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Der bemische Taucher

June 22, 2007

Zu meinen Kindheitserinnerungen zählt, dass mein Großvater und mein Onkel eine böhmische Version von Schillers Ballade Der Taucher rezitierten. Da das Gedicht überraschenderweise im Netz nirgendwo zu finden war, konnte ich meinen Onkel bewegen es aufzuschreiben, damit dieses Stück altösterreichischen Kulturguts nicht verloren geht – aus dem Gedicht stammt immerhin die Wendung Ein echter Wiener geht nicht unter. (Ob er wirklich nicht untergeht, steht auch im Gedicht.)

Möge es ins ewige Google-Gedächtnis eingehen:

Der Taucher

König Brzemisl steht am Pragerbrucken
Und hinter seiniges Rucken
Lahnte am Glander
Nebeneinander
Wadel an Wadel
Ganzes bemisches Adel.

Kenig Brzemisl schmeißt Glasl in Flut
Und weil kane nix dergleichen tut
Kummt Brzemisl in allerhechste Wut
Und schreite: Glasl liegt scho drin,
Wer bringt kriegt Stampl Rostopschin.

Da schmeißt der Wenzl Wondraschek
Gleich seiniges Überzieher weg,
Nimmt’s Blasl von Schwein
Und hupftste hinein.

Die Moldau wird immer wilder und toste und raste
Wie Pilsnerbier frisch anzapfte,
Doch pletzlich wird’s ganz ruhig in See,
Da kummens zwa Luch von stumpfige Nas’n in Heh –
A Schedl so groß wia a Schaffl –,
Dann Wenzl mit gleserne Glasl.

Den reicht er hin dem Kenig ganz feierlich
Und sagt: Da drunten is abscheierlich.
Fisch sans da drunten so groß wia a Kaibl –
Noch dazua lauter Mandl und Weibl,
Aber die warens alle ganz still
Bis auf ane bemische Krokodil
Was hat allweil pfiffen mit Mundl
Wie bakschierliche Seehundl.
„Such, such Aportl da drunten“
Und Mistviechl hat Glasl gefunden.

Wie der Wenzl nun fertig war,
Da sagt der Kenig wunderbar:
„Doch willst du sein Diener devotische,
Dann bring mir Seehundl exotische,
Dann kriegst von Prinzessin Deborah die Hand
Und wirst Kenig von Franz – Josefs – Land.“

Drauf sagt Deborah mit G’fihl:
„Vat’r herst nit auf mit grausliche G’spiel?“
Die Prinzessin war a mordsschiache Astl
Mit Nas’n so groß wia a Scheibtruchenkastl.
Drum meinte Wenzl: „Missens nit traurig sein,
Ich spring gerne wege‘ ihne hinein.
Nit weinen, sein’s munter,
Wos is echte Wiener geht nit unter.“

Drauf macht sie an Schra und wird blasser –
Bums, Wenzl hupfzte in Wasser.
Aber da fahrte a bemische Haifisch ums Eck
Und schnappte den armen Wondraschek.
Aber eigentlich muß ma arme Haifisch sagen,
Denn Wenzl liegt ihm sicher heit noch im Magen.

PS. Vermutlich gibt es noch unzählige andere Versionen von ‘Der böhmische Taucher’, da das Gedicht immer nur mündlich überliefert wurde.


 

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11 Comments
#46127 Dietlind says on March 8, 2008 at 12:21 pm
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Lieber Helge,

tausend Dank, dass Du den bemischen Taucher ins Netz gestellt hast!!! Mein österreichischer Vater hat ihn oft zum besten gegeben, aber als Jugendliche ging mir das eher auf die Nerven. Heute mit etwas Abstand und 15 Jahre nach Vaters Tod hatte ich so langsam fast brennendes Interesse daran entwickelt – und bin heilfroh, dass Du ihn ins Netz gestellt hast. Ich habe ihn gleich meiner Schwester gemailt, die ich mit meiner Suche angesteckt habe. Da hast Du also noch zwei Menschen mit dem Gedicht glücklich gemacht! DANKE!!

Behmisch-herzliche Grüße
von Dietlind

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#72542 Monika Grünig says on August 1, 2008 at 2:20 pm
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Seit 2 Jahren jage ich Gott und die Welt auf dieses Gedicht los und konnte es nirgends finden. Heute erhielt ich den Tip unter böhmischer Taucher nachzusehen. Und siehe da: träume werden war!
Es gibt einfach immer wieder einen Lacher her und wie gesagt: Kulturgut das vom Aussterben bedroht ist, sollte wirklich gerettet werden. Es sind schließlich unser aller Wurzeln die abgesägt werden auf die eine oder andere Art!
Ein Dankeschön für die Idee, dieses Gedicht ins Internet zu stellen!
Herzliche Grüße

Monika Grünig

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#144293 In Memoriam Gernot Werner, 1932 - 2009 · Helge's Blog says on February 25, 2009 at 11:14 pm
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[…] ihm stammen auch die einzigen im Internet auffindbaren Strophen der böhmischen Version von Schillers Taucher – aus der auch die Wendung “Ein echter Wiener geht nicht unter” […]

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#155140 Angela Beer says on March 31, 2009 at 9:32 am
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Vielen vielen Dank für Deine Mühe. Auch ich kenn das Gedicht nur aus Kindheitstagen und meine Mutter brachte leider nur noch Bruchstücke zusammen. Sie freut sich ebensosehr wie ich, dass wir nun den kompletten Text (gefunden) haben.

Herzlichen Gruß
Angela

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#171564 Gilbert says on May 15, 2009 at 9:56 pm
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SUPER! Es gibt Dinge, die gibt’s nicht! Danke, dass ich diesen “bemischen Taucher” hier finden konnte! Mein Vater mit seinem Donaumonarchistischen Kultur-Background hatte ihn (neben dem “Tramwayschienenritzenkratzer” von Turl Wiener) immer wieder uns vorgetragen und in den 1960er Jahren hatte ein österreichischer Mitstudent zu fortgeschrittener Stunde Bruchteile davon zum Besten gegeben. Ganz schwach erinnere ich mich noch an den Vers: “Das stand sich Wadel bei Wadel / Ganzes bemisches Adel.” Jetzt kann ich meinen Kindern diese bedeutende kulturelle Tradition weitergeben!! Herzlichen Dank nochmals und liebe Grüße! – Gilbert

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#176370 Ander-Donath Ruth says on June 6, 2009 at 10:46 pm
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Hallo,

ich bin ganz schwer begeistert, dass ich heute Abend auf diese Seite gestoßen bin. Auch ich versuche seit Jahren den kompletten Text zu finden, welchen meine Mutter , wie so viele Andere, immer nur bruchstückhaft rezitieren konnte!! Vielen Dank!!Ich werde ihn für sie in diesem Jahr zu ihrem 90! Geburtstag vortragen.

Liebe Grüße aus Leipzig

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#219593 Bernd Klaus says on May 5, 2010 at 4:48 pm
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Lieber Helge,

vor einiger Zeit habe ich mir Deine Version des bemischen Tauchers heruntergeladen, da ich die von meinem Onkel, Dr. Karl Ertl aus Wien, nicht mehr finden konnte. Jetzt ist sie wieder aufgetaucht und ich möchte Dir diese Version auch zur Verfügung stellen.

Herzliche Grüße

Bernd

Der Taucher Behmisches von Herrn von Schiller! (böhmisch, tsch.Version)

1. Känig Prschemysl von die Ribisl stund sich an der Moldau Strand und hielt a gliesernes Glasl in der Hand. Bald war versammelt am Strande, die ganze bähmische Bande. Und hinter ihm stand Wadl an Wadl, das ganze behmische Adl. Der Känig warf ein Glasl in die Flut und sprach: „Wer mir das Glasl holen tut, der kriegt an Fassl Roztopschin, so wahr ich Känig von Bähmen bin!“

2. Do kummt sich Rittr von Wondratschek, schmeißt sich sein Ibrzieher weg, schnell nimmt er sich noch Blase von Schwein und springt in die dreckige Moldau hinein. Und bald hat verschlungen dos Strudl, die lange bähmische Nudl.

3. Die Moldau wird immer wilder statt sanfter. Man sieht ihn wie ein Bierfassl dampft er. Zuerst zeigt sich ein spitziges Nasl, dann Wondratschek selbst und dann das glieserne Glasl. Und er sprach zum Känig vertraulich; „Herr Känig, do untern ist‘s graulich. Do springen die Haifischl, Mandl und Weibl. Do geh ich nimmer runter auf meine Ehr und wenn sich die Moldau von Powidl wär!“

4. Doch der Känig sprach: „Wondratschku, gehst Du nochmal hinein, sollst Du kriegen schän Tochter mein. Kriegen von meiner Tochter die Hand und wirst Du Känig von groß Bähmerland.“

5. Doch die Tochter sprach: „Tatitschko, lass doch den grausamen Spiel!.“ –
Doch der Känig hat hartes Schädl von essen lauter Erdäpfelknädel.
Er sprach nur;“Wondratschku spring!“

6. Wordratschek wird immer blasser und blasser – und wieder liegt er im dreckigen Wasser. Do kummt sich Haifischl ums Eck und schnoppt sich armes Wondratschek weg.

7. Armes Haifischl muss man sagn, dieser Bähm liegt dir bis hait noch im Magen.

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#236096 Manfred Prochazka says on October 22, 2010 at 11:17 am
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Schön, dass ich das Gedicht wiederfand. Ich lernte es als Kind (vor 55 Jahren) auswendig, allerdings ich einer etwas anderen Version. Ich finde, solche Gedichte sollten nicht verloren gehen, deshalb ist es schön, dass es hier – im Web- überleben kann.

Manfred

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#247320 Anni says on January 14, 2011 at 1:46 pm
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Meine Großtante kann das Gedicht nun seit 60 Jahren auswendig und sagt es jedes Jahr einmal auf. Ihre Version klingt ein bisschen anders, eventuell kann ich sie mal überreden sich aufnehmen zu lassen, dann gäbe es schon 2 Versionen.

Danke aber für diese Version!

Caro

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#264371 Karl Faustmann says on August 1, 2011 at 10:30 am
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Hallo Helge, ganz glücklich habe ich den “behmischen Taucher” endlich nach langem Suchen gefunden. Ich suche auch noch eine ähnliche Parodie, und zwar auf die Bürgschaft, nannte sich DIE STEIRISCHE BÜRGSCHAFT. Von der weiß ich nur noch ganz wenig Zeilen, etwa heißt es da statt “da stürzt die raubende Rotte hervor aus des Waldes nächtlichen Hort” in der steirischen Version “Da kommen zwa Russen daher, beide mit einem Maschinengewehr”. Und statt der leiblichen Quelle, die den durstigen labt, “schmeißt da so an Trum, von an Bierauto um”. Und am schluß heit es “ich sei, gewährt mir die Schande, der Dritte in euerer Bande”.
Ich habe das in der Schule auswenig gekonnt und wir hatte sogar eine Art szenische Aufführung, aber alle meine Bemühungen etwa bei Schulkollegen, das ganze Gedicht wieder zusammenzustückeln, sind bisher gescheitert.
Na ja, die Schule ist halt 50 Jahre her.
Für jeden Hinweis dankbar

Liebe Grüße

Karl

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#358968 Ursula Friedl says on November 11, 2012 at 8:41 pm
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Hallo Herr Fahrnberger,

vor einiger Zeit stieß ich auf Ihren “bemischen Taucher”. Der Text war für mich sehr interessant, da ich eine andere Variante von meinem Vater (Münchner, * 1913) überliefert bekam. Er rezitierte sie immer nur aus dem Gedächtnis, aber ich habe sie dann mit seiner Hilfe zu Papier gebracht. Woher er diesen Text übernommen hatte, wusste er nicht mehr.

Der „böhmische“ Taucher

König Bemisl stand auf der Prager Bruckn
und hinter seinem Ruckn
dicht beieinander, Wadl an Wadl,
der ganze böhmische Adel.

Der König nimmt eine Glas
und schmeißt’s in die Flut ­
und weil niemand dergleichen tut,
kriegt er eine saumäßige Wut und sagt:
“Nu, was is – des Glasl is drin,
und wer mir’s rausholt
kriegt a Stamperl Rosoptschin”.

Da sein sie sich alle ganz still,
weil keiner hinein in dös Wasser will.
Und der Nächtlehnder sagt:
“Puh, da möcht i net nei,
und sollt die ganz Muldn
voll Pilsener Biere sei.”

Nur der Wondratschek
schmeißt seine neue Oberzieher weg,
nimmt ‘ne Blase von das Schwein
und hupfte hinein.

Und die Wasser,
die erst so ruhig dagelegen,
die fangen auf einmal an,
sich zu bewegen,
und das wurlte und spritzte
und bipfte und bapfte,
wie Pilsener Biere – frisch angezapfte.
Da sagen sie alle:
“Hier is sich kein Zweifel,
der Wondratschek der is sich beim Teifel.”

Doch auf einmal,
da hebt sich aus die brodelnde See
ein Loch von die stumpfige Nase,
und hinterdrein ­-
ein Kopf so groß wie a Fassl – ­
der Wondratschek
mit dem gläsernen Glasl.

“Mei,” sagt er, “da drunt is greili,
und Viecherln san unt’ – ganz abscheili,
die liegen ganz ruhig und ganz still,
wie ein böhmisches Krokodil,
und pfeifen durch die Mund
wie ein exotisches Seehund.”

Da sagt der Konig:
“Willst du mir sein Diener despotisches,
holst du mir rauf Seehund exotisches!”

Da weint die Prinzessin Deborah so viel:
“Ach Vater lass’n S’ den grausamen Spiel.
Des is sich doch kein kenigliches Benehmen,
wir müssen uns ja
vor der ganzen Nachbarschaft schämen!”

Doch der König hat eine dickköpfige Schädel
und hört nicht auf das flennende Mädel.
Er tut noch amal an Schmiss,
und ´s Glasl wieder im Wasser drin is.
Und dann tut’s glei no an Platscher,
und der Wondratschek
is a scho wieder im Wasser.

Aber da kam gerade – oh Schreck! –
­eine große Haifisch um die Eck’
und schnappte den Wondratschek weg.

Man mochte armes Haifisch sagen,
denn der Böhm’
liegt ihm heute noch im Magen!

Mit freundlichen Grüßen! – Ursula Friedl

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