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Was hat Twitter was Uboot nicht hatte?

Von Mai 2000 bis Sommer 2003 war ich für die Produktentwicklung von Uboot.com verantwortlich, einer SMS-Community für Jugendliche – in Deutschland und Österreich damals die größte Jugendcommunity im Web.

uboot-twitter

Uboot war ziemlich viel: Gratis SMS, Community im Web – und vor allem zu Beginn konzentrierte sich Uboot auf einige SMS-Features. Da gibt es einige Parallelen zu Twitter, dem ~$100 Mio schweren Service, das alle Geeks von Silicon Valley bis Neusiedl fasziniert (siehe Erklär mir mal Twitter, bitte):

Uboot Twitter
SMS Broadcast Funktion “Buddylist”, Syntax: BL buddylistname text, max. 10 Empfänger Ohne Syntax, einfach SMS an Twitter-Nummer. Zu sehen für alle Follower (keine Einschränkung) oder wahlweise überhaupt public.
Persönliche Nachrichten “Nickname Messaging”, Sytnax: u username text “Direct Messages”, Syntax: d username text
User-Profil username.uboot.com, zb. muesli.uboot.com twitter.com/username, zb. twitter.com/muesli

 

Uboot gibt es zwar immer noch, aber es ist eine austauschbare Webcommunity geworden und hat jegliche Marktführerschaft verloren. Die einstige Positionierung als SMS-Community hat nicht funktioniert.

Warum nicht? Warum hat Twitter Erfolg, während Uboot gescheitert ist? Ich sehe eine Reihe von Gründen:

  • Mangelnder Fokus. Es finden sich heute noch Forenbeiträge von SMS-Aficionados, die die SMS-Funktionen von Uboot in alle Höhen loben. Doch gab es nicht nur eine Reihe weiterer komplizierter und teilweise auch sinnfreier SMS-Funktionen, Uboot wollte auch eine Web-Community sein. Quasi Myspace plus Twitter plus Flickr plus Youtube. Zuviele Köche waren am Werk, die Strategie der Shareholder war unklar und vor allem waren wir selbst alle zu unerfahren.
  • The power of blogging. Texte umgekehrt chronologisch zu ordnen mag nicht sonderlich innovativ erscheinen, macht aber den entscheidenden Unterschied. Twitter organisiert die Updates seiner User in der Form von Micro-Blogs, also quaso Life-Feeds. “Peripheral Vision” ist in Zeiten von Facebook- oder Skype-Status common sense, damals war dieses Konzept noch unbekannt. Andererseits war auch im Jahr 2000 schon klar, dass das Konzept “Presence” aus der Welt des Instant Messaging die mobile Kommunikation stark bereichern würde. Twitter hat daraus die richtigen Schlüsse gezogen, wir nicht.
  • Crowdsourcing. Uboot wollte und will viel zu viele Bereiche abdecken, Twitter beschränkt sich auf die simple Frage “What are you doing?”. Trotzdem verzichtet Twitter nicht auf Feature-Reichtum – im Gegenteil: Ob eine Verwendung per Web, Handy, Instant Messaging; eine Integration mit hunderten Websites weltweit von Facebook abwärts oder auch eine Vielzahl von Mashups (mein neuerster Favorite: Twistori) – das Twitter-Universum ist unendlich. Twitter setzt auf die Macht einer offenen Architektur: Die Twitter-API öffnet allen möglichen und unmöglichen Third-Party-Applikationen Tür und Tor. Twitter hat Innovation outsourced – und komplexe Funktionalitäten ebenso.
  • Marketing. Uboot wurde über (teures) klassisches Marketing groß, Twitter über seine implizite Viralität – und über die Verankerung der Gründer in der Blogosphäre.
  • Timing. Nicht zuletzt war die Zeit nicht reif. Twitter ist ein Produkt der Blogosphäre und der Mashup-Kultur, beides existierte damals kaum.

 
Andererseits gibt es auch einige Parallelen zwischen Twitter und Uboot, die zeigen, dass Twitter die Schlacht um Nachhaltigkeit noch lange nicht gewonnen hat. Die Strategie von Twitter ist wie bei Uboot, zuerst große Reichweite aufzubauen, irgendein Businessmodell werde sich dann schon finden. Uboot wurde 2002 schwer von einer Verteuerung der SMS-Wholesale-Preise getroffen und musste in der Folge den kostenlosen SMS-Versand einstellen. Twitter hat den Vorteil, in den USA zu operieren, wo SMS-Kosten hauptsächlich dem Empfänger angelastet werden. Trotzdem ist die Strategie, ohne Businessmodell Reichweite aufzubauen, äußerst riskant. Uboot hat die Kurve gerade noch gekratzt – zulasten seiner einstigen Größe.

8 replies on “Was hat Twitter was Uboot nicht hatte?”

Erst letztens hab ich darüber nachgedacht, wann der richtige Zeitpunkt für etwas ist. Nur allein “der erste” zu sein ist ja kein Garant für Erfolg.

Insofern würde ich uboot nicht so streng mit twitter vergleichen und schon garnicht von einer Schlacht sprechen.

uboot kommt aus einer ganz, ganz anderen Zeit und ihr habt viel gute Pionierarbeit geleistet, und viel ausprobiert weil einfach viel ausprobiert werden musste – es gab ja keine Erfahrung, auf die man aufbauen konnte. Das “Scheitern” einiger Ideen ist die Pinioerarbeit: zu erforschen was geht und was nicht – das sagt einem ja keiner, wenn’s keiner weiß.

Damit ist twitter nicht so stark konfrontiert. Das Web heute ist ja ein ganz Anderes als 2000.

Ob twitter noch vor der Großen Rezession ein Business Modell welche Bedeutung es dann haben wird… I wish I knew.

@Andreas: Die Schlacht, die ich meine, ist nicht eine zwischen Uboot und Twitter, sondern die um die Nachhaltigkeit. Dieser Schlacht muss sich jedes populäre Service stellen. Hab’s im Text ergänzt, damit das klarer ist.

“Die Schlacht, die ich meine, ist nicht eine zwischen Uboot und Twitter, sondern die um die Nachhaltigkeit. ”

Da habe ich Dich falsch verstanden.

Nachhaltigkeit… ja, das ist sehr interessant und beschäftigt mich auch bei sehr vielen Services. Ich fürchte, ich muss mich mit “ich weiss nicht” begnügen ;)

Drei Dinge braucht eine erfolgreiche Web*: APIs, Geeks und Tools. Danach folgt eine steigende Zahl an Powerusern (die die Tools der Geeks nutzen die auf die APIs zugreifen). Die APIs von Uboot waren nachmachen was ein Browser macht, gegen Tools und Geeks hat man gekämpft.

Das Marketing war im Grunde und auch für die Zeit nicht so schlecht – nur bringt es nichts wenn jeder Uboot kennt, aber nach einer Woche nicht mehr hinschaut. Ohne im Sichtfeld der Nutzer zu bleiben (Tools & APIs!) bleibt nur der Ruf als “da kannst SMS verschicken”.

Ich habe seit Anfang April 2000 einen Account bei uboot und war damals sehr zufrieden mit den angebotenen Features. Es war nett, sich hin und wieder im Chat herumzutreiben, auf Nickpages herumzusurfen und SMS zu verschicken. Das Adressbuch ist auch recht praktisch.
Als die SMS nicht mehr kostenlos waren ist dann auch langsam der Community-Geist verschwunden, was schade ist. Die zahlreichen Angebote für Klingeltondownloads, Hintergrundbildchen etc. haben mich auch nicht angesprochen–man konnte sich die Netzbetreiberlogos auch selbst auf dem PC basteln. Retrospektiv gesehen frage ich mich, warum uboot seine e-mail-Funktionen nicht ausgebaut hat–mangels der Möglichkeit, Bilder und Anhänge zu verschicken und empfangen war sie für mich unbrauchbar.

@Helge: stimmt mein Eindruck, dass uboot.com hauptsächlich Jugendliche als Zielgruppe hatte?

die services von drittanbietern / mashups sind wirklich toll, beim Desktop Client zögere ich noch von twitterfox auf twhirl umzusteigen, für Fotos hab ich jetzt twitpic im Einsatz.
Betreffend dem “what are you doing” bin ich nach wie vor der Meinung, dass man das bitte nicht zu eng sehen soll, sonst gibt es so langweilige postings wie “X geht zur Post”, Y macht sich ein Kaffee” und “Z bereitet Präsi für Next08 vor” => da drück ich dann gleich den “unfollow” Button.

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