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Der Spiegel veröffentlicht anlässlich der aktuellen Afrika-Diskussion ein Interview mit James Shikwati, kenianischer Wirtschaftswissenschafter (per Email von Katrin Rohde). Provokant fordert Shikwati, Entwicklungshilfe gehöre eingestellt:

Wenn die Industrienationen den Afrikanern wirklich helfen wollen, sollten sie endlich diese furchtbare Hilfe streichen. Jenen Ländern, welche die meiste Entwicklungshilfe kassiert haben, geht es am schlechtesten. (…) Es werden riesige Bürokratien finanziert, Korruption und Selbstgefälligkeit gefördert, Afrikaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbständigkeit. Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist, den wir so dringend brauchen. (..) Ein kenianischer Bauer kann seine Hacke gleich aus der Hand legen, mit dem Uno-Welternährungsprogramm kann niemand mithalten. Und weil die Bauern unter diesem enormen Druck eingehen, hat Kenia auch keine Reserven, wenn nächstes Jahr tatsächlich eine Hungersnot entsteht – ein ganz simpler, aber folgenschwerer Kreislauf. (..) Was sollen diese Kleiderberge? Hier friert niemand, stattdessen werden unsere Schneider arbeitslos. Ihnen geht es wie den Bauern. So kostengünstig kann niemand aus der afrikanischen Billiglohnwelt sein, dass er mit den gespendeten Produkten mithalten könnte. 1997 waren in Nigeria 137.000 Arbeiter in der Textilindustrie tätig, im Jahr 2003 waren es noch 57.000. Und so sieht es überall aus, wo überschäumende Hilfsbereitschaft auf fragile afrikanische Märkte trifft.

Bravo, das musste auch mal gesagt werden. In Burkina Faso ist es ebenso: Ein mächtiger bürokratischer Komplex rund um den diktatorischen Machthaber ist mithilfe milliardenschwerer Entwicklungshilfe einzementiert. Kaum etwas kommt bei den Menschen am Land und in den Elendsvierteln an. In gutem Glauben gespendete Kleidung aus Europa hat längst lokale Textiltraditionen und -wirtschaft verdrängt, subventierte Baumwolle aus den USA macht burkinische Baumwolle unverkäuflich, und jegliche zwischenstaatliche Entwicklungshilfe vergrößert die Abhängigkeiten.

Doch Entwicklungshilfe kann auch anders ausschauen: Zb. stellen UNICEF und Ärzte ohne Grenzen der existierenden Gesundheitsinfrastruktur wichtige Impfstoffe und Medikamente zur Verfügung, was in Ländern ohne Pharmaindustrie keine lokale Wirtschaft schädigt. Viele kleine, private Initiativen (siehe Burkina.at) unterstützen Dörfer bei Investitionen wie Schulen und Krankenstationen, meist mit einem Kofinanzierungsmodus, der Eigeninitiative nicht stört sondern fördert. Obwohl ich Shikwatis Meinung teile, dass es besser wäre, zwischenstaatliche Entwicklungshilfe gänzlich abzuschaffen als den Status Quo beizubehalten, gäbe es meines Erachtens auch für diese eine Existenzberechtigung:

  • Bildung: Um die afrikanischen Demokratien und Märkte mit den entsprechend ausgebildeten Arbeitskräften zu versorgen, sollten Bildungsstipendien in sehr großer Zahl vergeben werden. Junge Afrikaner würden in Europa zu Handwerkern, Lehrern und Wissenschaftern ausgebildet, müssten sich aber verpflichten, nach Ablauf der Ausbildung wieder zurückzukehren, um lokale Bildungsstätten aufzubauen. Was uns der malische Parlamentarier von fünf Jahren sagte, stimmt mehr denn je: “Gebt nicht einfach Geld, das fließt in einem armen Land oft in die falsche Richtung, kommt selbst, unterrichtet und baut Schulen.”
  • Infrastruktur: Um dem afrikanischen Kontinent die Möglichkeit zu geben, von Almosen unabhängig zu werden, müsste innerkontinentale Infrastruktur geschaffen werden: Bahnlinien, Straßenverbindungen, Telekommunikation. Im Gegensatz zum Status Quo dürften aber nur afrikanische Unternehmen mit der Herstellung betraut werden, um das leidige Spiel mit dem Wertschöpfungsabfluss zu stoppen. Europa müsste sich auf Kofinanzierung und Kontrolle beschränken.
  • Positive Diskriminierung: Nach jahrhundertelange wirtschaftlicher Ausbeutung des Kontinents sollte der Mechanismus umgekehrt werden: Afrikanische Produkte werden auf europäischen Absatzmärkten mit einem niedrigen “Negativzoll” subventioniert, umgekehrt werden in Afrika Einfuhrzölle für europäische Grundnahrungsmittel und Textilien gestattet. Außerdem sollte auf Jahrzehnte der Patentschutz für bestimmte Medikamente aufgehoben werden, wie in Südafrika und Indien zum Teil bereits der Fall. Oder wir zwingend die Industrie unserer Länder gleich, ihre Produkte für die Nutzung in Entwicklungsländern unter einer Creative-Commons-Lizenz zu veröffentlichen. Radikal, aber diskutierenswert.
  • Politik: Europa müsste strenger darauf achten, Konfliktherde wie im Kongo oder im Sudan nicht weiter über Rohstoffhandel zu finanzieren und könnte das Ausmaß der positiven Diskriminierung – ähnlich wie beim EU-Beitritt – von Menschenrechtskriterien abhängig machen.
  • Sprachen: Afrika leidet bis heute an den auf der Berliner Konferenz 1884 willkürlich gezogenen Grenzen, und nach wie vor werden in den meisten Grundschulen Afrikas nur europäische Sprachen unterrichtet. Europa könnte Kulturprogramme finanzieren, die afrikanische Sprachen fördern, um die Koexistenz von in einem Land vereinten Völkern zu unterstützen.
  • Zurückziehen: Aus allen “klassichen” Entwicklungshilfeagenden, insbesondere der Lieferung von Hilfsgütern, hätte sich Europa – genau wie Shikwati vorschlägt – vollständig zurückzuziehen.

UPDATE: Caritas-Mann Prüller zum selben Thema: “Was Afrika von uns braucht


 

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8 Comments
#273 BodenseePeter » Blog Archive » Entwicklungshilfe abschaffen says on February 19, 2007 at 10:48 pm
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[…] Hier sind ein Artikel aus der Zeit und ein Beitrag von Helge, in dem die Themen angerissen werden. Und hier sind die Bücher der im Zeit-Artikel erwähnten Autoren (Amazon-Link zugunsten von Laafi): […]

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#2601 GB says on June 6, 2007 at 1:09 pm
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Weg mit der Entwicklunghilfe für Nigeria!!!

Ich lebe seit 1,5 Jahren in Nigeria und arbeite hier im Vertrieb für eine große deutsche Firma.
Als jemand der die Lage vor Ort und die Mentalität der Menschen kennt, kann ich sagen, daß ich Entwicklungshilfe für dieses Land als völlig sinnlos ansehe.

Diese Meinung wird von den meisten hier lebenden Ausländern und (den ehrlichen, intelligenten) Einheimischen geteilt.

Wenn man die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen mit schicken Geländeautos im Hilton in Abuja absteigen sieht (es gibt durchaus andere Hotels, die in Ordnung sind und weniger als die Hälfte kosten), wird es fraglich, wie selbstlos diese Organisationen sind.
Leider wird meistens von Leuten über Entwicklunghilfe gesprochen, die noch nie vor Ort waren.

Wo bleiben die Milliarden, aus dem Ölgeschäft? Der nigerianische Staat erhält über die Hälfte der Öleinnahmen. Andere Ölländer strotzen nur so vor Wohlstand (Dubai, Saudi Arabien, Kuwait, etc..). Dort sind die gleichen „bösen Ölfirmen“ mit ähnlichen Verträgen wie in Nigeria tätig, nur werden die Einnahmen dort besser reinvestiert.

In Nigeria hungert niemand. Das Klima eignet sich hervorragend für die Landwirtschaft und man kan das ganz Jahr über ernten.
Bevor hier Entwicklungshilfe gesammelt und gespendet wird bzw. deutsche Steuermittel verplempert werden, sollen die nigerianischen Milliardäre erstmal ihr Geld im eigenen Land investiern und nicht auf das sichere schweizer Konto einzahlen. Es gibt kaum reiche Einheimische die nennenswert investieren, es wird umgekehrt aber von den europäischen und amerikanischen Firmen immer nach Investitionen verlangt.

Mit Entwicklungshilfe wird nur die Passivität der Menschen hier gefördert. Wir sollten endlich aufhören ein schlechtes Gewissen zu haben und sinnlos Geld zu spenden. Die Afrikaner wollen uns immer einreden sie Weißen seien Schuld an der Misere.

Wir sollten den korrupten reichen nigerianischen Politikern ihr Geld mit freundlichen Grüssen und der Empfehlung in ihr eigenes Land zu inverstieren zurückschicken. Wenn dieses Geld in die Infrastruktur und die (zur Zeit fast nicht vorhandene) Industrie gesteckt wird es diesem Land evtl. irgendwann besser werden.

Eine weitere Empfehlung: Diskussionen über Entwicklungshilfe immer unter der Anwesenheit von Jemandem der das Land und die Mentalität wirklich kennt (nicht nur von einer kleinen Schnupperreise).

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#2615 Helge says on June 6, 2007 at 6:34 pm
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@GB: So leicht ist es leider auch nicht. Korruption kommt nicht in erster Linie von korrupten Politikern, sondern vor allem auch von denen, die sie korrumpieren. Und das sind nur allzuoft europäische und amerikanische Firmen, nicht nur im Ölgeschäft.

Wenn du in Nigeria im Vertrieb arbeitest, dann weißt du vermutlich nur zu genau, wovon die Rede ist. Beruhige mit der Forderung nach Abschaffung der Entwicklungshilfe nicht leichtfertig dein Gewissen.

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#2648 GB says on June 7, 2007 at 9:55 am
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Ich rede nicht von Entwicklungshilfe im Allgemeinen, sondern nur für dieses Land.

Ich verehe nicht ganz wieso do glaubst ich hätte ein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil, es ist frustrierend, dass man versucht bei der Verbesserung der Infrastruktur zu helfen, was an dem ganzuen miesen System scheitert. Als dank wird man noch von den nigerianischen Arbeitskollegen beklaut …

Du hast absolut Recht, die Korruption zieht sich hier durch wirklich alle Schichten, was uns das Leben hier als Vertrieb ziemlich erschwert.

Was ich sagen will: Almosen helfen diesem Land nicht, weil in der Mentalität der Leute fest verankert ist, dass der böse weisse Mann an allem schuld ist und gefälligst spenden soll.
Wenn wir diesen Forderungen ständig nachgeben, gewöhnt man die Leute an Geld von aussen und man nimmt ihnen den ohnehin schon kaum vorhanden Antrieb selbst etwas auf die Beine zu stellen.

Wie suchen hier ständig Leute für Praktika oder auch feste Anstellungen (Ingenieure/BWLer, etc.). Wer sich wirklich mal ein Bild aus eigener Hand verschaffen will und die entsprechende Qualifikation mitbringt, kann gerne für ein/zwei Jahre herkommen.
Die meisten Leute sind für derart echte Erfahrung leider etwas zu bequem. Ich verspreche dir, dein Bild von diesem Teil Afrikas würde sich radikal ändern. Das geht hier jedem so…

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#2656 Helge says on June 7, 2007 at 3:37 pm
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Was ich sagen will: Almosen helfen diesem Land nicht, weil in der
Mentalität der Leute fest verankert ist, dass der böse weisse Mann
an allem schuld ist und gefälligst spenden soll.

Ich gebe dir recht. Wie schon Alpha Blondy singt: “Les ennemis de l’Afrique – ce sont les Africains”. Trotzdem hat auch diese Medaille zwei Seiten – die Geschenkmentalität wurde von den Schenkenden geschaffen, die dabei (im kleinen) ihre Helferkomplexe ausleben und (im großen) wirtschaftliche Abhängigkeiten schaffen und Afrika als reinen Absatzmarkt etablieren, der nicht (wie Asien) mit billigen Produkten europäischen Firmen Konkurrenz macht.

Ich verspreche dir, dein Bild von diesem Teil Afrikas
würde sich radikal ändern.

Da bin ich mir nicht so sicher, ich habe bereits Jahre in Afrika verbracht, übrigens z.T. auch in Nigeria. Und ich kenne viele weiße Expatriats und Diplomaten, die nach vielen Jahren in Afrika nicht die geringste Ahnung haben, wie das ländliche Afrika tickt, weil sie aus ihrem Mikrokosmos aus Villen mit Pool, netten Restaurants und klimatisierten Geländewägen nicht rauskommen – d.h. nur einige Zeit in Afrika zu leben reicht nicht.

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#2662 GB says on June 7, 2007 at 5:03 pm
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Zu Absatz 1: Wann soll denn angefangen werden, mal etwas an der Geschenkeempfängermentalität zu ändern? In Deutschland sieht man doch wie gut es funktioniert hat den Arbeitslosen das Leben nicht mehr ganz so bequem zu machen. Auf einmal gibt es so wenige Arbeitlose wie schon lange nicht mehr.

Zu Absatz 2: Da spricht also jemand der sich auskennt. Sei versichert: ich habe keinerlei Berührungsängste und sehe es als den interessanten Teil einer Auslandstätigkeit an, mit den Leuten zu tun zu haben (vom einfachen Hilfsarbeiter bis zum Manager). In meiner bisherigen Berufslaufbahn habe ich schon auf der Ganzen Welt gearbeitet (und es waren viele Nicht-Luxus-Länder dabei) aber so eine so schwierige generelle Mentalität wie hier, habe ich noch nirgendwo erlebt. Sag doch mal ehrlich: wenn du hier gewesen bist, kennst du das ja. Keiner (Kollegen, Mitarbeiter, Serviceleute,..) macht irgendetwas ohne ein Extra zu erwarten. Ich kenne hier keinen einzigen Expat der sich nicht darüber ärgert. Wenn kein Extra kommt, wird es halt gestohlen, was für den Durchschnittsnigerianer auch völlig legitim zu sein scheint,immer mit der pseudo Rechtfertigung, dass die Weissen ja das Öl stehlen.

Diese Extra Mentalität zieht sich durch bis in die Topetagen. Es gibt Länder, die die Korruption ganz gut in den Griff bekommen haben. Dazu ist natürlich der Wille notwendig längerfristig zu planen. Hier ist man in erster Linie aufs schnelle große Geld aus und das gibt es halt nicht für ehrliche lange harte Arbeit.

Wir können helfen diese Mentalität zu ändern indem man den Leuten die Gelegenheit gibt, eigene erfolgreiche Einnahmequellen Aufzubauen und nicht immer als Bettler dazustehen. Diese Hilfe kann man geben, indem man kein Geld mehr schickt. Geld gibt es hier genug, siehe Link unten.

Hier noch ein Artikel zu dem Thema
http://www.zeit.de/2007/03/Entwicklungshilfe?page=1

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#2664 Helge says on June 7, 2007 at 5:18 pm
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Du fragst nach dem Wann. Naja, gleich. Jeder kann was tun:

Diejenigen, die mit Afrika zu tun haben, indem sie jede Möglichkeit, Schmiergeld zu verweigern, nutzen. Ich bin zb. schon oft Polizei-Situationen ausgesessen, da braucht man nur eine halbe Stunde Zeit, etwas Mut und Erfahrung. Oder lies mal diese Story: Jahrelange Arbeit war umsonst, weil sich Steve geweigert hat, Bakshish zu zahlen. Großartig und bewundernswert.

Oder, wenn man an der Entwicklung Afrikas interessiert ist, kann man Projekte machen, die nicht Almosencharakter haben, sondern (über Kofinanzierung, etc.) die Schlagkraft existierender lokaler Initiativen verstärken. So machen wir das bei Laafi.

Und jeder Europäer kann was tun, indem er die richtigen Leute wählt, bzw. bei den Mandataren seines Vertrauens für Meinungswechsel sorgt. Oder zb. darüber bloggt, wie ich (siehe oben). Selbst seinen Kakao bei Faitrade zu kaufen hilft schon etwas.

Im Übrigen darf man natürlich nicht von Nigeria auf ganz Westafrika schließen. Nigeria, und hier insbesondere Lagos und die großen Städte, ist ein besonders schwieriger Fall. In Burkina Faso beispielsweise ist Korruption (letzten Endes vermutlich dank fehlender Bodenschätze) im Vergleich zu Nigeria um ein vielfaches niedriger. Auch die Einstellung der Leute und die in Nigeria erschreckend niedrigen moralischen Grenzen unterscheiden sich in den meisten Ländern Westafrikas deutlich von Nigeria. Und selbst in Nigeria war das vor ein paar Jahrzehnten noch ganz anders. Das Land wurde halt – direkt und indirekt – von der Ölwirtschaft durch und durch korrumpiert.

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#51617 Keine Hilfspakete · Helge's Blog says on April 7, 2008 at 12:10 pm
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