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christof hinterplattner hat ein “interview” aufgezeichnet, das er für eine seminararbeit mit mir geführt hat. hier das protokoll.

was bedeutet für dich new economy?

die new economy war die hastige, enthusiastische eroberung eines raumes, der sich durch neue technologien aufgetan hat. jeder wusste, dass sich hier in sehr kurzer zeit große möglichkeiten bieten, aber niemand wusste, welche genau oder wie sie effektiv zu nützen sein würden. die folge war darwinismus im zeitraffer.

was war die intention der NE, es besser zu machen als die unternehmen in den jahren zuvor?

die einzige intention, die ich erkennen kann, war, erster zu sein, wobei man oft nicht genau wusste, wobei.

was haben sich venture captital geber tatsächlich erhofft, wenn sie “20jährige freaks” (nur als plakatives bsp. gedacht) den dicken scheck überreichen? kann man aus heutiger sicht sagen, die banken und investementabteilungen zahlreicher großer firmen waren einer kollektiven illusion erlegen. wie kann das sein?

für mich gibt es dafür nur eine erklärung: es war eine kombination aus gier und herdentrieb. die gier war die treibende kraft – vergleichbar mit dem goldrausch – und da die möglichkeiten und technologien neu waren und es noch keine anerkannten autoritäten gab, die diese beurteilen konnten, waren investoren oft jugendlichen tüftlern ausgeliefert. was ja nicht immer schief ging, auch die gründer von google waren nichts anderes als jugendliche tüftler mit einer verrückten idee.

der herdentrieb war das größere problem: analysten und journalisten standen unter enormem druck, den wildwuchs an neuen möglichkeiten zu qualifizieren. es gab aber noch keine validen daten, um vernünftig zu analysieren. also begann man voneinander abzuschreiben. und wenn es alle sagen, kann es ja nicht falsch sein, oder? ein bespiel ist die weltweite telekom-szene: irgendjemand begann moore’s law auch auf das wachstum von datenverkehr im internet umzulegen. die theorie wurde durch gegenseitiges abschreiben schnell zum faktum erhoben und von den analysten von gartner und jupiter research geadelt, und die telekommunikationsbranche begann mit milliardeninvestitionen massive backbones zu bauen, um auf diesen traffic vorbereitet zu sein. das wachstum trat aber nicht in der erwarteten form ein und hunderte telekoms stürzten in der folge in die insolvenz (und manche, wie worldcom, fälschten die bilanzen ;-).

wie beurteilst du die österreichische start-up kultur?

in österreich war der dot-com-crash nicht so ausgeprägt wie in den USA, weil die risikokapitalkultur vergleichsweise fehlte und ohne boom kein echter crash. sonst sehe ich keine großen unterschiede. mittlerweile gibts es zwar mehr venturekapital als früher, aber die kapitalgeber sind vorsichtig geworden. eine neue investmentwelle wie derzeit in den USA gibt es bei uns nicht.

warum haben es manche geschafft und sehr viele nicht?

purer darwinismus. geschafft haben es nur die, die zum richtigen zeitpunkt die richtige idee UND die nötige portion glück hatten UND keine groben fehler machten. zum beispiel sms.at: ein teenager reservierte sich zufällig die domain sms.at, als abkürzung seines namens plus “services”. das war sein glück. als dann der sms-boom kam, machte er was draus. heute ist die firma (die ihm längst nicht mehr gehört) einen 2-stelligen millionenbetrag wert.

kannst du dich noch an die damalige stimmung erinnern, an die highflyer mit astronomischen gagen…und die bittere erkenntnis am zahltag…? (möglicherweise ein bsp.) was war der grundlegende irrglaube?

ein extremes beispiel aus österreich an das ich mich erinnere, war alphathinx, ein entwickler mobiler applikationen. alphathinx zahlte astronomische gehälter, blies hochtrabende PR-blasen in die luft und täuschte damit lange darüber hinweg, dass sie weder ein businesskonzept noch echte produkte hatten. die ehrfurchtsvolle wahrnehmung durch investoren und journalisten lies die gründer bald selbst glauben, sie säßen auf einem unternehmen mit zukunft. nur war halt irgendwann das geld aus. ein ähnliches beispiel ist natürlich yline, die hatten auch nie einen echten business case, nur dass dort schon fast betrügerische muster der gründer erahnbar sind, die sich ihre anteile an der luftblase versilbern lassen wollten und hinter ihnen die sintflut.

der grundlegende irrglaube war: “soviele leute können nicht irren, es muss also gutgehen”.

was zeichnete die neuen betriebsinternen organisationsformen aus. (arbeitszeitmodelle, umgangsformen, bezahlungsmodelle,…) was davon hat sich bewährt, was wurde wieder verworfen?

die unterschiede zur old economy waren mE. geringer als zumeist angenommen. klar, es war viel zu tun, alles musste sehr schnell gehen, personal war mangelware und vor allem jünger, teams waren neu, organisationsstrukturen mussten im monatsrhytmus den neuen gegebenheiten angepasst werden. darum spielten formalitäten, geordnete arbeitszeiten und hierarchien eine geringere rolle. geblieben sind davon die zb in der medienbranche auch vorher schon üblichen lockeren umgangsformen und arbeitszeit-modelle.

wie schätzt du die situation heute ein, bzw. welchen ausblick siehst du für die zukunft? wird sich der markt noch weiter bereinigen und am schluss wieder nur die großen fische überbleiben, oder wird es raum für underdogs geben…?

die new economy ist natürlich den gleichen gesetzen unterworfen wie alle (und war es immer schon). nur was ist “new economy” heute? die meisten firmen bieten ja traditionelle produkte und dienstleistungen an, nur eben über neue vertriebswege. der ganze ecommerce-hype ist ja schnell entmystifiziert, wenn man ecommerce als das sieht, was es ist: versandhandel mit digitalen katalogen statt solchen aus papier. längst machen old-economy-firmen wie quelle-versand, eduscho und BP express gute teile ihrer umsätze online. natürlich sind auch neue branchen entstanden, wie ISPs, web-medien, online-agenturen und software-hersteller. einheitliche trends sind aber nur innerhalb bestimmter branchen identifizierbar (tourismus-industrie, buchhandel, etc.), so etwas wie “new economy” gibt es längst nicht mehr.

related:
» nach dem dotcom crash, spannender essay über die zeit der new economy, von geert lovink.


 

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