit Vertrauen zu tun: Wenn du Menschen vertraust, kannst du Dinge teilen, neue Dinge schaffen und gemeinsam an Ideen arbeiten. Ich will sehen was passiert, wenn wir Sharism in Produkte und Technologien einbauen, so dass Menschen mehr Information teilen können, ohne sich um ihre Privatsphäre Sorgen machen zu müssen. „Privatsphäre“ ist ein eigenartiges Konzept. Wir müssen akzeptieren, dass es echte Privatsphäre kaum noch gibt. Wenn aber Menschen die kulturellen Techniken und das Verständnis für den sozialen Raum bekommen und vertrauen können, dass sie dort sicher sind, dann wird ihnen das persönliche Vorteile bringen. Sie werden freier mit ihren Informationen und Inhalten umgehen und ihre Privatsphäre trotzdem behalten. Das ist die Philosophie hinter Sharism.

Pic (cc) by Joi Ito

» Das untergräbt die Informationsmonopole von Regierungen und Medien.

Sicher. Es gibt keine klare Grenze die den sozialen Raum ausmacht. Jeder muss selbst herausfinden, mit wem er sich auf Facebook, Twitter oder Friendfeed verbindet. Man hat immer die Kontrolle mit welcher Gruppe man welche Inhalte teilt, niemand kann einem die nehmen. So kann jeder sein Leben in diesen sozialen Raum ausdehnen,und dabei auch mit anderen Menschen zusammenarbeiten, sei es bewusst oder unbewusst. Wer Inhalte bereitstellt, kann nicht voraussagen, welchen Return er erhält. Wenn du einmal ein Stück Information bereitstellst, zum Beispiel ein Bookmark oder ein anderes Stück Microcontent, können andere Leute dieses „Mem“ weiterverfolgen, es remixen oder etwas Neues daraus machen. Das ist ein Schneeballeffekt. Manche Schnellbälle verbreiten und vergrößern sich zu einem Mem. Wenn es wichtig ist, werden Leute Mundpropaganda dafür machen und das Konzept wird sich schnell verbreiten. Das funktioniert ganz anders als in der Welt der traditionellen Medien und des hierarchischen Vertriebsmodells.

» Mit „Sharism“ beschreibst du etwas, was bereits stattfindet, zumindest in Teilen der Internetgesellschaft. Spürst du Auswirkungen auf China, wo Internet-Zensur, also die „Great Firewall of China“ recht präsent ist?

Der soziale Raum ist sehr mächtig, denn jeder kann durch seine Verbindung mit jemand anderem einen eigenen Medienraum schaffen. Das kann niemand von außen kontrollieren. In China ist das gut zu beobachten. Die Great Firewall of China ist allgegenwärtig, der Durchschnittsbürger war dagegen machtlos. Aber das hat sich geändert: Seit die Leute auf Blogging, auf Web 2.0, auf Sharism gestoßen sind, reicht es nicht mehr aus, einfach ihren Traffic zu filtern. Sie tauschen sich über Methoden der Verschlüsselung, über Proxys und geheime Tunnels aus. Oder aber sie nutzen soziale Medien zur Verbreitung von Inhalten unter Freunden, ganz ohne sich mit Technologie beschäftigen zu müssen. Diese zwei Methoden schwächen den Effekt der zentralen Kontrolle schon deutlich ab. Ich glaube, wenn sich der soziale Raum weiter so entwickelt, wird die Zensur gänzlich wirkungslos.

» Das klingt vielversprechend. Du hast letztes Jahr einen offenen Brief an Sergey und Larry von Google geschrieben und gegen ihre Kollaboration mit der chinesischen Regierung protestiert. Hast du jemals eine Antwort erhalten?

Keine direkte, nein. Was der Brief bewirkt hat, ist Bewusstsein. Es geht nicht nur um etwas, was ich von Google, Yahoo, Microsoft oder Cisco verlange. Eine einzelne Firma muss sich oft den Regeln unterordnen oder wird von der Regierung abgestraft. Ich wollte das Thema in die öffentliche Wahrnehmung rufen, das ist gelungen. Auch haben manche Firmen wie Yahoo ihre Vorgangsweise verändert. Ich hoffe, dass Unternehmen begreifen, dass Zensur auch ihre zukünftige Entwicklung beeinträchtigen wird. Das gilt für internationale Firmen genauso wie für viele lokale Unternehmen, die sehr viel Selbstzensur betreiben.

» Du bist derzeit in China, wir beide führen gerade ein Gespräch über Skype, zwischen Schanghai und Wien. Es ist leicht möglich, dass die Behörden dieses Gespräch aufnehmen und auswerten. Du bist relativ bekannt und kritisierst auf deinem Blog die chinesische Regierung offen. Welche Auswirkungen auf dich persönlich hat es, so offen zu sagen, was du denkst?

Das ist etwas, das ich ständig ganz bewusst handhaben muss. Aber zuerst mal muss ich sagen, dass ich kein politischer Dissident bin. Technologie, Information und Kommunikation sind wichtig für jeden, auch für das Regime. Ich versuche einfach nur, konstruktiv zu sein. Verglichen mit den vielen sozialen und politischen Problemen in diesem Land ist das relativ ungefährlich. Zweitens stütze ich mich auf die Unterstützung meiner Umgebung, um hier zu überleben. Für mich ist der Kontakt zu vielen Menschen, auch international, eine Art Lebensversicherung. Ich versuche das auch anderen Leuten zu vermitteln: Du musst dich nicht exponieren, du kannst neue Technologien und soziale Normen dazu nutzen, dich zu vernetzen und dich selbst zu beschützen. Es ist ein Gleichgewicht, das du dauernd halten musst. Ich ermutige die Leute, sich offen zu äußern. Wenn du du dich nicht traust, dich mitzuteilen, frei zu denken, wird es nie zu Veränderungen in China kommen. Wenn sich aber jeder etwas bewegt, kann das zu großen Veränderungen führen. Das ist ein sozialer Effekt. Wer Sharism anwendet, kann wie ich überleben und sich in neue Räume ausbreiten. Was die Überwachung betrifft: Hier hilft mir mein technischer Hintergrund. Ich weiß meist recht genau, ob ich in einem sichern Umfeld kommuniziere oder nicht. Ich sage den Leuten immer: Finger weg von der chinesischen Version von Skype, die vom Skype-Partner Tom.com vertrieben wird. Da sind Hintertüren eingebaut. Es ist sicherer, die internationale Version zu verwenden. Auch hilft es, wenn das viele tun: Die Regierung kann nicht die gesamte Kommunikation zu jeder Zeit mitverfolgen. Durch die Menge an Nutzern wird das System halbwegs sicher.

» Deine Forschungsarbeiten haben dich auch nach Nordkorea geführt, wo es keinen Internetzugang gibt.

Nordkorea ist wahrscheinlich der letzte weiße Fleck auf der Internetlandkarte. Ich finde das spannend: Wenn das Internet der letzte Nerv ist, den die Informationswächter einer Gesellschaft vorenthalten, wird klar, dass eine gute Vernetzung zu sozialer Gerechtigkeit und Entwicklung führen kann. Über kollektive Intelligenz. Aber dazu braucht es Netzzugang. Vor zwei Jahren führte ich Gespräche mit den Behörden zentralasiatischer Staaten, wo der Netzzugang auch dürftig und eingeschränkt ist, und sagte ihnen, dass das Internet der wichtigste Schritt zu einer modernen Gesellschaft ist. Kollektive Intelligenz frei zusetzen mag in Widerspruch zu ihrer Ideologie stehen, aber ich versuche sie mit wirtschaftlichen Argumenten zu überzeugen. Wie in China, wo man ursprünglich ein Parallelinternet mit eigenen Protokollen hochziehen wollte, aber dann die internationalen Standards implementieren musste, da es zu viele ausländische Geschäftsleute gab, die sich mit ihren Firmenzentralen und Kunden in anderen Ländern vernetzen wollten. Dieses Modell versuche ich Ländern mit eingeschränktem Netzzugang näher zubringen.

» Isaac, Danke für das Gespräch!


 

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2 Comments
#111973 hintl says on November 9, 2008 at 12:22 pm
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Buchtipp zum Thema:

Goldsmith. J. / Wu. T. (2005): Who controls the Internet – Illusions of a borderless world, Oxford, University Press

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#112251 Jürgen Koprax says on November 10, 2008 at 12:17 pm
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Sehr interessantes Interview!

Ich bin froh, dass es solche Kämpfer wie Isaac Mao gibt. Ich fühle mich immer so alleine wenn ich mit Leuten über die Möglichenkeiten die es in “neuen Welt” gibt spreche.

Ich höre meisten: “Ja du hast ja recht, aber das geht doch nicht, weil (blablabla)”

Und dann verlässt mich mein Mut diese Menschen weiter aufzuklären.

Durch solche Menschen steigt auch mein Mut Dinge verändern zu wollen.

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