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Eine spannende und erfrischende Diskussion brandet gerade bei Robert Basic, der gefragt hat, warum Multi-Ehen verboten sind, also zb. eine Frau + zwei Männer oder umgekehrt. Robert:

1:1 Ehe: Einer geht arbeiten, der andere bleibt zu Hause. Kinder? Deswegen entweder gar keine oder sehr spät (empf. Einkommensverlust). 2:1 entspannt das Ganze.

Auf Reisen durch Westafrika kommt einem zwar auch ab und zu eine polygame Ehe unter (zb. dieser Herr hier lebt auf seinem Hof mit seinen vier Frauen und nach letzter Zählung 13 Kindern zusammen), aber die wesentliche Beobachtung in dem Zusammenhang betrifft was Anderes: Das System “Einer geht Geld verdienen, der Andere kümmert sich um Kinder und Haushalt” ist in Afrika unbekannt. “Familie” und “Haushalt” umfasst immer mehrere Generationen und vor allem auch Onkel, Cousinen, Schwiegersöhne, Großtanten.

open-for-sandwiches

Konkret bedeutet das, dass sowohl Einkommen als auch (finanzielle und sonstige) Probleme immer auf die Großfamilie verteilt werden, egal ob poly- oder monogam. Es gilt als tabu, sein Geld nur für sich selbst, Frau und Kinder zu verwenden (wie es bei uns als tabu gilt, seine Umgebung mit seinen Problemen zu belästigen). Umgekehrt werden Aufgaben wie Kinderbetreuung immer auf die Großfamilie verteilt.

Für uns Individualisten klingt das natürlich grauenhaft, aber meine Wahrnehmung ist, dass in einem afrikanischen Land gänzlich ohne soziales Netz vielleicht sogar weniger Menschen durch selbiges fallen oder aufgerieben werden als bei uns. (Bitte hängt mich jetzt nicht – ist immer jeweils in Relation zu sehen!) Die Großfamilie – der Begriff umfasst in Dörfern sogar die Nachbarn – fängt das alles auf. Übrigens ein möglicher Erklärungsansatz für die ewige Frage, warum die Menschen in Afrika soviel fröhlicher sind als bei uns.

In dem Sinne finde ich es absolut notwendig, alternative Familienstrukturen zu ermöglichen – rechtlich, vor allem aber auch öffentlich-moralisch. Das nordeuropäische hyperindividualistische Lebensmodell mit Sozialstaatsabfederung führt zu Bevölkerungsschrumpfung, Zukunftsängsten und alleinerziehenden Working-Poors.

Das Verbot von Vielehen ist genauso abschaffenswert wie das Verbot von Homoehen. Auch wenn ich mir für mich persönlich nicht nur das Zweite nicht vorstellen kann, aber vielleicht bin ich auch nur zu sehr von der christlich-konservativen Gesellschaft geprägt.

Im Übrigen ist gar nicht gesagt, dass das auch etwas mit sexuellen Beziehungen zu tun haben muss – die brauchen die Rechtsform eh am allerwenigsten und passieren auch so schon. Es geht um einen rechtlichen Rahmen für andere Familien-Patchwork-Modelle.

(Picture (cc) sp3ccylad, thanks for sharing!)


 

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9 Comments
#92649 Marco Schreuder says on September 6, 2008 at 7:24 pm
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Die Grünen Wien haben bald wieder ein Zelt vor der Staatsoper. Am 21.9. ab ca. 17:30 h (nach dem Art Jam) diskutieren wir genau dazu – u.a. mit Justizsprecher Albert Steinhauser und mir (aus Sicht der Lesben und Schwulen).

Vielleicht interessiert es Sie ja. Würde mich freuen :-)

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#92653 axel says on September 6, 2008 at 7:34 pm
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Hm interessanter Gedanke, Strukturen und Gesetze einzurichten die offene (patchwork-) Familiensysteme ermöglichen und fördern, auch wenn es für mich (egoistischen Individualisten ;-) nicht das Wahre wäre.

Ich überlege gerade ob man die Firmen für die wir arbeiten als Stammesersatz sehen könnte. Wenn das tatsächlich so ist, wären wir ein Volk von Söldnern :-) Vermutlich ist wohl mehr der Staat als die Firma Ersatz für den Stamm.

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#92797 Tom Schaffer says on September 7, 2008 at 3:51 am
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wieso bist du eigentlich öfter mal in afrika? beruflich oder privat?

ich frag nur, weil mich nach der lektüre von kapuscinski irgendwie auch seit einiger zeit das bedürfnis verfolgt, afrika kennen zu lernen :)

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#92888 Ton Zijlstra says on September 7, 2008 at 8:41 am
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Mal abgesehen von Polygamie, deine Beschreibung von Grossfamilie erinnert mich mehr an wie meine Grosseltern, und auch meine Eltern, hier in NL lebten. Unsere Region (Twente) war bis in den 50er Jahren wesentlich eine geldlose Ökonomie. ‘Noaberschap’ hiess man hielf einander aus, bei der Arbeit, bei der Ernte, bei der Erziehunug, in einer Krise. Man sorgte für die alten Leute usw. Das Dorf war die Grossfamilie. Das war zwar nicht romantisch, harte körperliche Arbeit und auch Armut waren da die Norm, aber im wesentlichen ‘sustainable’ und als Agrarregion ohne Hunger. Die Individualisierung war für viele die das Leben im Dorf erstickend fanden das Ticket nach aussen. heraus aus der Grossfamilie mit seinen Verpflichtungen und Rituale.

Die Gesetze waren damals, abgesehen von Sozialhilfe, nicht viel anders als jetzt. Wenn wir nicht nach Afrika schauen, aber direkt in der eigenen Umgebung, nur ein paar Jahrzehnte her…..dann frage ich mich ob es tatsächlich notwendig ist gesetzlich neue Familienstrukturen zu ermöglichen. Vielleicht sollten wir einfach mal unseren Grosseltern fragen wie sie das vorher im Dorf geregelt haben.

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#92910 Helge says on September 7, 2008 at 10:04 am
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@Tom: Darum bin ich öfters in Afrika.

@Ton: Du hast Recht, es ist in dem Zusammenhang spannend, ein paar Generationen zurückzuschauen. Für mich sind Reisen nach Afrika immer auch ein Fenster in das Europa vor 100+ Jahren, was Gesellschaftsstrukturen betrifft. Nach gesetzlichen Änderungen zu verlangen ist hier für mich lediglich der Katalysator, der diese Diskussion erst entstehen lässt.

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#93050 ha|ns says on September 7, 2008 at 6:13 pm
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Gott, als hätt’s noch einen Beweis gebraucht, dass auch meine Generation langsam alt wird. Bevor ihr mir nun völlig in die romantisch verklärte “früher war’s besser”-Welt entgleitet, werft doch bitte mal ganz kurz Google an. Keywords: “mythos großfamilie“.

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#93662 Tom Schaffer says on September 8, 2008 at 9:07 pm
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ah, sehr interssant – da fährst du also hin um die bestehende/neue projekte zu überprüfen?

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#93663 Helge says on September 8, 2008 at 9:09 pm
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@Tom: Ja, etwa die Hälfte der Zeit geht für Überprüfungen drauf (Bücher prüfen, mit Leuten reden), die andere Hälfte um die Projekte für das Folgejahr zu vereinbaren. Spannend! Aber auch anstrengend.

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#95329 Sissi says on September 10, 2008 at 9:33 pm
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“Polygamie würde Mehrehen für Männer legitimieren und es Eltern erleichtern ihre jungen Töchter zur Heirat zu zwingen.”
Kenn mich selbst wenig aus, hab ich aus dem Buch “Zwangsfreiheiten: Multikulturalität und Feminismus” von Sauer/Strasser. Kann ich sehr empfehlen.

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