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Zur aktuellen Diskussion um das Standard-Interview mit Efgani Dönmez eine Replik auf Tom Schaffers “Muss das sein?“:

Tom, ich bin bei deiner Broderkritik weitgehend bei dir, wie du weißt. Im konkreten Fall finde ich deine Kritik allerdings weit überzogen und wenig sachlich.

Ich halte es wie du für problematisch, wenn gerade immer wieder die Retter des christlichen Abendlandes aus CSU, FPÖ, ÖVP oder der Broderecke gegen Moscheen, “Hassprediger” oder sonstige Schreckensgespenster wettern – zudem oft aus fadenscheinigen Gründen. Im Gegenzug finde ich es begrüßenswert, wenn Christen die eigenen Reihen an die Werte der Aufklärung erinnern. An die eigene Nase fassen.

Jetzt sitzt da einer im Bundesrat, der Moscheen von innen kennt, auf Türkisch gehaltene Predigten versteht und aus einer türkischen Familie stammt. Wunderbar, wenn der seinen eigenen Background kritisch betrachtet und die Frage stellt, wie’s um die Werte der Aufklärung in der türkischen Community bestellt ist. Solche bräuchte es mehr – besonders, wenn man wie unter Österreichern und Türken gleichermaßen so schnell als “Nestbeschmutzer” beschimpft – oder umgekehrt des “Appeasements” bezichtigt wird, wenn man Dinge mal differenziert sieht.

keule

Lassen wir doch die Broderismuskeule im Sack und setzen uns sachlich mit dem auseinander, was Herr Dönmez zu sagen hat.

Nur bedingt in dem Zusammenhang aber unbedingt ein Lesetipp: Herrn Maschis “Fick doch die Politik“.

Pic (cc) by Wbs_70


 

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4 Comments
#52838 Tom Schaffer says on April 14, 2008 at 7:25 pm
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ich setz mich immer sachlich mit dingen auseinander. ;) auch mit dem herrn dönmez.

ich halte es aber für ein problem wenn der broderismus nicht nur in den mainstream sondern auch in die linksalternativen gedankengänge einzieht – und sei es auch nur in abgeschwächter form. was ich an dem entsprechenden dönmez interview inakzeptabel finde, hab ich ja in den kommentaren meines beitrags recht genau und imo absolut sachlich vertieft.

was mir hier (also nicht nur hier, sondern im rahmen dieser diskussion) bitter aufstößt ist, dass aussagen die aus jeder anderen partei (zumindest für linksliberale) als unhaltbar gesehen worden wären plötzlich hier verteitigt werden. was hier geschieht ist ein geheimes eingeständnis einiger, dass sie die haltungen der grünen selbst für “zu tolerant” halten (den wofür bräuchte es sonst diese “realitätsruck” durch dönmez?). und sorry – dem kann ich nichts abgewinnen. die haltung im integrationsthema ausgerechnet in der grünen bundespolitik aufweichen zu wollen ist imo der völlig falsche zugang. der realitätscheck und die vernunfteinkehr sind ganz woanders nötig.

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#52843 Helge says on April 14, 2008 at 7:46 pm
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@Tom: Ich halte die Grünen nicht für zu tolerant, aber für möglicherweise zu unkritisch (wobei das nicht nur die Grünen betrifft und wiederum auch nicht alle Grünen).

Mal schauen, wo und ob bei Dönmez “Broderismus einzieht” (und ich nehme seine exponiertesten Aussagen).

Der Islam ist eine anerkannte Glaubensgemeinschaft. Wenn man Menschen einen
Raum für ihre Gebete gibt, dann befürworte ich das. Aber: Wenn man Minarette als
politisches Symbol installiert, wenn man Religion missbraucht, um im Hintergrund
Politik zu machen, dann bin ich dagegen.

Wogegen Dönmez ist: Gegen die Installation von Minaretten als politisches Symbol. (Das gleiche kann ich von mir auch über Kirchen sagen!) Wogegen Dönmez nicht ist: Minarette.

Welche Imame unterrichten an den Schulen? Haben die eine theologische oder
pädagogische Ausbildung, oder sind das irgendwelche Kameltreiber aus Anatolien,
die sich zu Imamen ernennen? Wenn ja, dann gehören sie kurzfristig
ausgetauscht. Aber dann haben wir auch andere Diskussionen: Ob zum Beispiel
das Kreuz in den Schulklassen weg muss oder nicht.

Ok, den Kameltreiber finde ich auch nicht gut. (Dass es in Anatolien eher Ziegen- als Kameltreiber gibt, zeigt umso mehr, dass Dönmez polarisieren will – oder es ein Ausrutscher war.) Seiner Aussage kann ich aber zustimmen. Es ist nicht zu verleugnen, dass türkische Migranten stark ländlich geprägt und der Durchschnittsbevölkerung in der Türkei in Sachen Toleranz und Aufklärung stark unterlegen sind. Sorry, dieses Vorurteil gegenüber Landeiern – egal ob aus Ostanatolien oder Ostoberösterreich (woher ich selbst stamme) – pflege ich.

Ich finde gut, dass Dönmez durch seinen Hinweis auf die (unerträglichen) Kruzifixe eine differenzierte Haltung an den Tag legt.

Wogegen ich aber bin, das sind Islamische Kulturzentren. Denn das sind nicht
nur Moscheen, sondern dort sind auch kleine Geschäfte,
Veranstaltungsräumlichkeiten, ein Friseur, ein Kaffeehaus, ein Kindergarten.
Und das sind Tendenzen, die eine Parallelgesellschaft forcieren.

Ich sehe das anders als er – muss aber ehrlicherweise sagen, dass ich solche Zentren nur vom Vorbeigehen kenne. Anstatt ihn zu verurteilen, möchte ich ihn fragen (falls er mitliest, was ich hoffe), wie er zu dieser Meinung kommt.

In Summe kann ich nix erkennen, was ich verurteilen müsste.

Und jetzt das Wichtige: Wenn jemand sowas von sich gibt, schaue ich mir an, aus welchen Motiven er das macht. “Unhaltbar” wäre das, wenn sowas aus dem Mund von zb. Strache käme – ich kann halt nicht immer alles isoliert und wörtlich betrachten, der Gesamtkontext des Sprechers ist wichtig. (Abgesehen davon, dass es absolut erfreulich wäre, von einem “Rechten” oder “Bürgerlichen” ähnliche Aussagen zu Fremdenrecht oder Kruzifix zu hören!)

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#52857 Georg says on April 14, 2008 at 9:49 pm
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Ich habe die ganze Geschichte leider nur bedingt mitverfolgt, muss aber jetzt beim Nachlesen feststellen, dass ich Helge hier beipflichten muss. Im konkreten Fall macht es tatsächlich einen Unterschied wer es sagt.

Streitbare Punkte sind sicherlich dabei (“islamische Kulturzentren”, wo Dönmez’ Argumentation aufgrund der erst nachzuholenden Integrationsarbeit beider Seiten (!) möglicherweise gar nicht so unrichtig ist, usw.) und der Kameltreiber ist halt arg formuliert.

Zurück zu den Minaretten: Ich weiß, in Zeiten wo auch ein Erdogan mitunter sehr mißverständliche bis kritikwürdige Kommentar bei Deutschlandbesuchen von sich gibt und die Broderlinie im Gegenzug immer besser Fuß fast, ist eine Gegenreaktion umso angebrachter. Aber nicht in dem Fall. Dönmez ist mMn kein Broderist, und seine Aussage enthält ja eine Möglichkeitsform, keine Bezeichnung. “Wenn sie als politische Symbol installiert” ist nicht das gleiche wie “Minarette sind politische Symbole”.

Im Gesamtkontext des Interviews wird durchaus deutlich dass er die “politische Installation” auch nicht als Hauptzweck impliziert. Seine Aussage ist pro-säkular zu verstehen, nicht als anti-islamisches Statement. Das wäre angesichts seiner Herkunft auch ziemlich absurd ;)

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#53198 maschi says on April 16, 2008 at 8:34 pm
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Wollte noch anmerken, kann dir nur zustimmen, Helge… sehr viel mehr gibts hier im Moment nicht zu sagen…

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