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markus breuer denkt in seinem artikel “integration, lei(t/d)kultur, toleranz und multikulti” über die grenzen der toleranz und die kraft der verfassung nach und kommt zu dem schluss, dass die verteidiger des christlichen abendlandes beim wort zu nehmen und ihre dogmen konsequenterweise auch auf christen anzuwenden sind.

solange sich im westen jedoch das öffentliche bewusstsein in hybris versteigt, wird auch neue verfassungstreue und konsequente säkularität keine annäherung bringen. ich fände es wichtig, medien und wissenschaft kritisch auf tendenziöse schieflagen zu beobachten. hier wird, vor allem von historikern, eine penetrant westliche sichtweise propagiert, die mit objektivität wenig zu tun hat. man kennt das aus der kriegsgeschichte, wo es oft hunderte jahre dauert, bis sich das von den siegern geprägte geschichtsbild langsam objektiviert.

sieger? westen vs. orient, hab ich da was verpasst? genau das ist ein teil des problems: als hätte der westen einen krieg gegen den orient gewonnen, wird ein rückständiges und despektierliches bild gezeichnet, und sachverhalte werden oft nur verzerrt dargestellt. ein beispiel: erst kürzlich lief auf ARD (oder ZDF?) eine dokumentation zum thema al’quaida. korrekt wurden die entstehung des wahabismus, der afghanistan-krieg mit den sowjets und die taliban als faktoren erwähnt. dass bei allen drei punkten der westen kräftig mitmischte (wahabismus und unterstützung der ibn-sauds durch frühe ölgesellschaften, auslösung des afghanistan-krieg durch gezielte CIA-manipulation, förderung der taliban durch CIA und pakistanischem geheimdienst, etc.) und so aus purem machtstreben maßgeblich zu den heutigen tragödien beitrug, wurde aber großteils verschwiegen. nicht öl und kalter krieg, sondern der böse, rückständige islam.

ebenso schöne künste, demokratie und toleranz, alles scheinbar westliche erfindungen. dass die arabische welt die weisheiten der antike in die gegenwart gerettet (und verfeinert) hat, während sich europa tausend jahre in barbarei, religiösem eifer und hexenjagden verging, hat kein massenbewusstsein erreicht. westliche überheblichkeit.

kein wunder, dass die muslimische seele einer kollektiven psychose nachhängt, die sich gegen die wirtschaftlich und politisch dominante supermacht (die zudem viele korrupte und diktatorische regime im nahen osten an der macht erhält) und ihre kultur auflehnt. gewalt entsteht eben aus dem gefühl von hilflosigkeit und minderem wert.

zugegeben, da hab ich mich von markus’ ursprünglichem thema ziemlich entfernt, aber das prinzip gilt auch für das zusammenleben mit muslimen in europa: unsere überheblichkeit ist mE. das haupthindernis für integration und austausch.


 

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1 Comment
#103 Markus Breuer says on November 22, 2004 at 12:24 pm
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@helge: ja, ich denke schon, das es viel mit "hybris" oder zumindest überheblicher arroganz zu tun hat, wie sich "der westen" seit längerer zeit geriert. viele "westler", denen das bewußt wird, wollen sich verständlicherweise davon differenzieren und die "höhe" der "westlichen hochkultur" wieder etwas relativieren. das ist auch dringend nötig, denn vermutlich kann nur "auf augenhöhe" ein dialog stattfinden, der den immer weiter eskalierenden konflikt ersetzen könnte. "ihr hier unten" oder "wir hier oben" ist scheinbar immer die ausgangslage für wütende oder lässig/überhebliche gewalt.

bleibt nur die frage, wie man sich um die annäherung auf augenhöhe bemüht. ich befürchte, auch ich mache das zu oft, indem ich auf die fehler und schwächen "meiner kultur" hinweise (natürlich stets "anderer" in meinem kulturkreis). ich mache das ja nicht, oder? der haken: ich mache mich damit zwar für mich selbst weniger "schlecht". die eventuell vorhandene kukturelle arroganz anderer menschen in meiner kultur beseitige ich damit nicht. im gegenteil: indem ich die "missetaten" der kultur, der ich (ja schon irgendwie schon …) zugehöre, mache ich es diesen anderen menschen leicht, mich als aussenseiter zu betrachten, dessen worte nicht ernst zu nehmen sind. zugleich bestärke ich die menschen in der anderen kultur darin, die meine in einem schlechten licht zu sehen. ihr kampf dagegen wird dadurch um so "gerechter".

eine andere möglichkeit, von der arroganz "wir hier oben, ihr da unten" wegzukommen, wäre vielleicht, die errungenschaften der anderen kultur in den vordergrund zu rücken – und die der eigenen kultur nicht zu verschweigen. lob, respekt, wertschätzung, anerkennung ist ein guter auftakt für ein gespräch, kritik (und sei sie noch so gerechtfertigt) ein "schwieriger" – wie jeder in seinem persönlichen leben feststellen kann. und an den meisten kulturen und religionen, die ich ein bisschen kennengelernt habe, gibt es für mich (der ich kein "religiöser" mensch bin) vieles wertzuschätzen. vielleicht damit mal anfangen: "algebra statt djihad", "ghibran statt chomeni", "kathedrale statt kreuzzüge", "mutter theresa statt ratzinger" sehen und von da aus weiterreden. bin da selbst kein vorbild, ich weiß.

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